Die FIFA hat schon viel Mist gebaut. Alles wurde letztlich vergessen, aber was am Wochenende bekannt wurde, war mit Abstand der größte Mist, den sie jemals gemacht hat – gemessen am Protest, der sich danach erhob.
Nach einem Anruf des US-Präsidenten Donald Trump beim FIFA-Präsidenten hatte sie die Strafe für den Rot gesperrten US-Spieler Folarin Balogun aufgeschoben. Balogun musste nach einem Foul in der Partie gegen Bosnien-Herzegowina das Spiel verlassen. Mindeststrafe für ihn: ein Spiel Sperre, so steht es sogar in den Regeln der FIFA zur WM. Dann forderte Trump, die Rote Karte zu überprüfen. Daraufhin nutzte die FIFA einen obskuren Paragrafen ihrer Disziplinarordnung, um die Strafe „auf Bewährung“ auszusetzen. Balogun konnte spielen. Das gab es so noch nie. Bislang galt: Rot ist Rot, eine Sperre muss folgen.
Nach der Entscheidung der FIFA beschwerten sich Menschen, die sonst die FIFA nicht so offen und aggressiv attackieren: der zukünftige Bundestrainer Jürgen Klopp, ganze Fußballverbände wie die UEFA, Politiker:innen und natürlich Millionen und noch mehr Millionen Menschen in den Kommentarspalten.
Die Gespräche mit den drei Experten hatte ich schon 2022 geführt. Ihre Ideen und Gedanken sind so aktuell wie nie, und noch viel drängender, wie ich finde. Deswegen habe ich den Text akualisiert.
Denn bisher hatte die globale Fußballwelt achselzuckend akzeptiert, dass die FIFA gekauft werden kann. Wer die WM haben will, muss zahlen. Deutschland 2006, Russland 2018, Katar 2022. Belege und Verdachtsfälle gibt es genügend.
Nur nahmen viele bisher an, dass der Verband zwar korrupt ist, der Fußball aber nicht. Egal, was neben dem Platz geschieht, auf dem Platz gewinnt der Bessere. Trumps Anruf und die Entscheidung der FIFA erschüttern diesen Glauben. Die ganze Welt hat nun gesehen, was bisher nur Verwaltungsnerds diskutierten: Die FIFA kann ein allmächtiger Tyrann des Fußballs werden.
Wenn Wirtschaftswissenschaftler wie Thomas Straubhaar von der Uni Hamburg auf die FIFA schauen, sehen sie einen waschechten Monopolisten, der keinen Wettbewerb zu fürchten hat. Eine Politikwissenschaftlerin würde einen Tyrannen klassischen Profils erkennen. Denn die FIFA macht die Fußballregeln, sie setzt sie durch und sie richtet über sie. Sie ist Legislative, Exekutive und Judikative in einem. Die FIFA hat zu viel Macht. Und diese Macht, das denken immer mehr Menschen in Deutschland, nicht nur Fußballfans, gehört beschnitten.
Wieso schaffen wir die FIFA nicht einfach ab?⬆ nach oben
Wie die FIFA reformiert werden sollte, haben schon viele kundige Menschen auf Hunderten Seiten niedergeschrieben, ohne dass ein einziges Reförmchen folgte. Die FIFA ist so präsent und so lange verflochten mit dem Weltfußball, dass sie unantastbar scheint.
Aber wenn die FIFA nicht reformiert werden kann: Wieso schaffen wir sie dann nicht ab? Der FIFA den Fußball einfach wegnehmen und alles neu und besser ohne sie bauen – das wärs doch.
Das dachte ich schon 2022 zur WM in Katar. Als ich damals Filippo Cataldo anrief, Chefredakteur der Sportportale Spox und Goal.com, erdete er mich direkt. Cataldo sagte: „Der FIFA gehört der Fußball.“ Sie sei Hüterin des Spiels und der Regeln, alle nationalen Verbände sind ihre Mitglieder.
Cataldo war einer von drei Experten, mit denen ich gesprochen hatte. Die anderen beiden waren Holger Jakob, Sportrechtler und Host des Podcasts „Liebling Bosman“, und Dietrich Schulze-Marmeling, der mehrere Bücher über Fußball geschrieben hatte, unter anderem auch „Boykottiert Katar 2022! Warum wir die FIFA stoppen müssen“.
Keiner der drei glaubte, dass es einfach wäre, eine WM ohne die FIFA zu organisieren. Aber alle drei waren sich einig, dass es möglich sei.
In den Gesprächen mit ihnen hatten sich zwei Modelle herausgeschält, um das Ziel einer FIFA-losen WM zu erreichen. Das radikale Modell und das pragmatische. Nennen wir sie „Modell Fußball-UNO“ und „Modell Austritt“.
Modell Fußball-UNO – die pragmatische Lösung⬆ nach oben
Damit dieses Modell funktionieren kann, müssen wir uns endgültig von einer Litanei lösen, die immer dann zu hören ist, wenn es im Fußball kontrovers wird: Sport und Politik gehören nicht zusammen. Verbreitet wird sie vor allem von Menschen, die ein Interesse daran haben, dass wir das glauben.
„Aber es ist absurd zu sagen, dass man Politik und Sport trennen kann“, sagte Dietrich Schulze-Marmeling, der Buchautor. Je mächtiger die FIFA und je beliebter der Fußball wurde, desto mehr habe die Politik den roten Teppich ausgerollt. Das System FIFA konnte auch deswegen so lange funktionieren, weil die Politik den Wert der WM erkannt habe. Ein Beispiel dafür sei, neben vielen anderen, die WM 2006 in Deutschland gewesen. Die rot-grüne Regierung wollte Ende der neunziger Jahre das Turnier ausrichten, um die „neue Berliner Republik ins Schaufenster zu stellen.“
Wenn aber Fußball ein Gesellschaftsbereich wie jeder andere ist, dann untersteht er genauso der Politik. Fußball kann mit Gesetzen geregelt werden. Und Sport wird es längst. Ein Beispiel dafür ist Doping: Jahrelang wurde dieser Betrug nur sportgerichtlich verfolgt, sagte Cataldo, der Chefredakteur. „Mittlerweile haben wir aber Anti-Doping-Gesetze. Der Staat greift damit in die Hoheitsrechte des Sports ein.“
Wenn Staaten Doping regeln können, warum dann nicht auch, wer unter welchen Bedingungen eine WM ausrichten darf und wer daran verdient? Prinzipiell ist das dieselbe Angelegenheit.
Tatsächlich haben einzelne Staaten immer wieder versucht, die FIFA zur Rechenschaft zu ziehen. In der Schweiz und in den USA liefen jahrelang Ermittlungen, die allerdings selbst in anrüchigen Treffen und Seitenwechseln versumpften. Aus den Initiativen folgte nicht viel. Die US-Justizministerin, die 2015 der FIFA-Korruption den Krieg erklärte, ist heute Partnerin bei Paul, Weiss, einer der wichtigsten Kanzleien der FIFA und offizielle Kanzlei des WM-Gastgeberkomitees New York/New Jersey.
Holger Jakob, der Sportrechtler, sagte: „Eigentlich müsste es völkerrechtliche Verträge geben, die die FIFA und andere Sportverbände reglementieren.“
Und das wäre die Lösung. Die internationale Gemeinschaft würde den Fußball genauso behandeln wie Krieg und Wirtschaft, Klima und globale Kulturgüter: als etwas, das allen gehört, alle Nationen betrifft und deswegen von allen reglementiert werden muss. Denn ist es nicht lächerlich, dass die FIFA als Schweizer Verein firmiert? Eine Organisation, die so viel Geld bewegt und so viel Macht ausübt, kann nicht mit denselben Gesetzen reguliert werden wie die Zürcher Schachgesellschaft.
Die Nationen der Welt würden sich also treffen und gemeinsam eine internationale Konvention erarbeiten, die die großen Weltsportverbände regelt, nicht nur die FIFA, sondern auch das Internationale Olympische Komitee. So wie Kriegsverbrecher vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt werden, könnten korrupte Sportfunktionäre vor ein spezielles internationales Gericht kommen. Zwar gäbe es mit dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) schon ein spezielles Gericht, sagte Holger Jakob. Das aber sei nicht unabhängig, da die Richter:innen auch von den klagenden Parteien selbst gestellt werden würden.
In einer neuen globalen Sportkonvention könnten die Nationen der Welt dann Gesetze festlegen, die die Macht der FIFA nachhaltig beschneiden. Einen Vorschlag hörte ich in meiner Recherche immer wieder: die Organisation der WM von ihrer Vermarktung trennen. Die FIFA würde weiterhin entscheiden, wo die WM stattfindet, aber nicht mehr direkt an den Milliarden der Vermarktung verdienen, sondern nur noch pauschale Lizenz- und Aufwandsentschädigungen erhalten – weniger Umsatz und damit weniger Korruptionsmöglichkeiten für die Funktionäre. Gleichzeitig gäbe es mehr Wettbewerb, da sich private Unternehmen (die wiederum auch internationalem Sportrecht unterliegen) um die lukrativen Vermarktungsrechte in öffentlichen Ausschreibungen bewerben könnten.
Oder man folgt dem Modell des Sportprofessors Stefan Szymanski: Er schlägt vor, eine börsennotierte „World Cup AG“ zu gründen, die einen festen Anteil ihrer Profite an die FIFA überweist. Dann gäbe es zwei Organisationen mit klar getrennten Zielen: Die FIFA fördert den Weltfußball, die World Cup AG verdient das Geld, kontrolliert durch Börsenaufsicht und internationales Sportrecht.
Solche Verträge könnten auch als Gefäß für weitere Ansätze dienen, etwa völkerrechtlich verbindliche, transparente Vergabekriterien, überwacht von unabhängigen Gerichten, damit es Länder wie Katar oder mutmaßlich auch Deutschland schwerer haben, sich die WM mit Hinterzimmerdeals zu kaufen.
Modell Austritt – die radikale Lösung⬆ nach oben
Es gibt noch einen anderen Weg. Er ist abenteuerlicher, würde aber einen einfachen Schlachtruf mitliefern, den jeder Fußballfan im Stadion skandieren kann: „Weg mit der FIFA!“
Die FIFA hat Macht, weil sie an der Spitze eines Pyramidensystems steht. Unter ihr stehen die nationalen Verbände wie der Deutsche Fußballbund (DFB) oder die englische Football Association (FA), darunter kleinere, lokale Verbände. So unterliegt jeder, der im Verein Fußball spielt, dem Einfluss der FIFA. Würden allerdings genügend nationale Verbände die FIFA verlassen, würde das Pyramidensystem einstürzen. Die FIFA würde ihre Macht verlieren.
Wie das aussehen kann, zeigt Norwegen. Verbandspräsidentin Lise Klaveness, die schon 2022 auf dem FIFA-Kongress die Vergabe an Katar als „inakzeptabel“ gegeißelt hatte, stellte sich 2026 offen hinter die Kampagne „Reboot FIFA“, die eine Sammelbeschwerde gegen Präsident Gianni Infantino vorbereitet. Auch Dänemark hatte nach der WM 2022 laut über einen Austritt nachgedacht. Der Verband ruderte zwar zurück, kündigte aber an, „weitere Schritte“ mit den nordischen Kollegen zu prüfen. Und außerhalb der Verbände wächst eine Bewegung heran: von Transparency International über Menschenrechtsbündnisse wie die „Dignity 2026“-Koalition bis zu Aktivist:innen, deren Parole schlicht lautet: „Schafft die FIFA ab – der Fußball gehört den Menschen.“
Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling sagte: „Ich wünsche mir, dass sich der DFB mit Kräften wie der Präsidentin des norwegischen Verbandes zusammentut, um eigene Ideen zu formulieren und Schritt für Schritt eine Opposition innerhalb der FIFA aufzubauen.“
Sollte diese Opposition groß genug sein, um theoretisch eine eigene WM ausrichten zu können, wird es interessant. Denn prinzipiell hindert nichts und niemand die nationalen Fußballverbände daran, eigene Turniere zu veranstalten oder sogar eine Weltmeisterschaft.
Noch habe die FIFA allerdings alle Hebel in der Hand, sagte Filippo Cataldo. Spieler, die an einer alternativen WM teilnehmen, könnten theoretisch von anderen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Aber Sportrechtler Jakob sagte: „Die Sanktionen, die die FIFA aussprechen kann, muss sie erstmal durchsetzen. Das sehe ich aber nicht. Denn sie hat ein Monopol und da gibt es kartellrechtliche Fragen, für die nationale Gerichte und der Europäische Gerichtshof zuständig sein können.“
Oder anders gesagt: Würde die FIFA Spieler bestrafen, die an einer alternativen WM teilnehmen, würde sie sich des Verdachts schuldig machen, ihre Macht als Monopolist auszunutzen. Gerichte könnten und würden die FIFA aber letztendlich auf Basis von Anti-Monopol-Gesetzen genau daran hindern.
Egal, welches der beiden Modelle man sich anschaut, wirklich realistisch scheint gerade keines von beiden zu sein. „Die Funktionäre in den nationalen Fußballverbänden haben keinen Grund, aus der FIFA auszutreten. Sie haben Posten, sie sind gut versorgt“, sagte Holger Jakob. Und solange der kommerzielle Erfolg da sei, gebe es auch für die FIFA keinen Grund, irgendetwas zu ändern. Nüchtern betrachtet haben also weder das Modell Fußball-UNO noch das Modell Austritt realistische Chancen, umgesetzt zu werden.
Und trotzdem. So unantastbar, wie sie sich gibt, ist die FIFA längst nicht mehr.
2023 urteilte der Europäische Gerichtshof im Streit um die Super League, dass sich auch FIFA und der europäische Verband UEFA an europäisches Wettbewerbsrecht halten müssen. Ihr Monopol ist eben doch angreifbar.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey