Krankenhausbett in der Wüste

Juli Kosolapova/Martha Dominguez de Gouveia/Unsplash

Psyche und Gesundheit

Interview: So können sich Krankenhäuser auf Hitze vorbereiten, auch ohne Klimaanlage

Klimamanagerin Anne Hübner sagt: Die Klimaanlage ist oft die schlechteste Antwort. Sie empfiehlt erst andere Maßnahmen. Darunter: ein Trick mit alten Socken.

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Der vergangene Juni war der zweitheißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das Robert Koch-Institut hat berechnet, dass in der Hitzewelle Ende Juni circa 5.000 Menschen mehr gestorben sind, als es bei kühleren Temperaturen der Fall gewesen wäre. Besonders Menschen, die krank sind, haben es bei Hitze schwer. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen unterliegen der allgemeinen Fürsorgepflicht, was bedeutet, dass sie Patient:innen bei hohen Temperaturen schützen müssen. Bleibt es lange heiß, kommen jedoch viele Gesundheitseinrichtungen an ihre Grenzen. Die Klimamanagerin Anne Hübner erklärt, was Gesundheitseinrichtungen tun können, wenn das Geld für Klimaanlagen fehlt.

Frau Hübner, vor Kurzem war es in Deutschland so heiß wie noch nie. Das ist für den Körper eine große Belastung, erst recht, wenn man krank ist. Warum fehlen in den meisten Krankenhäusern noch immer Klimaanlagen?

Alle rufen zuerst nach Klimaanlagen. Das Problem damit ist aber, dass es oft gar nicht möglich ist, welche einzubauen. Die meisten Krankenhäuser in Deutschland sind aus den 1970er oder 80er Jahren und es gibt einen großen Sanierungsstau. Das heißt, die Gebäude sind so gut wie gar nicht energieeffizient. Damit müsste man anfangen, bevor man für viel Geld Klimaanlagen anschafft.

Als Klimamanagerin überlege ich immer, ob sich die teure Anschaffung auszahlt. Angesichts von hohen Energiepreisen ist der Betrieb kostspielig. Noch dazu treiben Klimaanlagen den Energieverbrauch um ein Drittel in die Höhe und damit auch die Treibhausgasemissionen des Krankenhauses, sofern es keine Photovoltaikanlage betreibt.

Welche anderen Möglichkeiten haben Kliniken denn dann, wenn es zu heiß wird? Wenn man in südeuropäische Länder schaut, scheint die Lösung ja oft eine Klimaanlage zu sein.

Man muss sich das für jede Klinik einzeln anschauen. Denn es hängt viel davon ab, wo sie steht. Mitten in der Stadt, in dicht bebauten Straßen, wo sich die Hitze staut? Oder eher ländlich, umgeben von Grünanlagen? Außerdem ist die Bauweise entscheidend. Sind die Patientenzimmer nach Süden ausgerichtet? Haben sie große Fensterflächen, in die die Sonne so richtig schön reinknallt? Früher hielt man das für erstrebenswert, denn viel Licht und ein schöner Ausblick sollten beim Gesundwerden helfen. Dann muss man die Zimmer erst mal besser verschatten, zum Beispiel mit Jalousien. Aber auch an den Fassaden lässt sich etwas tun. Begrünte Hauswände sorgen dafür, dass sich die Bausubstanz nicht so stark aufheizt und weniger Wärme in die Innenräume gelangt. Außerdem kühlen Pflanzen in der direkten Umgebung durch den Verdunstungseffekt.

Es ist also gar nicht immer nötig, eine Klimaanlage einzubauen? Grünanlagen vor der Klinik, Bäume und Efeu an der Hauswand, tun es auch?

Es ist wichtig, das Thema Hitzeschutz breiter zu denken. Für bereits gebaute Krankenhäuser ist es natürlich nicht so einfach, aber auch hier lässt sich durch kluge Strategien viel erreichen. Man schaut sich alles an: den Standort, die Bausubstanz und die Prozesse. Wenn ich eine Klinik mit einem großen Parkplatz vor der Tür habe und wenig Grün, kann ich schauen, ob sich der Asphalt reduzieren lässt. Kann ich für den Parkplatz auch Lochplatten nehmen, sodass bei Regen das Wasser länger im Erdreich bleibt, anstatt gleich in die Kanalisation abzufließen? Das ändert das Mikroklima um die Klinik, weil dieses gespeicherte Wasser bei Wärme wieder verdunsten kann. Kann ich mehr Grünflächen schaffen, mehr Bäume pflanzen, einfach für mehr Schatten rund ums Gebäude sorgen? Dann habe ich auch weniger Hitze im Gebäude.

Und was mache ich, wenn sich die Hitze in den Räumen staut? Ich kann die Patient:innen ja nicht einfach aus den heißen Zimmern holen. Es fehlen ja meist Räume, in die man ausweichen kann, oder?

Jedes Krankenhaus und jedes Pflegeheim sollte wissen, welche Zimmer sich besonders stark aufheizen. Dafür erstellt man eine sogenannte Heatmap. Das heißt, man analysiert den Bauplan und befragt Beschäftigte, wie sie die Temperaturen in den Räumen beurteilen. Ab 35 Grad Außentemperatur sollten Zimmer, die sehr heiß werden, nicht mehr belegt werden, zumindest nicht mit Menschen, die sich nicht selbstständig bewegen können. Es gibt auch spezielle Klimafarben, die dazu führen, dass sich Zimmer nicht so stark aufheizen. Sie enthalten Materialien, die das Sonnenlicht reflektieren oder das Raumklima verbessern. Es gibt sie für innen und außen. Eine andere Möglichkeit sind kühlende Vorhänge, die man befeuchten kann, sowie nach außen reflektierende Materialien für die Fenster. Das sind Dinge, mit denen sich ältere Gebäude nachrüsten lassen.

Und das hat einen vergleichbaren Kühlungseffekt wie eine Klimaanlage?

Es gibt unterschiedliche Ansätze zur Kühlung und es ist gut, sie miteinander zu kombinieren. Also Umgebung und Räume so gestalten, dass weniger Hitze eindringt und sich staut. Genauso wichtig ist es, den Körper zu kühlen – auch für das Personal. Kühlwesten, feuchte Armbänder oder Bandanas entlasten. Gut ist auch, die Pausenräume mitzudenken: den Kühlschrank mit vielen Getränken und Eisbeuteln bestücken, kühlende Unterarmbäder ermöglichen, indem man Wannen mit kaltem Wasser dafür bereitstellt, oder Tücher für kalte Wadenwickel. Man kann auch das Fußteil von alten Strümpfen abschneiden, nass machen und über die Arme ziehen. All das hilft, damit man sich in der Pause von der Hitze erholen kann und der Körper erst gar nicht so warm wird. Es gibt Kliniken, die den Effekt von solchen Maßnahmen schon gestestet haben.

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Sie haben vorhin erwähnt, dass auch die Prozesse im Krankenhaus zum Hitzeschutz gehören. Was meinen Sie damit?

In heißen Phasen sollte das Personal die Möglichkeit haben, zweimal pro Schicht eine Pause zu machen, nicht nur einmal. Man kann auch die Dienstpläne anpassen, damit das Personal nicht so lange am Stück arbeiten muss. Es hilft, öfter zwischen Früh- und Spätschicht wechseln zu können und mehr Pausentage zu haben. Und mit einem Notfalldienstplan kann man vorsorgen, falls es wegen der Hitze zu mehr Personalausfällen kommt. Das hilft den Beschäftigten, sich besser auf diese stressige Zeit vorzubereiten. Manche Dinge lassen sich vielleicht auch verlegen. Das Gehtraining für operierte Patient:innen muss nicht mittags im Treppenhaus mit Südfenstern stattfinden und Patient:innen können vielleicht auch am Vormittag, wenn es noch nicht so heiß ist, gewaschen werden, damit das Personal nicht in der Plastikkleidung schwitzen muss.

Ist das alles nicht eher eine Krücke als eine Lösung?

Bei neu gebauten Krankenhäusern sollte man wirklich anders vorgehen. Es gibt den Green Hospital Standard, der in den skandinavischen Ländern schon weit verbreitet ist. Da geht es um Nachhaltigkeit, also um den Einsatz von erneuerbaren Energien für günstigeren Strom, der auch den Betrieb von Klimaanlagen wirtschaftlich macht. Man kann eine sogenannte Betonkernaktivierung nutzen. Da werden Wasserleitungen in den Beton eingebaut. Das kühlt den Raum passiv, was als sehr angenehm empfunden wird. Es gibt Lüftungskonzepte, die Querlüftung ermöglichen mit kühler Luft aus dem Keller. Ich wünsche mir, dass das auch in Deutschland Einzug hält.

Sie sagten, Klimaanlagen und auch die ganzen baulichen Maßnahmen seien teuer. Warum fehlt so vielen Kliniken und Pflegeheimen das Geld für diese wichtige Klimaanpassung?

Eigentlich sollen die Bundesländer für Investitionen der Krankenhäuser bezahlen, aber sie vernachlässigen diese Aufgabe schon länger. Viele Kliniken müssen deshalb das Geld dafür aus dem laufenden Betrieb erwirtschaften. Das ist nicht allen möglich und sowieso schwierig. Im Klimaanpassungsgesetz steht, dass sich der Bund an den Investitionskosten beteiligen soll. Aber das klappt bisher nicht so gut. Es gibt zwar verschiedene Förderprogramme, aber man muss abwarten, ob sie bestehen bleiben. Oft haben Kliniken also keine andere Möglichkeit, als kreativ zu werden. Es wäre schon viel gewonnen, wenn es überall Klimamanager:innen und damit Ansprechpartner:innen für mehr Klimaschutz und -anpassung gäbe.

Ist das nicht so?

Nein. Das hängt von der Finanzlage der Häuser ab und davon, ob der Klinikleitung Nachhaltigkeit wichtig ist. Anders als beim Brandschutz und der Hygiene sind Klimabeauftragte keine Pflicht.


Redaktion: Hannah Mara Schmidt, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer

So können sich Krankenhäuser auf Hitze vorbereiten, auch ohne Klimaanlage

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