Silhouette eines Frauengesicht, darauf liegen fabrliche Muster, und gezeichnete Linien.

Alexander Krivitskiy/Jon Tyson/Logan Voss/ Akshar Dave/Unsplash

Geschlecht und Gerechtigkeit

Ich will Frauen nicht nach ihrem Aussehen beurteilen – warum tue ich es trotzdem?

Ich dachte immer, der Schönheitsdruck komme vor allem von Männern. Dann merkte ich, wer Frauen mit aufgespritzten Lippen am härtesten verurteilte: ich selbst.

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In der Postfiliale neben meiner Wohnung kann man neuerdings Waffeln kaufen, an einem Tresen neben den wattierten Briefumschlägen und Pappkartons. Ich war mit einem Freund da, um ein Paket abzuholen. Während wir in der Schlange zum Schalter vorrückten, goss eine Angestellte daneben Teig ins Waffeleisen. Mein Freund schielte immer wieder zu ihr. „Sag mal“, flüsterte er irgendwann, „meinst du, die Lippen sind echt?“ Ich verdrehte die Augen. „Natürlich nicht“, flüsterte ich zurück.

Die Lippen der Waffelfrau hatten jene pralle, vorgewölbte Form, die manche hämisch „Entenschnabel“ nennen und die man nur an Menschen sieht, die mit der Spritze nachgeholfen haben. Selbstverständlich ließ ich mich nicht dazu herab, darüber zu lästern. Jede Frau darf schließlich mit ihrem Körper tun, was sie will. Wenn die Waffelbäckerin Lust hatte, mit einem Dauer-Duckface herumzulaufen – wer wäre ich, das zu verurteilen?

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Ich wünschte, das wären meine Gedanken gewesen. Stattdessen knirschte ich leise mit den Zähnen und fühlte mich verraten. Weil die Waffelfrau, so dachte ich, dabei mithalf, eine weitere bizarre Schönheitsnorm zu etablieren. Jene übernatürlich prallen Lippen also, die überall sprießen, als hätte es Hyaluronsäure geregnet. „Guck mal, so sieht Lip-Filler für 300 Euro aus“, schien ihr Gesicht zu sagen. „Ich habe mir den da reingespritzt, weil Männer drauf stehen.“

Wie ein sexy Baby-Tiger⬆ nach oben

Später schämte ich mich für mein unsolidarisches, unfeministisches Denken. Ich weiß, der Schönheitsdruck ist hoch. Es ist anstrengend, dem nicht nachzugeben. Und wir leben nun mal im Zeitalter des Instagram-Face, benannt nach den Filtern, die man auf großen Social-Media-Plattformen und mit Apps wie Facetune über die eigenen Fotos und Videos legen kann. Früher wurden nur Models auf Titelseiten retuschiert, jetzt kann das jeder mit seinem eigenen Gesicht machen. Das Instagram-Face bedeutet für Frauen porenfreie Haut, Katzenaugen, hohe Wangenknochen, volle Lippen und eine schmale Nase. „Wie ein sexy Baby-Tiger“ sehe das aus, hieß es im US-Magazin New Yorker.

Ich habe noch nie einen Baby-Tiger mit Schmollmund gesehen, aber sei es drum: Diese offensichtliche Unterwerfung unter den Male Gaze regt mich auf. Jetzt könnte man sagen: Geht dich nichts an, es ist ihr Körper. Niemand soll Frauen reinreden, wie sie aussehen wollen. Davon bin ich fest überzeugt, wenn es um Frisuren oder Miniröcke geht. Warum sollte dieser Satz bei invasiven Eingriffen für die Schönheit nicht gelten?

Diese Art von Schönheit hat einen Preis, den nicht alle zahlen können. Die Philosophin Heather Widdows beschreibt in „Perfect Me“, dass gutes Aussehen sich heute anfühlen kann wie eine Leistung, als wäre ein schönes Gesicht ein Beweis, dass man sich im Griff hat. Dabei hat Schönheit viel mit Zufall und Genetik zu tun. Und damit, wie viele Ressourcen man in sein Äußeres investieren will und kann.

Meine Kollegin Isolde Ruhdorfer hat aufgeschrieben, warum invasive Eingriffe für die Schönheit nicht bloß Privatsache sind: Wer sich die Lippen aufspritzen lässt, normalisiert einen Standard, den man nur mit Geld und einem Eingriff erreicht, inklusive möglicher Nebenwirkungen. Das schließt ärmere Frauen aus, an denen die Norm trotzdem kleben bleibt. Außerdem zieht die Waffelfrau sich die vollen Lippen nicht nur für einen Abend an, an dem sie besonders gut aussehen will. Sie trägt sie immer, morgens nach dem Aufwachen, beim Wäschewaschen, bei der Arbeit. Das macht eine bestimmte Lippenform allmählich zum Alltag, also zum Normalfall.

So zerrissen bin ich⬆ nach oben

Ich fühle mich jedenfalls zunehmend von prallen Lippen umzingelt. Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Eines der wenigen Dinge, für die ich Facebook noch benutze, ist eine Gruppe namens „Flawed Fillers & Botched Botox“ (sinngemäß: „Botox-Pannen und Filler-Fiaskos“). Die Mitglieder diskutieren über schlecht gemachte Schönheitsprozeduren und posten Fotos. Wenn ich zu viele Instagram-Faces gesehen habe und allmählich anfange, meine Lippen etwas dünn zu finden, scrolle ich durch die Gruppe. Es hilft. Nicht, weil ich mich besser fühle, wenn ich Fotos von Frauen sehe, deren Gesichter wie eingefroren wirken oder die schiefe Lippen haben, weil der Filler an Stellen gewandert ist, an denen er nichts zu suchen hat. So viele gutaussehende Frauen sprechen dort darüber, dass sie unbedingt für Tausende Euro ihre Gesichter umgestalten müssen, weil sie sich sonst hässlich finden. Die Gruppe entlarvt für mich den Wahnsinn.

Ich könnte mich also aufgeklärt und feministisch fühlen, wenn ich die Frau in der Postfiliale innerlich anknurre. Nur ist das nicht die ganze Wahrheit. Zu der gehört auch, dass ich nicht nur edle Motive habe, sondern innerlich zerrissen bin.

Das Gesicht der Waffelbäckerin störte mich, weil der Eingriff so offensichtlich wirkt. Weil sie jedes Zimmer mit den Lippen zuerst betritt. Vielen Lippen merkt man aber gar nicht an, dass sie aufgespritzt wurden. Hätte die Waffelbäckerin etwas sparsamer Filler gekauft, wäre ihr mein Wohlwollen erhalten geblieben.

Auf den ersten Blick mag das nebensächlich wirken. Aber ein Team von Psycholog:innen hat einmal untersucht, wie Frauen andere Frauen bewerten, wenn diese sichtbar sexualisiert auftreten. Dafür zeigten sie rund 700 Teilnehmerinnen das Bild einer Frau, die entweder einen tiefen Ausschnitt trug oder einen Ausschnitt mit einem Einsatz, der ihre Brüste verdeckte. Das Ergebnis: Die Teilnehmerinnen bewerteten die Frau mit Dekolleté in fast allen Bereichen negativer: Sie hielten sie unter anderem für weniger intelligent, weniger vertrauenswürdig und eher bereit, bei Prüfungen zu betrügen.

Frauen wissen das übrigens. Für eine andere Studie sollten gut 100 Studentinnen Outfits für zwei Gelegenheiten entwerfen: einmal für ein Treffen nur unter Frauen, einmal für eine gemischte Runde. Für das reine Frauentreffen wählten sie Kleidung, die messbar weniger Haut zeigte – die Forscherinnen legten am Ende eine Rasterfolie über die Bilder und maßen nach. Und je attraktiver eine Frau sich selbst einschätzte, desto dezenter kleidete sie sich für die Frauenrunde. Die Forscherinnen deuten das als Schutzmaßnahme: Frauen ahnen, dass zu viel sichtbare Haut sie zur Zielscheibe für die Feindseligkeit anderer Frauen macht.

Vielleicht wirkt eine Frau, die ihr Aussehen sichtbar aufrüstet, auf andere Frauen wie eine Konkurrentin, mit der man mithalten muss.

Klingt nach Freiheit, ist es aber nicht⬆ nach oben

Man sollte diese Studien nicht überbewerten. Die Stichproben sind klein und bestehen fast nur aus jungen Amerikanerinnen. Und getestet wurden tiefe Ausschnitte und geplante Outfits, keine aufgespritzten Lippen. Trotzdem geben sie mir zu denken. Das schärfste Urteil über die Waffelbäckerin kam ja nicht von meinem Freund, der einfach nur neugierig guckte. Sondern von mir. Vielleicht habe ich meine eigenen Motive nicht verstanden.

Ich darf die Lippen der Waffelbäckerin trotzdem beunruhigend finden und das ganze Geschäft mit der Schönheit weiter zum Kotzen. Ich muss nur aufhören, so zu tun, als stünde ich darüber. Und als gäbe es eine saubere Art, einzelne Frauen dafür zu beurteilen. Die gibt es nämlich nicht. Mache ich der Waffelbäckerin einen Vorwurf, reduziere ich sie auf ihr Aussehen. Nehme ich sie in Schutz und lade alles beim System ab, das sie unter Druck setzt, behandle ich sie von oben herab als ferngesteuertes Opfer, das nicht weiß, was es tut. Dann bin ich die Einzige im Raum, die angeblich durchschaut, was hier gespielt wird, und sie eine, die nicht weiß, was sie tut. Und winke ich großzügig ab, weil jede Frau mit ihrem Körper machen darf, was sie will, dann tue ich so, als hätte sie sich diese Lippenform an einem freien Nachmittag ganz für sich ausgedacht. Hat sie aber nicht. „Ist doch ihre Entscheidung“, klingt nach Freiheit, aber diese Entscheidung fällt in einer Welt, die uns ständig sagt, was wir noch alles an uns verbessern müssen.


Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger

Ich will Frauen nicht nach ihrem Aussehen beurteilen – warum tue ich es trotzdem?

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