„Seid gewarnt“, ruft der Polizist im weißen Schutzanzug. Es ist Mai 2022 in Shanghai, mitten in Chinas Corona-Lockdown. Der Polizist soll eigentlich ein Pärchen in eine Quarantäneanlage stecken, die beiden wehren sich aber. „Wenn ihr erstmal bestraft seid, wird das eurer Familie noch drei Generationen lang nachhängen!“, ruft der Polizist. „Wir sind die letzte Generation, dankeschön“, erwidert der Mann. Dann schlägt er dem Polizisten die Tür vor der Nase zu.
Der Clip ist in China sofort viral gegangen. Denn er zeigt, was viele Menschen im Land derzeit fühlen: Unzufriedenheit. Seit der Immobilienkrise 2021 haben viele ihre Ersparnisse verloren. Auf den Staat können sie in einer finanziellen Notsituation nicht zählen. Chinas Bevölkerung ist überarbeitet von einem sinnlosen Wettbewerb an Schulen und Arbeitsplätzen. Und überhaupt verwehrt die Regierung ihren Bürger:innen Zugang zu freier Presse, fairen Gerichten und Menschenrechten.
Wo bleibt also der chinesische Frühling? Warum sehen wir nicht längst Aufnahmen von wütenden Menschen in China, die mit Plakaten und Sprechchören die Kommunistische Partei (KP) unter Druck setzen?
Tatsächlich protestieren in China ziemlich viele Menschen. Nur bemerkt das im Westen kaum jemand. Denn diese Proteste sehen anders aus, als wir es kennen.
Ich habe drei Jahre in China verbracht, und diese Zeit war wie ein Einblick in ein Lehrbuch mit dem Titel: „How to Protestieren in einer Diktatur“. In diesem Text erkläre ich dir einige Protestformen aus diesem Lehrbuch.
Erste Lektion: Weigere dich, Kinder zu bekommen⬆ nach oben
2,1 Kinder muss eine Frau durchschnittlich gebären, um die Bevölkerungszahl eines Landes stabil zu halten. Die Geburtenrate liegt landesweit bei 1,0 Kindern pro Frau, diese Zahl variiert aber je nach Region. Besonders niedrig ist sie mit 0,6 in Shanghai. China brauche deswegen eine „neue Kultur des Gebärens“, stellte Xi Jinping 2023 bei einer Rede vor der All China Women’s Federation fest. Man müsse „das Denken der jungen Menschen über Hochzeiten, Liebe und Mutterschaft“ in die richtige Bahn lenken.
China ist eines der teuersten Länder der Erde, um ein Kind zu bekommen. Allein Kitaplätze in Städten verschlingen bis zu 30 Prozent des Einkommens chinesischer Haushalte. In der Schule geht es weiter mit teurer Nachhilfe, ohne die kaum ein chinesisches Schulkind noch auskommt. Besucht ein Kind das Gymnasium, müssen die Eltern ab der 10. Klasse Schulgeld bezahlen. Vielen Menschen ist das schlicht zu teuer. Und vor allem junge Frauen in Großstädten träumen heute von anderen Dingen als dem Muttersein: Karriere machen, Selbstverwirklichung, das Leben genießen.
China will den Eltern zwar finanziell unter die Arme greifen. Aber was die Zentralregierung bisher zu bieten hat, ist in den Augen vieler Chines:innen lächerlich. Seit etwa einem Jahr zahlt der Staat Familien eine Art Kindergeld von umgerechnet 450 Euro im Jahr, bis zum dritten Lebensjahr. Zudem sollen Frauen nicht länger selbst die Kosten für die Krankenhausbehandlung bei der Geburt tragen müssen.
Noch vor zehn Jahren mussten viele Eltern umgerechnet mehrere zehntausend Euro Strafe zahlen, wenn sie mehr als ein Kind bekamen. Jetzt sollen sich junge Chinesinnen auf einmal für Xi Jinpings neue Gebärkultur verfügbar machen. Diese Willkürlichkeit ärgert viele: „Kriegen wir jetzt die Strafzahlungen zurück, die wir früher für überzählige Kinder zahlen mussten?“, fragt jemand lakonisch in einem Weibo-Post.
Sinkende Geburtenraten sind grundsätzlich normal für Länder, in denen der Wohlstand wächst. In China ist die Weigerung, Kinder zu bekommen, auch ein Protest. Er zielt gegen die willkürliche Familienpolitik der Regierung, gegen eine unsichere Zukunft und die Benachteiligung von Müttern am Arbeitsplatz.
Zweite Lektion: Weigere dich, dich anzustrengen⬆ nach oben
Vor einigen Wochen kam ich mittags nach Hause und wunderte mich: Meine Mitbewohnerin lag bei offener Tür auf ihrem Bett, durch das Fenster strahlte die Sonne. „Musst du gar nicht zur Arbeit?“, fragte ich. Jingyi (Name geändert) grinste mich an: „Ich bin heute gekündigt worden. Hast du was vor?“
Jingyi und viele andere Chines:innen stecken, seit sie sechs Jahre alt sind, in einem Wettkampf. Sie kämpfen mit Millionen anderen Schüler:innen um gute Noten, Studienplätze und Jobs. Das nahm die Bevölkerung auf sich, denn sie war von einer typisch amerikanischen Überzeugung geprägt: Reich wird man durch Talent, harte Arbeit und gute Bildung. Wer arm bleibt, hat sich eben nicht genug angestrengt.
Das zeigt auch eine Untersuchung des Soziologen Martin K. Whyte aus den Jahren 2004 und 2009, die die Bevölkerung in 29 Provinzen befragte. Den Umfrageergebnissen zufolge schrieben es sich Chines:innen selbst zu, wenn ihr beruflicher Erfolg ausblieb. Zumindest bis dahin.
Heute glauben immer mehr Menschen in China: Wer reich wird, hatte Glück, gute Connections oder reiche Eltern. Das zeigt eine Wiederholung der Untersuchung von Whyte gemeinsam mit dem Ökonomen Scott Rozelle im Jahr 2023. Der Eindruck deckt sich mit der Realität. Junge Chines:innen können nicht denselben wirtschaftlichen Aufstieg erwarten, den ihre Eltern durchlebt haben. Viele müssen hart arbeiten, um überhaupt ihren Lebensstandard zu halten.
Und wenn man durch harte Arbeit ohnehin nichts erreichen kann, warum soll man sich also anstrengen? Meine Mitbewohnerin ist mit ihrer Abfindung auf Reisen gegangen. Irgendein anderer Job wird sich schon finden, wenn sie zurück ist, sagt sie. Die meisten meiner Freund:innen in Shanghai machen derzeit eine Auszeit und leben vom Ersparten, das sich über die Jahre angesammelt hat. Dafür in eine WG ziehen und mehr aufs Geld schauen zu müssen, macht ihnen nicht viel aus. Diesen Ausstieg aus der Leistungsgesellschaft nennt man tǎng píng, Flachliegen.
Klar, nicht alle können sich Flachliegen leisten. Wer keine Ersparnisse hat und in schlecht bezahlten Jobs arbeitet, kann nicht Arbeitsstunden reduzieren oder auf Reisen gehen. Doch allein die Tatsache, dass diese Bewegung populär geworden ist, zeigt schon, dass ein zentrales Narrativ der Kommunistischen Partei Chinas bröckelt. Wer flachliegt, protestiert gegen den Leistungswettkampf in Chinas Gesellschaft. Das bringt schon jetzt die wirtschaftlichen Pläne der Regierung in Gefahr.
Dritte Lektion: Lauf weg⬆ nach oben
Mitte 2023 fiel US-Grenzbeamten an der Südgrenze zu Mexiko etwas Sonderbares auf: Die Migrant:innen kamen nicht mehr nur aus Venezuela oder Haiti. Die viertgrößte Gruppe an Migrant:innen, die über den berüchtigten Darién-Gap in die USA flüchteten, stellten nun Chines:innen. Die meisten waren junge Männer, Mittelschicht, Kleinunternehmer, die während der Pandemie ihr Geschäft aufgeben mussten.
Seit der Pandemie versuchen mehr Chines:innen als zuvor, das Land kurz- oder langfristig zu verlassen. Vor allem seit dem Sommer 2022, als China seine Zero-Covid-Politik beendete und die Ausreise leichter wurde, nutzten viele Chines:innen die Gelegenheit. Für das Phänomen gibt es natürlich auch den passenden Hashtag im chinesischen Internet: rùn xué. Übersetzt heißt das ungefähr „die Lehre des Weglaufens“. Manche laufen weg, weil die Lebensbedingungen in China für sie unhaltbar geworden sind. Oder weil das Leben anderswo schlicht entspannter und liberaler ist. Zum Beispiel in Chiang Mai, einer Stadt im Norden Thailands. Dort hat sich eine richtige Community junger Menschen aus China gebildet. Manche leben dort für einige Monate das entspannte Hippie-Leben, für das Chiang Mai bekannt ist. Andere lassen sich dauerhaft nieder und machen sich als digitale Nomaden selbstständig.
Unter jenen, die China verlassen, sind jede Menge Superreiche. Chinas Millionär:innen haben 2025 so viel Geld aus dem Land geschafft wie noch nie. Etwa eine Billion US-Dollar Kapital ist vergangenes Jahr aus dem Land geflossen. Das Geld geht vor allem in die USA und nach Hongkong. Chinas Superreiche flüchten unter anderem vor den Antikorruptionskampagnen der chinesischen Regierung, die auch auf Wohlhabende mit viel Macht zielen. Für Peking ist diese Kapitalflucht ein Problem, denn sie drückt auf den Wechselkurs des Renminbi, wichtige Investitionen wandern ins Ausland ab.
Vierte Lektion: Werde kreativ⬆ nach oben
„Ein Reich der Langeweile“, so hat der Sinologe Geremie Barmé Xi Jinpings Vision des modernen China genannt. Vor Plakaten und Bannern mit den zwölf sozialistischen Kernwerten ist in China kein Entkommen. An Schulen und Universitäten quälen sich Schüler:innen durch Pflichtkurse, in denen Xi-Jinping-Ideologie gelehrt wird. Und Chinas Unternehmer:innen sollen ihre geschäftlichen Ziele gemäß denen der Partei ausrichten. Die Partei drängt sich in die Nachbarschaft, in die Schulen und an die Arbeitsplätze.
Vor allem junge Menschen setzen sich dagegen zur Wehr. Dem „Reich der Langeweile“ setzen sie ihre Kreativität entgegen. Sie sind auf der Suche nach Antworten: Wer bin ich? Wie möchte ich leben? Wie möchte ich arbeiten? Viele sehnen sich nach Gemeinschaft und tiefen Verbindungen. In ganz China entstehen derzeit Wohnprojekte, sowohl in den Großstädten als auch auf dem Land. In diesen testen junge Menschen neue Formen des Zusammenlebens aus. Sie organisieren Diskussionsveranstaltungen und Filmabende und schließen neue Freundschaften.
Webliteratur, Musikfestivals, feministische Lesekreise und Indie-Kino, all das blüht derzeit in China, trotz Repression. Die chinesische Polizei bricht regelmäßig LGBTQ-Veranstaltungen ab. Sie verhaftet Autor:innen homoerotischer Literatur und verbietet „verweichlichte“ Männer im TV. Trotzdem gelingt es jungen Menschen in China, queere Partys und Diskussionsrunden zu organisieren. Junge Chines:innen lesen weiterhin gerne Boys-Love-Geschichten und finden androgyne Männer besonders attraktiv.
Weil die KP ihnen kein überzeugendes Zukunftsangebot machen kann, erfinden junge Chines:innen das gute Leben kurzerhand selbst neu. Und die KP hat wenig dagegen in der Hand. Dissident:innen kann man zuhause einsperren. Hashtags kann man zensieren. Aber einen Wertewandel kann man nicht einfach verbieten. Und die KP könnte, ähnlich wie die DDR oder Sowjetunion, Gefahr laufen, eines Tages ihre ideologische Strahlkraft zu verlieren.
Heißt das, die KP steht kurz vor dem Ende?⬆ nach oben
Was bedeuten diese Proteste? Wird die Kommunistische Partei ihre Macht verlieren? Über diese Frage habe ich mit Martin K. Whyte und Scott Rozelle gesprochen, den Autoren der Untersuchung, die gezeigt hat, dass immer mehr Menschen in China Ungerechtigkeit als ein strukturelles Problem verstehen.
Scott Rozelle ist skeptisch. „Der Boden wackelt, aber ich glaube nicht, dass der Vulkan in nächster Zeit ausbricht“, sagt er. Damit meint er die Theorie, dass Unzufriedenheit über Ungerechtigkeit sich irgendwann in Straßenprotesten entlädt, wie bei einem Vulkan. „Menschen in China müssen härter arbeiten. Aber die Kriminalität ist weiterhin niedrig, man sieht nur wenige Obdachlose.“
Er weist auch darauf hin, dass 2023 immerhin 47 Prozent der Befragten davon ausgingen, in fünf Jahren besser dazustehen als heute (2004 und 2014 lag der Wert noch bei 66 Prozent). Rozelle unterrichtet chinesische Wirtschaft an einer Universität in Hangzhou, im Osten des Landes. Dabei ist ihm aufgefallen: „Viele können sich eine Welt ohne die KP überhaupt nicht mehr vorstellen. Das ist ein dramatischer Unterschied zu 1989.“ In dem Jahr fanden in ganz China Proteste für Demokratie und Pressefreiheit statt. Sie endeten mit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz, bei dem das chinesische Militär Tausende Demonstrierende erschoss.
Martin K. Whyte sieht die Kommunistische Partei vor großen Herausforderungen. „Die Partei muss die schlechte Stimmung nach der Pandemie auffangen, den Zusammenbruch des Immobilienmarktes aufhalten und den demographischen Wandel händeln.“ Nur dann könne sie den Vertrauensverlust in die Zukunft auffangen. „Ich bin nicht überzeugt“, sagt er, „dass die Partei die dafür nötige Weitsicht besitzt.“
Eines bestätigen mir die Expert:innen, mit denen ich gesprochen habe: Die Regierung fürchtet sich vor diesen neuen Protestformen. Besonders das Flachliegen ist ihr ein Dorn im Auge. So sehr, dass sie die Bewegung kurzerhand für eine Gehirnwäsche-Kampagne aus dem Ausland erklärt hat. In einem WeChat-Post im April 2026 erklärte das Ministerium für Sicherheit ominös, „gewisse ausländische Organisationen“ würden die Jugend ideologisch infiltrieren.
Chinesische Netizens, so nennt man chinesische Internetnutzer:innen, konterten mit Humor. Einige fragten ironisch, wo man denn in den USA Finanzierung für das erbrachte Flachliegen beantragen könne. Andere erstellten mit KI Screenshots angeblicher Flachliegen-Überweisungen, die direkt vom US-Präsidenten auf das eigene WeChat-Konto wanderten.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger