Montage: Chinas Xi Jinping eingeblendet vor der taiwanesischen Steilküste.

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Politik und Macht

Warum sich Xi Jinping nicht traut, Taiwan anzugreifen

China ist riesig, Taiwan winzig. Und doch könnte China daran scheitern, die Insel militärisch zu erobern – weshalb Peking es zuerst auf anderem Weg versucht.

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An Taiwans Ostküste rattern die Züge auf einem schmalen Streifen Land entlang, unter steilen Berghängen, vorbei an Klippen, die mancherorts direkt ins Meer stürzen. Dichte Wälder bedecken die Berge, die bis zu 3.000 Meter aufragen. Wer im Zug sitzt, kann sich kaum entscheiden, ob er auf das blaue Meer oder die nebelverhangene Landschaft dahinter blicken will.

Tourist:innen sehen hier eine der schönsten Bahnstrecken der Welt. Chinesische Militärs sehen eine Festung.

Seit ihrer Gründung will sich die Volksrepublik China mit Taiwan „wiedervereinigen“. Doch bisher hat sich der Koloss mit seinen 1,4 Milliarden Menschen nicht getraut, die kleine Republik mit ihren 23 Millionen Einwohner:innen anzugreifen.

Denn ein Angriff auf Taiwan wäre für China riskanter, als es die Größenverhältnisse zwischen beiden Ländern vermuten lassen. Bei einer Invasion müsste China mit hohen militärischen Verlusten rechnen, scharfen Sanktionen und einem Wall von Nachbarstaaten, die sich zügig verbünden.

Ein Krieg ist deswegen gar nicht Plan A der Führung in Peking. Sie hat etwas anderes mit Taiwan vor.

Simulationen zeigen, woran eine Invasion scheitern könnte⬆ nach oben

Karte von Taiwan und der gegenüberliegenden chinesischen Küste, getrennt durch die rund 140 Kilometer breite Taiwanstraße. Gelbe Markierungen an der West-, Nord- und Südküste kennzeichnen die für eine militärische Landung geeigneten Strände; die grün markierte, gebirgige Ostküste gilt als kaum geeignet.

Rico Grimm / Krautreporter

China würde derzeit an einer Invasion Taiwans vermutlich scheitern. Das zeigen War Games, also Simulationen eines Angriffes auf Taiwan. Das bekannteste War Game stammt vom einflussreichen US-Thinktank CSIS. Der hat 2022 eine Invasion Taiwans im Jahr 2026 durchgespielt und das gleich 24-mal: Die Invasion würde misslingen, die Kosten wären für alle Beteiligten gigantisch, auch für China. Das liegt auch daran, dass Taiwan so schwer einzunehmen ist.

Die Taiwanstraße zwischen China und Taiwan ist mehr als 160 Kilometer lang, abwechselnd preschen Taifune und Monsune durch die Meerenge, mit meterhohen Wellen oder strömendem Regen. Eine Invasion ist deswegen nur in wenigen Monaten im Jahr möglich. Insgesamt gelten nur 14 Strände der insgesamt 1.500 Kilometer langen Küste Taiwans als geeignet für eine Landung. Die kennt Taiwan und kann sich vorbereiten. Der Thinktank Council on Foreign Relations nennt eine Invasion Taiwans die „komplexeste militärische Operation in der modernen Geschichte“.

Diese Operation müsste eine Armee durchführen, die seit dem Koreakrieg keinen großen Krieg mehr gekämpft hat. Und der liegt mehr als 70 Jahre zurück. Bei einer Invasion Taiwans müsste Chinas Volksbefreiungsarmee Schiffe, Landungsboote, Unterstützungsfahrzeuge, Treibstoff, Munition und Raketen über die Taiwanstraße bewegen. Und natürlich Hunderttausende Soldat:innen samt Versorgung befördern, während Taiwan die Schiffe mit Drohnen, Artillerie und Raketen bekämpfen kann. China müsste mit Cyberattacken die taiwanesische Kommunikation stören und sich selbst gegen solche Attacken verteidigen. All das gleichzeitig und in Echtzeit zu koordinieren, ist ein logistischer Albtraum.

Taiwan würde auch nicht allein kämpfen. China muss sich die Luft- und Seehoheit sichern. Dafür müsste es auch Japan und Südkorea angreifen. Denn dort sind mehrere US-Basen. Nur wenn China diese US-Basen außer Gefecht setzt, kann es den Erfolg der Invasion Taiwans garantieren. Wie ein solcher Mehrfrontenkrieg eskaliert, ist unkalkulierbar. Und das gefährdet Chinas Kontrolle über den Verlauf der Invasion.

Die USA lassen derzeit noch offen, ob und wie sie eingreifen würden. Das sei Absicht, sagt Eva Seiwert, die am Mercator Institute for China Studies zu chinesischer Außen- und Sicherheitspolitik forscht: „Die bewusste Mehrdeutigkeit der USA-Haltung macht es für China schwerer, das Für und Wider einer Invasion abzuwägen.“

China muss aus Russlands Angriff auf die Ukraine lernen, dass ein vermeintlich stärkerer Akteur nicht zwangsläufig den kleineren niederringt, sagt Eva Seiwert: „Auch technisch oder materiell unterlegene Gegner können erheblichen Schaden verursachen und Konflikte lange aufrechterhalten.“ Mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn erzielt die Ukraine derzeit wieder maßgebliche Erfolge. Das wird für Putin gefährlich und dürfte auch Chinas Präsident Xi Jinping bewusst sein.

Züge an der Ostküste Taiwans in der Nähe der Qingshui-Klippe, Hualien.

Chinesische Militärs sehen hier nicht eine der schönsten Bahnstrecken der Welt, sondern eine Festung. | Jui-Chi Chan/iStock/Getty Images

Peking muss mit Flüchtlingen und Unruhen rechnen⬆ nach oben

Eine Invasion Taiwans würde das gefährden, was für das Regime in Peking am wichtigsten ist: die gesellschaftliche Stabilität auf dem Festland.

Je länger eine Invasion Taiwans anhält, desto mehr steigt das Risiko, dass die Lebensmittel knapp werden. Das Land ist zwar gut versorgt mit Getreide. Trotzdem ist Chinas Selbstversorgungsgrad zwischen 2000 und 2020 von knapp 94 Prozent auf 66 Prozent gesunken, besonders bei Sojaschrot als Futtermittel ist China vom Ausland abhängig. Auch chinesische Expert:innen warnen, dass die Versorgung der Bevölkerung in Zukunft schwieriger werden könnte.

Und viele Lebensmittel allein reichen nicht, die Vorräte müssen zwischen den Provinzen transportiert werden. Während eines längeren Konfliktes könnten die Lebensmittel in China durch logistische Probleme knapp werden, schreibt der US-Thinktank German Marshall Fund in einer Analyse. Während des Corona-Lockdowns im Jahr 2022 hat Lebensmittelknappheit China an den Rand seiner Belastungsgrenze gebracht. Im ganzen Land brachen online und auf der Straße Proteste aus, einige Chines:innen forderten offen den Rücktritt von Xi Jinping.

Ein Angriff auf Taiwan triebe Millionen Chines:innen aus den Küstengebieten in die Flucht, andere müssten evakuiert werden. Massenevakuierungen beherrscht China zwar, durch Erdbeben und andere Katastrophen geschult, aber je länger ein Krieg dauern würde, desto schwerer würde es Chinas ohnehin klammen Provinzen fallen, die Menschen zu versorgen. Dann bekäme auch die breite Bevölkerung die Kosten des Krieges zu spüren. Und könnte sich fragen: Wer hat diesen Krieg angefangen? Warum müssen wir ihn führen? Diese politische Desillusionierung fürchtet Xi Jinping wie kaum etwas anderes. Schon 2013 erklärte er in einer Rede, die Sowjetunion sei zerfallen, weil niemand mehr an ihre Ideale geglaubt habe.

China braucht offene Märkte, eine Invasion würde die Märkte schließen⬆ nach oben

China hat Deutschland schon lange als Exportweltmeister abgelöst. Seine Wirtschaft basiert auf Exporten ins Ausland. Waren im Wert von etwa 3,5 Billionen US-Dollar führte das Land 2024 aus. China braucht offene Märkte und ist davon abhängig, dass das Ausland seine Waren einkauft.

„China muss davon ausgehen, dass bei einem Angriff Sanktionen folgen, ähnlich wie bei Russland“, erklärt Eva Seiwert. „Insbesondere westliche Länder würden ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu China stark einschränken.“ Von folgenden Konsequenzen gehen Expert:innen des German Marshall Fund aus: Banken würden aus Angst vor Sanktionen Transaktionen mit China stoppen. Der chinesische Yuan würde an Wert verlieren. Das ist wichtig, weil China dann im Verhältnis mehr für seine gigantischen Öl- und Gasimporte zahlen müsste. Hongkong würde seinen Status als globales Finanzzentrum verlieren. Investor:innen würden ihr Vermögen aus China abziehen. Die tiefe Wirtschaftskrise, in der sich das Land gerade befindet? Würde sich noch weiter vertiefen.

Außerdem schickt kein Land mehr Waren durch die Taiwanstraße als China selbst. Etwa ein Drittel seiner Importe, vor allem Öl, Kohle und Erdgas, passieren die Meerenge. Und die meisten Schiffe in der Straße verkehren zwischen chinesischen Häfen. Eine Invasion würde also Chinas Energieversorgung und seinen Binnenhandel gewaltig stören.

Was eine Invasion Chinas kosten würde, lässt sich kaum genau beziffern. Aber eines ist klar: Für Chinas Wirtschaft wäre sie eine Katastrophe. Zwar würde ein Krieg auch den Rest der Welt belasten, zum Beispiel durch eine Unterbrechung der Chip-Lieferketten. Doch China träfe es härter als alle anderen, sagt die Denkfabrik CSIS, und zwar langfristig. Denn das Vertrauen in China als verlässlichen Investitionsstandort wäre dahin. Selbst nach einem Konflikt könnte niemand sicher sein, dass China nicht erneut angreift.

China kennt den Preis einer militärischen Invasion Taiwans. Laut der CIA plant China weder, 2027 Taiwan anzugreifen, noch hat China überhaupt einen festen Zeitplan für eine „Wiedervereinigung“.

Am liebsten will die chinesische Regierung Taiwan mit nichtmilitärischen Methoden von einer „Wiedervereinigung“ überzeugen oder sie notfalls erzwingen.

China will Taiwan zermürben⬆ nach oben

„China versucht, Taiwan durch politische Einflussnahme von einer friedlichen Vereinigung zu überzeugen“, sagt Eva Seiwert. Ein Werkzeug dafür: Gangster der chinesischen Mafia, die Peking nach Taiwan schickt. Dort sollen sie für die „Wiedervereinigung mit dem Mutterland“ werben, durch Lobbyarbeit oder die Gründung von pro-chinesischen Parteien. Und China lädt taiwanesische Politiker:innen ein, zuletzt Cheng Li-wun, Vorsitzende der Kuomintang-Partei (KMT). Die KMT wirbt traditionell für engere Beziehungen Taiwans mit China.

Zusätzlich hat China ein ganzes Register an Taktiken: Cyberattacken, Militärübungen in der Taiwanstraße, Durchtrennen der Unterseekabel, die Taiwan mit dem Internet verbinden. China setzt die taiwanesische Regierung mit Desinformationskampagnen unter Druck und isoliert Taiwan, indem es Druck auf Staaten ausübt, die Kontakte zu Taiwan pflegen. Die letzte Eskalationsstufe wäre eine Blockade der Insel, bei der China Taiwan von allen Seiten einkreist und den Zugang zur Insel kontrolliert.

2025 hat China 2,63 Millionen Cyberattacken auf Taiwans Infrastruktur gestartet. Nicht im ganzen Jahr. Sondern täglich. Taiwan hat heute nur noch zwölf offizielle diplomatische Verbündete, darunter Eswatini, Tuvalu und den Vatikan, nicht gerade geopolitische Schwergewichte. Taiwans Wirtschaft und Politik stehen durch Chinas Provokationen unter Druck. Regierung und Opposition streiten über die Sicherheitspolitik und den Dialog mit Peking. Nur mit Mühe konnte Präsident Lai Ching-te Anfang Mai ein Verteidigungspaket durch das Parlament bringen. Und seit Trumps Amtsantritt ist unklar, ob die USA Taiwan weiterhin unterstützen.

Aber ganz so leicht ist das nicht

In die Knie zwingen konnte China Taiwan bisher trotzdem nicht. Taiwans Cyberabwehr ist mittlerweile so gut, dass auch Deutschland und die EU von ihr lernen wollen, sagt Eva Seiwert. Und auch in näherer Zukunft sieht es nicht so aus, als ob Taiwan seine Unabhängigkeit freiwillig aufgibt. Nur rund ein Prozent der Taiwaner:innen wünscht sich eine sofortige Wiedervereinigung. Eine überwältigende Mehrheit will entweder die taiwanesische Unabhängigkeit oder die Beibehaltung des Status quo. Das zeigt eine regelmäßige Befragung der National Chengchi Universität in Taiwan.

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Auch in der Nachbarschaft wird es für China ungemütlicher. Japans Premierministerin Sanae Takaichi provozierte Peking gleich nach ihrem Amtsantritt im November 2025: Bei einem Angriff auf Taiwan, sagte sie, könne Japan militärisch eingreifen. Die chinesisch-japanischen Beziehungen liegen seitdem auf Eis. So offen hat sich in der Region lange niemand mehr auf Taiwans Seite gestellt.

Über Taiwan und China nachzudenken, erfordert viele Wenns und Abers. Die Zukunft des Konfliktes kann niemand zu hundertprozentig voraussehen. Auf eines allerdings kann sich Taiwan immer verlassen: dass Misstrauen und Korruption Chinas Schlagfähigkeit untergraben. In der Zentralen Militärkommission, die die nationale Verteidigungspolitik bestimmt, tobt derzeit ein Machtkampf, Xi Jinping hat fast alle Generäle gefeuert. Auch jene, die in ihrem Dienst in Küstenprovinzen nahe Taiwan wertvolles Wissen ansammeln konnten. Von ehemals sieben Mitgliedern sind in der Kommission heute noch zwei übrig: ein Loyalist von Xi Jinping und Xi selbst.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert

Warum sich Xi Jinping nicht traut, Taiwan anzugreifen

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