Spätestens seit der Hitzewelle im Juni fragen sich viele Deutsche: Brauchen wir jetzt alle Klimaanlagen? Sind sie die eine Lösung? Technik anschließen und fertig?
Es gibt gute Gründe, zu zögern. Klimaanlagen verschärfen genau das Problem, das sie eigentlich lösen sollen. Sie fressen Strom. Und viele, vor allem ältere Modelle arbeiten mit Kältemitteln, die dem Klima schaden können, manche tausendfach stärker als CO₂.
Dabei gibt es inzwischen sogar Fälle, in denen sich sagen lässt: Wer keine Klimaanlage kauft, belastet das Klima. Diese Konstellation ist selten, kann aber langfristig selbst Mietern im überhitzten Dachgeschoss helfen, wo kein Vermieter freiwillig etwas für die Kühlung tun würde.
„Tür auf! Damit es zieht!”⬆ nach oben
Bis vor ein paar Jahren war der große Gegner der Mittel- und Nordeuropäer:innen die Kälte, nicht die Hitze. Mit dem Winter im Hinterkopf haben wir unsere Häuser gebaut: dicke Wände, gute Isolation. Vor Zugluft fürchten sich die Menschen wie vor nassen Füßen in Sibirien. Die Zugluft führe direkt zu einer Erkältung, heißt es. Im Winter findet sich in fast jedem Haushalt ein selbst ernannter Wärme-Drinhalt-Verantwortlicher, der gewissenhaft Türen schließt.
Diese praktischen Kulturtechniken begleitet unterschwellig meist ein Gefühl der Überlegenheit: Wir hier müssen nicht der Unsitte folgen, alles auf 20 Grad herunterzukühlen. Wir müssen im Hochsommer keinen Pullover zum Einkaufen anziehen, weil der Supermarkt so kühl ist.
Wer bisher keine Klimaanlage hatte, konnte sich cleverer, besser und härter im Nehmen fühlen als der Rest mit seinen klimazerstörenden Stromfressern. Zurzeit arbeiten laut Umweltbundesamt in gerade einmal sechs Prozent der deutschen Haushalte Klimaanlagen. Zum Vergleich: In Italien sind es 56 Prozent, in den USA 90 Prozent.
Nun erreichen die extremen Hitzewellen Europa. Klimaforscher:innen haben sie seit 40 Jahren vorhergesagt. Und so wie die warme Luft tropischer Sommernächte ins nicht mehr ganz so kühle Schlafzimmer strömt, so verbreitet sich auch die Erkenntnis, dass echte Hitze nervt, schlaucht und sogar tötet. Zugluft bringt keine Erkältung, sondern Abkühlung.
Wie eine Klimaanlage dem Klima hilft⬆ nach oben
Wer mal gesehen hat, wie der Luftschlauch einer sogenannten Monoblock-Klimaanlage durch das offene Fenster an einem heißen Tag warme Luft rausbläst, muss kein Heizungsbauer sein, um zu verstehen, dass hier kolossal Energie verschwendet wird. Es wirkt, als würde sie eher den Bereich vor dem Fenster aufwärmen, als das Zimmer kühlen.
Das zeigt sich spätestens beim Stromverbrauch. Wer so eine Klimaanlage zum deutschen Durchschnittsstrompreis 30 Tage durchlaufen lässt, zahlt knapp 290 Euro und hat dabei so viel Strom verbraucht wie ein Kühlschrank mit Gefrierfach in vier bis sechs Jahren.
Ein sogenanntes Split-Gerät ist effizienter. Es verbraucht halb so viel Strom, wird fest im Gebäude installiert und funktioniert ohne offenes Fenster, weil es sich in eine Außen- und eine Inneneinheit aufteilt. Idealerweise läuft es im Sommer nur von zehn bis 17 Uhr und kühlt das Haus in den sonnenreichsten Stunden des Tages. Dann produzieren Solarmodule ohnehin so viel Strom, dass es schwerfällt, ihn vollständig zu verbrauchen. Der Strom muss abgenommen werden, weil das Stromnetz selbst nichts speichern kann.
Das bedeutet: Läuft eine Klimaanlage dann, wenn Solarmodule viel Strom erzeugen, löst sie keine zusätzlichen strombedingten CO₂-Emissionen aus. Ihre Klimawirkung kann sogar positiv werden, wenn die neu angeschaffte „Klimaanlage“ eine alte Öl- oder Gasheizung ersetzt, sprich wenn eine Wärmepumpe installiert wird.
Wer eine Luft-Luft-Wärmepumpe für den Winter kauft, kann sie im Sommer nutzen, um das Haus zu kühlen. Wärmepumpen arbeiten mit sogenannten Wärmetauschern. Sie verschieben Wärmeenergie von draußen nach drinnen oder von drinnen nach draußen.
Ein großes Aber bleibt: Klimaanlagen brauchen bestimmte Stoffe, um überhaupt kühlen zu können. Entweichen diese bei der Herstellung, Wartung oder Entsorgung, wirken manche von ihnen wie extrem starke Treibhausgase.
Das lange verbreitete Mittel R410A heizt das Klima mehr als 2.000-mal so stark auf wie CO₂, R32 immer noch 675-mal. Propan, das als R290 in Geräten stecken kann, ist hingegen nur noch dreimal so aggressiv wie CO₂. Die gute Nachricht: Die aggressivsten Stoffe verschwinden gerade vom Markt, weil die EU sie ab 2027 schrittweise verbietet. Die Klimawirkung der verbleibenden Kältemittel lässt sich begrenzen, wenn Anlagen gut gewartet werden.
Aber eine neue Wärmepumpe ins Einfamilienhaus einzubauen, ist keine Lösung für alle Europäer:innen. Weil nicht alle Europäer:innen ein Einfamilienhaus haben.
Kühlung muss zum Standard werden⬆ nach oben
Die Forschung zeigt eindeutig: Wir kühlen nicht dann mehr, wenn es heißer wird, sondern dann, wenn wir das Geld haben, um uns Kühlung zu leisten. Zugang zu Kühlung wird so zu einer sozialen Frage, die sich nicht pauschal mit „Luft-Luft-Wärmepumpe/Klimaanlage!“ beantworten lässt.
Denn Mieter:innen dürfen sie nicht selbst installieren. Und selbst, wenn sich Vermieter:innen wirklich kümmern und ihren Mieter:innen das Leben erleichtern wollen, kann es sein, dass es trotzdem nicht klappt. Deutschlands Städte legen Wert auf ihr Stadtbild. Sie wollen nicht, dass unter jedem Fenster ein weißer Klimakasten hängt. Denkmalschutz, Bauordnung und Gestaltungssatzungen können die Installation einer Klimaanlage verhindern.
In diesem Sinne hilft es, dass Europa gerade echte Extremhitze erlebt. Galten Temperaturen knapp über 30 Grad in den 1970er Jahren noch als „Hitzesommer“, wurden zuletzt Höchsttemperaturen von fast 42 Grad gemessen. Viele Kommunen haben sich längst auf einen wärmer werdenden Planeten eingestellt und ihre Gestaltungssatzungen in den vergangenen Jahren angepasst. Gründächer, luftige Gänge und Schattenplätze werden damit zur Pflicht.
Das muss der Mindeststandard für jeden Neubau sein. Gleichzeitig müssen sich die Städte selbst ändern: mehr Wiesen, mehr Bäume, mehr Platz für Flüsse und weniger zugespachtelte Betonflächen, die, wie der Berliner Washingtonplatz, im Sommer bis zu 60 Grad an der Oberfläche erreichen können.
Dabei darf es aber nicht bleiben: Dort, wo sich Kinder, kranke oder alte Menschen lange aufhalten, muss gekühlt werden. Klimaanlagen müssen zum Standard in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen werden. Denn ist es nicht absurd, dass der Büroarbeiter eines Großkonzerns bei angenehmen 23 Grad Exceltabellen hin- und herschiebt, während das Kind in der Schule bei 29 Grad logarithmische Ableitungen lernen soll? Im Jahr 2025 hatten nur ein Drittel der neu gebauten Schulen eine Klimaanlage. Gleichzeitig fördert die Bundesregierung aktuell keine Klimaanpassung in Kitas und Pflegeeinrichtungen mehr.
Es gilt also, Klimaanlagen genau dort zur Selbstverständlichkeit zu machen, wo sie längst selbstverständlich sein müssten. Das beginnt damit, ihnen den Makel zu nehmen, der ihnen immer noch anhaftet.
Bis vor Kurzem waren Klimaanlagen und Kühlungstechnologien in Mitteleuropa Nischentechnik. Wer keine Klimaanlage kaufte, musste sich um Strom, Kältemittel und Klimawirkung nicht kümmern – und durfte sich obendrein ein bisschen besser fühlen als der Rest. Diese moralische Eindeutigkeit ist verloren gegangen.
Das ist gut. Gerade weil viele Menschen nicht einfach selbst eine Klimaanlage installieren können: die Mieterin im Dachgeschoss, das Kind in der 29 Grad heißen Schule, die Patientin im Krankenhauszimmer. Ihnen die Kühlung zu verweigern, ist keine Tugend, sondern eine Zumutung.
Redaktion: Hannah Mara Schmitt, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert