Fotomontage: Zwei Schuljungen sitzen auf dem Bordstein, dahinter eine Grafik.

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Kinder und Bildung

Junge oder Mädchen: So wirkt sich das Geschlecht auf den Schulerfolg aus

Seit Jahrzehnten reden Politiker:innen davon, dass Bildung gerechter werden muss. Wie schlecht das funktioniert, zeigt eine neue Studie. Und auch, dass Jungs kaum noch mithalten können.

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Ich habe ein paar Fragen an dich, die vielleicht etwas persönlich sind. Aber keine Sorge, du musst sie nur für dich selbst beantworten:

Hast du Abitur?

Hat dein Haushalt monatlich netto mehr als 6.000 Euro zur Verfügung?

Hast du einen Migrationshintergrund?

Bist du alleinerziehend?

Ist dein Kind ein Junge oder ein Mädchen?

Mit den Antworten auf diese Fragen kannst du berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit dein Kind ein Gymnasium besuchen wird (falls du ein Kind hast). Es geht mir aber natürlich nicht um dein Kind, sondern um die Statistiken dahinter.

Vor ein paar Tagen hat das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München mit dem Chancenmonitor neue Zahlen veröffentlicht. Die Forscher:innen haben dafür Daten von knapp 68.000 Kindern und Jugendlichen von 2022 ausgewertet. Sie wollten wissen, wie es um die Chancen der Kinder in Deutschland steht, wovon ihr Erfolg im Bildungssystem also abhängt.

Ihre Auswertung zeigt: Obwohl die soziale Ungleichheit in der Bildung seit Jahrzehnten bekannt ist, hat sie nicht etwa abgenommen. Sie hat sich seit der letzten Auswertung der Daten 2019 sogar verfestigt. Und das betrifft, mehr noch als bisher bekannt, Jungen mehr als Mädchen.

Soziale Ungleichheit hat sich verfestigt statt verbessert⬆ nach oben

Fangen wir mit den Kernaussagen der Studie an: Die schlechtesten Chancen auf einen Gymnasialbesuch haben Kinder, deren Eltern weder Abi noch einen Migrationshintergrund haben und aus dem untersten Einkommensviertel kommen. (Ja, richtig gelesen: kein Migrationshintergrund. Dazu gleich mehr.)

Laut des Chancenmonitors liegt die Chance, mit einem solchen Hintergrund ein Gymnasium zu besuchen, bei circa 17 Prozent. 2019 lag die Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch für diese Gruppe noch bei 21 Prozent. Es wurde also nicht nur nicht gerechter, sondern sogar ungerechter.

Haben die Eltern Abitur und gehören dem obersten Einkommensviertel an, liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch hingegen bei 80 Prozent. Da lag sie auch schon 2019.

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Das heißt: Ob man aufs Gymnasium geht oder nicht, hängt extrem davon ab, aus welchem Elternhaus man stammt. Weniger als jedes fünfte Kind aus der am wenigsten privilegierten Gruppe kommt aufs Gymnasium; nur eins von fünf Kindern aus der privilegiertesten Gruppe kommt nicht aufs Gymnasium. Diese Ungleichheit ist seit Jahrzehnten bekannt, sie spitzt sich aber anscheinend weiter zu.

Hat der Migrationshintergrund sogar einen positiven Einfluss?⬆ nach oben

Die Gruppe mit der höchsten Wahrscheinlichkeit fürs Gymnasium ist diese: Kinder aus dem obersten Einkommensviertel mit zwei Abitur-Elternteilen und mit Migrationshintergrund. Sie liegt bei rund 80 Prozent. Kinder mit dem gleichen Hintergrund, aber ohne Migrationshintergrund kommen auf einen Prozentpunkt weniger.

Das heißt, im oberen Viertel hat der Migrationshintergrund sogar einen minimal positiven Einfluss auf den Bildungserfolg. Die Autor:innen des Chancenmonitors erklären, dass in migrantischen Familien mit hohem Bildungsstatus die Bildung womöglich noch einen höheren Stellenwert hat.

Insgesamt gehen Kinder ohne Migrationshintergrund aber im Schnitt mit rund 43-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf ein Gymnasium. Mit Migrationshintergrund liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 36 Prozent. Bei diesen Zahlen sind aber Faktoren wie Armut und der Bildungsgrad der Eltern mit eingerechnet. Rechnet man diese heraus, hat der Migrationshintergrund kaum noch einen Einfluss.

Einkommen und Bildungsgrad haben einen großen Einfluss⬆ nach oben

Dasselbe gilt, wenn die Mutter oder der Vater alleinerziehend ist. (Seien wir ehrlich: Es ist fast immer die Mutter.) Wie beim Migrationshintergrund wirkt es erstmal so, als habe der Alleinerziehendenstatus einen großen Einfluss auf den Gymnasialbesuch. Wenn aber Bildungsgrad und Einkommen nicht verändert werden, macht es einen viel geringeren Unterschied, ob das Elternteil alleinerziehend ist oder nicht. Diese Rechnung zeigt im Umkehrschluss, dass der Bildungsgrad und das Einkommen des Elternteils einen großen Einfluss haben.

