Letzten Sommer nahm eine ukrainische Truppe eine russische Stellung ein, nur mit Robotern und Drohnen. Zuerst zerstörte ein Boden-Kamikaze-Roboter den Eingang der russischen Stellung. Als sich ein zweiter Roboter näherte, ergaben sich die zwei russischen Soldaten. Danach wurden sie von Drohnen zur ukrainischen Stellung eskortiert, wo sie gefangen genommen wurden.
So erzählte es Mykola Sinkewytsch, der für diesen Einsatz verantwortliche Kommandeur, dem Nachrichtenportal Politico. Soweit bekannt, war das eine Weltpremiere. Nie zuvor hatten sich menschliche Soldaten Robotern ergeben.
Die Anekdote steht für etwas Größeres. Zum ersten Mal seit drei Jahren erzielt die Ukraine wieder Erfolge auf dem Schlachtfeld, die über einzelne kleine Momente hinausgehen.
„Die Verschiebung des Kräfteverhältnisses auf dem Schlachtfeld ist deutlich zu erkennen“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, nachdem die Ukraine Mitte Mai mehrere Drohnenangriffe auf Moskau gestartet hatte.
Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte: „Heute reden viele von einer entscheidenden Phase des Krieges, möglicherweise zugunsten der Ukraine.“ Das war Anfang Mai in der Ukraine, bei einem Besuch, bei dem es auch darum ging, was Deutschland von der Ukraine in Sachen Drohnen lernen kann.
Wer den Krieg gewinnt, ist nach wie vor unmöglich zu beantworten. Auch, weil es davon abhängt, wie man „gewinnen“ definiert. Doch es gibt mehrere Faktoren, die dazu geführt haben, dass die Ukraine aktuell besser dasteht, als es viele noch vor einem Jahr vermutet hätten.
Russland kommt so schnell voran wie eine Schnecke⬆ nach oben
Der Russland-Ukraine-Krieg lässt sich von zwei Seiten betrachten. Einmal von der ukrainischen Perspektive: Da läuft vieles schlecht. Und einmal von der russischen: Da läuft es ebenfalls schlecht. Das ist wichtig: Nur weil die Ukraine Probleme hat, beispielsweise bei der Mobilisierung, heißt das nicht, dass Russland automatisch gewinnt.
Russische Truppen besetzen aktuell 19,4 Prozent des ukrainischen Staatsgebietes. Seit Ende 2022, als die Ukraine viele Gebiete zurückeroberte, hat Russland nur noch 1,5 Prozent mehr ukrainisches Gebiet erobert. In dreieinhalb Jahren. In einer Analyse des Institutes for the Study of War (ISW) heißt es: „Der angeblich unaufhaltsame Siegeszug von Präsident Wladimir Putin verläuft, wie andere bereits angemerkt haben, langsamer als im Schneckentempo.“
Ende 2022 hatte die Ukraine viele Gebiete zurückerobert. Seither hat Russland nur noch 1,5 Prozent ukrainisches Gebiet hinzuerobert. | Institute for the Study of War, März 2026
Insgesamt kontrolliert Russland heute weniger ukrainisches Territorium als noch im März 2022. In einer aktuellen Analyse kommt das ISW zu dem Schluss, dass Russland im April nicht nur keine Fortschritte machte, sondern sogar knapp 100 Quadratkilometer ukrainisches Territorium verlor.
Das ist noch keine Trendwende, kein Signal für einen Sieg der Ukraine. In jeder Schlacht und jedem Krieg gibt es Phasen, in denen es mal für die eine, mal für die andere Seite gut läuft. Trotzdem zeigt sich gerade ein klarer Trend: Wladimir Putin bekommt innenpolitisch immer größere Probleme, für ihn ist die Situation so gefährlich wie seit Jahren nicht mehr. Und die Ukraine steht besser da, als es lange der Fall war. Wie hat sie das geschafft? Natürlich spielen Drohnen eine Rolle. Und Satelliten.
Drohnen geben der Ukraine eine Fähigkeit, die ihr der Westen verwehrt hatte⬆ nach oben
Der Krieg ist heute nicht mehr der gleiche wie 2022. Drohnen dominieren das Schlachtfeld: Sie liefern Wasser und Nahrungsmittel, suchen Gebiete ab oder töten Soldat:innen. 80 Prozent der Opfer auf beiden Seiten, also Tote und Verletzte, werden durch Drohnen verursacht.
Vor allem in einem Bereich hat sich in den vergangenen Monaten etwas verändert: bei Schlägen mittlerer Reichweite. Es geht um eine Distanz von etwa 20 bis 200 Kilometern, bei der HIMARS für die Ukraine sehr wichtig war, ein amerikanisches Artilleriesystem. Allerdings war HIMARS teuer und anfällig für russische Störsignale.
Jetzt setzt die Ukraine auf billigere und in Serie produzierte Mittelstreckendrohnen, zum Beispiel „Hornet“, auf Deutsch „Hornisse“. Diese Drohnen können den Bereich hinter der Front angreifen, also Munitionsdepots, Treibstofflager oder Fahrzeuge, die auf dem Weg zur Front sind. Bei Waffen, die von westlichen Verbündeten geliefert werden, muss sich die Ukraine zurückhalten, darf beispielsweise keine tief in Russland liegenden Ziele angreifen. Mit selbst gebauten Drohnen ist das anders.
Ein HIMARS-System kostet übrigens fünf Millionen US-Dollar. Eine Hornet-Drohne 6.000 US-Dollar.
Auch bei Angriffen über große Distanzen, sogenannten Deep Strikes, hat die Ukraine in den vergangenen Monaten Fortschritte gemacht. Angriffe auf Städte wie Moskau, Perm, Tuapse oder Nischni Nowgorod, alle nicht gerade in der Nähe der Front, kommen inzwischen regelmäßig vor. Die Ukraine greift meistens Öl-Infrastruktur an. Nach Erkenntnissen der Nachrichtenagentur Reuters musste Russland im April seine Ölproduktion um 300.000 bis 400.000 Barrel pro Tag reduzieren, so viel wie seit der Coronapandemie nicht mehr.
Ein wichtiger Gradmesser für die aktuelle Lage im Russland-Ukraine-Krieg sind russische Kriegsblogger. Sie sind vor Ort und kritisieren die russische Armee aus der Perspektive heraus, dass sie gegen die Ukraine gewinnen will. Anders als die offizielle Propaganda sprechen sie Schwächen der russischen Armee offen an, und das macht es interessant. So wie Alexander Chartschenko, der Anfang April auf Telegram von einem „qualitativen Sprung bei den ukrainischen Drohnen“ schrieb. Alles, was fliegen und Fahrzeuge treffen könne, setze die Ukraine sofort an der Front ein. Dmitrij Steschin, ein russischer regimetreuer Kriegsreporter, warnte in seinem Telegram-Kanal vor einem „Ende der Logistik“ in den kommenden Monaten, wenn Russland keine Maßnahmen gegen die ukrainischen Drohnen ergreife.
Umgangssprachlich würde man „Roboter“ dazu sagen: Ein UGV (Unmanned Ground Vehicle) rollt durch Kostjantyniwka, im Osten der Ukraine. | Libkos/Getty Images
Gleichzeitig wird die Ukraine besser darin, russische Drohnen abzufangen. Russland greift die zivile Infrastruktur immer noch regelmäßig an. Doch gegen genau solche Angriffe kann sich die Ukraine nun besser zur Wehr setzen, mit sogenannten Interceptor-Drohnen.
Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums haben die ukrainischen Streitkräfte innerhalb von vier Monaten mehr als doppelt so viele Interceptor-Drohnen erhalten wie im gesamten vergangenen Jahr. Im März zerstörten Interceptor-Drohnen 33.000 angreifende Drohnen.
Diese rasanten Entwicklungen bei Drohnentechnologie führen dazu, dass die Ukraine immer weniger als Bittstellerin auftritt. Als der deutsche Verteidigungsminister Pistorius Anfang Mai die Ukraine besuchte, kündigten er und Selenskyj ein deutsch-ukrainisches Drohnenprogramm an. Pistorius sagte über die Ukraine: „Sie sind nicht länger nur ein Konsument von Sicherheit, sondern sie stellen Sicherheit bereit.“
Und dann gibt es noch einen weiteren, sehr wichtigen Faktor für den kürzlichen Erfolg der Ukraine. Und der hat mit Elon Musk zu tun. Die ukrainische Armee nutzt Starlink, ein Satellitensystem von Musks Unternehmen SpaceX, das für zuverlässiges Internet sorgt, auch in entlegenen Gebieten. Das ist wichtig für die Kommunikation und die Steuerung von Drohnen. Da aber auch die russischen Einheiten Starlink nutzten, brachte das den Ukrainern keinen Vorteil – bis zum Januar dieses Jahres.
Da bekam die Ukraine einen neuen Verteidigungsminister: Mychajlo Fedorow, ein IT-Experte, der zuvor Minister für digitale Transformation war. Fedorow hat einen guten Draht zum Milliardär Musk. Denn Musk ließ tatsächlich Starlink für die russische Armee abschalten, nachdem ihn Fedorow darum gebeten hatte.
Worauf es jetzt ankommt⬆ nach oben
Auch wenn die Ukraine Erfolge hatte, ist das Land immer noch im Krieg. Besonders euphorisch ist dort also niemand. Das wird deutlich, als ich mit Francis Farrell spreche, Reporter bei der ukrainischen Zeitung Kyiv Independent. Farrell lebt seit 2022 in der Ukraine und berichtet regelmäßig über den Krieg. Auch wenn die Ukraine es schafft, mehr Drohnen abzufangen, richten die Drohnen und Raketen, die durchkommen, enormen Schaden an. So wie am 13. und 14. Mai, als ein Wohnhaus in Kyjiw einstürzte und 24 Menschen starben. „Das ist eine Terrorattacke, an die man sich in einem anderen Land für Generationen erinnern würde, aber hier ist es einfach nur ein Dienstag“, sagt Farrell.
Der Krieg ist immer noch ein Abnutzungskrieg, bei dem sehr viele Soldat:innen sterben. Die Verluste sind auf russischer Seite deutlich höher als auf ukrainischer Seite. Das Verhältnis liegt bei etwa 2:1 oder 2,5:1. Auf jede:n tote:n oder verwundete:n Ukrainer:in kommen also mindestens zwei tote oder verwundete Russ:innen.
Aber Russland ist eine Autokratie und kann es sich deswegen leisten, mehr Menschen in den Tod zu schicken, ohne dass es die Stabilität des Landes gefährdet. Die Ukraine dagegen hat große Probleme, neue Soldat:innen zu rekrutieren, und die Fragen der Kriegsmobilisierung führen zu Konflikten in der ukrainischen Gesellschaft.
Die kommenden Sommermonate werden wichtig: Schafft es Russland, doch noch weiter vorzurücken? Kann die Ukraine genug Soldat:innen rekrutieren? „Ich denke, inzwischen ist es nicht mal mehr ein Abnutzungskrieg, sondern ein Erschöpfungskrieg“, sagt Farrell.
Seiner Einschätzung nach kommt es darauf an, ob die Ukraine sich weiterhin verteidigen und gleichzeitig die Kosten des Krieges für Russland erhöhen kann. Je stärker die Position der Ukraine auf dem Schlachtfeld sei, „desto eher können sie auf Bedingungen drängen, die einem gerechten und sicheren Frieden näherkommen.“
Ein erster Schritt, so sieht es Farrell, wäre zuerst einmal ein Waffenstillstand. Wenn sich Russland wirklich daran halte, könne man verhandeln. Allerdings kämen bestimmte Dinge nicht in Frage, wie beispielsweise Russland ukrainisches Territorium zu überlassen, das es noch nicht einmal besetzt habe. Bei einem kurzfristigen Sieg für die Ukraine gehe es nicht einmal darum, Gebiete zurückzuerobern, sondern darum, „Russlands Überzeugung zu brechen, dass es die Ukraine zerbrechen kann.“
Entschieden ist jedenfalls noch lange nichts, weder für die Ukraine, noch für Russland.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey