Eine Portrait von Adeel-Raza Kiani, dahinter: Blumensträuße.

Kianimus/Egor Komarov/Unsplash

Psyche und Gesundheit

Interview: „Die Welt ist nicht härter geworden, sondern sanfter“

Und: Als guter Mensch kann man heute eher überleben als vor fünfzig oder hundert Jahren. Das sagt der Autor und Mentor Kianimus.

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Der Titel Ihres Buches lautet „Gute Menschen verlieren nie“. Man könnte sagen, das entspricht so gar nicht dem heutigen Zeitgeist, weil man eher denken würde, man müsse besonders hart sein oder die Ellbogen ausfahren, um zu gewinnen.

Kianimus: Die Welt ist nicht härter geworden, sondern sanfter. Sozialstaaten sichern uns ab. Es gibt, auch wenn es anders wirken mag, weniger Krieg, weniger Morde, mehr Rechte für alle, natürlich nicht überall, aber insgesamt betrachtet. Trotzdem denken viele, dass es schlechter wird. Und sicher gibt es die Tendenz, dass sich Menschen mehr isolieren in ihrem Dasein und absondern. Wobei sie nicht unbedingt gegeneinander ankämpfen. Ich denke, dass man als guter Mensch heute eher überleben kann als vor fünfzig oder hundert Jahren. 

Adeel-Raza Kiani nennt sich Kianimus und ist Autor und Mentor.

Adeel-Raza Kiani nennt sich Kianimus und ist Autor und Mentor. Sein Buch „Gute Menschen verlieren nie: Der Sieg beginnt im Kopf“ ist 2022 erschienen. | Kianimus

Was zeichnet für Sie einen guten Menschen aus?

Jemand, der den Menschen, den Tieren und der Umwelt nicht schadet, sondern sie schützt und sich für sie einsetzt. Und Liebe für sich selbst hat. Jemand, der seinen eigenen Wert kennt, der Grenzen setzen und Nein sagen kann. 

Und was verlieren diese guten Menschen nicht? Worauf beziehen Sie das?

Der gute Mensch verliert ganz oft, das ist das Narrativ der Gesellschaft. Bei meiner Mutter habe ich das gesehen. Sie hat als Alleinerziehende drei Jungs aufgezogen. Sie war immer gutherzig, hat oft keine Grenzen setzen können und das erst sehr spät gelernt. Zu sich selbst gut zu sein, das war schwierig für sie. Nein sagen, sich selbst nicht auslaugen, sich nicht für andere aufopfern. Wenn man das nicht kann, verliert man sich selbst Stück für Stück.

Hatten Sie einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie selbst daran gezweifelt haben und dachten: Vielleicht verlieren gute Menschen doch?

Ich wuchs in Dietzenbach bei Frankfurt im Brennpunkt auf, wir hatten nie viel Geld und mit etwa achtzehn Jahren hatte ich das Gefühl, gar keine Perspektive zu haben. Dass keine Chancengleichheit herrscht. Ich habe dann versucht, mir selbst Perspektiven zu schaffen. Zu sagen: Ich gehe in die Eigenverantwortung und tue etwas für mich. Ich werde für mich selbst dasein mit einem gesunden Egoismus.

Wie kommt man aus dieser Wut auf das System, die einen lähmen kann, wieder heraus?

Bei mir gab es diesen Moment: Ich war früher kriminell, weil ich die Illusion hatte, dass ich keine Perspektive habe und das war der einzige Ausweg, der mir vorgelebt wurde. Einmal haben wir einen Mann überfallen, wir wollten sein Geld. Der hat gar nicht reagiert. Er wirkte ganz apathisch. Ich fand ein Foto von seiner Frau und seinen Kindern im Geldbeutel und schaute ihm in die Augen und irgendwie machte es da Klick. Ich dachte: Das kannst du den Menschen nicht antun. Und ich wollte nicht im Gefängnis enden. Aber sicher, so einen Moment hat nicht jeder und den braucht es auch gar nicht. 

Sondern?

Ein Perspektivwechsel kann schon reichen. Indem man lernt, sich in andere hineinzuversetzen. Eine Übung ist, dass man Gründe für andere Menschen findet, nicht nur gegen sie. Im Alltag neigen wir dazu, die Menschen zu verurteilen und in Schubladen zu stecken. Gründe für andere Menschen zu finden, regt unser Gehirn dazu an, aus der eigenen Komfortzone zu kommen und nicht nur im „Überlebensmodus“ zu kategorisieren, sondern neue Perspektiven zu entwickeln.

Vermutlich schätzen viele Menschen sich besser ein, als sie vielleicht sind, und halten sich für zu gut. Was denken Sie, woher kommt das?

Die meisten Menschen möchten sich selbst als gute Menschen sehen. Das schützt unser Selbstbild. Gleichzeitig beurteilen wir unsere eigenen Absichten, bei anderen aber oft nur das Verhalten. Wenn ich jemanden verletze, habe ich meistens eine Erklärung dafür. Wenn mich jemand verletzt, sehe ich häufig nur die Tat. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, selbst zu den Guten zu gehören, während man andere schneller verurteilt. Echte Güte beginnt für mich dort, wo man bereit ist, die eigenen Schwächen ehrlich anzusehen.

Was braucht es für eine gelingende Selbsteinschätzung?

Ehrliche Selbsteinschätzung braucht Demut. Und sie beginnt mit der Erkenntnis, dass niemand ausschließlich gut oder schlecht ist. Deshalb sollten wir uns regelmäßig fragen: Wie würde mein Verhalten auf jemanden wirken, der mich nicht kennt? Und würden die Menschen, die mir am nächsten stehen, mich genauso beschreiben, wie ich mich selbst beschreibe? Wer bereit ist, Feedback anzunehmen und Fehler einzugestehen, entwickelt mit der Zeit ein realistischeres Bild von sich selbst. Das macht echte Güte erst möglich.

Das Gefühl, für ihre Gutmütigkeit bestraft zu werden, kennen viele Menschen. Woher kommt das?

Teils wird das durch das Narrativ verstärkt, die guten Menschen würden nur verlieren. Und durch die Werte, die man als Kind mitgegeben bekommen hat: die Art und Weise, wie man über das Leben und über sich selbst denkt. Da kommen wir wieder zurück zum Grenzen setzen, zur Selbstliebe und zu einer rationalen Sicht auf die Gesellschaft.

Wenn man oft genug enttäuscht wurde, denkt man vielleicht: „Ich werde einfach härter. Ich gebe weniger.“ Wie unterscheiden Sie zwischen gesunder Schutzreaktion und dem Beginn von Verbitterung?

Eine gesunde Schutzreaktion ist, wenn ich das tue, was ich wirklich möchte. Wir müssen uns erst im Klaren sein, was unsere Grenzen und Bedürfnisse sind. Wenn ich unsicher darüber bin, wer ich bin und wohin ich möchte, kann ich nicht klar handeln. Verbitterung beginnt dort, wo wir nicht im Einklang mit uns selbst sind und nicht für das einstehen, was wir möchten. Und vor allem, wenn sich das über einen langen Zeitraum zieht und wir uns nicht erlauben, wir selbst zu sein.

Lassen Sie uns das mal an einem Beispiel durchgehen: Wie sieht eine gesunde Schutzreaktion und wie eine verbitterte Reaktion aus?

Ein simples Beispiel: Jemand hatte eine schlechte Beziehung und sagt deswegen, alle Männer oder Frauen seien doof. Das ist Verbitterung. Rein faktisch gesehen sind nicht alle Männer oder Frauen doof. Es ist völlig okay, dass der Gedanke hochkommt. Und dann ist wichtig zu sagen: „Okay, ich hatte eine schlechte Erfahrung, was lerne ich daraus?” Dafür braucht es Zeit. Ein Jahr ohne Dating kann helfen. Wenn ich sofort date, bin ich meist noch verwundet und wiederhole Fehler. Besser man geht in die Selbstbeobachtung: Was ist passiert? Was hat mich richtig genervt? Die Punkte schreibt man auf. Beim nächsten Mal kann man klar sagen: „Ich habe gesehen, was ich möchte und was nicht.“ Das ist der Unterschied zur Verbitterung, bei der man sagen würde: „Alle Männer oder Frauen sind schlecht.“ Geht man mit der Einstellung in Dates, bringt man Groll und Hass mit, den man in sich trägt. Die nächste Beziehung ist zum Scheitern verurteilt.

Grenzen setzen hat inzwischen ein schlechtes Image. Viele verbinden damit Egoismus oder Härte.

Viele denken: Wenn ich Grenzen setze, muss ich hart sein. Das ist falsch. Fürs Grenzen setzen muss man nicht hart sein. Das geht sanftmütig. Was viele machen: Man ist hart zu sich selbst, aber ständig sanft zu anderen. Man ärgert sich über sich selbst, weil man nichts sagt, schimpft mit sich, dass man sich Dinge gefallen lässt. Dabei kann ich in Ruhe sagen: „Das ist meine Grenze, das möchte ich nicht“, ohne in Härte zu geraten. Ich gebe dem anderen die Möglichkeit zu erkennen, wie sanft ich es meine. Stellen wir uns vor, ich arbeite mit jemandem im Büro und die Person trinkt immer meine Milch. Wenn ich sage: „Hey, wenn du von meiner Milch trinken möchtest, dann frag mich doch bitte.“ Das ist kein harter Satz. Davon dürfte sich niemand beleidigt oder angegriffen fühlen.

Wie unterscheiden Sie zwischen gesunden Grenzen und harten oder egoistischen?

Wer anfängt, Grenzen zu setzen, geht durch zwei Phasen. Die erste Phase ist ein Problem für viele. Wenn man das erste Mal gegenüber den Menschen, zu denen man eigentlich immer Ja gesagt hat, Nein sagt, ist die Reaktion: „Was soll das denn?“ Da können Menschen einen plötzlich als egoistisch, toxisch oder narzisstisch bezeichnen, all diese Begrifflichkeiten aus der Populärwissenschaft. In der zweiten Phase lernt man, das zu überwinden und zu seinen Grenzen zu stehen. Wenn es meine Grenze ist, dass ich ab zwanzig Uhr in meinem Zimmer bin und lese, dann ist das so. Und gleichzeitig muss man sich fragen: Wo könnte ich vielleicht meine Grenze ein bisschen flexibler gestalten, damit ich mit anderen sozial interagieren kann? Das ist ja immer die Herausforderung zwischen Grenzen setzen und sozial sein.

Gute Menschen verlieren nie. Der Sieg beginnt im Kopf, Erscheinungsjahr 2022, Kianimus Verlag

Gute Menschen verlieren nie. Der Sieg beginnt im Kopf, Erscheinungsjahr 2022, Kianimus Verlag

Bitterkeit entsteht ja oft nicht über Nacht. Sie schleicht sich ein. Woran merkt man, dass man gerade dabei ist, seine Gutmütigkeit zu verlieren?

Das Erste, was man oft sieht: Menschen isolieren sich. Sie ziehen sich zurück, auch von denjenigen, die sie mögen und die ihnen guttun. Das Zweite ist: Man fängt an, an sich zu zweifeln und sagt: „Ich habe das Gefühl, dass ich mir selbst nicht gerecht werde.“ Daraus entsteht erst Trauer, dann Wut. Und mit dieser Wut schreitet man durch die Welt, weil man sich vorher isoliert hat und von außen keinen Rückmeldungsgeber mehr hat, zum Beispiel die beste Freundin. Wenn man mit Wut oder Verbitterung durch die Welt geht, reagiert sie als Spiegel und man denkt: „Oh, die Welt ist ja echt schlecht.“ Das ist ein sich selbst verstärkendes Problem. Weil man denkt: Der verbitterte Busfahrer oder die schlecht gelaunte Kassiererin, warum sind die so miesepetrig? Wenn wir so jemanden sehen, kann ich als Tipp mitgeben, ihnen mit Wärme zu begegnen. Wir können dadurch nichts verlieren, aber wir können jemandem ein bisschen Hoffnung mitgeben.

Der Berliner Psychologe Michael Linden beschreibt Verbitterung als eine Reaktion auf Kränkung, Herabwürdigung und Vertrauensverlust, gepaart mit Hilflosigkeit. Das heißt: Verbitterung trifft oft genau die Menschen, die mit Überzeugung an etwas geglaubt haben, an Gerechtigkeit etwa. Ist Güte automatisch ein Risikofaktor für Verbitterung?

Güte allein wird dich ganz oft in die Verbitterung treiben. Güte mit Grenzen, mit Selbstschutz, mit Selbstliebe, ist der langfristige Weg, um glücklich zu sein. „Liebe deinen Partner so viel du kannst“, hat meine Mutter gesagt, „aber vergiss dabei nicht, dich selbst zu lieben.“ Die Liebe zu dir selbst ist die höchste Priorität. Wenns dir nicht gut geht, gehts deinem Partner irgendwann auch nicht mehr gut. Also muss man lernen, sich zu schützen. Dann wird man auch nicht verbittert.

Gibt es einen Unterschied, wie Güte sich anfühlt, wenn sie aus Stärke kommt, gegenüber Güte, die aus Angst kommt, etwa aus der, nicht mehr geliebt zu werden, wenn man aufhört zu geben?

Güte hat keinen Zweck. Das sieht man bei Eltern, die ihren Kindern gegenüber einfach gut sind und etwas Schönes hinterlassen möchten, ohne zu wissen, ob sie etwas zurückbekommen werden. Man zahlt alles Mögliche, investiert emotionale Zeit und erwartet nichts zurück.

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Muss Güte immer selbstlos sein?

Echte Güte ist selbstlos, aber mit Grenzen.

Zeigen Menschen, die klassisches People Pleasing betreiben und versuchen, es allen recht zu machen, um geliebt zu werden, keine echte Güte? Das Ergebnis ist ja das gleiche: Man ist nett, nimmt Leuten beispielsweise Aufgaben ab.

Nein, eigentlich nicht. Betrachten wir das so: Wahre Güte erzeugt ein Plus auf deiner Seite, wenn ich gut zu dir bin. Dein Leben ist positiver geworden. Bei mir ist es eine Null. Wenn ich aus Angst heraus Güte zeige, dann ist bei dir ein Plus und bei mir ein Minus. Denn ich habe etwas verloren: Zeit, Emotionen oder Energie. Das ist der Unterschied zwischen echter Güte und der Güte, die man versucht zu geben, um geliebt zu werden oder um sich wertvoller zu fühlen.

Und warum profitiere ich selbst nicht davon, wenn ich echte Güte zeige?

Weil sie keinen Zweck erfüllt. Ob ich mich dadurch besser oder schlechter fühle, ist etwas anderes. Koppelt man das an diese „Ich gebe, also fühle ich mich dadurch besser“-Rechnung würde sie einen Zweck erfüllen. Das wäre keine echte Güte. Echte Güte gibt, ohne etwas zu verlangen.


Redaktion: Hannah Mara Schmitt, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey

„Die Welt ist nicht härter geworden, sondern sanfter“

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