Psychotherapeut:innen in Deutschland sind gerade in Aufruhr. Bundesweit protestieren sie seit Monaten, einige beschweren sich wütend in sozialen Medien und eine Petition überschritt kürzlich 600.000 Unterzeichnungen. Der Grund für die Wut ist die Kürzung der Honorare für Psychotherapeut:innen um 4,5 Prozent, unter anderem auf Betreiben der gesetzlichen Krankenkassen.
Viereinhalb Prozent, könnte man sagen, das ist doch nicht viel! Psychologische Psychotherapeut:innen sind jedoch die am schlechtesten bezahlte Berufsgruppe im KBV-Abrechnungssystem. Gemeint ist damit das System, über das niedergelassene Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen ihre Leistungen gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Nach Abzug aller Kosten verdienen Psychotherapeut:innen 52 Euro pro Stunde – vor der Kürzung. Zum Vergleich: Haus- und grundversorgende Fachärzt:innen verdienen laut dieser Berechnung das Doppelte.
Die „Honoraranpassung“, wie sie der Spitzenverband Bund der Krankenkassen nannte, hat aber nicht nur Folgen für Therapeut:innen. Sie wird auch Menschen treffen, die auf die Behandlung angewiesen sind. Die ohnehin ausgedehnten Wartezeiten auf einen Therapieplatz (bei manchen Menschen mehrere Monate) könnten sich für gesetzlich Versicherte weiter verlängern. Denn einige Psychotherapeut:innen werden in Zukunft eher Privatversicherte behandeln. Der Zugang zur Behandlung wird dann mit dem Portemonnaie entschieden.
Die Kürzung ist zudem ein Signal. Wer einer Berufsgruppe das Honorar kürzt, befeuert Zweifel, die ohnehin verbreitet sind: Psychotherapie, was bringt das schon? Um das zu beantworten, habe ich eine Umfrage veröffentlicht. Ich wollte wissen: Was verändert sich dank Therapie im Leben der Menschen? Zum Beispiel in ihren Beziehungen oder im konkreten Alltag? Was können sie nach der Therapie, das sie vorher nicht konnten?
Bisher haben über 300 Menschen an der Umfrage teilgenommen. Heute zeige ich eine kleine Auswahl der Antworten, die ich besonders aussagekräftig finde. Einige der Antworten sind anonym, weil nicht alle Betroffenen ihre Namen zu diesem Thema im Internet lesen wollen.
Claudia schreibt
Keine Panikattacken mehr⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich hatte eine Angststörung mit Panikattacken. Durch die Psychotherapie habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich sterbe nicht, wenn ich eine Panikattacke bekomme, auch wenn es sich so anfühlt. Ich habe gelernt, dass ich meine Bedürfnisse nach Ruhe und Regeneration nicht niederknüppeln, sondern ihnen Raum geben sollte. Seitdem ich das alles beherzige, haben sich Stück für Stück die Panikattacken „in Luft aufgelöst“. Ich hatte seit über drei Jahren keine mehr.
Lisa schreibt
Ich bin durch verschiedene Therapien über 22 Jahre hinweg inzwischen einfach klarer, reflektierter, stärker, mutiger geworden und ich stehe zu meinen Themen. Lebe Authentizität und stehe zu meiner Hochsensibilität.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Anonym schreibt
Alles kann besser werden⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich weiß, dass ich alles schaffen kann. Ich habe die innere Gewissheit, dass belastende Situationen sich zum Besseren wenden lassen, auch wenn die Veränderung nur innerlich in mir stattfindet.
Anonym schreibt
Mein Denken hat sich verändert. Ich habe gelernt, dass das, was ich denke, nicht automatisch wahr ist.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
katharina schreibt
Glücklicher, als je zuvor⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich habe mich jetzt selbst lieb und das ist das tollste Gefühl auf dieser Welt. Die Beziehung zu meinem Mann hat sich noch weiter zum Positiven geändert. Unsere Liebe ist tiefer und glücklicher als jemals zuvor. Das alles ist nur durch die Therapie möglich geworden.
Anonym schreibt:
Ich habe es geschafft, mich nach zehn Jahren aus einer missbräuchlichen Beziehung zu trennen.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Rebecca schreibt
Für sich selbst einstehen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich nehme nicht mehr so viele Dinge persönlich und fühle mich deswegen nicht mehr ständig angegriffen. Außerdem gebe ich mir mehr Mühe, für mich selbst einzustehen. Es fällt mir immer noch schwer, aber hin und wieder gelingt es mir.
Anonym schreibt
Ich kann jetzt Türen anfassen, Nahrungsmittel essen, die Kontakt mit der Arbeitsplatte hatten, offene Schuhe tragen, in Gesellschaft essen, mich besser abgrenzen.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
charlotte schreibt
Das „noch“ trägt mich bis heute⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich hatte eine vertrauensvolle Begleitung durch meine größte Lebenskrise. Meine Therapeutin hielt mein stundenlanges Weinen und jede Frage im Raum, bis die Antwort fühlbar war. Sie sagte jedes Mal „noch“, wenn ich irgendetwas nicht zu können, lernen oder wissen glaubte. Das „noch“ trägt mich bis heute. Wenn ich nicht vertraue, höre ich manchmal ihre Nachfragen im Gedächtnis. Meine Therapeutin ist für mich zum Sinnbild für Zuversicht geworden, jedenfalls hat sie diese wieder heraufbeschworen. Ich bin ihr so dankbar. Und meine Familie erst. Eine Badass-Tiefenpsychologin.
Anonym schreibt
Versöhnung mit mir selbst, da ist etwas „geheilt“ in mir, auch wenn das kitschig klingt.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
hans schreibt
Wofür ich verantwortlich bin und wofür nicht⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich habe gelernt, mich mitzuteilen, wenn ich überfordert bin, anstatt mich zurückzuziehen. Ich habe gelernt, für mich einzustehen, mich zu zeigen und Grenzen zu setzen und damit für mich zu sorgen. Ich habe belastende Erfahrungen aus meiner Kindheit aufgearbeitet und habe damit ein Stück innere Ruhe zurückerlangt. Ich habe gelernt, dass ich nicht für die Reaktionen der anderen verantwortlich bin, wenn ich „nein“ sage oder mitteile, was gerade bei mir ist.
Robert schreibt
Ich lebe jetzt an meinem Traumort⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ohne meine damalige Therapie hätte ich nie den Mut gefunden, etwas komplett in meinem Leben zu ändern. Dank meiner Psychologin habe ich vor fünf Jahren den Mut gefasst, meinen Arbeitgeber zu fragen, dauerhaft ins Homeoffice zu gehen, um meinen damaligen Wohnort Berlin verlassen zu können und an meinen Traumort Nordfriesland zu ziehen, da ich es in der Großstadt einfach nicht mehr ertragen habe.
Tanja schreibt
Ich habe eine Phase mit Posttraumatischer Belastungsstörung überlebt. Hätte ich ohne Therapie nicht. Ich habe einen „inneren Therapeuten“, der Sachen sagt, die mich ermutigen oder beruhigen oder bestärken, je nachdem, was hilfreich ist.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Anonym schreibt
Ich weiß, was ich brauche und was mir schadet⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich kann Grenzen setzen. Ich kann „nein“ sagen. Ich erkenne meinen Selbstwert. Ich bin selbstbewusst. Ich weiß, was ich kann und was nicht. Ich kenne meine Bedürfnisse. Ich weiß, was ich brauche und was mir schadet. Ich kann meine Emotionen einordnen, aushalten und regulieren. Ich habe Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl gelernt. Ich gehe freundlich mit mir selbst um.
christoph schreibt
Ich habe einen wichtigen Satz verstanden⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin jetzt egoistischer. Kann erst mich wichtig nehmen, dann andere. Erst mich lieben, dann andere. Den Satz „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ wirklich verstehen. Wer sich selbst hasst, kann andere nicht lieben, auch seine Kinder nicht. Aber um das zu verstehen, habe ich vier Jahre und über 600 Stunden Psychoanalyse gebraucht.
Anonym schreibt
Diese Hilfen machen mein Leben besser⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Zwei Wochen Akutklinik haben mir geholfen, beide Füße auf den Boden zu bekommen. Sechs Wochen psychosomatische Klinik haben für einen festen Auftritt und erholsamen Schlaf gesorgt. 14‑tägige wiederkehrende Therapiesitzungen sorgen dafür, dass dies so bleibt.
roland schreibt
Ich habe alte Rollenbilder abgeschüttelt⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich habe gelernt, meine Gefühle ernst zu nehmen und habe alte Rollenbilder abgeschüttelt, wie ein Mann zu sein hat. Es ist für mich eine schreckliche Vorstellung, wer wohl aus mir geworden wäre, hätte ich das in meinen frühen 20ern nicht gelernt.
Alexander schreibt
Ich habe die Kontrolle über mein Leben und mich zurückgewonnen.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
AE scheibt
Ich habe meine zweite Pubertät durchlaufen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich konnte vor meiner Therapie nicht ehrlich zu mir, geschweige denn zu meinem Umfeld sein. Ich war erst mit Therapie in der Lage, zu mir und meiner Transidentität zu stehen. Psychotherapie hat mir geholfen, meine zweite Pubertät zu durchlaufen und Muster zu erkennen, in denen ich agiert habe, die mir nicht guttaten und neue Muster aufzubauen. Manchmal bin ich aber auch genervt, weil ich denke, dass alles komplizierter wird, weil ich auf einmal mehr fühle.
Anonym schreibt
Ohne die Psychotherapie wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Unter diesem Link findest du alle Antworten auf die Umfrage.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Sören Frey, Audioversion: X