Als Mitglied hast du Zugriff auf diesen Artikel.
Ein Krautreporter-Mitglied schenkt dir diesen Artikel.
ist Krautreporter-Mitglied und schenkt dir diesen Artikel.
Hi!
Es ging schnell – plötzlich war alles zu viel. Wellen der Trauer rollten über mich, dann hysterische Lachanfälle und wieder Tränen. Ich atmete hastig, als ob meine Lunge es eilig hätte, möglichst viel Luft zu inhalieren. Wie Formel-1-Rennwagen rasten Gedanken ungebremst durch mein Gehirn. Ich zitterte, bekam Hitzewallungen, zitterte wieder.
Wie gut, dass ich nicht alleine war. Auf Lautsprecher gestellt hörte ich die stabile Stimme eines Freundes aus meinem Handy, nennen wir ihn Jan. „Ich glaube, ich muss in die Klinik“, sagte ich. Nun überlegten wir zusammen, wie. Zu Fuß? Mit dem Auto? Oder doch mit dem Krankenwagen?
Ich war zu diesem Zeitpunkt schon fünfmal in der Klinik gewesen, kannte jede Version – und konnte mich jetzt nicht entscheiden.
„Wenn du den Notarzt rufst, kommst du im Liegen an, und das kann in einer Klinik einen Unterschied machen“, sagte Jan. Ich müsse vielleicht weniger warten. Notarzt it is, dachte ich und packte meinen Rucksack. Kabel, Unterwäsche, noch mehr Kabel, Krankenkassenkarte und meinen Kindle stopfte ich zusammen.
Dann tippte ich die 112. „Hallo, ich habe eine persönliche Krise und benötige Hilfe.“ – „Name, Adresse“. Ich gab alles durch. „Tragen Sie eine Waffe bei sich?“ Was für ein schräger Satz. Was meinte sie? Ein Bushmaster BA50 Scharfschützengewehr, eine Wurf-Axt oder nur eine Nagelschere?
Ich verneinte und dachte: Fuck my life. In diesem Moment, völlig am Ende, tränenverschmiert, war ich ein potenzieller Täter. „Bitte gehen Sie nicht mit einem Gegenstand auf die Einsatzkräfte los“, legte die Stimme nach, dann legte ich auf. Rief Jan wieder an. „Weißt du, was die gerade zu mir gesagt haben?“ Als die Sanitäter klingelten, hatte ich nichts in der Hand. Ich war froh, Hilfe zu bekommen.
Heute habe ich Abstand zu diesem Moment. Mir ist klar, dass die 112-Person am Telefon diese Sätze nicht böswillig gesagt, sondern sich an Vorgaben gehalten hatte. Trotzdem weiß ich nicht, was man als Betroffener in einem Krisenmoment damit anfangen soll. Ob ich eine Waffe bei mir habe, ist und bleibt eine weirde Frage.
Gewünscht hätte ich mir etwas Empathie, ungefähr so: „Herr Gommel, ich kann hören, dass es Ihnen gerade nicht gut geht, und ich weiß, dass es eine komische Frage ist, aber ich muss sie leider stellen: Tragen Sie eine Waffe bei sich?“ Damit wäre es für mich leichter gewesen, darauf zu antworten, und ich hätte mich weniger angegriffen gefühlt.
FRAGE DER WOCHE
Was erleben armutsbetroffene Menschen jeden Tag, das für reiche Privilegierte undenkbar ist?⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Schreibe uns deine Antwort gern per E-Mail an weird@krautreporter.de.
EURE ANTWORTEN
Ich hatte neulich gefragt: Hat dich schon mal jemand mit einer Antwort schockiert – und du wusstest sofort: Sie stimmt?
Claudia hat geantwortet:
Eine Freundin fragte mich, wie es mir gehe (gemeint war der noch relativ neue Job), und ich erwiderte und meinte es auch so: „Gut, ich bin angekommen.“
Daraufhin sah sie mich an und sagte ruhig feststellend: „Aber glücklich bist du nicht …“, und es stimmte leider – das wurde mir jedoch erst in jenem Moment bewusst und war wie ein Schlag.
FALKS BLICK AUF DIE WELT⬆ nach oben
Illustration: Falk Louis
Bis nächste Woche!
Martin