Als Mitglied hast du Zugriff auf diesen Artikel.
Ein Krautreporter-Mitglied schenkt dir diesen Artikel.
ist Krautreporter-Mitglied und schenkt dir diesen Artikel.
Bevor es losgeht: Zu Beginn der Lesekrise-Recherche wollen wir die wichtigsten Fragen sammeln und beantworten, um das Ausmaß der Krise klar zu machen. Welche Frage sollten wir dabei auf keinen Fall vergessen? Sag es uns in unserer Umfrage!
Ich selbst war vier Jahre lang auf einer Montessori Schule. Wir haben in einem freien Konzept gelernt: statt steif auf einem Stuhl, hinter einem Pult, vor einer Tafel zu sitzen, saßen wir auf einem Teppichboden, ohne Schuhe, in einem Kreis. Hier haben Kinder zusammengelernt, die unterschiedlich alt waren und verschiedene Herkünfte und Fähigkeiten hatte – auch Kinder mit Förderbedarf.
Was sich nach einem inklusiven Schulkonzept anhört, entpuppte sich oftmals als Einschränkung von Teilhabe. Denn es kam vor, dass Kinder mit ADHS, Downsyndrom oder Autismus kurzzeitig vom Unterricht ausgeschlossen wurden, weil die Lehrer:innen keine Zeit für eine 1-zu-1-Betreuung hatten oder sie schlichtweg störten.
Das ist kein Einzelfall, wie eine Studie aus dem Jahr 2026 zeigt. Die Teilhabe von Kindern mit Förderbedarf wird demnach sowohl an Förderschulen als auch an Regelschulen eingeschränkt.
Sie werden nicht nur temporär vom Unterricht ausgeschlossen, sondern auch häufig früher nach Hause geschickt. Die Autorinnen der Studie haben untersucht, wie Eltern von Kindern mit Behinderungen oder Förderbedarf das Schulsystem in Deutschland wahrnehmen. Dafür haben sie 7.462 Eltern online befragt.
Es fehlen: Zeit und Fachkräfte⬆ nach oben
Heraus kam eine Ambivalenz: 60 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gehen auf separate Förderschulen, obwohl 82 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder mit Behinderungen oder Förderbedarf getrennten Unterricht ablehnen. Warum ist das so?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist recht offensichtlich: Es mangelt an Zeit und Fachkräften, besonders an allgemeinen Schulen. Ich erinnere mich noch gut an die Lehrkräfte, die mich an der Montessorischule unterrichtet haben, viele von ihnen waren keine ausgebildeten Pädagog:innen. Daher fehlte im Umgang mit Kindern, die einen Förderbedarf haben, in bestimmten Situationen das nötige Know-How.
Ein anderer Grund ist die Schulberatung. Vor der Einschulung werden Eltern vor allem durch Kinderärzt:innen und Psycholog:innen beraten, später auch durch Lehrkräfte. Dabei bekamen 77 Prozent der Eltern Vorteile für eine Förderschule genannt, nur 51 Prozent Vorteile der Inklusion an Regelschulen. 41 Prozent der Eltern wurden vorrangig zur Förderschule geraten, 24 Prozent zur Inklusion.
Was, wenn man die beiden Systeme mal miteinander vergleicht?⬆ nach oben
Wenn es um die Vor- und Nachteile von Förder- und Regelschulen geht, lohnt sich ein Vergleich der beiden Systeme:
Wohlbefinden: Eltern schätzen das Wohlbefinden ihres Kindes an Förderschulen deutlich positiver ein. Während nur 21 Prozent der Eltern von Kindern mit Förderbedarf an allgemeinen Schulen das Wohlbefinden ihrer Kinder mit “gut” bewerten, sind es bei Förderschulen schon knapp 50 Prozent.
Belastung: Familien von Kindern mit Förderbedarf an allgemeinen Schulen berichten von einer starken, organisatorischen und emotionalen Belastung. Hier ergab die Studie, dass knapp 50 Prozent der Befragten diese Belastung empfinden. An Förderschulen sind es nur rund 22 Prozent.
Teilhabe: In beiden Schulformen werden Kinder mit Behinderungen gleichermaßen zeitweise vom Unterricht ausgeschlossen oder früher nach Hause geschickt. Nur rund 40 Prozent der Eltern sagen, ihr Kind sei genauso willkommen wie Kinder ohne Behinderung.
Kapazitäten: Während die Klassen in Förderschulen kleiner sind und das Personal anders geschult, schaffen es die Regelschulen nicht, die Kinder ordentlich zu betreuen. 69 Prozent der Förderschul-Eltern hätten unter guten Bedingungen (zum Beispiel geschultes Personal) eine allgemeine Schule gewählt.
Leistung: Kinder mit Förderbedarf erzielen in den Schwerpunkte Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung an Regelschulen bessere Leistungen.
Abschluss: Rund 75 Prozent der Förderschüler:innen verlassen eine Förderschule ohne Abschluss. Eine allgemeine Schule erhöht ihre Chancen auf einen Schulabschluss.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke⬆ nach oben
Die Studie zeigt: Zwischen dem, was Eltern wollen, und dem, was das System leisten kann, gibt es eine Lücke. Deshalb meinen die Autorinnen, dass es einen Systemwechsel brauche, weg vom Doppelsystem (Förder- plus Regelschule) hin zu Inklusion im Regelsystem. Inklusion dürfe keine freiwillige Option sein, sondern müsse mit verbindlichen Mindeststandards systemisch verankert sein.
Auf mich hatte das inklusive Lernen – auch wenn es noch hakte – einen positiven Einfluss. Ich habe an der Montessorischule etwas gelernt, das ich früher für selbstverständlich gehalten habe und heute umso mehr schätze: Offenheit und Toleranz.
Schlussredaktion: Bent Freiwald und Lea Schönborn.