An einem Morgen im April dieses Jahres schlug eine Drohne in einem Hafen ein. Das ist in diesem Fall keine alltägliche Nachricht aus dem fünften Jahr des russisch-ukrainischen Krieges. Denn die Drohne traf die russische Stadt Tuapse. Die ukrainische Armee griff die strategisch wichtige Stadt mehrmals an und traf die dortige Ölraffinerie und das Ölterminal.
Der Angriff ist ein gutes Symbol für eine neue Dynamik im Krieg. Zu Beginn konnte die Ukraine auf die Bombenangriffe Russlands kaum antworten. Sie hatte keine Raketen und Drohnen, um Russland tief im eigenen Hinterland zu treffen. Inzwischen schickt sie mehr Drohnen nach Russland als umgekehrt. „Das Öl regnet buchstäblich vom Himmel“, sagte eine freiwillige Helferin dem US-amerikanischen Fernsehsender CNN.
Das ist ein Ort, ein O-Ton, eine Anekdote. Aber in ganz Russland passiert gerade etwas. Rapper äußern Kritik, Bloggerinnen fragen, ob das Land ein zweites Nordkorea wird und Putin verkriecht sich immer öfter in seinem Bunker.
Es sind viele kleine Dinge, die für sich genommen noch nichts bedeuten müssen, zusammen aber ein deutliches Bild ergeben: In Russland geht etwas vor sich. Und für Putin ist die Situation so gefährlich wie schon lange nicht mehr.
Erstens: Kein Internet, kein Telegram⬆ nach oben
„Gehen wir nicht gerade mit großen Schritten in Richtung Nordkorea?“, schrieb die russische Moderatorin und Bloggerin Ljora Kudrjawzewa vergangenen September in der Messenger-App Telegram. Sprach da eine Regimekritikerin? Überhaupt nicht. Aber sie war empört: über die Blockade von Messengern, schlechtes Internet und höhere Steuern für Selbstständige. Der Post ist inzwischen gelöscht.
Er steht für eine interessante Entwicklung in Russland. Seit April dieses Jahres ist die Messenger-App Telegram fast vollständig blockiert. Der Messenger ist im Land ähnlich beliebt wie Whatsapp in Deutschland. Er bot die Möglichkeit, Nachrichten zu lesen, Dinge zu verkaufen oder mit Verwandten in Kontakt zu bleiben. Selbst die „Z-Blogger“, die den Krieg gegen die Ukraine unterstützen, nutzten vor allem Telegram-Kanäle, um ihre Botschaften zu verbreiten. Mit der Blockade sind viele Russ:innen ganz und gar nicht zufrieden.
„Propagandisten und Ultra-Patrioten schreiben Texte voller Frustration und Enttäuschung und wirken dabei ziemlich, ähm, oppositionell“, heißt es bei Meduza, einer russischen Exilzeitung. Meduza hat ein Spiel daraus gemacht und verschiedene Aussagen zur Telegram-Blockade gesammelt. Bei jedem Zitat müssen die Nutzer:innen raten, ob es eine oppositionelle oder eine regimenahe Person gesagt hat. (Ich habe den Test gemacht und bin bei fast jedem Zitat gescheitert.)
Dazu kommt, dass das Regime immer häufiger an verschiedenen Orten das mobile Internet einschränkt. Offiziell aus „Sicherheitsgründen“. Einige Langstreckendrohnen nutzen das lokale Mobilfunknetz, die russische Regierung will sich also gegen ukrainische Drohnenangriffe schützen. Die Folge sind Zustände, wie es sie heute an kaum einem Ort der Welt noch gibt: ein Alltag ohne Kartenzahlung, Taxi-App oder Videoanrufe von unterwegs. Allerdings schalten die Behörden das mobile Internet immer nur zeitweise und immer nur in bestimmten Regionen ab.
Zweitens: Putin sitzt im Bunker⬆ nach oben
Wladimir Putin gilt als paranoider Machthaber. Während der Pandemie gingen die Bilder um die Welt, auf denen er mit hochrangigen Gästen an einem sehr sehr langen Tisch sitzt, weil er Angst hatte, sich mit Corona anzustecken. Jetzt hat er nicht mehr Angst vor Viren, sondern vor Bomben und Drohnen.
Der Tisch ist so lang, dass man fast nicht erkennt, wer Putin gegenüber am anderen Ende sitzt: Olaf Scholz. | Anadolu/Kontributor/Kremlin Press Office/Handout
Laut eines geleakten Geheimdienstberichts arbeitet Putin ganze Wochen vom Bunker aus, wie CNN berichtete. Er verbringt keine Zeit mehr in seinen Residenzen in Moskau und Waldai und hat dieses Jahr auch keine militärische Einrichtung mehr besucht. Diejenigen, die eng mit ihm zusammenarbeiten, dürfen keine Handys mit Internetverbindung benutzen.