Jedes vierte Kind, dessen Eltern kein Abi haben, geht aufs Gymnasium. Wenn beide Eltern Hochschulreife haben, ist es genau umgedreht: Drei von vier Kindern gehen aufs Gymnasium. Beim Einkommen ist es ähnlich: Ungefähr jedes vierte Kind aus dem untersten Einkommensviertel geht aufs Gymnasium. Aus dem obersten Einkommensviertel besuchen zwei von drei Kindern ein Gymnasium.

Gymnasialbesuch nach familiärem Hintergrund.

Einkommen und Bildungsgrad haben einen großen Einfluss auf den Besuch des Gymnasiums. | Mikrozensus 2022; Berechnungen des ifo Instituts.

Tatsächlich stellen die Autor:innen sogar fest, dass sich die Unterschiede je nach Haushaltseinkommen seit der letzten Messung 2019 vergrößert haben. Was bisher politisch gegen die Chancenungleichheit gemacht wurde, hat also nicht gewirkt.

Die Forscher:innen des Ifo-Instituts haben einen weiteren Faktor untersucht, den ich bisher eher mit einer schnellen Handbewegung weggewischt habe: die Rolle des Geschlechts. Immer, wenn ich gelesen habe, dass Mädchen jetzt bessere Noten und bessere Abschlüsse haben und an den Unis sogar in der Überzahl sind, dachte ich: Kaum werden mal nicht Mädchen oder Frauen benachteiligt, ist der Aufschrei groß.

Die neuen Zahlen des Chancenmonitors zeigen: Die Sorge ist tatsächlich berechtigt.

Junge oder Mädchen? Das Geschlecht hat einen großen Einfluss auf den Bildungsweg⬆ nach oben

Knapp 40 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen besuchten im Jahr 2022 ein Gymnasium. (1960 lag der Anteil übrigens noch bei 16 Prozent.) Rund 44 Prozent der Mädchen besuchten 2022 ein Gymnasium, aber nur rund 37 Prozent der Jungen.

Je höher das Einkommen oder der Bildungsgrad der Eltern, desto geringer ist der Einfluss des Geschlechts. Das heißt: Chancenungerechtigkeit im Bildungssystem trifft Jungen härter als Mädchen.

Gymnasialbesuch von Jungen und Mädchen.

Das Geschlecht hat einen großen Einfluss auf den Bildungsweg. | Mikrozensus 2022; Berechnungen des ifo Instituts.

Die Autor:innen haben weitere Stationen der Bildungslaufbahn auf Geschlechterunterschiede angeschaut. Die Zahlen sind deutlich:

  • Jungen werden häufiger verspätet eingeschult (7,8 vs. 4,8 Prozent im Schuljahr 2024/25).

  • Lese- und Rechtschreibstörungen werden bei Jungen häufiger diagnostiziert, ADHS mehr als doppelt so oft wie bei Mädchen. (Bei den Diagnosen von ADHS muss man allerdings anmerken, dass Mädchen nicht so häufig diagnostiziert werden, weil sich ADHS bei ihnen anders bzw. unauffälliger zeigt.)

  • Beim sonderpädagogischen Förderbedarf liegen die Jungenzahlen um mehr als drei Viertel über denen der Mädchen.

  • Jungen wiederholen häufiger eine Klasse: 1,84 Prozent pro Schuljahr (Mädchen 1,48).

  • Im Alter von 15 Jahren haben 21,8  Prozent der Jungen mindestens einmal die Klasse wiederholt, rund ein Drittel mehr als Mädchen (16,4  Prozent).

  • Jungen verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss (9,2 vs. 6,2 Prozent).

  • Der Rückstand in den Lesekompetenzen ist seit der ersten IGLU-Studie 2001 belegt und entspricht in der IGLU-Studie 2021 etwa einem Drittel Schuljahr.

  • Bei gleichen gemessenen Testleistungen werden Jungen schlechter benotet und bekommen seltener eine Gymnasialempfehlung.

Nur in den Naturwissenschaften erreichen Jungs bei verschiedenen Bildungstrends und Studien durchgehend höhere Testwerte als Mädchen.

Und: Der Gender-Gap wird mit zunehmendem Alter größer. Das heißt, bei den 16- bis 18-Jährigen liegen die Jungs sogar fast zehn Prozentpunkte hinter den Mädchen, was den Gymnasialbesuch angeht. Das sei damit zu erklären, dass mehr Jungs das Gymnasium verlassen, um in eine andere Schulform zu wechseln, schreiben die Forscher:innen.

Jungen sind dementsprechend mehr an anderen Schulformen vertreten: An Hauptschulen sind 57 Prozent der Schüler:innen Jungen, an Förderschulen sogar 65 Prozent. 55 Prozent der Hochschulreifen werden mittlerweile von Frauen erworben, 45 Prozent von Männern. Seit 2016 gibt es mehr Studienanfängerinnen als Studienanfänger, seit 2021 auch mehr Studentinnen insgesamt.

Wie können Jungs wieder aufholen?⬆ nach oben

Die Autor:innen des Chancenmonitors nennen sechs Punkte, die Jungen helfen sollen, wieder zu den Mädchen aufzuschließen. Diese Punkte erklären auch, wo sie Handlungsbedarf sehen, wo ihrer Ansicht nach also der Ursprung der Unterschiede liegen könnte. Sie fordern:

  1. Mehr männliche Erzieher und Lehrkräfte in Kitas und Grundschulen. In Kindergärten sind tatsächlich nur sechs Prozent des Personals Männer, in Grundschulen sind es 13 Prozent.

  2. Reflektion von Geschlechterstereotypen, Unterrichts- und Erziehungsformen. Mädchen wird ein eher angepasstes, schulkonformes Verhalten nachgesagt, Jungen genau das Gegenteil. Solche Stereotype können zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden, schreiben die Autor:innen. Sie glauben, dass eine erhöhte Sensibilisierung des Erziehungs- und Lehrpersonals helfen könne.

  3. Frühe Förderung der Lesekompetenzen und -interessen von Jungen. Jungen fallen bei den Lesekompetenzen hinter die Mädchen zurück. Als grundlegendes Problem wird die Motivation gesehen. Eine Lösung soll sein, mehr Bücher bereitzustellen, die Jungs ansprechen.

  4. Frühe Förderung der Selbstregulation von Jungen. Die Autor:innen sehen den Wandel des Unterrichts als eine Erklärung dafür, warum sich Jungen vermehrt schwertun. Jungen könnten sich nämlich häufig weniger gut selbst regulieren und würden sich deswegen bei selbstständigem Arbeiten oder Gruppenarbeiten schwerer tun. Selbstregulation könne aber geübt werden. Als Beispiel nennen die Autor:innen dafür ein Schweizer Programm, das ADHS-Symptome bei Kindern erfolgreich zurückgedrängt hatte.

  5. Elternarbeit mit Sensibilisierung auf Stereotype und Vorlesen. Natürlich genügt es nicht, wenn Stereotype in der Schule reflektiert werden, wenn die Kinder nach Hause gehen und ihnen gesagt wird: „Nee, Junge, hau mal ein paar Stöcke kaputt, statt hier zu sitzen und zu lesen.“ (So ähnlich habe ich es vor ein paar Tagen auf einem Spielplatz gehört, nur sollte der Junge Stöcke kaputt hauen, statt zu weinen.) Ideal wäre es, wenn Eltern mehr vorlesen würden, sagen die Autor:innen. Wie das klappen soll? Mit gezielter Elternarbeit. Das heißt, Eltern sollen von Bildungseinrichtungen eingebunden werden und idealerweise soll so Veränderung im Erziehungsverhalten angestoßen werden.

  6. Außerschulische Stärkung der Bildungsaspirationen von Jungen. Außerschulische Angebote wie Mentoring-Programme sollen helfen, Jungen zu zeigen, wie wertvoll Bildung ist. Dreh- und Angelpunkt ist eine Person außerhalb der Familie, zu der eine wertschätzende Beziehung aufgebaut wird und mit der über die schulische und berufliche Beziehung gesprochen werden kann.

Was all diese Punkte gemeinsam haben: Die Autor:innen scheinen davon auszugehen, dass der Kopf der größte Ansatzpunkt ist. Also das, was die Jungen über sich selbst denken und das, was sie sein oder werden wollen und sollen. Sie sehen das Mindset also als Erklärung für die Bildungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen.

Der Chancenmonitor ist nicht die erste Studie, die auf dieses Problem hinweist. Aber ähnlich wie bei der sozialen Ungleichheit wurde auch hier noch nicht die Lösung gefunden. Seit Jahren werden Podcasts und Bücher dazu veröffentlicht, in denen verhandelt wird, warum Jungs sich so schwertun in der Schule.

In dem Buch „Of Boys and Men – Why the Modern Male Is Struggling, Why It Matters, and What to Do About It“ schreibt Richard Reeves, dass Jungengehirne sich langsamer entwickeln würden, vor allem der präfrontale Kortex mit genau jenen Funktionen, die in der Schule von Vorteil sind, wie Planung und Impulskontrolle. Er schlägt deswegen vor, Jungen später einzuschulen. Bereits 2007 wurde in der Zeit gefordert, Mädchen und Jungen wieder getrennt zu unterrichten, weil die Jungs nicht mehr mitkommen.

Die Ifo-Auswertung zeigt einmal mehr: Wir haben im Bildungssystem kein Erkenntnisproblem. Wir wissen, was schiefläuft. Wir verändern nur zu wenig, als dass sich etwas ändern würde.


Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Sören Frey.

Junge oder Mädchen: So wirkt sich das Geschlecht auf den Schulerfolg aus

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