Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Dieser Satz fasst zusammen, was die Psychologie als kognitive Dissonanz bezeichnet. Wir halten an unseren Überzeugungen fest, obwohl die Realität ihnen widerspricht – und deuten lieber die Geschehnisse um, als uns selbst zu hinterfragen.
Deutschland befindet sich aktuell in diesem Zustand. Wenige Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt die dortige AfD laut einer neuen Umfrage bei 41 Prozent. 15 Prozentpunkte vor der CDU. Gewinnt die AfD die Wahl mit einer absoluten Mehrheit, könnte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine rechtsextreme Partei eine Landesregierung stellen.
Zugleich führt die AfD auch auf Bundesebene die Umfragen an. Obwohl ihre Politik besonders ihrer eigenen Anhängerschaft schaden würde. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigte schon 2023 in einer Untersuchung, dass die typische AfD-Wählerschaft – männlich, mittelalt, niedriges bis mittleres Einkommen – am stärksten unter einer AfD-Regierung leiden würde.
Viele Leser:innen fragen uns deshalb immer wieder: Warum wählen Menschen eine Partei, die ihnen schadet? Das scheint unlogisch. Aber wer das für irrational hält, sitzt drei Irrtümern über Wahlentscheidungen auf.
Irrtum 1: Wirtschaftliche Interessen sind ausschlaggebend für Wahlentscheidungen⬆ nach oben
Warum wählen Geringverdiener:innen die SPD, obwohl die Partei seit den neunziger Jahren den Sozialstaat abbaut? Warum wählen Reiche die Linke? Die Antwort: Menschen wählen meist nicht nach wirtschaftlichen Interessen. Kulturelle und identitäre Themen spielen bei Wahlentscheidungen oft eine größere Rolle.
Der Politikwissenschaftler Thomas Frank analysierte schon 2004 in seinem Buch „What’s the Matter with Kansas?“, warum ärmere Wähler:innen im US-Bundesstaat Kansas für die Republikaner stimmten, obwohl deren Wirtschaftspolitik ihnen schadete. Seine Untersuchung zeigte, dass Kulturkampfthemen wie Schwangerschaftsabbrüche, Waffenrechte oder Religion deutlich wichtiger für die Wahlentscheidung waren als wirtschaftliche Überlegungen.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen 15 Jahre später die Politikwissenschaftler:innen Pippa Norris und Ronald Inglehart in ihrer Studie „Cultural Backlash“. Sie wollten wissen, weshalb Menschen in verschiedenen Ländern Rechtspopulist:innen wählen. Dafür analysierten sie Wahldaten aus über 50 Ländern. Das Ergebnis zeigt: Menschen wählen Rechtspopulist:innen nicht, weil sie arm sind, sondern weil sie sich „kulturell enteignet“ fühlen.
Norris und Inglehart zufolge nehmen besonders ältere, weniger gebildete Wähler:innen in westlichen Gesellschaften einen tiefgreifenden Wertewandel wahr: Feminismus, Multikulturalismus und queere Rechte haben in den vergangenen Jahrzehnten traditionelle Normen verdrängt. Zahlreiche Menschen verunsichert das. Sie kommen nicht mit und rebellieren gegen die gefühlte „kulturelle Enteignung“, indem sie Rechtspopulist:innen wählen. Auch wenn deren Wirtschaftspolitik ihnen schaden würde.
Irrtum 2: Menschen wählen Rechtspopulist:innen, weil es ihnen schlecht geht⬆ nach oben
Viele Menschen wählen Rechtsaußen-Parteien nicht, weil es ihnen gerade wirtschaftlich schlecht geht. Sondern weil sie Angst haben, dass es ihnen in der Zukunft schlecht gehen wird. In der Politikwissenschaft spricht man von „Status Anxiety“, also der Angst vor Statusverlust. Diese Angst vor dem sozialen oder wirtschaftlichen Abstieg ist einer der großen Treiber für die Wahl von Rechtspopulist:innen. Wichtig ist: Oftmals geht es gar nicht nur um den individuellen Status, sondern um das Kollektiv. Also das Land oder die eigene Gruppe.
Die Politikwissenschaftlerin Diana Mutz zeigte das erstmals in ihrer Studie „Status threat, not economic hardship, explains the 2016 presidential vote“. Bis zur Veröffentlichung der Studie nahmen zahlreiche Medien und Politiker:innen an, die US-Bevölkerung hätte besonders für Trump gestimmt, weil es ihnen wirtschaftlich schlecht ging. Mutz widerlegte das.
Diesen Text gibt es wegen euch
Es ist eine der häufigsten Fragen, die uns Leser:innen stellen: Warum wählen Menschen die AfD, obwohl es ihnen wirtschaftlich schadet? Deshalb beantworten wir die Frage in diesem Text.
Sie wertete Daten aus, in denen dieselben Wähler:innen vor und nach der US-Wahl 2016 befragt wurden und kam zu überraschenden Ergebnissen. Wer 2016 erst Clinton wählen wollte, letztlich aber für Trump stimmte, dessen Wahlentscheidung hing kaum mit der eigenen wirtschaftlichen Lage zusammen. Und wer in den Jahren zuvor seinen Job verloren hatte, unterstützte Trump nicht häufiger als Clinton. Entscheidend für die Wahlentscheidung war die Wahrnehmung, dass die USA international an Bedeutung verlieren. Und dass die traditionell dominierende weiße, christliche Mittelklasse im Vergleich zu anderen Gruppen sozial absteige. Wirtschaftliche Erklärungsansätze wie Arbeitslosigkeit oder Einkommensentwicklung spielten kaum eine Rolle.
Mutz spricht von „dominance threat“, von dem Gefühl, dass eine Gruppe, der man angehört, ihren angestammten Platz in der Gesellschaft verliert. Zahlreiche Studien sind inzwischen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Es ist nicht die individuelle wirtschaftliche Lage, die Menschen empfänglich für die Botschaft von Rechtspopulist:innen macht, sondern die Beurteilung der gesamtgesellschaftlichen Zustände.
Irrtum 3: Wahlen sind rationale Entscheidungen⬆ nach oben
Wählen ist für die allermeisten Menschen keine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale. Rechtspopulist:innen profitieren besonders von diesen Gefühlen, weil sie verschiedene Ängste mit permanenten Katastrophenerzählungen befeuern. Doch sie bieten ihrer Anhängerschaft noch mehr als bloß Angst und das Versprechen, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzukehren.
Die Sozialwissenschaftler:innen Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger sprechen in ihrem jüngsten Buch von „Zerstörungslust“. Sie untersuchten anhand von Fragebögen und Interviews, wie destruktiv die Anhängerschaft rechter Parteien ist. Ihre Untersuchung zeigt, dass immer mehr Menschen den Eindruck haben, die liberale Demokratie halte ihre Versprechen nicht und schränke sie ein. Das selbstbestimmte Leben, das ihnen versprochen wurde, entpuppt sich als Illusion, der soziale Aufstieg wird schwieriger, die Ungleichheit nimmt zu. Die Angst vor Statusverlust ist allgegenwärtig und die Hoffnung schwindet, dass die Zukunft besser als die Vergangenheit sein kann.
In dieser Situation schlägt Amlinger und Nachtwey zufolge das Bedürfnis, seine Wünsche zu verwirklichen, in etwas anderes um: den Wunsch, die Welt zu zerstören, die einem die Luft zum Atmen nimmt. Genau das bieten Rechtspopulist:innen ihrer Anhängerschaft: Lust durch Zerstörung, Grausamkeit und Chaos. Nicht, weil sie einem spezifischen Plan oder politischen Programm folgen. Nicht, weil dadurch irgendetwas besser wird. Sondern weil es Vergnügen bereitet.
Zu einem ähnlichen Befund kommt der Soziologe Philipp Rhein in seinem Buch „Rechte Zeitverhältnisse“. Emotionen seien schon immer wichtig für Wahlentscheidungen gewesen, sagt er. Doch die AfD verstehe es wie keine andere Partei, Zuspitzungen und Konflikte zu ihren Gunsten zu nutzen. Seine Gespräche mit AfD-Wähler:innen hätten gezeigt, dass diese den Glauben an die Zukunft verloren haben. Die AfD biete ihnen aber das Gefühl, einen einzigartigen Einblick in den stattfindenden Untergang der Gesellschaft zu haben. Rhein vergleicht diesen Einblick mit christlichen Endzeitsekten: Wer glaubt, als einer von wenigen den Durchblick zu haben, fühle sich zumindest besser, sagt er.
Das heißt: Menschen wählen die AfD, weil sie ihnen Dinge bietet, die Menschen gemeinhin wichtiger sind als ihre wirtschaftlichen Interessen: Gruppenzugehörigkeit, Ideologie, Wirkungsmacht. Das Gefühl, den Untergang zu verstehen und dagegen zu rebellieren. Insofern gilt, was der Philosoph David Hume schon vor 300 Jahren sagte: Die Vernunft ist bloß eine „Sklavin der Leidenschaften“.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert