Collage: Bild von Zohran Mamdani bei der Vereidigung zum Bürgermeister.

picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Andres Kudacki/Kenny Holston/Pool The New York Times via AP/Tim Mossholder/Unsplash

Politik und Macht

So gewinnt man in den USA Wahlen (und macht Trump Sorgen)

Mieten, Busse, Kinderbetreuung: Diese Themen bestimmten den Wahlkampf des jetzigen Bürgermeisters von New York, Zohran Mamdani. Selbst Deutsche interessieren sich nun für seine Strategie.

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Schon am Nachmittag stehen die Leute Schlange vor dem Forest Hills Stadium, einem ehemaligen Tennisstadion im New Yorker Stadtteil Queens, wo normalerweise Konzerte stattfinden. Es ist der 26. Oktober 2025 und heute veranstaltet Zohran Mamdani hier sein größtes Event im Bürgermeisterwahlkampf.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es kaum noch Zweifel daran, dass der 34-Jährige das Rennen als erster Muslim in der Geschichte der Millionenmetropole gewinnen wird. In den Monaten zuvor ist aus dem vermeintlich chancenlosen Außenseiter ein politischer Superstar geworden, der nun sogar der Linken in Deutschland als Vorbild gilt.

Rund 13.000 Menschen sind schließlich im Stadion, um Mamdani zu sehen und mit ihm die zwei bekanntesten Gesichter der amerikanischen Linken: Die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und der Senator Bernie Sanders haben sich angekündigt. Auch die Gouverneurin des Bundesstaats New York, Kathy Hochul, steht auf dem Programm. Doch die gemäßigte Establishment-Politikerin ist definitiv nicht der Grund, aus dem die vielen Menschen heute hier sind.

Als sie die Bühne betritt, aus den Lautsprechern dröhnt „Girl on Fire“ von Alicia Keys, wird die 67-Jährige mit lauten Rufen begrüßt: „Tax the rich!“ Der Chor richtet sich ausdrücklich an sie, denn Hochul hat als ranghöchste Demokratin im Bundesstaat maßgeblichen Einfluss auf die Steuerpolitik. Mamdani fordert höhere Abgaben für Spitzenverdiener:innen und große Konzerne mit Sitz in New York. Nur: Der Bürgermeister kann solche Steuern nicht selbst beschließen. Dafür braucht er das Parlament des Bundesstaats in Albany und am Ende die Unterschrift der Gouverneurin. Hochul hat sich gegen diese Pläne gestellt. Das Publikum weiß das an diesem kühlen Abend im Oktober sehr genau.

Nach kaum acht Minuten beendet die Gouverneurin ihre Rede. Plötzlich tritt Mamdani zu ihr auf die Bühne, lange vor seinem eigenen Auftritt später am Abend. Ob geplant oder ungeplant, ist unklar. Er sagt nichts, umarmt sie kurz und greift nach ihrer Hand, hebt die Hände gemeinsam mit Hochul in die Höhe. Symbolischer lässt sich die Lage der Demokraten nach der erneuten Niederlage gegen Donald Trump im November 2024 kaum darstellen. Die alte Garde braucht Mamdani, weil er mitbringt, was ihr fehlt: Begeisterung, junge Wähler:innen, Energie. Und genau darin liegt das Risiko. Er stellt das Selbstverständnis der Partei infrage. Gleichzeitig ist Mamdani auf diejenigen angewiesen, die an den Schaltstellen in Albany sitzen.

Menschen aus dem Trump-Lager nennen sie „Radikale Linke“, „Kommunisten“ oder „kommunistische Irre“⬆ nach oben

Anders als Hochul wird Ocasio-Cortez mit tosendem Jubel empfangen. Die 36-Jährige, besser bekannt als AOC, hat sich in den vergangenen Jahren zur prägenden Stimme einer neuen Generation linker US-Politik entwickelt. „Es ist kein Zufall, dass die Kräfte, gegen die Zohran in diesem Wahlkampf antritt, den Kräften ähneln, mit denen wir es landesweit zu tun haben“, ruft die Kongressabgeordnete nun. Das Rennen um das New Yorker Rathaus rahmt sie als Schauplatz eines umfassenderen Machtkampfes in den USA. Wer bezahlbare Mieten, höhere Löhne oder öffentliche Gesundheitsversorgung fordere, werde als „radikal“ abgestempelt. Gemeint sind die Angriffe aus dem Trump-Lager, das sie, Sanders und Mamdani wahlweise als „radikale Linke“, „Kommunisten“ oder „kommunistische Irre“ bezeichnet.

Diese Kampfbegriffe haben in den USA eine lange Tradition. In der sogenannten McCarthy-Ära Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre wurde das Etikett „kommunistisch“ gezielt genutzt, um politische Gegner:innen zu diskreditieren. Die Zeit ging als „Second Red Scare“ in die Geschichte ein – als Phase einer vermeintlichen „roten Bedrohung“ im Schatten der Konfrontation mit der Sowjetunion. Sie war mit teils erheblichen Eingriffen in die Meinungs- und Versammlungsfreiheit verbunden. Staatsbedienstete, Journalist:innen, Akademiker:innen und Kulturschaffende, die nicht auf Linie waren, bekamen Berufsverbote oder landeten auf schwarzen Listen.

Man sieht eine große Bühne, links ein Bildschirm auf dem steht "New York is not for sale", rechts eine Menschenmenge auf der Bühne.

Normalerweise finden hier Konzerte statt, an diesem Abend ist es eine Wahlkampfveranstaltung von Mamdani (rechts im Bild). | © Luzia Geier

Mehr als drei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges und der Auflösung der Sowjetunion setzt Trump in seiner Rhetorik auf diese antikommunistischen Reflexe. Auch seine Kontrahentin Kamala Harris, eine Demokratin der Mitte, bezeichnete er im Präsidentschaftswahlkampf immer wieder als Sozialistin, Kommunistin, Marxistin oder als „Genossin Kamala“. Solche Zuschreibungen gehören inzwischen zum festen Repertoire der von ihm geführten US-Regierung. Der New-York-Times-Kolumnist Ezra Klein sprach in diesem Zusammenhang von einem „Blue Scare“, in Anlehnung an die Parteifarbe der Demokraten.

Diese Rhetorik verwischt Unterschiede, die es durchaus gibt. Zwischen einer moderaten Demokratin wie Harris und Politiker:innen wie Mamdani, Sanders oder Ocasio-Cortez, die sich als demokratische Sozialisten verstehen, bestehen inhaltliche Differenzen. Gleichzeitig bewegen sich die Forderungen, für die sie eintreten, klar innerhalb einer marktwirtschaftlichen Ordnung. In vielen europäischen Demokratien gehören sie zum Kern sozialstaatlicher Politik.

Die Ungleichheit wächst und der Kapitalismus findet weniger Zustimmung, aber die politische Reaktion darauf ist nicht einheitlich⬆ nach oben

Dass die Debatte in den USA inzwischen so scharf geführt wird, hat handfeste Gründe. In den vergangenen Jahrzehnten ist die soziale Ungleichheit viel größer geworden. Die Reallöhne wachsen kaum, während Vermögen und Unternehmensgewinne steigen. Gleichzeitig investieren viele Unternehmen gezielt in Strategien zur Abwehr von Gewerkschaften. Zwar gab es neue Anläufe, etwa 2022 mit der ersten erfolgreichen Gewerkschaftsgründung bei Amazon und Initiativen bei Starbucks. Insgesamt sind aber vergleichsweise wenige Menschen in Gewerkschaften, und damit sinkt die Verhandlungsmacht.

Viele jüngere Amerikaner:innen wachsen in einem Umfeld auf, in dem die wirtschaftliche Unsicherheit zum Normalzustand geworden ist. Dieser Druck beginnt häufig mit dem Studium. Sie nehmen Kredite auf, um sich das College leisten zu können, und kommen deshalb mit erheblichen Schulden in die Arbeitswelt – im Durchschnitt rund 30.000 Dollar. Es ist die erste Erfahrung mit einem Staat, der vom „American Dream“ spricht, ihn aber immer seltener ermöglicht. Vor diesem Hintergrund zeigt die halbjährlich erscheinende Jugendstudie der Harvard University eine wachsende Skepsis gegenüber dem bestehenden Wirtschaftssystem; der Kapitalismus findet weniger Zustimmung als noch vor einigen Jahren.

Die politische Reaktion darauf ist nicht einheitlich. Während ein Teil die Antworten im links-progressiven Spektrum sucht, wendet sich ein anderer der MAGA-Bewegung um Trump zu. Dort wird wirtschaftlicher Druck nicht als Folge wachsender Ungleichheit im eigenen Land dargestellt. Stattdessen richtet sich der Blick nach außen. Migrant:innen und andere Staaten gelten als Konkurrenz im Wettbewerb um Jobs und Wohlstand. Entsprechend verschieben sich die politischen Antworten: Nicht die Umverteilung im Inneren gilt als Lösung, sondern Grenzsicherung, Abschiebungen und protektionistische Handelspolitik.

Auch deutsche Politiker:innen schauen sich Mamdanis Strategie genau an⬆ nach oben

Nachdem Ocasio-Cortez ihre Rede beendet hat, übernimmt Bernie Sanders. Der 84-Jährige, der im Senat den Bundesstaat Vermont vertritt, stammt ursprünglich aus Brooklyn. Eine Bürgermeisterwahl in New York ziehe naturgemäß Aufmerksamkeit auf sich, sagt er jetzt. „Aber diese Bürgermeisterwahl, meine Freunde, ist anders.“ Es seien keine normalen Zeiten und deshalb sei es auch keine normale Wahl. Nicht nur Menschen im ganzen Land verfolgten das Rennen. Nicht nur der Präsident der Vereinigten Staaten sei „sehr, sehr besorgt“, wer am Ende gewinne. „Menschen auf der ganzen Welt achten darauf, was hier am Dienstag passieren wird.“

Damit hat Sanders nicht unrecht: Die Wahl wird von linken Politiker:innen in mehreren Ländern aufmerksam verfolgt. Auch in Deutschland findet sie Beachtung. Die Bundesvorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, reiste gemeinsam mit dem Berliner Landesvorsitzenden Max Schirmer nach New York, unter anderem um sich mit Vertreter:innen der Democratic Socialists of America (DSA) auszutauschen, denen Mamdani und AOC angehören. „Ich glaube, dass es wichtig ist zu schauen, was Linke international machen, und zu überlegen, was wir davon für unsere Arbeit lernen können“, sagte Schwerdtner später der Taz. Mit Blick auf die Berliner Bürgermeisterwahl 2026 fügte sie hinzu: „Wenn New York rot wird, schafft Berlin das auch.“

In Queens steht mit Ocasio-Cortez und Sanders die große Erzählung der amerikanischen Linken auf der Bühne: Oligarchie gegen Demokratie; New York als Vorbote einer neuen Bewegung gegen den Rechtsruck. Mamdani ist der dritte Protagonist dieser Erzählung. Und er holt sie an diesem Abend zurück in die Stadt, deren Bürgermeister er werden will.

Die wichtigsten Themen: Mieten, Busse, Kinderbetreuung⬆ nach oben

Auch wenn er von Milliardären und Autoritarismus spricht, bindet er jedes Argument an seine Kernthemen: Mieten, Buslinien, Kinderbetreuung, ein bezahlbarer Alltag. Als er gegen 20.30 Uhr als letzter Redner vor das jubelnde Publikum tritt, erzählt Mamdani von den frühen Tagen seines Wahlkampfes, von Gesprächen mit Trump-Wähler:innen auf der Hillside Avenue in Queens und der Fordham Road in der Bronx, wo besonders viele New Yorker:innen für den Republikaner stimmten.

Mamdani steht an einem Pult und spricht, im Hintergrund sieht man viele Menschen mit Kameras und Handys.

Mamdani bei einer Pressekonferenz vergangenen Oktober im New Yorker Stadtteil The Bronx. | © Luzia Geier

Mit Mikro in der Hand fragte Mamdani dort Passanten, warum sie sich für Trump entschieden hatten oder gar nicht erst zur Wahl gegangen waren. Viele hätten nicht mehr an das System geglaubt, sagt er jetzt im Stadion, weil es auf die entscheidende Frage ihres Alltags keine Antwort gebe: Selbst zwei oder drei Jobs reichten nicht, um die hohen Lebenshaltungskosten zu decken. Trump habe versprochen, das zu ändern. „Und Donald Trump hat gelogen“, sagt Mamdani. Es liege an den Demokraten zu liefern.

Er erinnert daran, wie unwahrscheinlich sein Sieg zu Beginn gewesen sei. In den Umfragen habe er bei einem Prozent gelegen, sein Name sei den meisten kaum geläufig gewesen. Dann habe er Andrew Cuomo, seinen Gegner in den Vorwahlen der Demokraten, geschlagen, und, witzelt er, die Menschen hätten zumindest gelernt, ihn richtig auszusprechen. Wie so oft bei seinen Wahlkampfveranstaltungen bezieht er auch das Publikum mit ein. Er ruft halbe Parolen in die Menge und lässt sie vollenden: „Together, New York, we’re going to freeze the …?“ – „RENT!“, hallt es zurück. „… make buses fast and …?“ – „FREE!“ „… deliver universal …?“ – „CHILD CARE!“

An diesen drei eingängigen Slogans hat Mamdani in den Monaten davor konsequent festgehalten. Sie alle betreffen den Alltag der meisten New Yorker:innen unmittelbar. Jedes seiner Kernversprechen erzählt dieselbe Geschichte aus einem anderen Blickwinkel: wie Politik das Leben in der Metropole konkret besser machen kann.

Seinen Wahlkampf trägt die schiere Masse an Menschen⬆ nach oben

In diesen Tagen geben Großspender:innen Millionenbeträge aus, um auf allen Kanälen Stimmung gegen Mamdani zu machen. Cuomo, der nach seiner Niederlage bei den Vorwahlen als unabhängiger Kandidat antrat, und seine Leute setzen auf aggressive Botschaften über eine angeblich bedrohte Sicherheit der Stadt, begleitet von Islamfeindlichkeit. Mamdani und sein Team halten dagegen. Der Kandidat tritt selten ohne Lächeln auf. Seinen Wahlkampf trägt vor allem die schiere Masse an persönlichen Unterstützer:innen. Zehntausende werben überall in der Stadt für ihn. Anders als bei Cuomo sind es aber nicht vorwiegend bezahlte Helfer:innen, sondern Freiwillige, die an Mamdani glauben und entsprechend andere Gespräche führen.

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Der Wahlkampf ist ansteckend und wird vielfach in den sozialen Medien weitergetragen. Dieses Momentum will er auf den letzten Metern nicht verlieren. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Selbstzufriedenheit diese Bewegung untergräbt“, mahnt Mamdani. Er wisse, dass viele müde seien, dass ein warmes Bett verlockender klinge als der Gang in einen sechsten Stock ohne Aufzug, um noch einmal an Türen zu klopfen. Gegen die Müdigkeit empfehle er einen kräftigen Adeni Chai, also stark gewürzten Tee mit Kondensmilch. „Trotzdem bitte ich euch um mehr“, sagt er. „Ich bitte euch um mehr, weil das der einzige Weg ist, wie wir eine Zukunft mit mehr erreichen können.“

Und er warnt: Nicht nur in den letzten Tagen des Wahlkampfs, auch in den kommenden Jahren würden die Mächtigen ihr Arsenal gegen diese Bewegung einsetzen. „Sie werden weitere Millionen Dollar ausgeben“, sagt Mamdani. „Sie werden uns aus jedem erdenklichen Winkel angreifen. Aber wir werden nicht einknicken. Wir werden nicht wanken.“

Am 4. November 2025 wird Mamdani die Wahl tatsächlich gewinnen: mit 50,8 Prozent der Stimmen. Seine Mehrheit entsteht in der arbeitenden Mitte. „Er hat genau die Koalition aufgebaut, die sich die Linke schon immer gewünscht hat“, fasst Analyst Michael Lange es später beim Guardian zusammen. „Sie ist vielfältig, jung, besteht aus Mietern und aus Menschen, die unter den hohen Lebenshaltungskosten leiden.“ Mamdani begeistert vor allem Wähler:innen unter 45 Jahren, solche mit Migrationshintergrund, muslimische und Schwarze New Yorker:innen. Dazu kommt die massiv gestiegene Wahlbeteiligung: Etwa zwei Millionen Menschen stimmten ab. Das ist außergewöhnlich für eine Bürgermeisterwahl in New York: Historisch betrachtet ist es die höchste Zahl seit 1969; 2021 gingen nur rund 1,1 Millionen an die Urnen. Mamdani allein erhält damit fast so viele Stimmen, wie vier Jahre zuvor insgesamt abgegeben worden sind.


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey

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