Person die sich über eine Steinmauer lehnt.

Sasha Matveeva/Unsplash

Sinn und Konsum

Was andere Menschen wirklich über dich denken

Viele Menschen unterschätzen ständig, wie sympathisch andere sie nach einem Gespräch finden. Das ist sogar durch Studien belegt.

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Neulich habe ich meine Mutter gefragt, wann ich angefangen habe zu sprechen. „Mit 18 Monaten hast du schon ziemlich flüssig geredet“, sagte sie. „Natürlich noch mit Fehlern.“ Kurz kam ich mir blöd vor, als hätte ich in dem Alter schon besser reden sollen.

Wie gut, dass ich mir mit anderthalb Jahren noch nicht solche Gedanken gemacht habe. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich schon damals im Sandkasten lag und dachte: „Warum habe ich das jetzt gesagt?“ Oder: „Den Schnuller das nächste Mal rausnehmen, wenn du mit der Kindergärtnerin über die Keksdose verhandelst. Wie soll dich irgendjemand ernst nehmen!“

Als Erwachsene habe ich definitiv viel zu viel Zeit damit verbracht, Gespräche im Kopf zu rekapitulieren. Ich habe nach Sätzen gesucht, die unpassend waren, oder mir gewünscht, dass ich schlauere Fragen gestellt hätte. Und bin oft bei dem Verdacht gelandet, dass ich einen komischen Eindruck hinterlassen habe.

Seit Kurzem weiß ich: Diese Energie hätte ich mir größtenteils sparen können. Nicht, weil ich inzwischen glaube, dass mich sowieso alle toll finden. Sondern weil ich die Studien zur sogenannten „Liking Gap“ kenne.

Es läuft besser als befürchtet⬆ nach oben

Liking Gap könnte man mit „Sympathielücke“ übersetzen. Gemeint ist ein Denkfehler: Viele Menschen unterschätzen ständig, wie sympathisch andere sie nach einem Gespräch finden. Und als wie angenehm sie das Gespräch erlebten.

Die erste und bekannteste Studie (PDF) dazu stammt von einer Gruppe von Forschenden, die eine ganze Reihe von Situationen untersucht haben, in denen Menschen sich kennenlernen. Sie ließen Fremde in einer Laborsituation zum ersten Mal miteinander sprechen. Sie befragten Studienanfänger:innen, die ihre neuen Mitbewohner:innen im Wohnheim trafen. Und sie beobachteten Menschen, die einander in einem Workshop zur Persönlichkeitsentwicklung erstmals gegenübersaßen.

Über fünf Studien hinweg zeigte sich ein erstaunlich stabiles Muster: Fremde mochten sich gegenseitig mehr, als sie glaubten, vom anderen gemocht zu werden. In Workshops mit rund 100 Teilnehmenden erwarteten die Leute, dass sie ihren Gesprächspartner interessanter finden würden als umgekehrt, und zwar vor und nach dem Gespräch. Im Wohnheim wurden die neuen Studierenden mehrfach befragt: am Anfang des Herbstsemesters im September und dann noch viermal bis Mai. Fast das ganze Jahr über unterschätzten sie systematisch, wie sehr ihre Mitbewohner:innen sie mochten.

Neuere Forschungen zeigen, dass die Sympathielücke auch online auftritt. Egal ob per Text, Audio oder Video, Menschen unterschätzen überall, wie sehr andere sie mögen.

Gespräche scheinen ein Gebiet zu sein, auf dem Menschen ungewöhnlich schlecht über ihre eigene „Leistung“ denken.

Die Verschwörung der Höflichen⬆ nach oben

Was steckt dahinter? Die Studien legen nahe, dass das Problem weniger bei den Signalen der anderen liegt, sondern im eigenen Kopf entsteht.

Zum einen ist es objektiv schwer zu wissen, was andere wirklich von uns halten. Gespräche sind, so nennen es die Forschenden, „Verschwörungen der Höflichkeit“: Kaum jemand sagt offen, dass er sich langweilt oder jemanden unfreundlich findet. Woher soll man es also wissen? Wir können nur raten. Gespräche sind außerdem kognitiv anstrengend. Wir müssen zuhören, Informationen verarbeiten, reagieren. Das kostet Aufmerksamkeit. Selbst wenn unser Gegenüber signalisiert, dass es uns mag, nehmen wir diese Signale oft gar nicht richtig wahr, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind.

Und dann wäre da noch die eigene innere Kommentatorenstimme. Nach Begegnungen mit anderen kann diese Stimme „bemerkenswert selbstkritisch und negativ“ sein, wie die Autor:innen der Studie schreiben. Habe ich zu viel geredet? War das banal? Musste ich wirklich diese Anekdote über meinen Staubsauger erzählen? Diese innere Kritik färbt dann die eigene Einschätzung, wie andere uns sehen.

Es ist wie mit einer Schauspielerin, die ihre Leistung vor allem an den Stellen misst, an denen sie ihren Text versemmelt hat. Das Publikum aber erlebt nur den äußeren Auftritt: die Figur, die Geschichte, die Stimmung. Übertragen heißt das: Wir erinnern uns an peinliche Momente und Rumstottern, während die andere Person einfach ein halbwegs flüssiges, lebendiges Gespräch erlebt.

Der Mann war schweißüberströmt, wirkte aber trotzdem cool⬆ nach oben

Hinzu kommt ein bekanntes Phänomen aus der Psychologie: die „Illusion der Transparenz“. Wir sind überzeugt, dass unser Gegenüber merkt, wie nervös und unoriginell wir uns fühlen. Die empirische Forschung zeigt aber, dass Menschen trotz innerer Unsicherheit nach außen erstaunlich gut funktionieren: Sie halten Blickkontakt, hören zu, halten sich an Gesprächsregeln. All das sind Signale, die andere sehen. Eine zitternde Stimme oder stolperndes Sprechen wirken nach außen gar nicht so schlimm. Einer, der das ziemlich gut formuliert hat, ist der Neurowissenschaftler Sam Harris:

„Menschen wirken selten so nervös, wie sie sich fühlen. Ich habe einmal erlebt, wie ein Redner während einer wissenschaftlichen Präsentation scheinbar literweise Schweiß produzierte. Am Ende der Stunde sah er aus, als wäre er mit einem Schlauch abgespritzt worden. Aber ich erinnere mich, dass ich mich darüber gewundert habe, dass er nicht nervös wirkte. Ich nehme an, dass er extrem angespannt war, aber sein Vortrag war vollkommen klar und sehr interessant.“

Wenig überraschend, aber trotzdem interessant: Schüchterne Menschen erleben die Sympathielücke viel stärker. In einer Auswertung wurden die Teilnehmer:innen nach ihrem Grad an Schüchternheit in drei Gruppen eingeteilt.

Bei den sehr schüchternen Menschen war die Sympathiekluft am größten: Sie mochten ihr Gegenüber deutlich mehr, als sie glaubten, selbst gemocht zu werden. Menschen mit durchschnittlicher Schüchternheit zeigten ebenfalls eine klare Sympathielücke, wenn auch weniger ausgeprägt. Nur in der Gruppe mit sehr niedriger Schüchternheit war die Abweichung zwischen „Wie sehr mag ich die andere Person?“ und „Wie sehr mag sie mich?“ statistisch nicht bedeutsam.

Sympathiesignale glatt übersehen⬆ nach oben

Man kann das Ganze auch in zwei Bereiche trennen:

Da ist die tatsächliche Sympathie, die sich in beobachtbarem Verhalten zeigt: Menschen lächeln, schauen einander an, stellen Fragen. Diese Signale sind vorhanden und für Außenstehende gut zu lesen.

Und dann ist da die gefühlte Ablehnung: die hartnäckige Überzeugung, dass man selbst weniger gemocht wird. Diese Überzeugung speist sich vor allem aus dem inneren Monolog. Wenn Menschen unsicher sind, wie sehr andere sie mögen, machen sie eine Art gedankliches Experiment und fragen sich: Was denke ich gerade über mich selbst? Diese eher kritische Sicht projizieren sie dann nach außen, als wäre sie die Sicht der anderen. Gleichzeitig übersehen sie reale Signale von Sympathie, weil ihre Aufmerksamkeit nach innen gerichtet ist.

Je negativer Menschen über ihre eigene Gesprächsleistung denken, desto größer ist die Sympathielücke.

Die nächsten drei Jahre einfach die Klappe halten?⬆ nach oben

Ich finde es irgendwie rührend und gleichzeitig traurig, wie gründlich Menschen unterschätzen, wie gern man sie hat. Das kann einem ja nicht nur die Freude an Gesprächen nehmen. Es hält viele, mich zum Beispiel, auch davon ab, überhaupt welche zu beginnen.

Mein Mann ist in dieser Hinsicht das Gegenteil von mir. Er redet dauernd mit Fremden. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, sprechen ihn Menschen mit Namen an, mit denen ich noch nie ein Wort gewechselt habe: der Mann hinter der Theke in der Biobäckerei, der Obdachlose an der Straßenecke. Lange habe ich ihn darum beneidet und gedacht, er hätte ein besonderes Talent dafür. Heute denke ich: Vielleicht macht er sich einfach weniger Gedanken darüber, wie er bei anderen ankommt.

Natürlich kennen wir auch das gegenteilige Phänomen: Menschen, die ihr eigenes Charisma überschätzen und nicht merken, wenn man sie nicht besonders sympathisch findet. Oder, sehr anstrengend, die normale Alltagshöflichkeit mit Flirten verwechseln. Aber das sind selten diejenigen, die sich nach einem schlechten Witz auf einer Party auf dem Sofa zusammenrollen und ernsthaft überlegen, ob sie die nächsten drei Jahre einfach die Klappe halten sollten.

Und ja, es gibt Situationen, in denen die Sympathiekluft keine Rolle spielt. Wenn jemand aktiv Augenkontakt vermeidet, nur einsilbig antwortet oder körperlich Abstand nimmt, als ginge gerade ein ansteckendes Virus um, mag er dich wahrscheinlich wirklich nicht. Aber viel häufiger, als man denkt, hat das Gefühl „Die Person mag mich bestimmt nicht“ mehr mit der eigenen inneren Kritik zu tun als mit der tatsächlichen Wahrnehmung des Gegenübers.

So kommst du aus dem Liking Gap heraus⬆ nach oben

Hier beginnt der Teil, den ich am tröstlichsten finde: Wenn das Problem vor allem im eigenen Kopf entsteht, lässt es sich auch dort verändern. Nur: Wie genau?

Hier ein paar konkrete Ansätze:

1. Sich erinnern: Die Liking Gap ist ein erforschtes Phänomen.

Wenn du nach einem Gespräch in eine Grübelspirale gerätst, kannst du dir bewusst sagen: Das hier ist wahrscheinlich die Liking Gap. Die Datenlage spricht dafür, dass ich mich gerade unterschätze. Allein dieser Perspektivwechsel, weg von „Ich bin seltsam“ hin zu „Mein Gehirn macht etwas typisch Menschliches“, kann die Schärfe aus der Selbstkritik nehmen.

2. Auf äußere Signale achten.

Statt nachträglich jede eigene Wendung zu analysieren, lohnt es sich, im Gespräch mehr auf die andere Person zu achten. Hat sie gelacht? Nachgefragt? Ist sie im Gespräch geblieben, obwohl sie hätte gehen können? Das sind solide Hinweise darauf, dass sie das Zusammensein nicht als Katastrophe erlebt hat. Viele dieser Signale gehen normalerweise unter, weil unsere Aufmerksamkeit auf den inneren Kommentarkanal gerichtet ist.

3. Im Gespräch verankert bleiben.

Wer versuchen möchte, dem kritischen inneren Monolog zuvorzukommen, kann sich auf schlichtes, aktives Zuhören konzentrieren: Blickkontakt, kleine Nachfragen, kurze Rückmeldungen („Das klingt spannend, erzähle mehr“). Das klingt banal, funktioniert aber doppelt: Es beruhigt einen selbst, weil man weniger mit der eigenen Performance beschäftigt ist, und macht Gespräche für beide Seiten angenehmer.

4. Selbstmitgefühl üben.

Die meisten Gespräche sind keine Leistungsprüfungen. Man darf stocken, Sätze abbrechen, Themen wechseln. Es ist erstaunlich, wie gnädig wir mit anderen sind und wie hart mit uns selbst. Ein realistischer Gedanke könnte lauten: „Okay, das war nicht mein bester Auftritt. Aber für ein normales Gespräch völlig ausreichend.“

5. Rückmeldung einholen, wenn es wirklich knirscht

Wenn du nach einer bestimmten Situation immer wieder zweifelst, kannst du bei Menschen, denen du vertraust, nachfragen: „War ich gerade zu dominant?“, oder: „Habe ich komisch reagiert?“ Oft kommt dann eine Rückmeldung, die weniger vernichtend ist als das, was deine innere Stimme behauptet. Und falls doch Kritik kommt, ist sie meist konkreter und damit hilfreicher als das diffuse „Alle finden mich blöd.“

6. Die Perspektive geraderücken

Die Liking-Gap-Forschung erinnert an eine banale, aber tröstliche Wahrheit: Die anderen sind mit ihren eigenen Unsicherheiten beschäftigt. Während du rekonstruierst, was du hättest besser sagen können, fragt sich dein Gegenüber womöglich dasselbe über sich. Kaum jemand verlässt jedes Gespräch mit dem Gefühl „Ich habe alles perfekt gemacht“ (und die Menschen, die das doch tun, sind garantiert tatsächlich unsympathisch).

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Beim nächsten Mal, wenn du dich dabei ertappst, wie du innerlich „Ich war furchtbar“ denkst, könntest du stattdessen einen anderen Gedanken testen: Vielleicht dachte die andere Person auf dem Weg nach Hause einfach: „Das war ein gutes Gespräch.“ Oder, noch wahrscheinlicher, sie dachte gar nicht darüber nach.

Und abgesehen von allem anderen ist es doch auch nett, wenn nicht immer alle perfekt reden. Als ich Teenager war, rief einmal der Freund meiner Schwester Laura auf dem Festnetztelefon an. Er sagte: „Hallo, hier ist Laura, ist der Sven da?“ Er zögerte kurz. „Ähm, ich meine umgekehrt.“

Ich bin sicher, für ihn war das ein peinlicher Moment. Aber ich schmunzele seit Jahrzehnten immer dann, wenn mir das einfällt.


Schlussredaktion: Astrid Probst, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

Was andere Menschen wirklich über dich denken

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