Collage von einer Statue, einem Zauberwürfel, einer Rakete und vielen Rauchwolken.

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Gute Nachrichten

Nein, es gibt keinen Vertrauensverlust in die Wissenschaft

Zumindest, wenn man die Wissenschaft als Ganzes betrachtet. Bei bestimmten Forschungsfeldern sieht die Vertrauenslage anders aus.

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„Die Wissenschaft steckt in einer Vertrauenskrise“, schrieb die Zeit 2017. 2020 fragte sie: „Wem können wir jetzt noch vertrauen?“ Im selben Jahr titelte die Süddeutsche Zeitung: „Warum das Vertrauen in Wissenschaft sinkt“. Und noch 2025 lautete eine für Google optimierte Überschrift der FAZ: „Vertrauen zurückgewinnen“.

Wer die vergangenen Jahre verfolgt hat, dem dürfte diese Diagnose vertraut vorkommen. Spätestens seit der Corona-Pandemie scheint sie fast selbstverständlich: Querdenker:innen demonstrieren gegen Virolog:innen, Klimaforscher:innen werden beschimpft, auf Social Media kursieren Verschwörungserzählungen. Immer wieder ist von einer „Krise der Wissenschaft“ oder einem „Verlust des Vertrauens“ die Rede. Man könnte meinen, die Gesellschaft entferne sich zunehmend von wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Nur: Die Daten erzählen eine andere Geschichte.

Das Vertrauen in die Wissenschaft ist in Deutschland – zumindest seit 2017 – bemerkenswert stabil. Während der Corona-Pandemie stieg es sogar zeitweise deutlich an. Und Menschen aus allen politischen Richtungen wünschen sich mehr sachliche Debatten und dass Wissenschaft dabei hilft. Während 2025 scheinbar weniger Menschen Politik wollen, die eindeutig auf Wissenschaft aufbaut.

Also, was hat es mit dieser hartnäckigen Erzählung auf sich, dass die Wissenschaft ihr Vertrauen verliert? Was könnte passiert sein, dass weniger Menschen eine Politik sehen wollen, die sich klar nach Daten und Fakten richtet? Ich bin den Daten nachgegangen.

Die Wissenschaft stellt sich regelmäßig der Vertrauensfrage⬆ nach oben

Seit 2014 fragt Wissenschaft im Dialog die Bürger:innen Deutschlands jährlich, wie sie zu Wissenschaft und Forschung stehen. Die gemeinnützige Organisation ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaftskommunikation in Deutschland.

Für ihre größte Umfrage, das Wissenschaftsbarometer, erheben Forschende eine repräsentative Stichprobe: Die Teilnehmer:innen der Umfrage spiegeln also die Verhältnisse in der Gesellschaft wider. Zum Beispiel, welcher Anteil von ihnen einen Hochschulabschluss hat. Die Ergebnisse und die Methode der Umfrage stehen online frei zur Verfügung.

Das Barometer fragt auch, wie viel Vertrauen Menschen in die Wissenschaft haben: Entweder „geringes oder gar kein Vertrauen“, „mittleres Vertrauen“, „hohes oder sehr hohes Vertrauen“ und „weiß ich nicht, keine Angabe.“

Die Pandemie hat das Vertrauen sogar erhöht⬆ nach oben

Die Ergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass das Vertrauen in die Wissenschaft ziemlich stabil ist. Seit 2023 ist der Anteil der vier Gruppen fast gleich: Mehr als jede zweite Person hat hohes oder sehr hohes Vertrauen. Ungefähr jede dritte Person hat mittleres Vertrauen. Und circa jede:r Zehnte hat geringes oder gar kein Vertrauen.

Grafik mit dem Titel "Vertrauen in Wissenschaft und Forschung".

In den Jahren 2020 bis 2022 war das Vertrauen zwar etwas stärker als jetzt, aber auch auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ), erklärt diesen kurzzeitigen Anstieg mit der Corona-Pandemie: Gerade nach der Unsicherheit aus dem ersten Pandemiejahr 2020 haben wahrscheinlich mehr Menschen Halt bei der Wissenschaft gesucht. Also stieg ihr Vertrauen. 2017 bis 2020 war es dafür vergleichbar mit heute.

Die Daten aus dem Barometer belegen also nicht diesen mulmigen Eindruck, dass Menschen der Wissenschaft weniger vertrauen. „Die andauernde Diskussion um das vermeintlich sinkende Wissenschaftsvertrauen in Deutschland“, sagt Studienleiter Bastian Kremer, „birgt das Risiko, einen Zustand herbeizureden, der empirisch so nicht gegeben ist.“ Deshalb habe ich noch einmal genauer hingeschaut.

Menschen mit höherem Bildungsabschluss vertrauen der Wissenschaft eher⬆ nach oben

Vielleicht hat sich das Vertrauen ja bei manchen Gruppen ins Positive verändert und bei anderen ins Negative. Das würde dann so aussehen, als ob es stabil bleibt.

Bei Menschen mit unterschiedlichem Bildungsniveau scheint es auch Unterschiede im Vertrauen zu geben: Menschen mit höherem formalen Bildungsniveau vertrauen der Wissenschaft häufiger. Einen ähnlichen Unterschied gibt es zwischen jüngeren und älteren Menschen. Hier haben die Jüngeren eher ein stärkeres Vertrauen.

