Ein riesiges Industrieareal in Tatarstan, einer Region in Zentralrussland, ist berüchtigt für seine zentrale Rolle in Russlands Krieg gegen die Ukraine.
Das Areal, bekannt als Sonderwirtschaftszone Alabuga, ist Russlands Hauptproduktionsstätte für sogenannte Shaheds, Langstreckendrohnen, die Russland im Krieg gegen die Ukraine nutzt.
Die Produktionsstätte nahm ihren Betrieb mit Beginn der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 auf. Seitdem wurden hier Zehntausende dieser Drohnen gefertigt, die in Russland unter dem Namen „Geran“ bekannt sind.
Fast jede Nacht setzt das russische Militär Schwärme von Shahed-Drohnen gegen Ziele in der Ukraine ein. Ziele sind Energieanlagen, Züge, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Kindergärten und andere zivile Einrichtungen. Ein Großteil dieser Drohnen stammt aus Alabuga.
Diese Übersetzung hat Isolde Ruhdorfer ausgewählt
Dieser Text ist Teil einer Kooperation mit der ukrainischen Zeitung The Kyiv Independent. Für mich ist der Kyiv Independent eines der wichtigsten Medien, wenn ich Nachrichten aus und über die Ukraine brauche. Kein anderes Medium schreibt so ausdauernd und informativ über das Land und den Krieg, immer mit einem europäischen Bezug. Investigative Recherchen wie diese haben selten Platz in anderen deutschen Medien. Deshalb freue ich mich sehr, dass ich diesen Text für euch übersetzen und auf die Seite holen durfte.
Die Technologie hinter der Shahed-Drohne lieferte Iran: Der entsprechende Deal wurde direkt von der Verwaltungsgesellschaft der Sonderwirtschaftszone abgewickelt, wie aus geleakten E-Mails des iranischen Unternehmens Sahara Thunder hervorgeht. Ausgewertet wurden diese von der in Washington ansässigen Organisation C4ADS, die sich mit illegalen Netzwerken und globalen Konflikten beschäftigt.
Das Ungewöhnliche an dieser Produktionsstätte: Russische Waffenlieferanten produzieren hier Seite an Seite mit westlichen Unternehmen.
Deutsche Decken und Rohrsysteme, Schweizer Kunststoffe, belgische Hygieneartikel und amerikanische feuerfeste Keramik werden in der Sonderwirtschaftszone Alabuga nach wie vor hergestellt – ebenso wie russische Militärdrohnen.
Die westlichen Firmen haben ihren Betrieb in Alabuga lange vor Kriegsbeginn aufgenommen, angelockt von den steuerlichen Vorteilen der Wirtschaftszone.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 kündigten einige zwar ihren Rückzug an, zudem verhängten Behörden aus der EU und den USA Sanktionen gegen die Alabuga-Zone und ihre Führung.
Nach den letzten EU-Sanktionen hätten europäische Unternehmen die Alabuga-Sonderwirtschaftszone eigentlich bis zum 25. Januar 2026 verlassen müssen. Recherchen des Kyiv Independent zeigen jedoch, dass einige Firmen auch danach vor Ort geblieben sind.
Demnach sind im Jahr 2026 weiterhin ein US-amerikanisches sowie sechs europäische Unternehmen in Alabuga aktiv. Im Jahr 2025 waren dort noch zwei weitere europäische Unternehmen tätig, bis der Kreml die Kontrolle über deren russische Tochtergesellschaften übernahm.
Ihre in Alabuga ansässigen Einheiten zahlten im vergangenen Jahr mehr als 34 Millionen US-Dollar an Steuern und trugen damit indirekt zur Finanzierung des russischen Militärhaushalts im Krieg gegen die Ukraine bei.
Auf die Frage, warum sie weiter in Alabuga aktiv seien, reagierten die westlichen Unternehmen ausweichend, obwohl die Umgehung von Sanktionen strafbar ist.
Der Kyiv Independent fand zudem heraus, dass das russische Management von mindestens einem der europäischen Unternehmen das russische Militär im Krieg gegen die Ukraine offen unterstützte.
Ein belgisches Unternehmen dankt russischen Soldaten⬆ nach oben
Andrej Pawlow, der die russische Staatsbürgerschaft hat, ist seit 13 Jahren Leiter von zwei in Russland tätigen Werken des belgischen Herstellers Drylock Technologies. Eines davon ist in der Alabuga-Sonderwirtschaftszone.
Das belgische Unternehmen für Hygieneprodukte hat Russland nicht verlassen; seine russische Tochterfirma Drylock Technologies ist auch im fünften Jahr der Vollinvasion immer noch in der Alabuga-Sonderwirtschaftszone ansässig.
Doch das belgische Unternehmen unterhält nicht nur weiterhin Produktionsstätten in Russland, sondern baut seine Produktionsstätten in Russland noch weiter aus.
Ende 2023 kündigte der CEO von Drylock in Russland, Andrej Pawlow, in seiner Neujahrsansprache an die Mitarbeiter öffentlich eine Expansion an und berichtet seitdem jährlich über die Umsetzung dieser Pläne.
Während die Leitung der Sonderwirtschaftszone Alabuga (SEZ) die Produktion von Langstreckendrohnen rund um Industrieanlagen westlicher Unternehmen ausweitete, installierte Drylock Technologies dort eine neue Produktionslinie und errichtete ein Lager. In dem russischen sozialen Netzwerk VKontakte teilte das Unternehmen ein Bild mit neuer Ausrüstung, die 2025 an das Werk in Alabuga geliefert wurde.
Screenshot eines Posts der russischen Tochterfirma von Drylock Technologies. Der Beitrag wurde automatisch aus dem Russischen übersetzt. | VKontakte-Seite von Drylock Technologies; Collage: Irynka Hromotska/Kyiv Independent
Satellitenbilder des Standorts von Drylock Technologies zeigen zwei neue Gebäude. | Satellitenbilder: Google Earth; Collage: Irynka Hromotska/Kyiv Independent
Dieses stetige Wachstum war nicht die einzige Veränderung. Ein weiterer Aspekt der aktuellen Präsenz westlicher Unternehmen in Russland ist, dass einige Firmen Mitarbeiter haben, die am russischen Krieg gegen die Ukraine teilnehmen, und Drylock Technologies ist da keine Ausnahme.
Der Leiter der russischen Werke des belgischen Unternehmens Drylock Technologies dankte den Mitarbeitern der Firma, die sich der russischen Armee angeschlossen haben und gegen Ukrainer:innen gekämpft haben.
„Heute möchte ich unseren Jungs danken, die sich gerade an der Front befinden. Ich wünsche ihnen, dass sie sich bald wieder ihren Pflichten und Aufgaben aus Friedenszeiten widmen können. Ihr macht einen tollen Job für dieses Land, wir sind stolz auf euch!“, schrieb Andrej Pawlow in einem Statement auf der Social-Media-Seite des Unternehmens im Februar 2026.
Um russischen Patriotismus im Rahmen der russischen Invasion im Nachbarland zu fördern, richtete die russische Niederlassung des belgischen Unternehmens Drylock Technologies auf ihrer Seite im russischen sozialen Netzwerk VKontakte einen eigenen Bereich ein, in dem Geschichten über Teilnehmer des Krieges gegen die Ukraine vorgestellt werden.
Links: der Screenshot des Beitrags von Andrej Pawlow, in dem er sich beim russischen Militär bedankt. Rechts: ein Screenshot, der einen Mitarbeiter zeigt, der gegen die Ukraine kämpft. Beiträge automatisch aus dem Russischen übersetzt. | Posts: Drylock Technologies VKontakte Seite; Collage: Irynka Hromotska/Kyiv Independent
„Wir haben beschlossen, den Familien unserer SVO-Teilnehmer einen eigenen Bereich zu widmen, in dem wir sie euch vorstellen!“, kündigte die russische Drylock Technologies-Niederlassung im Juni 2024 an.
In dem Post sprach das belgische Unternehmen über seinen Mitarbeiter Alexander Schebuchow, der seit Oktober 2022 in der von Russland besetzten ukrainischen Stadt Donezk gegen die Ukraine kämpft.
„Bereits bei meiner Ankunft verspürte ich Patriotismus und die Zuversicht, dass alle gestellten Aufgaben auf hohem Niveau erfüllt werden würden“, zitierte das Unternehmen seinen Mitarbeiter.
„Ich war immer schon dazu bereit, mein Heimatland und seine Interessen zu verteidigen“, sagte Schebuchow in dem Unternehmenspost, ohne dass erwähnt wurde, dass Russland sich nicht verteidigt, sondern eine Invasion gestartet hat.
Der Unternehmenspost endet mit einem weiteren Zitat von Schebuchow: „Ich wünsche mir jetzt wirklich, dass der patriotische Geist in unserer Gesellschaft wächst“, sagt er.
Das belgische Unternehmen Drylock Technologies sowie sein CEO Bart van Malderen haben auf Anfragen des Kyiv Independent nicht geantwortet.
Eine Reaktion gab es jedoch.
Nachdem der Kyiv Independent das belgische Unternehmen kontaktiert und seine Erkenntnisse geteilt hatte, löschte dessen russische Tochtergesellschaft alle Posts, die das russische Militär unterstützten, vermutlich in dem Versuch, ihre pro-kriegerischen Aktivitäten zu verbergen.
Im Zentrum der Waffenproduktion⬆ nach oben
Drylock Technologies ist nicht das einzige westliche Unternehmen, das weiterhin in Russland Seite an Seite mit Unternehmen produziert, die Langstreckendrohnen herstellen, mit denen täglich zivile Infrastruktur in der Ukraine attackiert wird.
Eine Reihe weiterer Unternehmen, darunter die Niederlassungen von drei deutschen Herstellern, SARIA (Verarbeitung tierischer Nebenprodukte), Knauf (Deckenproduktion) und RMA (Rohr-Ausrüstung), sowie das US-amerikanische Unternehmen Allied Mineral Products (feuerfeste Materialien) sind während der Jahre von Russlands umfassender Invasion der Ukraine weiterhin in der Sonderwirtschaftszone Alabuga tätig geblieben.
Der französische Glashersteller Saint-Gobain, der eine Minderheitsbeteiligung an einem Joint Venture mit dem türkischen Hersteller Şişecam mit Sitz in Alabuga hält, hat ebenfalls keinen Rückzug angekündigt. Stattdessen versprach Saint-Gobain lediglich, Investitionen zu stoppen, Exporte und Importe auszusetzen und seine lokalen Aktivitäten in Russland im „autonomen Modus“ fortzusetzen.
Die russische Tochtergesellschaft der Swiss EFTEC AG, die Beschichtungen für die Automobilindustrie herstellt, ist zwar nicht in der Sonderwirtschaftszone Alabuga ansässig, ist jedoch weiterhin in der Nähe in einem Industriegelände in der Stadt Jelabuga tätig.
Der dänische Mineralwollehersteller Rockwool Group betrieb seine russische Fabrik in der Sonderwirtschaftszone Alabuga sowie drei weitere Werke in Russland bis Januar 2026 weiter. Am letzten Tag des Jahres 2025 stellte der russische Präsident Wladimir Putin die lokalen Vermögenswerte des dänischen Unternehmens Rockwool Group zwangsweise unter die „vorübergehende Verwaltung“ eines russischen Unternehmens – eine Maßnahme, die Russland manchmal gegenüber lokalen Vermögenswerten von Firmen aus Ländern anwendet, die der Kreml als „unfreundlich“ einstuft.
Das französische Unternehmen Air Liquide, das Industriegase herstellt, ereilte das gleiche Schicksal. Im August 2025 unterstellte der Kreml Air Liquides russische Anlagen einer externen Verwaltung.
Zuvor hatte das französische Unternehmen seine russischen Fabriken so umgestellt, dass sie „autonom“ funktionierten, wobei es aber weiterhin Eigentümer blieb. Seit September 2022 erhielt Air Liquide keine Dividenden mehr aus seinen russischen Tochterfirmen, wie das Unternehmen in seiner Antwort gegenüber dem Kyiv Independent mitteilte.
Auf Grundlage der in Russland eingereichten Steuererklärungen für 2025 schätzte der Kyiv Independent, dass Tochtergesellschaften westlicher Unternehmen, die um die Produktionsanlagen russischer Langstreckendrohnen herum angesiedelt sind, im vierten Jahr von Russlands umfassendem Krieg gegen die Ukraine mehr als 34 Millionen US-Dollar an Steuern zum russischen Staatshaushalt beigetragen haben.
Luftaufnahme eines Teils der Sonderwirtschaftszone Alabuga, aufgenommen im Dezember 2024 | Nikita Maykov / Video Travel
Der Kyiv Independent hat die relevanten Produktionsstätten von Shahed-Drohnen mithilfe von Informanten aus Teilen des ukrainischen Militärs ermittelt, die die russische Drohnenproduktion in der Sonderwirtschaftszone Alabuga untersuchen.
„Sie haben ihre Drohnenproduktion direkt neben den Fabriken westlicher Unternehmen aufgezogen“, sagt ein ukrainischer Offizier, der aus Sicherheitsgründen um Anonymität gebeten hat.
Insgesamt deuten militärische Belege und Satellitenbilder darauf hin, dass während all der Jahre, in denen Russland Krieg gegen die Ukraine führte, in der Sonderwirtschaftszone Alabuga direkt neben Fabriken westlicher Hersteller Anlagen errichtet wurden, in denen russische Nachbauten der iranischen Shahed-Drohnen hergestellt wurden.
Zahlreiche Gebäude, die im Zusammenhang mit der Shahed-Drohnen-Produktion stehen, wurden seit 2022 rund um die Fabriken von Knauf, RMA und Allied Mineral Products herum erbaut.
Neben der Fabrik von Drylock Technologies hat das Unternehmen, das die russischen Drohnen herstellt, Schlafräume errichten lassen, in denen Tausende neue Arbeiter:innen unterkommen, die in der Drohnenproduktion tätig sind.
Andere europäische Fabriken befinden sich ebenfalls in der Nähe.
Das Satellitenbild zeigt, wie nahe sich die Produktionsstätten westlicher Firmen und russischer Shahed-Drohnen sind. | Nizar al-Rifai/Kyiv Independent
Einiges deutet darauf hin, dass europäische Hersteller vermutlich wussten, dass Russland in unmittelbarer Nähe ihrer Anlagen mit der Waffenproduktion begonnen hatte: die neu errichteten Gebäude, zahlreiche journalistische Recherchen zur lokalen Drohnenproduktion sowie ukrainische Drohnenangriffe in der Sonderwirtschaftszone Alabuga.
Diese Schlussfolgerung wird zudem dadurch untermauert, dass die Europäische Union und die Vereinigten Staaten Sanktionen in den Jahren 2023 bis 2025 verhängten, die sich gegen die juristische Person der Sonderwirtschaftszone, deren Führung sowie mehrere lokale Unternehmen richteten, die an der Drohnenproduktion beteiligt sind.
Seit dem 25. Januar 2026 ist es europäischen Unternehmen gemäß den im Oktober 2025 im Rahmen des 19. Sanktionspakets verabschiedeten Beschränkungen der Europäischen Union verboten, Eigentum oder Kontrolle an Firmen aufrechtzuerhalten, die in der Sonderwirtschaftszone Alabuga tätig sind.
„Die EU hat ihre Unternehmen verpflichtet, diese Sonderwirtschaftszone bis zum 25. Januar 2026 zu verlassen“, sagte Roman Steblivskyi, Direktor für Politik und Interessenvertretung beim Economic Security Council of Ukraine (ESCU).
Der EU-Sanktionsbeauftragte David O’Sullivan bestätigte in einer schriftlichen Antwort gegenüber dem Kyiv Independent, dass die Europäische Union die Fortführung bestehender Geschäftsbeziehungen in der Sonderwirtschaftszone Alabuga verboten hat und von allen Unternehmen mit EU-Bezug verlangt, sich bis zum 26. Januar 2026 aus entsprechenden Geschäften zurückzuziehen.
„Alabuga ist allgemein bekannt dafür, dass dort Shahed-Drohnen hergestellt werden, die von Russland intensiv in seiner Terrorkampagne gegen zivile Infrastruktur in der Ukraine eingesetzt wurden“, fügte David O’Sullivan hinzu.
„Es gibt einige Ausnahmen. Der Handel mit Öl, Gas und Metallen ist erlaubt, ebenso wie Aktivitäten, die für humanitäre Zwecke notwendig sind“, erklärte Steblivskyi. „Wenn ein Unternehmen jedoch nicht unter diese Ausnahmen fällt, sollte es diese Sonderwirtschaftszone verlassen.“
Die Produktion von Decken, Automobilkunststoffen oder Glas fällt nicht unter diese Ausnahmen, was darauf schließen lässt, dass die Unternehmen die Ausstiegsfrist der EU-Sanktionen schlicht ignoriert haben. Obwohl das Stichtagsdatum längst verstrichen ist, sind einige europäische Unternehmen immer noch dort.
Vage Rechtfertigungen⬆ nach oben
„Wir sind uns des Sanktionspakets bewusst, auf das Sie sich beziehen“, sagte Rasmus Windfeld, Leiter der Pressestelle von Rockwool Group, in einer Stellungnahme gegenüber dem Kyiv Independent am 13. Januar.
Nur zwei Wochen vor dem von der EU gesetzten Stichtag, an dem alle Tätigkeiten in der Alabuga-Sonderwirtschaftszone beendet sein mussten, schien es nicht so, als hätte Rockwool einen klaren Plan für sein Werk in Alabuga.
„Gemeinsam mit den dänischen Behörden und der Europäischen Union prüfen wir derzeit, welche Konsequenzen sich für uns ergeben könnten. Selbstverständlich halten wir uns an die geltenden Sanktionen, einschließlich derer im jüngsten Sanktionspaket“, fügte Rasmus Windfeld hinzu.
Am selben Tag, einige Stunden später, wurde klar, dass Rockwool Russland nicht mehr freiwillig verlassen können würde, da Wladimir Putin Rockwools russische Fabriken unter eine externe Verwaltung stellte.
„Rockwool bezeichnet dies als zweifellos rechtswidrig“, erklärte das Unternehmen in einer öffentlichen Stellungnahme.
Marina Potoker, damalige Geschäftsführerin von Rockwool in Russland, traf sich im Juni 2025 mit Alexander Drozdenko, Gouverneur des Gebiets Leningrad (rechts), um über „vielversprechende Projekte und neue Produkte“ zu sprechen. | Drozdenkos Telegram-Kanal
Obwohl das dänische Unternehmen formal Eigentümerin seiner Anteile an den russischen Tochterfirmen bleibt, werden diese derzeit von einer obskuren russischen Firma geführt. Im Februar verkündete der Leiter der externen Verwaltung, dass Rockwool angeboten wurde, seine russischen Vermögenswerte mit einem Preisnachlass von 60 Prozent zu verkaufen oder sie durch Verstaatlichung zu verlieren.
Kurze Zeit später spendeten die unter externer Verwaltung stehenden russischen Werke von Rockwool Group 600 Millionen Rubel (7,7 Millionen US-Dollar) an das russische Militär zur Beschaffung von Drohnen, Fahrzeugen, Systemen für elektronische Kriegsführung und Kommunikationsausrüstung.
Die neue Verwaltung kündigte außerdem die Wiederaufnahme der Lieferungen von Produkten von Rockwool Group an den russischen militärisch-industriellen Komplex an, die im Jahr 2022 ausgesetzt worden waren.
Im Gegensatz zu Rockwool konnten andere westliche Unternehmen Russland noch freiwillig verlassen und den EU-Sanktionen nachkommen.
„Die Knauf-Gruppe setzt ihren angekündigten Rückzug aus Russland weiterhin fort. Wir unternehmen alle verhältnismäßigen und umsetzbaren Maßnahmen, um zu einer Lösung zu gelangen, die den geltenden Sanktionen entspricht, während wir uns gleichzeitig in einem komplexen Umfeld bewegen“, teilte das deutsche Unternehmen am 20. Januar in einer schriftlichen Antwort an den Kyiv Independent mit.
Satellitenbilder und ein Foto des Leiters der Knauf-Tochterfirma in Alabuga deuten darauf hin, dass die Firma 2024 dort Bauarbeiten durchführte und wahrscheinlich ein neues Lagergebäude errichtete.
Links: ein Satellitenbild des Standorts von Juni 2024, rechts: der Geschäftsführer von Knauf Ceilings Solutions in Russland auf einer Baustelle in der Sonderwirtschaftszone Alabuga | Post: Evdokimov’s VKontakte Seite; Satellitenbild: Google Earth; Collage: Irynka Hromotska/Kyiv Independent
Knauf gab seine Pläne, Russland zu verlassen, im April 2024 bekannt, nachdem Berichte über eine Beteiligung an Bauprojekten im von Russland besetzten Mariupol bekannt geworden waren. Seitdem hat das Unternehmen seine Import- und Exportgeschäfte mit dem Land eingestellt. Seine Fabrik in der Sonderwirtschaftszone Alabuga ist jedoch weiterhin in Betrieb.
„Das russische Geschäft wird derzeit lokal verwaltet und ist unabhängig von den globalen Geschäften der Knauf-Gruppe“, fügte das Unternehmen in derselben Antwort an den Kyiv Independent im Januar hinzu. Seitdem gab es keine Hinweise darauf, dass die Knauf-Tochterfirmen in Russland geschlossen oder verkauft wurden.
Das US-Unternehmen Allied Mineral Products sagte dem Kyiv Independent, es fühle sich verpflichtet, „seine Geschäfte weltweit ethisch und im Einklang mit allen geltenden Gesetzen durchzuführen“. In seiner Antwort erklärte das Unternehmen jedoch nicht, wie seine Geschäfte in der Alabuga-Sonderwirtschaftszone mit den US-Sanktionen vereinbar sind.
„Wir haben umfangreiche Compliance-Maßnahmen umgesetzt, um den Vorgaben sowohl in den USA als auch im Ausland gerecht zu werden. Wir werden die Situation weiterhin beobachten“, erklärte ein Sprecher von Allied Mineral Products in einer schriftlichen Antwort, ohne weitere Erläuterungen.
Die anderen westlichen Unternehmen haben auf die wiederholten Anfragen des Kyiv Independent nicht geantwortet.
Werden Sanktionen gebrochen?⬆ nach oben
Während die Entscheidung europäischer Unternehmen, die Alabuga-Sonderwirtschaftszone zu verlassen, zu Beginn der Vollinvasion der Ukraine noch eine ethische Abwägung war, ist sie nun eine Verpflichtung im Rahmen der EU-Gesetzgebung.
Trotzdem hat sich diese Maßnahme als ineffektiv erwiesen. Einige europäische Unternehmen halten sie nicht ein.
„Meines Wissens nach haben die meisten EU-Unternehmen ihre Geschäftsbeziehungen in der Sonderwirtschaftszone nach und nach eingestellt. Allerdings sind die zuständigen nationalen Behörden der Mitgliedstaaten dafür verantwortlich, sicherzustellen, dass diese Maßnahme wirksam umgesetzt wird“, sagte David O’Sullivan in einer schriftlichen Antwort gegenüber dem Kyiv Independent.
„Sanktionen zu umgehen, ist eine Straftat, daher bin ich zuversichtlich, dass die Behörden entsprechende Maßnahmen ergreifen werden, wenn sich die Vorwürfe der Sanktionsverletzung bestätigen“, sagte er.
Das Shahed-Werk in Alabuga war in einem Video zu sehen, das ein russischer staatlicher Sender im Juli 2025 veröffentlichte. | Screenshots der Sendung „Rüstungsbeschaffung. MilTech“; Collage: Irynka Hromotska/Kyiv Independent
Als Folge der US-Sanktionen wurden das Unternehmen, das für die Verwaltung der Sonderwirtschaftszone zuständig ist, sowie sein Leiter in die „Specially Designated Nationals (SDN)“-Liste aufgenommen. US-Bürger:innen und -Unternehmen ist es nun untersagt, finanzielle Transaktionen mit den dort aufgeführten Personen oder Organisationen durchzuführen.
Es ist also fraglich, ob Unternehmen weiterhin in der Alabuga-Sonderwirtschaftszone tätig sein können, wenn sie keine finanziellen Geschäfte mit der Verwaltungsfirma tätigen dürfen.
„Ich glaube, westliche Unternehmen sind schlau. Daher ist es unwahrscheinlich, dass es nachweisbare Beziehungen zwischen westlichen Unternehmen, die in der Sonderwirtschaftszone Alabuga tätig sind, und sanktionierten Akteuren innerhalb der Zone gibt“, sagte Roman Steblivskyi vom Economic Security Council of Ukraine.
Das deutet auf eine Lücke in der US-Sanktionsgesetzgebung hin: Unternehmen könnten in der Alabuga Sonderwirtschaftszone aktiv bleiben, solange ihre Beziehung zur Verwaltungsfirma nicht formell geregelt ist.
US-Unternehmen wie Ford Motor und 3M, das deutsche Unternehmen HAVI Global Logistics sowie das finnische Unternehmen Huhtamaki haben ihre russischen Vermögenswerte verkauft. Einige derjenigen, die sich entschieden, in der Sonderwirtschaftszone Alabuga zu bleiben, beschrieben dies als die beste unter den schlechten Optionen. Sie erklärten, Russland würde ihre Vermögenswerte beschlagnahmen, wenn sie das Land verlassen würden.
Letztendlich wurde dieses Szenario für einige von ihnen wahr, obwohl sie Russland nicht einmal verlassen haben.
Dieser Text ist zuerst am 13. April 2026 bei The Kyiv Independent erschienen. Wir haben ihn mit Einverständnis der Autorin und der Zeitung übersetzt. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen.
Übersetzung: Nina Roßmann, Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey