Hinter mir im Zug sitzt eine Frau und erklärt ihrem Chef am Telefon, warum sie sechs Stunden (statt der geplanten zwei) für die Rückreise von ihrem (verpassten) Termin braucht – und erntet kein Verständnis. Neben mir hält der Pressesprecher irgendeines Ministers eine Videokonferenz mit seinem Smartphone ab – und wird aus einem halben Dutzend geteilter Bildschirme ratlos angeguckt. Vor mir erklärt eine Frau, sie habe im Urlaub wenig über Arbeit nachgedacht, aber „hätte da eine gute Idee“ – und muss sich anhören, wie schlecht ihre Idee ist.
Ich bin auf dem Weg in die Altmark, historisch dünnbesiedelte Region in Sachsen-Anhalt, in the middle of nüscht, wie man dort gern sagt. Zweifellos, denke ich, auf meinem brettharten Regionalexpress-Sitz zum Mithören genötigt, müssen all diese strebsamen Menschen einen anderen Mobilfunkbetreiber nutzen als ich, denn ich habe wieder mal kein Netz. Ebenso zweifellos ist, dass viele gutverdienende Menschen in Deutschland in halb-remoten Office-Jobs ihre Lebenszeit vergeuden, und ich stelle mir vor, dass meine drei unglücklich Mitreisenden vielleicht auch schon mal darüber nachgedacht haben, ihre Diensthandys ins Zugklo zu schmeißen und in die aparte Altmark zu ziehen, wo man für den Preis eines Neuwagens einen ganzen Bauernhof kaufen könnte.
Vielleicht ist es besser, in einem „ländlich geprägten Raum in der dauerhaften Strukturkrise“ (Friedrich-Ebert-Stiftung) zu leben, als in einem städtisch geprägten Raum in der dauerhaften Sinnkrise?
Brit jedenfalls, die nun am Bahnhof von Salzwedel auf mich wartet, hat sich vor gut einem Jahrzehnt ähnliche Fragen gestellt und ist aus Hamburg (1.900.000 Einwohner:innen) nach Ellenberg (210) gezogen, hat den Bullshit-Job hingeschmissen, die Stadtwohnung gegen den Bauernhof getauscht. Damit stand sie am Anfang eines interessanten Trends, der sich seit der Corona-Zeit noch deutlich verstärkt hat: Immer mehr Städter:innen, vor allem aus Hamburg, Hannover und Berlin, aber auch aus dem Wendland oder Franken ziehen in die Altmark, weil es dort nicht nur eine der höchsten Leerstandsquoten gibt, sondern auch die günstigsten Immobilien. Nun gibt es dort in den meisten Dörfern zwar keinen einzigen Laden mehr, dafür aber mehrere alternative Wohnprojekte.
Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
Im Herbst wählen drei Bundesländer neue Regierungen. Wir begleiten diese Wahlen. Zum Auftakt reist unser Reporter Christian Gesellmann durch Sachsen-Anhalt und trifft Menschen wieder, die ihn 2019 eingeladen hatten, sein Krautreporter-Buch über Ostdeutschland „in the middle of nüscht“ vorzustellen.
Warum das interessant ist? Wegen der Demografie jedenfalls nicht. Zwar ziehen seit etwa einem Jahrzehnt ein paar hundert Menschen pro Jahr mehr in die Altmark, als aus ihr wegziehen. Aber gestorben wird immer noch zu Tausenden mehr, und die Geburtenrate ist eine der niedrigsten – weltweit. Seit der Wende hat die Altmark mehr als 20 Prozent ihrer Einwohner:innen verloren. Bis 2040 sollen es laut Bevölkerungsprognose nochmal 15 Prozent weniger werden.
„Man könnte es auch versteckte Obdachlosigkeit nennen“⬆ nach oben
Seit Brit hier lebt, hat sie eine Kleingartenanlage gekauft, eine Kirche gepachtet, eine Lebensmittelkooperative und ein Mietsyndikat mitgegründet, ein Haus, ein Dorf und einen Wald besetzt. Sie hat eine Ausbildung zur Gartentherapeutin gemacht, hat Menschen beim Sterben begleitet, als Ernte- und Haushaltshelferin gearbeitet und Schwerstbehinderte gepflegt. Sie hat in einer Bungalowsiedlung gelebt, im Bauwagen, im Plattenbau und in Bauernhöfen ohne Strom und Wasser. „Man könnte es auch versteckte Obdachlosigkeit nennen“, sagt sie.
Ein klassisches Problem im ländlichen Osten: Günstige Immobilien und viel Leerstand bedeuten nicht gleich, dass auch geeigneter Wohnraum zur Verfügung steht. Vor allem nicht, wenn man hier lebt und dann auch so bezahlt wird. Mies nämlich. Richtig mies. Das jährlich verfügbare Haushaltseinkommen je Einwohner:in lag 2016 im Altmarkkreis Salzwedel zwischen 17.500 und unter 20.000 Euro. Brit, heute angestellt in einem Pflegeheim, sagt: „Es schockiert mich immer noch, wie schlecht man teilweise für Arbeit bezahlt wird.“
Im Salzwedeler Bahnhofstunnel umarmt sie mich zur Begrüßung und fragt, wie es mir ergangen ist seit unserem letzten Treffen, und ich weiß nicht warum, aber ich liste ihr erstmal auf, was mir gerade alles weh tut. „Oje, sollen wir ins Krankenhaus fahren?“, fragt sie mich und lacht, wir gehen dann aber lieber erstmal Mittagessen. Brit hätte mit Sicherheit mehr Grund zum Jammern als ich, denn während am Wochenende ein Hitzerekord den anderen jagte, lief sie sich die Füße wund, um die immobilen Bewohner:innen ihres unklimatisierten Pflegeheimes mit Wasser und feuchten Tüchern vor dem Dehydrieren zu bewahren.
Durch die einstige Hansestadt Salzwedel weht, wie in vielen ostdeutschen Kleinstädten, ein dezidiert postapokalyptisches Lüftchen. Unser Mittagessen nehmen wir in einem schönen Stadthaus ein, an dessen Fassade eine Hermes-Statue wacht, und das früher Werkstatt, Verkaufsraum und Wohnung des Möbelfabrikanten Gustav Dieterichs war. Heute huscht hier Anita durch ein Meer an bunten Plastikblumen, um zwei reglosen Rentnern, die immer noch nicht glauben können, wie heiß es gestern war, Rouladen zu servieren. Anita trägt ein Dirndl und Lockenwickler unter ihrem geblümten Kopftuch, „ich hab heute Abend noch ein Date“, sagt sie. Anita serviert nicht nur, sie kocht auch und kassiert und macht den Einkauf und überhaupt „immer nur alles alleene seit der Wende“. Früher hatte sie viele Leute unter sich, war Vorkoch im Vorzeigebetrieb. Wer will, sagt sie, kann auch noch selbstgemachtes Erdbeereis mit Eierlikör zum Nachtisch haben. „Hab ich mit echter Sahne gemacht, wie früher.“
Ob das Leben heute besser ist als vor der Wende, will Brit von ihr wissen.
„Nee“, sagt Anita, wie aus der Pistole geschossen, „alles schlechter heute: der Lebensstandard, die Lebensmittel, die medizinische Versorgung.“
„Und wer ist schuld?“, fragt Brit.
„Die kapitalistischen Juden in Amerika und England“, sagt Anita.
Sie warnt uns dann noch vor Spinnenproteinen im Käse und Arsen im Kaffee. Hier ist also noch jemand, der zu viel Zeit mit dem Handy verbringt.
Das lokale Gebäck wird zum Symbol für das Systemversagen⬆ nach oben
Die Rouladen (8,90 Euro) jedenfalls waren ein Traum, das Eis ein Genuss, der Kaffee duftet nun im Porzellankännchen, draußen fahren die lokalen Drogenkonsumenten auf riesigen Fahrrädern ihre Schranzmusik durch die denkmalgeschützte City, da kommt eine Rentnerin an unseren Tisch und fragt, ob sie abräumen dürfe, es würde ihr Freude bereiten, sie habe früher als Kellnerin gearbeitet. Brit schreibt derweil eine E-Mail an die Leiterin des Pflegeheimes. Das mit der personellen Unterbesetzung, das geht so nicht weiter, erklärt sie.
„Die Alterung der Bevölkerung“, lese ich im Landeswohnungsmarktbericht, „schreitet weiter voran.“ Insbesondere der Anteil der über 80-Jährigen werde noch deutlich zunehmen. „Gleichzeitig verändern sich die Haushaltsstrukturen nachhaltig: Knapp 80 Prozent aller Haushalte bestehen bereits heute aus ein oder zwei Personen. Damit steigt der Bedarf an kleineren, gut erreichbaren und barrierearmen Wohnungen.“ Genau diese Wohnungen sind es, die unter den 1,26 Millionen leer stehenden fehlen. Für neu gebaute oder barrierefrei sanierte Wohnungen werden aber auch in den Städten Sachsen-Anhalts inzwischen mittlere Angebotsmieten von rund 12,50 Euro pro Quadratmeter fällig, was ziemlich genau im bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Und was sich hier kein Rentner leisten kann. Und so gehören immer mehr Wohnungen und Läden in der hübschen Innenstadt von Salzwedel zugezogenen Westdeutschen, wie mir Brit auf dem Weg zurück zu ihrem klapprigen Kleinwagen zeigt. Viele dieser Immobilien stehen trotzdem leer. „Viele merken bald: Man kann hier zwar billig Immobilien kaufen – aber es ist gar nicht so einfach, etwas damit anzufangen.“ Zu wenig Kaufkraft für Einzelhandel. Zu wenig Tourismus für Gastgewerbe. Zu schwache Einkommen, um zu vermieten. Zu wenige Handwerker:innen, um zu sanieren. Zu hohe Inflation, um verlässlich zu kalkulieren. Zu viele Pflegebedürftige, die sich ihre Pflege nicht leisten können.
„Hast du gewusst, dass Salzwedel auch Baumkuchenstadt ist?“, fragt Brit. Das wusste ich natürlich nicht, was auch nicht schlimm ist, denn der Königliche Salzwedeler Baumkuchen ist mittlerweile so teuer in der Herstellung, dass ihn sich fast niemand mehr leisten kann. Wenn sich die Produktion eines seit Jahrhunderten beliebten Produktes traditioneller Handwerkskunst plötzlich nicht mehr lohnt, dann läuft was grundlegend schief. Bei einem Preis von bis zu 23 Euro pro Stück ist das gelobte Gebäck jedenfalls zur lokalen Metapher für allgemeines Systemversagen geworden.
Zukunftspläne, bis die Tränen kommen⬆ nach oben
Kurz vor dem Versagen ist auch Brits knackende Beifahrertür. Dafür kann der Kapitalismus nix, viele Beifahrer und endlose Landstraßenkilometer haben das alte Scharnier ausgemergelt. Wir sind nun auf dem Weg nach Riebau, dem Dorf, in dem Brits neuer Hof steht. Viele Jahre hat sie nach einem solchen Hof „in Alleinlage“ gesucht – ohne Nachbarn. Gekauft hat sie ihn schon vor einiger Zeit, aber einziehen kann sie nicht, weil noch jemand drin wohnt, der schon immer drin gewohnt hat, dort alt und einsam geworden ist, und einfach nicht ausziehen will, auch nicht nach dem Sturm, der letztes Jahr den halben Hof zum Einsturz brachte. Aber für Räumungsklagen ist Brit nicht der Typ.
So sitzen wir nun zwischen Sperrmüll und Unkraut unter einer Trauerweide, deren Wurzeln sich durch die Hauswand bohren, gucken auf die zusammengefallene Scheune und Brit schmiedet Zukunftspläne, bis ihr die Tränen kommen.
Wer viel probiert, der scheitert viel.
Tröstend rauscht der Wind durch das angrenzende Weizenfeld. Brit erzählt nun von A., einem Mann aus der näheren Umgebung, der eines Tages zufällig vorbeikam und erst nur ein bisschen beim Aufräumen helfen wollte, dann nicht aufhörte, von seinen Problemen zu erzählen, und irgendwann begann, über eine gemeinsame Zukunft mit Brit zu reden. „Es gibt sehr viele einsame Männer in der Altmark“, sagt sie. Dieser hier wird wohl noch öfter wiederkommen, fürchtet sie.
Nächste Woche erscheint Teil 2 meines Reiseberichts.
Bis dahin kannst du mir in dieser Umfrage sagen, was dich vor den Wahlen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt beschäftigt.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Theresa Bäuerlein, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger