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Zwei Rädchen Wurst, eine Scheibe Käse, Vollkornbrot. Dazu in einem Becherlein mit Abziehfolie: Erdbeermarmelade. In einer durchsichtigen Plastikbox schimmerte ein verlorenes Gürkchen. Ich starrte auf mein Abendessen und wollte es am liebsten in den Mülleimer schütten, der auf dem Flur der Psychiatrie stand.
Ich zog das Tablett aus dem Speisetransportwagen und schob es lustlos auf den Esszimmertisch. Mein Zimmernachbar Bruno rührte seines nicht an, ich warf ihm einen fragenden Blick zu. „Haha, bestimmt nicht“, murmelte er, entfaltete eine Tageszeitung vor seinem Gesicht und wir kicherten zusammen. Dabei war der Grund unseres Aufenthaltes nicht lustig.
Bruno hatte einen Suizidversuch überlebt, ich war nach einem Nervenzusammenbruch mit dem Rettungswagen eingeliefert worden. Die Psychiaterin in der Notaufnahme hatte eine mittelgradige depressive Episode attestiert. Zufällig waren wir Zimmernachbarn geworden und hatten uns angefreundet.
Mit Bruno über die Krankenhaus-Küche herzuziehen, empfand ich als befreiend. Jeden Tag besprachen wir als Patienten in Gruppentherapien und Einzelgesprächen unsere persönlichen Defizite. Allen war klar: Mit uns stimmt etwas nicht. Aber immerhin galt das auch fürs Essen.
Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf Lästern. Ich dachte an armutsbetroffene Menschen. „Wenn du jeden Tag froh darüber bist, überhaupt etwas zwischen die Zähne zu bekommen, fängst du dann auch wie wir an, im Krankenhaus als Hobby über die Wurstscheiben zu meckern?“, fragte ich mich. Ich erinnerte mich an meine Mutter, die, wenn ich im Alter von 13 keine Lust auf ihre Gemüsebrühe hatte, sagte: „Kinder in Afrika haben nichts zu essen und du meckerst über das Mittagessen. Schäm dich.“
Als ich am nächsten Tag zum Mittagstisch grün-beigen Brei auf dem Tablett entdeckte, einen Löffel probierte und mir beinahe schlecht davon wurde, schob ich alles zurück in den Essenswagen. Ich fragte Bruno, ob er mit mir in der Kantine essen gehen wolle. Bruno: „Waaas? Hier gibt es eine Kantine?“ Wir spazierten zum Aufzug, der uns in die erste Etage hievte. Dort war die Kantine.
Bruno sammelte am Büffet einen Salat mit Karotten, Feldsalat und Rucola in einer Schüssel, frisches Laugenbrötchen dazu. Ich bestellte mir vom Tagesgericht zwei Bouletten, Pommes Frites, Blattgemüse und eine Cola. „Wie schön!“, seufzte ich erleichtert, als ich den Teller auf dem Tisch abstellte. Bruno genoss jeden Bissen. „Martin, ich bin so froh, dass du mir die Kantine gezeigt hast! Das macht mein Leben besser!“
Während ich mir eine Pommes quer zwischen die Zähne schob, erinnerte ich mich an armutsbetroffene Menschen. Dieser Gedanke passte nicht an diesen Ort, denn mir war klar, dass Betroffene es sich nicht leisten konnten, hier gemütlich das Mittagsmenü zu bestellen. Ich hatte keine Antwort auf den Konflikt in mir, aber einen Zimmernachbarn, der, nachdem er vor ein paar Tagen noch sein Leben beenden wollte, strahlte.
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Illustration: Falk Louis