Als Mitglied hast du Zugriff auf diesen Artikel.
Ein Krautreporter-Mitglied schenkt dir diesen Artikel.
ist Krautreporter-Mitglied und schenkt dir diesen Artikel.
Krieg ist eine moderne Erfindung und der Mensch ein friedliches Tier.
Vielleicht denkst du jetzt: Häh, der Mensch?! Der Mensch, der die Atombombe erfunden hat, Völkermorde begeht und sich schreckliche Foltermethoden ausgedacht hat?
Bis vor Kurzem hätte ich so reagiert. Dann las ich das Buch „Die Evolution der Gewalt“ von Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik, einem Archäologen, einem Historiker und einem Evolutionsbiologen. Sie wühlten sich durch die Menschheitsgeschichte und fragten: Wann haben die Menschen eigentlich angefangen, Kriege zu führen? (Das Buch hat mir übrigens ein Krautreporter-Mitglied empfohlen, Grüße gehen raus!)
Die These der drei Autoren ist, dass wir menschheitsgeschichtlich gesehen erst seit kurzer Zeit Kriege führen. Krieg ist ihnen zufolge eine Anomalie, eine kulturelle Angewohnheit, die aber nicht in die menschliche DNA eingeschrieben ist.
Für Jäger und Sammler lohnt sich ein Kampf nicht⬆ nach oben
Die drei Autoren erklären damit, dass die Menschen die längste Zeit ihrer Existenz auf der Erde als nomadische Jäger und Sammler lebten. Und wer so lebt, muss sich auf eine völlig andere Weise organisieren und Konflikte lösen, als wir es heute gewohnt sind.
Nomadische Jäger und Sammler, von denen es bis heute einige wenige Gemeinschaften gibt, haben kaum Besitz und sind weniger an einen Ort gebunden. Sie sind egalitär organisiert, haben also keinen Anführer, der den anderen Befehle erteilen kann. Und sie sind es gewohnt, Nahrung miteinander zu teilen.
Beobachtungen aus dem Tierreich zeigen: Gewalt gegenüber anderen unterliegt immer einer Kosten-Nutzen-Analyse. Wer glaubt, dass er eh verliert, greift nicht an. Für nomadische Jäger und Sammler von früher war die Analyse wahrscheinlich folgende: Ein Kampf wäre riskant, aber wer eh nicht sesshaft ist, kann einfach weiterziehen. Wer kaum Besitz hat, ist kein lohnendes Ziel für einen Angriff. Und wer darauf getrimmt ist, mit anderen Menschen zu teilen und nicht auf die Befehle von anderen zu hören, kann schlecht in einen Krieg gezwungen werden.
Das ist einer der Momente, wo mir mal wieder klar wird, wieso diejenigen, die bestehende Verhältnisse kritisieren, gerne auf die Jäger und Sammler verweisen. So vieles, was normal und „natürlich“ erscheint, relativiert sich mit einem Blick auf die Menschheitsgeschichte.
Die Menschen wurden sesshaft, und dann hatten wir den Salat⬆ nach oben
Vor ungefähr 12.000 Jahren begannen die Menschen, sesshaft zu werden. Und dann, um es mal salopp auszudrücken, hatten wir den Salat. Alles veränderte sich: die tägliche Arbeit, die Ernährung, die Zahl der Kinder pro Frau, die Hierarchien.
Vielleicht hast du schon einmal gehört, dass das Patriarchat und der Kapitalismus damals ihren Anfang genommen haben. Mit dem Krieg könnte es laut der drei Autoren genauso gewesen sein.
Sie beschreiben, dass die Menschen sich an besonders fruchtbaren Orten niederließen, Zeit und Arbeit investierten und nicht mehr bereit waren, diesen Ort zurückzulassen. Die Menschen begannen, Lebensmittel zu lagern, was sie wiederum zu einem begehrten Ziel für Plünderer machte. Einzelne wurden reicher als andere, und das hat auch vor Tausenden von Jahren schon für Unfrieden gesorgt.
Damals, in der Mittelsteinzeit, tauchten die ersten Waffen auf, die nur dem Menschentöten dienten, sogenannte Scheibenkeulen. Flache, in der Mitte gelochte Steinscheiben, die an einem Holzstock befestigt wurden. In Sibirien befinden sich die 8.000 Jahre alten Überreste von einer der ersten Festungen der Welt. Außerdem gibt es Massengräber aus dieser Zeit: Menschen mit eingeschlagenen Schädeln oder Pfeilspitzen in den Rippen.
Was das für heute bedeutet⬆ nach oben
Für die Autoren des Buches ist das eine zentrale Erkenntnis: Wiederkehrende Konflikte zwischen Gruppen tauchten ihrer Analyse nach erst unter bestimmten Bedingungen in der Menschheitsgeschichte auf. „Der Krieg hat unsere Vorfahren nicht schon immer im Griff gehabt.“
Klar, für uns hat diese Erkenntnis erstmal keine realen Auswirkungen. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass wir alle unsere Wohnungen aufgeben und stattdessen durch die Steppe ziehen, um Wild zu jagen und Brombeeren zu sammeln.
Ich finde jedoch die Erkenntnis alleine schon bemerkenswert: Krieg gehört nicht zum Menschen dazu. Das heißt, wir können ihn auch wieder loswerden.
Redaktion: Lea Schönborn