Julian Schönbohm im Gespräch in einer Kneipe

Julian Schönbohm / Bündnis 90/Die Grünen

Politik und Macht

Was die Grünen von Zohran Mamdani lernen wollen – und was nicht

Als Mamdani Bürgermeister von New York wurde, elektrisierte das Progressive weltweit. Grünenchef Banaszak will dessen Erfolgsrezept studieren – und merkt, welche Zutaten er nicht übernehmen will.

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Als das Ausflugsschiff die Freiheitsstatue ansteuert, stimmt Felix Banaszak scherzhaft die ersten Zeilen der französischen Nationalhymne an. Das Lied ruft zum Sturz absolutistischer Herrscher und von Tyrannei auf; seine Ursprünge liegen in der Französischen Revolution, die einen König den Kopf kostete. Banaszak ist textsicher.

Die Freiheitsstatue war ein Geschenk der französischen Bevölkerung an die amerikanische zur hundertjährigen Unabhängigkeit der USA und dem Ende der Sklaverei – daher die spontane Gesangseinlage des Bundesvorsitzenden der Grünen, weitere 150 Jahre später.

Die anderen Passagier:innen schenken dem singenden Politiker allerdings wenig Beachtung: Der Schiffsmotor brummt laut und Lady Liberty zieht alle Blicke auf sich (nach Donald Trumps Wiederwahl witzelte ein französischer Europaabgeordneter, man solle den Amerikaner:innen das Geschenk besser wieder wegnehmen).

Banaszak, 36, ist zum ersten Mal in den USA. „Meine Familie ist nicht weiter westlich gekommen als Duisburg“, erzählt er später auf Ellis Island, dem zweiten Stopp der vormittäglichen Tour durch den New Yorker Hafen. Früher fertigten die Beamt:innen der zentralen US-Einwanderungsbehörde hier Millionen Migrant:innen ab, die vor allem aus Europa übersiedelten. Heute ist das Gelände ein Museum, das Banaszak sichtbar mehr abholt als die Freiheitsstatue.

Zwischen den vielen Tourist:innen, die sich in Shorts und mit türkis-grünen Schaumstoffkronen aus dem Souvenirshop durch die klimatisierten Hallen schieben, fällt er mit seiner langen Hose und Aktentasche ein wenig aus dem Rahmen. In der Ausstellung über die jüngere Einwanderungsgeschichte der USA bleibt Banaszak bei einer mit Fotos bestückten Chronologie seit 1945 hängen. Sein Opa stammt aus dem heutigen Poznań, die Oma aus Schlesien. Beide kamen als Kinder mit ihren Eltern in den Ruhrpott, wo damals viele Menschen aus dem Osten in der Kohle- und Stahlindustrie Arbeit fanden. Vor einer Tafel zu Push- und Pull-Faktoren reden wir über seinen Nachnamen, der nicht allen fehlerfrei über die Lippen geht. Banaszak spricht ihn als Erster in seiner Familie polnisch aus.

Irgendwo auf dem Festland wuselt währenddessen der Bürgermeister von New York herum. „We will be outside“, versprach der inzwischen weltberühmte Zohran Mamdani bei seiner Amtseinführung – und er nimmt das Draußensein bemerkenswert ernst. Quasi täglich zirkulieren neue Videos: Mamdani auf dem Fahrrad. Mamdani in der Subway. Mamdani auf der Gokart-Bahn. Heute hat er morgens an einer Grundschule in Manhattan neue Fördermittel für Vorschulkinder angekündigt. Später wird er in Queens Hochwasservorsorgepakete verteilen. Die Millionenmetropole direkt am Atlantik ist klimabedingt immer häufiger von Überschwemmungen betroffen und zur Wochenmitte ziehen heftige Gewitter auf.

Mamdanis Namen sprachen die Menschen im Wahlkampf so oft falsch aus, dass die ebenfalls weltberühmte New York Times vier Journalist:innen mobilisierte, um herauszufinden, warum das so ist. Wäre es ein anderes Medium, ein anderer Politiker, würde man das vielleicht Hofberichterstattung nennen. Hier aber ist es Folge des „Mamdani-Effekts“. Der 34 Jahre alte Bürgermeister hat mit seinem spektakulären Wahlsieg erst seine Stadt, dann die USA und schließlich alle Progressiven dieser Welt begeistert.

Die Grünen kämpfen mit ihrem Elite-Image – Banaszak sucht das Gegenrezept bei Mamdani⬆ nach oben

Banaszak ist in New York, weil er „das Rezept“ von Mamdani sucht, wie er es formuliert. Den Grünen aus dem linken Flügel beeindruckt, wie der linke Demokrat im Wahlkampf eine breite Koalition, insbesondere mit jungen Leuten, geschmiedet hat. Im Winter war schon dessen Stratege Morris Katz zu Gast bei den Grünen in Berlin. Jetzt trifft Banaszak auf der anderen Atlantikseite unter anderem die Democratic Socialists of America (DSA), denen Mamdani angehört. Er fährt auch nach Washington D.C. für Gespräche im Kongress und in den republikanisch geprägten Bundesstaat Texas, wo der Demokrat James Talarico auf einen Sitz im US-Senat schielt.

Zuhause haftet Banaszaks Partei wie Kaugummi das Image an, vor allem Klientelpolitik für Besserverdienende zu machen. Dieses Image will nicht nur Banaszak dringend loswerden, der seit 2024 mit Franziska Brantner aus dem Realo-Lager die Grünen führt. Zu oft verfange noch „das Zerrbild der alltagsfernen Elite-Partei“, schrieben die Fraktionschefinnen Katharina Dröge und Britta Haßelmann nach der für die Grünen ernüchternden Bundestagswahl in einem Strategiepapier. „Das muss uns zu denken geben.“

Zwar konnten die Grünen zuletzt Erfolge in Baden-Württemberg und München verbuchen. Doch im September stehen auch Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an – und dort dümpeln die Grünen nahe der Fünf-Prozent-Marke herum. Die Antwort darauf sucht Banaszak nicht in Strategiepapieren. „Die Grünen müssen mehr Heimat und weniger Stuhlkreis sein, wenn wir der autoritären Gefahr etwas entgegensetzen wollen“, sagte er kürzlich dem Handelsblatt. „Der Kampf um die Demokratie ist der Kampf um die Eckkneipe.“

Julian Schönbohm sitzt vor der Fassade eines Lokals auf einem Stuhl

Man muss ja nicht immer um sie kämpfen, man kann auch einfach vor ihr sitzen: Banaszak vor einer Eckkneipe. | Julian Schönbohm / Bündnis 90/Die Grünen

Am Tag vor dem Ausflug zur Freiheitsstatue sitzt Banaszak in einer buchstäblichen Eckkneipe mit LGBTQI-Geschichte. Julius’ Bar ist an einer Straßenkreuzung im Greenwich Village gelegen, wo die queere Bürgerrechtsbewegung 1969 mit den Stonewall-Aufständen ihren Anfang nahm. Banaszak hat sich dort mit zwei New Yorkern aus der Community getroffen, mit ihnen über das Viertel gesprochen und dabei auch gleich nachgehakt, was sie denn vom neuen Bürgermeister halten. Danach nimmt er sich ein wenig Zeit für die Fragen der Journalist:innen, die mit dabei sind.

„Ich bin nicht auf der ‚Wie-können-wir-Mamdani-kopieren-Reise‘“, ist ihm wichtig, zu betonen. Ihn interessiere, welche Elemente sich genauer zu betrachten lohnen und an welchen Stellen Mamdanis Ansatz nicht auf die Grünen übertragbar ist. „Ich möchte die Zeit in der Opposition für uns nutzen, Strategien zu entwickeln, um als progressive, demokratische, ökologische Kraft in die Offensive zu kommen“, sagt Banaszak. Das bedeutet für ihn als Grünenchef in erster Linie, Umwelt- und Klimathemen konsequent mit Gerechtigkeitsfragen zu verknüpfen – „raus aus dem Kulturkampf und rein in die Auseinandersetzung um Machtfragen“. Wie schon beim Bundesparteitag im vergangenen November bemüht er das Beispiel Mallorca: Das Problem beim Klima sei nicht seine Nachbarin, die einmal im Jahr mit ihrer Familie in den Urlaub fliege, „sondern die brutale Vertretung fossiler Geschäftsinteressen“.

Klar, einen Schurken benennen: Das gehört neben der massiven Freiwilligenmobilisierung und extrem wirkungsvollen Medienarbeit zu Mamdanis Rezept. Immer wieder sprach er im Wahlkampf über Superreiche und deren Einflussnahme auf die US-Politik. Den Kern bildete dabei stets ein konkretes Gegenangebot – kostenlose Busse, ein Mietenstopp, städtisch finanzierte Kinderbetreuung. Und: Sein Team ließ Mamdani, dem selbst von Gegner:innen ein außergewöhnliches politisches Talent attestiert wird, einfach machen. „Let Zohran cook“, nannten sie das. Die Redewendung „someone cooked“, also „jemand kocht“, bedeutet, dass die Person etwas sehr gut macht und so richtig abgeliefert hat.

Beim Thema Aufrüstung endet die Nähe: Banaszak attackiert die Linkspartei⬆ nach oben

Auch Banaszak will kochen, nur mit eigenen Zutaten. Beim Thema Militarisierung etwa sieht er wenig Schnittmengen. Die Widerstandsbewegungen gegen Aufrüstung seien in Deutschland und den USA nicht vergleichbar, meint er: Was in Deutschland passiere, sei keine Militarisierung zur Vorbereitung von Angriffskriegen, sondern die Herstellung von Verteidigungsfähigkeit gegen eine reale Gefahr – dass Russland die Nato und potenziell Deutschland angreift. Dann geht Banaszak in die direkte Konfrontation mit der deutschen Linken: „Ich halte diese linke Agitierung gegen Verteidigungsfähigkeit, die Ignoranz der Linkspartei gegenüber der realen Bedrohungslage für verantwortungslos. Dieser Pseudopazifismus in Teilen der Linkspartei würde uns am Ende ins Verderben bringen.“

Zur Ukraine hat sich Mamdani bislang wenig geäußert. Innerhalb seiner politischen Heimatorganisation, den demokratischen Sozialisten, ist das Thema umstritten. Zwar bezeichnete die DSA den russischen Angriffskrieg im Februar 2022 als illegal, forderte aber im selben Atemzug einen Austritt der USA aus der Nato und „ein Ende des imperialistischen Expansionismus, der den Boden für diesen Konflikt bereitet hat“.

Auf diese Zutat dürfte Banaszak für sein Rezept verzichten wollen.

Als das Gespräch auf Israel kommt, wägt der sonst nicht auf den Mund gefallene Politiker seine Worte auffällig genau ab. Er redet etwas langsamer, fast stakkatoartig, als müsse er jede Formulierung noch ein letztes Mal prüfen, bevor er sie in den holzgetäfelten Raum entlässt.

Kaum ein Thema birgt aktuell mehr politischen Zündstoff – auch in den USA. Immer mehr Amerikaner:innen hinterfragen die militärische Unterstützung für Israel und der gemeinsam gegen Iran begonnene Krieg hat diese Stimmung weiter verschärft. Demokratische Wähler:innen lehnen ihn von ganz links bis zur Mitte nahezu geschlossen ab, und auch in der republikanischen Wählerschaft bröckelt die historisch stabile Solidarität mit Israel. Vor allem die Parteispitze der Demokraten aber steckt wenige Monate vor den Kongresswahlen mitten in einer Zerreißprobe – schließlich will sie beide Kammern von den Republikanern zurückerobern. Dafür gilt es auch, eine Basis zu befrieden, die die Israel-Linie des Establishments als zunehmend unhaltbar empfindet.

Mamdani ist bei diesem Thema die linke Galionsfigur. Er zeigt sich offen solidarisch mit Palästina, nennt das Vorgehen der IDF im Gazastreifen einen Genozid und beantwortet die Frage, ob er Israel als jüdischen Staat anerkenne, stets so: Israel habe das Recht zu existieren, als Staat mit gleichen Rechten für alle – denn politische Systeme, in denen Religion oder ethnische Zugehörigkeit die Grundlage staatlicher Ordnung bilden, lehne er grundsätzlich ab.

„Ich teile seine Haltung nicht“, stellt Banaszak klar. Er wolle sich nicht verbiegen, nur um Wählerstimmen zu gewinnen. Gleichzeitig glaubt er, dass es weder in Deutschland noch in den USA gelungen ist, das Thema in angemessener Form zu diskutieren. Im Bemühen, alle Seiten zu sehen, habe man „den Fehler gemacht, die Realität der Menschen in Palästina und die damit verbundene Empathie nicht genug zu adressieren“. Die Verhärtung der Debatte rühre aus seiner Sicht daher, dass kein Raum mehr für Zwischentöne existiert. „In beiden Ländern hat das auf der radikal linken Seite in Teilen autoritäre Züge“, sagt Banaszak. „Und gleichzeitig gibt es natürlich eine Notwendigkeit, sich gegenüber den Völkerrechtsverbrechen der israelischen Regierung viel klarer zu positionieren, als es in beiden Ländern – auch in Deutschland – getan wird.“

Die innerlinke Debatte darüber erachtet er als politische Schwäche: „Das Problem der Linken ist ja immer, dass sie ihre Unterschiede stärker bewertet als ihre Gemeinsamkeiten, während die Rechten bereit sind, über alle möglichen Spaltungslinien hinwegzuschauen.“

Banaszak trifft Mamdanis Bewegung – nur der Bürgermeister selbst bleibt unerreichbar⬆ nach oben

Vom Greenwich Village geht es weiter zum Treffen mit den Democratic Socialists of America. „Freuen die sich auf den Besuch oder ist das jetzt nervig?“, fragt Banaszak seinen Mitarbeiter, während sie die Treppen aus der U-Bahn hochsteigen. Mamdani selbst trifft er nicht. Für ausländische Gäste ist es fairerweise extrem schwer, bei einem der derzeit populärsten Politiker:innen der USA einen Slot zu ergattern. Sein Presseteam wählt die Gesprächspartner:innen sorgfältig danach aus, wie gut sie zum Image des Bürgermeisters passen – und der konzentriert sich konsequent nur auf seine Stadt.

Als die Gruppe aus Deutschland gegen 20:30 Uhr am kleinen DSA-Büro ankommt – einem schlauchförmigen Ladenlokal in Lower Manhattan –, ist zwar niemand genervt, vorbereitet wirkt aber auch keiner. „Wer seid ihr nochmal genau?“, fragt ein DSAler in Shorts, mit Tattoos auf Armen und Beinen und einem gelben T-Shirt mit der Aufschrift „Vote Claire Valdez“. Die DSA-Politikerin aus Brooklyn hat wenige Wochen zuvor die demokratische Vorwahl gewonnen und zieht aller Voraussicht nach im November in den Kongress ein – als eine von drei New Yorker Kandidat:innen, die Mamdani unterstützt. Es ist ein großer strategischer Erfolg für den Bürgermeister.

