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Kannst du dich noch an die Bundesjugendspiele erinnern? Diesen einen Tag im Jahr, an dem die ganze Schule einen Tag lang Sport gemacht hat? Wir wollen wissen, ob du gern hingegangen bist und wie du diesen Tag in Erinnerung hast. Erzähl uns gern in dieser Umfrage davon!
Nun aber zu unserem aktuellen Thema: der Lese-Recherche. Wir geben dir hier wöchentlich Updates. Dabei erzählen wir aber natürlich nicht alles, was wir herausgefunden haben, sondern suchen uns einzelne Aspekte heraus, die uns überrascht oder anderweitig beschäftigt haben und die wir gerne mit dir teilen würden.
Aber was ist eigentlich mit den Erwachsenen, die nicht lesen können?⬆ nach oben
Unser Fokus sind eigentlich Kinder und Jugendliche. Aber vergangene Woche haben wir mit Simone Ehmig von der Freien Universität Berlin gesprochen. Ehmig hat lange das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen geleitet. Sie kennt sich einerseits damit aus, wie gut Kinder lesen können und was ihnen helfen könnte. Aber nicht nur das: Sie weiß auch sehr gut, wie der Stand bei erwachsenen Menschen in Deutschland ist. Und sie denkt beides zusammen: Wenn die Eltern selbst nicht gut lesen können, hat das einen Einfluss auf die Kinder.
In unserem Gespräch hat sie sich wiederholt auf die LEO-Studie bezogen. In der Studie wurden 2018 die Lese- und Schreibkompetenzen der Deutsch sprechenden erwachsenen Bevölkerung erfasst. Laut der Studie kann mehr als jede zehnte erwachsene Person höchstens auf Satzebene lesen und schreiben. Ein Text, der aus mehr als einem Satz besteht, wird also als überfordernd empfunden. Das ist bei hochgerechnet mehr als sechs Millionen Menschen der Fall. Ich finde das ziemlich viel (das sind doppelt so viele Menschen, wie in Berlin wohnen).
Wie die Erwachsenen, die nicht gut lesen, klarkommen⬆ nach oben
Simone Ehmig hat 2025 auch an der MOVE-Studie mitgearbeitet. Ehmig und weitere Wissenschaftler:innen haben darin untersucht, wie Erwachsene mit Alphabetisierungs- und Grundbildungsbedarf motiviert und zu einer verbindlichen Teilnahme an Lernangeboten bewegt werden können. Für die Studie wurden etwas mehr als 500 Menschen befragt, die formal gering gebildet sind.
Im Gespräch hat Ehmig schon mit einem Klischee aufgeräumt: dass nicht gut lesende Erwachsene immer darunter leiden. Ehmig sagt, dass viele Wege gefunden haben, trotzdem in ihrem Leben klarzukommen. Meist durch Unterstützung in ihrem familiären und freundschaftlichen Umfeld. Der Leidensdruck ist also nicht immer so hoch, wie man annimmt, und deswegen sei die Motivation häufig niedrig, etwas zu ändern und besser lesen und schreiben zu lernen. Weitere Gründe, warum die nicht gut lesenden Erwachsenen selten etwas an ihrer Situation ändern: 74 Prozent finden Lesen anstrengend und jede dritte Person mit Leseschwierigkeiten hält Lesen für „etwas für gebildete Leute“.
Das ist ein weiterer Mythos, mit dem Ehmig aufräumen will: dass Lesen etwas für gebildete Leute sei.
Wir machen einen Test:
Hast du heute schon gelesen?⬆ nach oben
Lass mich raten: Wenn du heute schon die Zeitung oder ein Buch gelesen hast, wirst du wahrscheinlich mit Ja antworten. Hast du das noch nicht getan, wahrscheinlich eher mit Nein. Ehmig hat uns erzählt, dass sie diese Frage öfter mal bei Vorträgen stellt, um zu verdeutlichen, dass Lesen mehr ist als nur das Lesen von Büchern oder Zeitungsartikeln.
Wenn du heute schon vor der Tür warst, hast du vielleicht schon die Anzeige an der Busstation gelesen, die Speisekarte im Restaurant oder die Info, dass die Arztpraxis heute leider geschlossen ist. Auch wenn du noch nicht draußen warst, hast du vielleicht heute Morgen die sehr ausführliche Beschriftung auf der Oatly-Milch oder den Beipackzettel für die Schmerzmittel gegen deine Kopfschmerzen gelesen. Wer hat bei diesem Wetter keine Kopfschmerzen?
Ich wäre auf Ehmigs Test wahrscheinlich auch reingefallen. Dass wir im Alltag lesen, nehmen wir als so selbstverständlich, dass es uns gar nicht auffällt. Ich finde die Daten aus der Studie aber deswegen umso interessanter: dass viele Menschen ihr Leben so eingerichtet haben, dass sie auch ohne Lesen klarkommen.
Rolle der Eltern beim Lesen lernen der Kinder⬆ nach oben
Von den 6,2 Millionen Erwachsenen, die Probleme beim Lesen und Schreiben haben, sind 38 Prozent Eltern. Also 2,36 Millionen Menschen. Eltern, die selbst nicht gut lesen, können oder wollen natürlich nicht vorlesen. Und Vorlesen gilt als zentral für die Leseentwicklung von Kindern. Da sind sich alle Expert:innen einig und deswegen setzen auch so viele Leseförderungsprojekte beim Vorlesen an.
Die Ergebnisse aus der MOVE-Studie sind in Bezug auf Eltern sehr interessant: Die Forscher:innen schreiben, dass Eltern minderjähriger Kinder eine besonders gut erreichbare Zielgruppe sind. Warum? Eltern lassen sich besser motivieren, weil ein großer Motivator das Wohlergehen der Kinder ist.
Hier muss ich kurz anmerken, dass die Zahl der Eltern in der MOVE-Studie nicht so groß war (157 Personen) und die Zahlen daher mit Vorsicht zu betrachten sind. Dennoch: Der Studie zufolge zeigen niedrig gebildete Eltern im Vergleich zu Erwachsenen ohne Kinder eine höhere Verbindlichkeit. Nur 39 Prozent blieben einem Termin fern, gegenüber 57 Prozent in der Gesamtzielgruppe. Sie fühlen sich auch der Gesellschaft zugehöriger (71 gegenüber 60 Prozent). Der Erklärungsansatz dafür ist, dass Eltern es durch ihre Kinder gewohnter sind als Nicht-Eltern, ihren sozialen Kokon zu verlassen.
In den nächsten Wochen werden wir uns dem Thema (die Rolle der Eltern beim Lesenlernen der Kinder) auf jeden Fall noch detaillierter widmen. Wenn du dazu Input hast, schreib uns gern an tkaa@krautreporter.de!
Was wir nächste Woche vorhaben: Die Mutterschule der Leseband-Methode besuchen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Nächste Woche besuchen Bent und ich die Grundschule Kirchdorf in Hamburg. Steffen Gailberger, der Erfinder des Lesebands, hat sie im Gespräch mit uns als die „Mutterschule der Leseband-Methode“ bezeichnet. Die Grundschule war eine der ersten Schulen in Deutschland, die das Konzept eingeführt haben und laut Steffen Gailberger auch eine der Schulen, die es am erfolgreichsten durchführt. Das Konzept in einem Satz: Täglich soll jedes Kind mindestens 20 Minuten lesen.
Bei diesem simplen Satz beginnt aber schon ein häufiges Missverständnis. Leseband bedeutet nicht, die Kinder täglich vor Bücher zu setzen und zu hoffen, dass so die Lesekrise gelöst wird. Es braucht ein pädagogisches Begleitkonzept, Methoden und Lesematerial, das auf den Wissensstand der Kinder angepasst ist, ein Kollegium, das das Lesen an der Schule priorisiert und im besten Fall eine Evaluation der angewendeten pädagogischen Konzepte. Bent und ich wollen wissen, was sie an der Schule so gut machen. Hast du Fragen, die wir mitnehmen sollen? Dann schreib uns an tkaa@krautreporter.de. Danke!
Bent würde gerne bei den Bundesjugendspielen mitmachen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Und arbeitest du zufällig an einer Schule in Hamburg, die die Bundesjugendspiele dieses Jahr noch ausrichtet? Bent würde gern nochmal mitmachen bei dem Wettkampf. Melde dich gerne unter bent@krautreporter.de.
Schlussredaktion: Bent Freiwald