Barbara fragt: Macht Trump sein Chaos in Grönland und Iran nur, um von den Epstein-Akten abzulenken?
Seit die US-Regierung Teile der Epstein-Akten veröffentlichte, hat Trump den Staatschef Venezuelas entführen lassen, mit der Einnahme Grönlands gedroht und einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran begonnen. Aktuell spricht kaum noch jemand über die Epstein-Akten und Trumps Verbindungen zu dem Sexualstraftäter.
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Ich habe nachgeschaut: Bei Krautreporter haben wir in den vergangenen Monaten ausführlich über den Iran berichtet, Trumps Expansionismus analysiert und darüber nachgedacht, wie die USA Grönland annektieren können. Aber über die Epstein-Akten haben wir kaum etwas veröffentlicht. Mein Kollege Finn Gessert hat im vergangenen Jahr einen hervorragenden Explainer zu dem Thema geschrieben. Aber das wars.
Ein Blick auf die Webseiten führender US-Medien zeigt: Auch dort sind die Epstein-Akten seit Beginn des Irankriegs kaum noch ein Thema. Das heißt nicht, dass die Trump-Regierung völkerrechtswidrige Kriege beginnt, um von einem bestimmten Thema abzulenken. Dafür gibt es keine abschließenden Beweise. Es zeigt vielmehr, wie Trump Chaos als politische Strategie anwendet.
Spektakel und Zerstörung sind Teil des Trumpismus⬆ nach oben
Der Trumpismus funktioniert, indem ein Spektakel das nächste ablöst. So hält er seine Gegner beschäftigt und die eigene Anhängerschaft in Rage. Der US-Präsident weiß, dass die Eskalation der einzige Weg ist, sich möglicherweise an der Macht zu halten. Denn es läuft nicht besonders gut für Trump.
Seine Wähler:innen wenden sich von ihm ab. Der Oberste Gerichtshof hat wesentliche Projekte der Regierung, wie Trumps Strafzölle oder sein Dekret zum Staatsbürgerschaftsrecht, kassiert. Und der Irankrieg und dessen Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten könnten den Republikanern bei den Zwischenwahlen im Herbst eine Niederlage zufügen. Selbst einflussreiche Unterstützer der MAGA-Bewegung, wie der Podcaster Joe Rogan oder der Moderator Tucker Carlson, kritisieren Trump offen für die Entführung von Nicolás Maduro und den Angriff auf den Iran.
In dieser Situation muss Trump die eigene Anhängerschaft durch weitere Eskalation wieder in Rage versetzen und hinter sich versammeln. Dafür greift er auf eine Strategie zurück, die er seit Beginn seiner politischen Karriere beherrscht und die ins Handbuch jeder faschistischen Bewegung gehört: Chaos.
Trump schafft Chaos, um seine Macht zu sichern⬆ nach oben
Chaos ist „ein Kennzeichen von Macht“, schreibt der Politikwissenschaftler Giuliano da Empoli in seinem Buch „Die Stunde der Raubtiere“. Seine These: Trump und Putin stiften Chaos, um eine Welt zu schaffen, in der es keine Regeln mehr gibt, sondern bloß rohe Gewalt. Die können sie dann anwenden, um ihre Macht weiter auszubauen. Chaos ist demnach die Voraussetzung, damit Trump politisch überleben kann.
„Der Einsatz von Chaos ist nicht immer zufällig, sondern kann ein Mittel zur Herrschaft und Kontrolle sein“, schreibt auch die Anthropologin Suad Joseph in ihrem Aufsatz „Chaos as a Political Strategy of Governance“. Das Stiften von Chaos sei schon lange eine Taktik von faschistischen Regimen, Diktatoren, bewaffneten Gruppen und gewerkschaftsfeindlichen Arbeitgebern.
Joseph zufolge handelt es sich um eine Form der Regierungsführung, „die willkürliche, ausbeuterische und repressive Maßnahmen verschleiert oder salonfähig macht, um neue Formen der Ordnung zu etablieren.“ Das heißt, wer Chaos stiftet, kann in dessen Schatten neue Formen der Überwachung schaffen, Ungleichheiten verschärfen, Wahlrechte untergraben und Feindbilder aufbauen.
Die Zerstörungslust der MAGA-Bewegung⬆ nach oben
Neu ist diese Strategie nicht. Was neu ist, ist die Zügellosigkeit, mit der Trump das Chaos stiftet, befeuert, selbst im Netz bewirbt, memifiziert und zum allgegenwärtigen Gesprächsthema macht. Er weiß, dass er so die Bedürfnisse seiner Anhängerschaft befriedigt.
Die Sozialwissenschaftler:innen Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger sprechen in ihrem jüngsten Buch von „Zerstörungslust“. Sie sagen, dass die weltweiten Rechtsaußenbewegungen sich aus einem Gefühlscocktail der Frustration speisen: Immer mehr Menschen haben den Eindruck, dass die liberale Demokratie ihre Versprechen nicht hält und sie einschränkt. Das selbstbestimmte Leben, das ihnen versprochen wurde, entpuppt sich als Illusion, der soziale Aufstieg wird schwieriger, die Ungleichheit nimmt zu. Die Angst vor Statusverlust ist allgegenwärtig und die Hoffnung schwindet, dass die Zukunft besser als die Vergangenheit sein kann.
In dieser Situation schlägt Amlinger und Nachtwey zufolge das Bedürfnis, seine Wünsche zu verwirklichen, in etwas anderes um: den Wunsch, die Welt zu zerstören, die einem die Luft zum Atmen nimmt. Genau das bieten autoritäre Herrscher wie Trump ihrer Anhängerschaft: Lust durch Zerstörung, Grausamkeit und Chaos. Nicht, weil sie einem spezifischen Plan oder politischem Programm folgen. Sondern weil es Vergnügen bereitet. Ihnen selbst und ihrer Anhängerschaft.
Insofern ist klar: Natürlich lenken Trumps Kriege von den Epstein-Akten ab. Aber es gibt keine Beweise dafür, dass sie bloß eine Finte sind. Wer das behauptet, läuft schnell Gefahr, das Gebiet von Verschwörungstheorien zu betreten. Die Wahrheit ist, dass es eine Vielzahl an Gründen für die Angriffe gibt: Rohstoffe, Ideologie, Druck von Verbündeten und eben der Einsatz von Chaos als politischer Strategie. Trump braucht das ständige Spektakel. Es erlaubt ihm, die Welt nach seinen Vorstellungen zu ordnen.
Dieser Text war Teil unserer Communitywoche „All You Can Ask“. In dieser Woche haben wir die Fragen beantwortet, die sich unsere Leser:innen wirklich stellen. Hier kannst du die knapp 200 Antworten lesen, die wir gefunden haben.
Redaktion: Alexander Krützfeldt, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Isolde Ruhdorfer, Audioversion: Iris Hochberger