Grafik mit dem Titel "Vertrauen in Wissenschaft und Forschung nach formalem Bildungsniveau"

Aber Studienleiter Kremer stellt klar: „Es lässt sich kein Vertrauensverlust bestimmter Gruppen beobachten.“ Er sieht in den Daten eher, dass manche Bevölkerungsgruppen auch nach der Pandemie ein hohes Vertrauen in die Wissenschaft behalten haben, während andere Gruppen wieder auf dem vorherigen Niveau angekommen sind. Woher kommt die Idee vom Vertrauensverlust dann?

In den USA belegen mehrere sozialwissenschaftliche Studien zum Beispiel auch nicht, dass die Gesellschaft flächendeckend Vertrauen in die Wissenschaft verliert. Aber die Daten zeigen, dass sich die Gesellschaft zunehmend polarisiert. Den deutlichsten und stabilsten Vertrauensverlust sieht man dort bei religiösen Konservativen und womöglich bei Gebildeten. Sie hatten in der Vergangenheit eher sehr hohes Vertrauen – im Vergleich zu ländlichen Konservativen, die der Wissenschaft seit jeher eher weniger vertrauen. Bei Liberalen in den USA nimmt das Vertrauen sogar zu. Während sie überschätzen, wie sehr Konservative an Vertrauen verlieren.

Die Politik polarisiert – nicht die Wissenschaft⬆ nach oben

In Deutschland gibt uns ein anderes Ergebnis einen Hinweis: Denn das Vertrauen sinkt doch – aber nur das Vertrauen in die Politik. Das berichtet unter anderem das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), einen Hintergrund zu Vertrauen in die Politik hat die Bundeszentrale für politische Bildung. Diesen Vertrauensverlust in die Politik überträgt die Gesellschaft in Deutschland vielleicht teilweise auf die Wissenschaft. Bei besonders umstrittenen Forschungsfeldern ist die Vertrauenslage nämlich anders, als wenn man Wissenschaft als Ganzes betrachtet.

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2025 fragte Kremers Team zum Beispiel gezielt nach den Themen Forschung zu Migration, Klimawandel, gendergerechte Sprache und Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Sie wollten wissen, wie sehr Menschen konkreten Aussagen zustimmen. Beispielsweise: „Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel bilden eine wichtige Grundlage für politische Entscheidungen.“

Bei diesen eher kontroversen Forschungsbereichen stimmten circa 30 Prozent der Befragten den Aussagen nicht oder gar nicht zu. Nur circa 40 Prozent waren stark oder sehr stark dafür, dass Politik auf Wissenschaft aufbaut. Dabei hatten deutlich mehr Leute – über 50 Prozent – hohes oder sehr hohes Vertrauen in die Wissenschaft. Es muss also Leute geben, die zwar starkes Vertrauen in die Wissenschaft haben, aber wenig überzeugt davon sind, dass Politik auch auf Wissenschaft aufbauen soll.

Grafik mit dem Titel "Wie stehen Sie zu den folgenden Aussagen?"

Das bekräftigt auch einen Unterschied zwischen der letzten Umfrage und den Vorjahren: Im Vergleich zu 2023 stimmten 2025 deutlich weniger Menschen der Aussage zu, dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen sollten. Statt 68 Prozent Zustimmung vor drei Jahren waren es letztes Jahr nur 49 Prozent.

Bloß, warum? Die Antwort ist schwer zu fassen und lässt sich nicht allein aus dem Barometer klären.

Warum soll Politik nicht auf Wissenschaft aufbauen?⬆ nach oben

Eine wichtige Erkenntnis könnte sein, dass Wissenschaft immer politischer wird. Das belegen umfassende Studien, zumindest aus den USA. Manche Wissenschaftler:innen werden außerdem aktivistischer, und das auch in Deutschland. Sie möchten dazu beitragen, mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit große Probleme zu lösen.

Dabei setzen sie sich besonders für Themen ein, die eher zum Weltbild von jungen, gebildeten Menschen passen: Studien über die Gefahren des Klimawandels oder den gesellschaftlichen Mehrwert von Migration.

In den Debatten zu diesen Themen geht es aber nicht vorrangig um Wissenschaft. Sondern um Politik. Die Mehrheit der Gesellschaft hofft sogar, dass die Wissenschaft bei polarisierenden Debatten helfen kann: Knapp über 70 Prozent aller Befragten im Wissenschaftsbarometer stimmen zu, dass Wissenschaft Diskussionen sachlicher machen und dazu beitragen sollte, andere Meinungen zu verstehen.

Es sieht also so aus, als ob die Gesellschaft in Deutschland eher eine starke Wissenschaft möchte. Insgesamt vertrauen wir der Wissenschaft sehr. Aber wir vertrauen weniger darauf, dass die Politik aus wissenschaftlichen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse zieht und daraus Maßnahmen macht, die wir unterstützen.


Redaktion: Bent Freiwald und Rico Grimm, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer, Bildredaktion: Gabriel Schäfer

Nein, es gibt keinen Vertrauensverlust in die Wissenschaft

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