Seit Beginn des Großangriffs schafft es die Ukraine immer wieder, Personen in Russland zu töten, die mit dem Krieg in Verbindung stehen. Im Dezember starb der General Fanil Sarwarow in Moskau durch eine Autobombe. Der ukrainische Geheimdienst reklamierte den Anschlag für sich.
Drittens: Die Ukraine schlägt zurück⬆ nach oben
Das russische Verteidigungsministerium sagte, es habe im Dezember vergangenen Jahres 4.397 Drohnen abgeschossen, rund 141 am Tag. Diese Zahlen decken sich ungefähr mit den Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der vergangenen Oktober sagte, dass die Ukraine rund 150 Drohnen pro Tag gegen Russland startet. Die Zahlen sind erstmal mit Vorsicht zu genießen, denn beide Seiten könnten ein Interesse daran haben, diese Zahlen zu übertreiben.
Aber die ukrainische Zeitung Ukrajinska Prawda schreibt, dass sich diese Zahlen auch mit öffentlich verfügbaren Daten decken und sich insgesamt wichtige Entwicklungen daraus ablesen lassen.
In Tuapse, der Stadt mit der großen brennenden Ölraffinerie, beschwerten sich die Anwohner:innen über die Behörden. Die Anwohner:innen kämpfen gegen die Folgen des Angriffs, reinigen den Strand oder versuchen, Vögel vom Öl zu befreien.
Sergej, ein Anwohner von Tuapse, sagte dem russischen Journalisten Ilja Warlamow, dass vor allem Freiwillige gegen die Folgen der Katastrophe kämpften: „Die Behörden machen praktisch gar nichts.“ Außerdem gibt es Berichte, dass die Polizei nach Menschen sucht, die Fotos von der Katastrophe machen oder in den sozialen Medien posten.
Regimetreue Medien wiederum versuchen, das Gegenteil zu beweisen. In diesem Text der Komsomolskaja Prawda kommt eine freiwillige Helferin zu Wort, die sich über das negative Bild ärgert, das von ihrer Stadt verbreitet wird. Überschrift: „Bitte schreiben Sie, dass in Tuapse alles in Ordnung ist!“
„Putin ist kein Superman mehr, der die Interessen der einfachen Leute verteidigt“, schreibt der Publizist Alexander Baunov in einem vernichtenden Essay über die Stimmung in Russland, „er fürchtet Drohnen und das Internet mehr als ein einfacher Mensch.“
Viertens: Die Kritik der Nicht-Kritiker⬆ nach oben
Sie wolle eine Ansprache für den Präsidenten von Russland aufzeichnen, sagt Victoria Bonya in einem Video auf Instagram. Die russische Influencerin sitzt in einem Zimmer mit gedimmtem Licht. Sie trägt eine Bluse und schaut ernst in die Kamera. „Wladimir Wladimirowitsch“, spricht sie Putin mit seinem Vor- und Vatersnamen an, „die Menschen haben Angst vor Ihnen!“
Was folgt, ist eine Abrechnung mit den Dingen, die ihrer Ansicht nach in Russland schieflaufen: eine Flut in der Region Dagestan, Ölverschmutzung am Schwarzen Meer in Südrussland, Tierkeulungen in Sibirien, die Belastung von kleinen Firmen und die Blockade von Messengern. „Wir verbieten, verbieten und verbieten. Ich habe das Gefühl, dass wir schon nicht mehr in einem freien Land leben.“
Das Video hat inzwischen eineinhalb Millionen Likes und mehr als 30 Millionen Aufrufe. Bonya landete mit ihrer Ansprache in den internationalen Schlagzeilen. Allerdings ist es nicht das Video einer regimekritischen Russin, die Putin ablehnt oder gar gegen den Krieg gegen die Ukraine ist. Es ist viel komplizierter, und gerade das macht ihr Video so interessant.
https://www.instagram.com/reel/DXFiPlrCBdS/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==
Bonya sagt in dem Video nämlich auch, dass sie ihr Land liebt und Putin unterstützt. „Wir halten Sie für einen sehr starken, mächtigen Präsidenten.“ Aber Putin wisse vieles einfach nicht, deshalb nehme sie das Video auf. Das ist ein in Russland seit vielen Jahren gängiges Narrativ: Der großartige Präsident ist großartig, nur leider weiß er einfach nicht, dass es ziemlich unpraktisch ist, wenn man kein mobiles Internet mehr hat und dass ukrainische Drohnenschläge zu einer Ölkatastrophe im Schwarzen Meer geführt haben.
Es ist natürlich naiv, so zu denken. Allerdings kritisieren nun Menschen Putin und sein Regime, die ihn grundsätzlich gut finden. Sogar der Kremlsprecher Dmitri Peskow kommentierte das Video der Influencerin und sagte, dass an den Themen gearbeitet werde.
Ein aktueller Song des Rappers Guf geht in eine ähnliche Richtung, nur hat er international weniger Aufmerksamkeit bekommen. In dem Track namens „Nebel“ gibt es folgende Zeilen:
So seltsam, ich will, dass alles normal ist
Einfach nur, dass keine Kugeln über dem Kopf fliegen
Ich träume davon, dass das alles aufhört
In einer anderen Strophe heißt es, dass es früher nicht so viele Blaulichter in der Stadt gegeben habe, was die Menschen beunruhige. Aber auch der Rapper Guf hält sich insgesamt mit seiner Kritik zurück. In einer weiteren Strophe äußert er sich abfällig über Menschen, die aus Russland ausgereist sind. Außerdem gibt es mehrere positive Referenzen zur Sowjetunion.
Lieder wie das von Guf oder Videos wie das der Influencerin Bonya könnten Anzeichen dafür sein, dass die russische Bevölkerung unzufriedener wird. Hier geht es nicht um diejenigen, die den Angriff auf die Ukraine verurteilen, schon die Annexion der Krim kritisierten oder sich seit vielen Jahren gegen das Regime einsetzen. Hier geht es um diejenigen, die mit dem Krieg gegen die Ukraine leben konnten, solange sie selbst nicht allzu viel davon mitbekamen.
Putins Zustimmungsrate nahm in den vergangenen Monaten leicht ab. Im März 2022, also kurz nach der Vollinvasion der Ukraine, gaben in einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada 83 Prozent der Befragten an, das Handeln von Putin zu befürworten. Heute stimmen noch 79 Prozent zu.
Wie viel kann Putin seiner Bevölkerung zumuten? Diese Frage beantwortet er in Zukunft vielleicht anders.
Fazit: Was das für das Regime in Russland bedeutet⬆ nach oben
Autoritäre Regime mögen stabil und unantastbar wirken, bis sie ganz plötzlich wackeln oder fallen und manchmal dann doch bestehen bleiben. Der Putschversuch des Milizionärs Jewgeni Prigoschin im Jahr 2023 ist ein gutes Beispiel dafür.
Gleichzeitig ist es wichtig, nicht in Wunschdenken zu verfallen. „Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was wir wirklich sehen und dem, was wir sehen wollen“, sagt mir die Politikwissenschaftlerin Irina Busygina vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien.
Busygina sieht in all den Puzzlestücken keine Anzeichen für einen Kollaps des Regimes, denn dieses könne sich an viele Umstände anpassen. „Russland kann mit einer Menge von Problemen leben“, sagt sie. Aber sie sagt auch: Die Probleme können sich aufstauen. „Kurzfristig sind diese Entwicklungen nicht kritisch für das Regime. Aber sie können langfristig kritisch werden.“
Für Busygina sind noch zwei Dinge wichtig. Erstens: Im Herbst sind Parlamentswahlen in Russland. Zwar steht das Ergebnis schon fest (Putins Partei „Einiges Russland“ wird gewinnen), aber interessant wird, wie die Partei im Wahlkampf die Zukunft des Krieges gegen die Ukraine darstellt. „Wenn Einiges Russland es nicht schafft, eine attraktive Vision für die Zukunft zu präsentieren, könnte das ein weiterer Faktor sein, der Unzufriedenheit hervorruft.“
Zweitens: Was passiert in den abgelegenen Regionen, die von Moskau aus schwerer zu kontrollieren sind? Bleiben die Gouverneure Putin treu? „Das könnte ebenfalls eine potenzielle Quelle für Spannungen für das Putin-Regime sein“, sagt Busygina.
Wie akut die russische Regierung gerade unter Druck steht, zeigte jedenfalls der 9. Mai, den Putin gerne besonders pompös feiert. Es ist der Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland, an dem Russland normalerweise seine ganze militärische Stärke präsentiert. Dieses Jahr allerdings fuhren keine Panzer und Raketenwerfer über den Roten Platz – aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen.
Selenskyj erlaubte sich einen Scherz und unterschrieb eine „Erlaubnis“ für die Parade in Moskau. In dem Erlass standen die Koordinaten für den Roten Platz in Moskau, die das ukrainische Militär von Drohnenangriffen ausnehmen sollte.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey