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Ich fand den besten Ort der USA in einem 800-Einwohner-Dorf, in einer der ärmsten Regionen des Landes.
Ich war Anfang des Jahres für mehrere Wochen in den USA unterwegs, habe New York und Washington, D.C. besucht, aber auch eine Kleinstadt in Wisconsin und das Dorf Grundy im Südwesten von Virginia.
Grundy besteht im Wesentlichen aus zwei Straßen. Es gibt einen Walmart (das ist ein sehr großer Supermarkt), ein mexikanisches Restaurant, ein Hotel und im Umkreis von 15 Autominuten exakt 14 Kirchen.
Und dann gibt es noch die Bücherei, die Buchanan County Public Library. Buchanan County ist der Landkreis, in dem das Dorf liegt. An diese Bücherei – und vor allem an ihre Leiterin Sherry Bright – muss ich immer wieder denken.
Sherry Bright | © Isolde Ruhdorfer
Ich muss dazu sagen: Ich bin Bücherei-Ultra. Schon als Jugendliche bin ich jede Woche in die Stadtbibliothek gegangen und habe mir einen Stapel Bücher ausgeliehen (meine Mutter nannte sie Schundromane). Erst später habe ich realisiert, dass man in Büchereien oft noch viel mehr ausleihen kann als Bücher: Tischtennisschläger, Nähmaschinen oder Lastenräder zum Beispiel.
Bei der Bücherei in Grundy ist es genauso: Die Bewohner:innen aus der Umgebung können in der Bücherei einen 3D-Drucker benutzen, Dokumente ausdrucken oder sich für Online-Meetings in eine kleine Telefonkabine zurückziehen. Und das alles in einem Ort, in dem es mehr Kirchen gibt als Arztpraxen.
Die Bücherei ist der einzige Ort, wo man kostenlos Zeit verbringen kann⬆ nach oben
Das Median-Haushaltseinkommen in Grundy ist halb so hoch wie in den gesamten USA. Die Lebenserwartung ist ganze sieben Jahre niedriger. Außer der Bücherei gibt es keinen einzigen Ort, an dem man kostenlos Zeit verbringen kann. Überhaupt gibt es recht wenige Orte, an denen man seine Freizeit verbringen kann.
In der Bücherei habe ich einen Mann getroffen, der von dort aus am Computer arbeitete, weil bei ihm zuhause das Internet so schlecht ist. Einen Tag später traf sich dort eine Gruppe Mütter und ihre Töchter für eine Pfadfinderinnen-Veranstaltung.
Gleichzeitig ist die Bücherei auch ein kleines Museum. Weil es nämlich sonst kein Museum für lokale Geschichte gibt, stellt die Bücherei Gegenstände aus, zum Beispiel eine historische Wahl-Urne oder „Scrips“. Das ist eine Art Münze, mit der die Kohle-Unternehmen früher ihre Angestellten bezahlten. Diese konnten mit den Scrips nur in bestimmten Geschäften bezahlen, die wiederum dem Kohle-Unternehmen gehörten. Die Gegend, in der Grundy liegt, ist stark vom Kohlebergbau geprägt.
Schonmal von Amish-Romanzen gehört?⬆ nach oben
Die Büchereileiterin Sherry Bright weiß genau, was die Menschen in ihrer Gegend brauchen. Zum Beispiel benötigt man ein Auto, um die Bücherei zu erreichen, aber gerade arme Menschen haben kein Auto oder müssen Sprit sparen und überlegen sich deshalb zweimal, ob sie wirklich in die Bücherei fahren wollen. Sherry achtet deshalb darauf, dass es ein großes Online-Angebot gibt und schickt auch Bücherpakete zu den Menschen nach Hause.
Fun Fact: Besonders beliebt in der Bücherei sind Amish-Romanzen. Das ist laut Wikipedia tatsächlich ein ganzes Buch-Genre! Die Amish sind eine Glaubensgemeinschaft, die ziemlich zurückgezogen lebt, moderne Technik ablehnt und sehr landwirtschaftlich geprägt ist. In der Bücherei steht ein ganzes Regal mit Amish-Romanzen. Büchereileiterin Sherry glaubt, die Bücher sind so beliebt, weil es in den Geschichten immer darum geht, dass mit Glaube und Geduld am Ende alles gut ausgeht.
Auch wenn das jetzt vielleicht kitschig klingt: Ich finde, Menschen wie Sherry Bright und Orte wie die Bücherei sind kleine Lichtblicke. Sie machen Orte, an denen es viele Schwierigkeiten und wenige Möglichkeiten gibt, ein kleines Stückchen besser.
Redaktion: Bent Freiwald