Banaszak stellt sich und sein Team vor. An seinem in die Hose gesteckten Hemd klemmt ein Mikrofon, ein Videograf hält alles für Instagram, Tiktok und Co. fest – der Grünenchef ist gleich mit zwei Social-Media-Leuten angereist. Im Büro ist gerade eine Sitzung zu Ende gegangen. Der New Yorker Co-Vorsitzende Gustavo Gordillo sagt beim Rauskommen kurz „Hallo“ und verabschiedet sich direkt wieder. Auch seine Kollegin Grace Mauser entschuldigt sich: keine Zeit.

Drinnen surrt die Klimaanlage. In der Mitte des Raumes reihen sich mehrere Klapptische aneinander. An der linken Wand hängen gut ein Dutzend bunter Wahlkampfposter, viele davon aus Mamdanis Kampagne, daneben ein Whiteboard mit dem WLAN-Passwort, das eine Anspielung auf die marxistische Kampfansage enthält, sich die Produktionsmittel anzueignen. Am Sicherungskasten klemmt eine Palästina-Flagge. Etwas weiter eine händisch geführte Zeitleiste: Erster Eintrag: AOC – Alexandria Ocasio-Cortez aus der Bronx, die 2018 als eine der zwei ersten DSA-Kandidat:innen der jüngeren Geschichte in den Kongress gewählt wurde. Letzter Eintrag: 2025 – „Zohran MAYOR“.

Seit dem Bürgermeisterwahlkampf hat die DSA ihre Mitgliederzahl ungefähr verdoppelt. Landesweit zählt die Organisation inzwischen über 100.000 zahlende Mitglieder. Der Zuwachs bringt Geld, aber auch neue Probleme: Denn mehr Leute heißt mehr Meinungen, mehr Reibung. Und mit Mamdani kam die internationale Aufmerksamkeit, erzählen die drei DSA-Vertreter:innen, die für das Gespräch geblieben sind. Gerade erst war eine Delegation aus Dänemark da.

Banaszak sitzt an einem Tisch. Hinter ihm sieht man Plakate der Democratic Socialists.

Genervt war niemand, vorbereitet waren die Democratic Socialists of America aber auch nicht. | Julian Schönbohm / Bündnis 90/Die Grünen

Banaszak will wissen, welche Lektion sie aus Mamdanis Wahlsieg gezogen haben. Als Linke bei den Demokraten sei es lange sehr einsam gewesen, antwortet eine der drei DSAler:innen. Das ändere sich gerade. Man professionalisiere sich zunehmend und lerne etwa, souveräner mit der Presse umzugehen. „Wir sind wie eine Partei in einer Partei“, erklären sie. Von den meisten Establishment-Demokrat:innen schlage ihnen weiterhin eher Feindseligkeit entgegen – doch Mamdanis Wahlsieg habe ihnen den nötigen Aufwind gegeben. „Das trägt uns“, sagen sie und betonen: Gewonnen habe nicht nur Mamdani, sondern die ganze Bewegung.

Interessiert zeigt der deutsche Grüne auf das Green-New-Deal-Poster hinter sich. 2019 brachte AOC mit einem US-Senator aus Massachusetts die ambitionierte Resolution in den Kongress ein, die Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander verknüpft. Ein Gesetz wurde daraus nie, aber das Papier gab immerhin Impulse für den Inflation Reduction Act, den Joe Bidens Regierung während der Corona-Pandemie auf den Weg brachte und Trump wieder beschnitt.

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Klimaschutz sei ja nicht wirklich Thema in Mamdanis Wahlkampf gewesen, merkt Banaszak an. Die DSA-Vertreter:innen erklären, Mamdani habe sich absichtlich vor allem auf die hohen Lebenshaltungskosten konzentriert, unter denen die meisten hier leiden. Die Klimakrise sei für junge Leute ohnehin Thema – niemand unter 40 glaube noch ernsthaft, dass es sie nicht gebe. Insofern habe Mamdani vor, künftig auch in diese Richtung Politik zu machen. Bei Kulturkampfthemen mache man zwar keinesfalls Kompromisse, nur stelle man sie auch nicht aktiv in den Vordergrund: Der Fokus liege immer auf „affordability“, auf der Erschwinglichkeit des Alltags.

Es ist ganz Banaszaks Linie: „Raus aus dem Kulturkampf und rein in die Auseinandersetzung um Machtfragen“. Entsprechend grinst der Grünenchef, als die DSAler:innen ihre Strategie zur Mitgliederakquise beschreiben. Die Leute wollten nicht mehr doomscrollen, sagen sie, sondern sich mit Gleichgesinnten zusammentun. Es gehe ihnen um „agency“, also um das Gefühl, in einer unsicheren Gegenwart handlungsfähig zu werden. Gleichzeitig wollten nicht alle nur über Politik reden. Deshalb organisiert die DSA eigene Partys, Fußball- und Laufclubs, sogar Speed-Dating.

Mit Laufclub und Wohnmobil geht Banaszak dahin, wo die Menschen sind⬆ nach oben

Banaszak hat kürzlich den „Green Runners Laufclub“ gegründet und ist im Juni mit einem Wohnmobil und der Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz durch Sachsen-Anhalt getourt, um auf Campingplätzen mit AfD-Wähler:innen ins Gespräch zu kommen. „Wir gehen dahin, wo Menschen sind, und warten nicht darauf, dass sie zu uns in die Geschäftsstelle kommen, um sich Fachvorträge anzuhören“, sagte er der Deutschen Welle. Mamdani beschrieb seine eigene politische Philosophie einmal so: „Menschen erreicht man dort, wo sie sind.“

Ganz in diesem Sinne sucht Banaszaks Mitarbeiter im DSA-Büro ein Video heraus, das den neuen Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause von den Grünen im Gespräch mit Taxifahrer:innen zeigt. Auch für Mamdani waren sie eine wichtige Wählergruppe. Bei so viel Harmonie stellt Banaszak vorsichtshalber noch einmal für alle im Raum – DSA wie Presse – klar: Sie seien immer noch die deutschen Grünen, und nicht die Linkspartei. Vielleicht stellt er es auch für sich selbst klar.

Gegen 22 Uhr ist das Treffen vorbei. Die DSAler:innen lassen die Sicherheitsrollläden vor dem Schaufenster mit den Zohran-Mamdani-Postern herunter, Banaszak dreht noch ein Video für seine Follower:innen. Auf dem Weg hierhin hat er recht vollmundig verkündet, die Zeitverschiebung nach Deutschland mache ihm gar nichts aus. Jetzt aber holt ihn ein, was so gut wie jede:n USA-Reisende:n aus Deutschland einholt: „Der Jetlag kickt ziemlich hart“, räumt der Grünenchef ein.

Einen Tag später geht es für ihn weiter in die Hauptstadt Washington. Währenddessen bringen Waldbrände in Kanada dichten Smog an die US-Ostküste. Der Luftqualitätsindex in New York klettert auf über 250 – als gesund gelten Werte zwischen 0 und 50. Über das stadteigene SMS-Warnsystem verschickt die Mamdani-Regierung das Angebot, sich an verschiedenen Anlaufstellen kostenlose Atemmasken abzuholen. Die DSA organisiert einen Zoom-Call und erklärt, wie man nun selbst politisch aktiv werden kann. Mehr als 300 Teilnehmer:innen schalten sich zu.

In den USA wird Mamdanis Rezept also längst verfeinert. In Deutschland muss Felix Banaszak nun kochen. Die Herausforderung für ihn: Das Rezept muss am Ende nicht nur in Duisburg, Berlin oder München schmecken, sondern auch auf dem Campingplatz in Sachsen-Anhalt.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

Was die Grünen von Zohran Mamdani lernen wollen – und was nicht

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