Kinder auf einer Band, die lesen.

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Kinder und Bildung

So lernen Deutschlands Kinder wieder lesen

Ein Koffer mit Kinderbüchern in 50 Sprachen. Förderstunden, um die sich Kinder gegenseitig beneiden. Gegen die Lesekrise gibt es viele Ideen. Wir haben sortiert, welche am meisten versprechen.

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„Das Ende des Lesens hat mächtige Gegner:innen: Erzieher:innen und Grundschullehrkräfte und Eltern, die ihren Kindern abends vorlesen.“

So endete unser letzter Text zur Lesekrise. Drei Monate lang haben wir recherchiert, warum so viele Kinder und Jugendliche heute schlecht lesen, wie das in einem so reichen Land passieren kann und vor allem, was dagegen hilft.

Fast 1.000 Leser:innen haben mehr als 40.000 Euro gespendet, damit wir unsere Recherche umsetzen können. Herausgekommen sind neun Artikel ohne Paywall, in denen wir die Lesekrise ausgeleuchtet haben. Wie schlimm ist es wirklich? Wieso lesen Jungen weniger als Mädchen? Geht die lesende Gesellschaft gerade unter?

Ein Versprechen unserer Recherche war es, Lösungsansätze zu finden. Denn so besorgniserregend die Ergebnisse der großen Bildungsstudien sind, wir wissen inzwischen ziemlich viel darüber, wie Kinder besser lesen lernen können. Das Problem ist nicht, dass die Ideen fehlen. Sondern dass sie nicht oder nicht konsequent genug umgesetzt werden.

Zum Abschluss unserer Recherche haben wir deshalb Ordnung in die vielen Vorschläge gebracht. Welche Maßnahmen sind wissenschaftlich gut belegt? Was wird in Deutschland bereits ausprobiert? Und wo gibt es noch Bedenken? Hier kommen zehn Ansätze und konkrete Beispiele, die wir für besonders vielversprechend halten.

1. Dafür sorgen, dass jedes Kind mit Büchern aufwächst⬆ nach oben

Wer die Lesekrise bekämpfen will, fängt nicht bei den Schulen an. Das wäre zu spät. Los geht es bei den Eltern, in den Kinderzimmern und in den Kitas. Wenn Eltern ihren Kindern vorlesen, helfen sie ihnen dabei, ein Gefühl für Sprache zu entwickeln. Kinder lernen neue Wörter, sie üben, Geschichten zu verstehen, und sie erleben Bücher als etwas, das Spaß machen kann. Besonders hilfreich ist das sogenannte dialogische Vorlesen: Erwachsene lesen nicht einfach nur einen Text vor, sondern stellen zwischendurch Fragen und lassen die Kinder erzählen. Siehst du den Hund auf dem Bild? Wo hast du gestern einen Hund gesehen? Metaanalysen zeigen, dass das den Wortschatz von Kindern verbessern kann.

Das Problem: In Deutschland wird längst nicht allen Kindern regelmäßig vorgelesen. Laut Vorlesemonitor 2024 bekommen rund 32 Prozent der Ein- bis Achtjährigen selten oder nie vorgelesen. Eine mögliche Lösung ist deshalb, Bücher gezielt in die Familien zu bringen. Das Programm „Lesestart 1-2-3“ der Stiftung Lesen verschenkt seit Jahren Bücher, unter anderem in Kinderarztpraxen, denn da müssen alle Familien irgendwann mal hin. So erreichen die Bücher auch Familien, die nicht von selbst in eine Buchhandlung oder Bibliothek gehen würden. Allerdings soll die Bundesförderung des Programms 2027 enden. Eine Alternative ist bisher nicht geplant, das geht aus einer offiziellen Antwort der Bundesregierung im Juni hervor.

Ein anderes Beispiel ist der Hamburger Verein „coach@school“. Er schickt Bücherkoffer durch Kitas und Schulen. Darin liegen Kinderbücher in bis zu 50 verschiedenen Sprachen. Denn selbstverständlich können Eltern ihren Kindern auch in ihrer Muttersprache vorlesen. Grundschüler:innen können den Koffer für eine Woche mit nach Hause nehmen, Kita-Kinder können für denselben Zeitraum zwei Bücher in Tragebeuteln mitnehmen.

Eine Sache ist allerdings wichtig: Eltern können viel tun, aber sie dürfen nicht die Hauptverantwortung dafür tragen, dass ihre Kinder lesen lernen. Der Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani warnt davor, dass ein Schulsystem, das sich auf die Unterstützung durch Eltern verlässt, soziale Ungleichheiten verstärkt. Denn nicht alle Familien haben die gleichen Möglichkeiten, ihre Kinder zu fördern.

Zum Weiterlesen: Zehn Kinderbücher, die auch den Eltern Spaß machen

2. Herausfinden, welche Kinder Hilfe brauchen – und zwar bereits vor der Einschulung⬆ nach oben

Was passiert, wenn Kinder mit großen sprachlichen Rückständen aufwachsen? Dann sollte das Schulsystem nicht warten, bis sie in der zweiten oder dritten Klasse beim Lesen scheitern. Denn schon vor der Einschulung gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Kindern. Manche können sich gut ausdrücken und verfügen über einen großen Wortschatz. Andere haben Schwierigkeiten, längere Sätze zu verstehen.

Bevor Kinder in Deutschland eingeschult werden, müssen sie zur Schuleingangsuntersuchung. Dabei überprüfen die schulärztlichen Dienste unter anderem die sprachliche, motorische und allgemeine Entwicklung. Wann das passiert, unterscheidet sich je nach Bundesland. Das Problem: Werden die Ergebnisse erst genutzt, wenn die Kinder bereits eingeschult sind, geht wertvolle Zeit für die Förderung verloren. Die Regenbogenschule in Krefeld wollte deshalb früher ansetzen. Sie lud Kita-Kinder ein Jahr vor Schulstart zu einem digitalen Screening mit dem Tool eduLOG ein, einem softwarebasierten Verfahren, das die Lernausgangslage und den Sprachstand erfassen kann. Es soll Hinweise auf Stärken und Schwächen geben (Kann das Kind seinen Namen schreiben? Kann es nach Silben klatschen?) und die Grundlage für die Planung der Förderung einzelner Kinder, Klassen und Jahrgänge liefern.

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Die Kita-Kinder in Krefeld lernen so schon vor Schulstart ihre Schule und künftigen Mitschüler:innen kennen. Außerdem arbeiten die Lehrkräfte bereits mit ihnen daran, grundlegende Fähigkeiten zu verbessern, bei denen das Screening Schwierigkeiten gezeigt hat. Dabei geht es nicht nur um Sprache, sondern beispielsweise auch um mathematische Vorläuferfähigkeiten und die Motorik. Zusätzlich ist die Testsoftware mit der Förder-App „KönnerKids“ verbunden, die Aufgaben passend zum jeweiligen Screening-Ergebnis anbietet.

Von der Regenbogenschule aus wurde dieses Konzept auf die weiteren Startchancen-Grundschulen der Stadt übertragen und nun auch auf alle anderen. Die Schulen in Krefeld haben die gesammelten Daten genutzt und direkt aus ihnen abgeleitet, dass sie etwas verändern müssen.

Solche Verfahren sind in Deutschland nicht einheitlich. In Hamburg müssen alle Kinder im Alter von viereinhalb Jahren in den Schulen vorgestellt werden. In Baden-Württemberg wird mit dem Programm „SprachFit“ die Sprachförderung vor der Einschulung ausgebaut. Das Prinzip bleibt trotzdem sinnvoll: sprachliche Schwierigkeiten möglichst früh erkennen und Kinder unterstützen, bevor sich die Rückstände verfestigen. Schließlich ist es deutlich schwieriger, einem Kind das Lesen beizubringen, wenn es viele der Wörter noch gar nicht kennt, die es lesen soll.

3. In der Schule mehr Zeit fürs Lesen schaffen⬆ nach oben

Spätestens mit der Einschulung wird die Sprachförderung komplexer: Die Kinder müssen lernen, geschriebene Wörter zu entziffern und irgendwann ganze Texte flüssig zu lesen. Dafür brauchen sie vor allem eins: Übung.

Allerdings verbringen deutsche Grundschulkinder vergleichsweise wenig Unterrichtszeit damit. Laut der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU 2021 werden hierzulande durchschnittlich 141 Minuten pro Woche fürs Lesen verwendet. Im OECD-Durchschnitt sind es 205 Minuten. Das sind mehr als 60 Minuten Unterschied.

Bemerkenswert ist dabei, dass Deutschland insgesamt keineswegs besonders wenig Deutschunterricht anbietet. Im Gegenteil: Die Unterrichtszeit für Deutsch liegt über dem internationalen Durchschnitt. Es wird innerhalb dieser Zeit nur vergleichsweise wenig gelesen.

Eine mögliche Lösung lautet deshalb, dem Lesen im Stundenplan mehr Platz einzuräumen. Das bedeutet nicht unbedingt, die Kinder länger in der Schule zu lassen. Vielmehr müssten Schulen und Bildungsministerien entscheiden, welche Inhalte weniger Raum bekommen sollen. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz empfiehlt schon länger, sich in der Grundschule stärker auf die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen zu konzentrieren. Auch die Kultusministerkonferenz hat 2024 vereinbart, mehr Unterrichtszeit für diese Bereiche abzusichern.

Nur: Mehr Zeit fürs Lesen bedeutet noch nicht automatisch, dass Kinder besser lesen lernen. Es kommt darauf an, was in dieser Zeit passiert. Eine halbe Stunde, in der Kinder konzentriert und angeleitet üben, kann etwas ganz anderes bewirken als eine halbe Stunde, in der jedes Kind ein Buch aufschlägt und sich selbst überlassen bleibt. Genau hier setzt ein Ansatz an, über den wir während unserer Recherche ausführlich berichtet haben.

4. Jeden Tag gemeinsam laut lesen⬆ nach oben

An der Grundschule Kirchdorf in Hamburg lesen die Kinder jeden Tag gemeinsam. Das Lesen ist fest im Schulalltag verankert. Das Konzept heißt Leseband. Die Grundidee: Alle Kinder einer Schule lesen regelmäßig für 20 Minuten am Tag. Dafür kommen bestimmte Methoden zum Einsatz. Beispielsweise lesen zwei Kinder zusammen, eines mit stärkeren und eines mit schwächeren Lesefähigkeiten. Oder die ganze Klasse liest einen Text im Chor.

Entscheidend ist, dass die Kinder laut lesen und die Texte wiederholen. So werden sie mit der Zeit schneller und sicherer beim Entziffern der Wörter. Sie müssen weniger Anstrengung darauf verwenden, einzelne Buchstaben zu erkennen, und können sich dadurch besser auf die Inhalte konzentrieren.

Dass wiederholtes Lautlesen die Leseflüssigkeit verbessern kann, zeigen verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen. Auch die Erfahrungen aus Hamburg sind positiv. Eine Auswertung der Hamburger Schulbehörde zeigte, dass Kinder an Schulen mit entsprechendem Lesetraining größere Fortschritte im Leseverstehen machten als Kinder ohne dieses Training. Allerdings waren die Gruppen zu Beginn nicht gleich stark, und aus der Auswertung lässt sich nicht eindeutig ableiten, wie groß die Wirkung des Programms tatsächlich ist.

Inzwischen setzen mehrere Bundesländer auf ähnliche Modelle. In Bremen sind 25 Minuten tägliche Lesezeit vorgesehen, Nordrhein-Westfalen schreibt drei Einheiten von jeweils 20 Minuten pro Woche vor. Trotzdem ist das Leseband kein Wundermittel.

Leseband ist aber nicht gleich Leseband. Entscheidend sind die Methoden, die Begleitung durch Lehrkräfte und die konsequente Umsetzung. Eine verpflichtende Lesezeit einzuführen, ohne festzulegen, wie Kinder in dieser Zeit üben sollen, reicht nicht. Und selbst wenn das Training gut funktioniert, löst es nicht jedes Problem. Denn flüssig lesen zu können, bedeutet noch nicht automatisch, den Inhalt eines Textes zu verstehen.

Zum Weiterlesen: „Bei uns verlässt kein Kind mehr die Schule, ohne lesen zu können“

5. Kindern beibringen, Texte wirklich zu verstehen⬆ nach oben

Lesen besteht aus mehr als dem Entziffern von Buchstaben und Wörtern. Wir müssen die Bedeutung eines Textes erfassen, Zusammenhänge erkennen und neue Informationen mit dem verbinden, was wir bereits wissen. Deshalb brauchen Kinder, sobald sie ausreichend flüssig lesen können, weitere Unterstützung. Sie müssen lernen, wie sie sich auch schwierigere Texte erschließen können. Dafür gibt es sogenannte Lesestrategien. Kinder üben beispielsweise, wichtige Aussagen zusammenzufassen, Fragen an einen Text zu stellen oder beim Lesen zu überprüfen, ob sie das Gelesene verstanden haben.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der beim Lesenlernen leicht übersehen wird: das Vorwissen. Wer einen Text über Vulkane liest und bereits weiß, was Magma ist und wie die Erdkruste aufgebaut ist, wird ihn vermutlich leichter verstehen als jemand, der diese Begriffe zum ersten Mal hört. Deshalb geht es bei der Leseförderung nicht nur darum, das Lesen selbst zu trainieren. Schulen müssen Kindern auch Wissen über die Welt vermitteln.

Und inzwischen gibt es noch eine weitere Herausforderung: Kinder und Jugendliche lesen längst nicht mehr nur auf Papier. Sie begegnen Texten auf Websites, in sozialen Netzwerken und in digitalen Dokumenten. Dabei müssen sie zwischen verschiedenen Quellen wechseln, Informationen überprüfen und entscheiden, welchen Aussagen sie vertrauen können. Auch das muss gelernt werden.

Zum Weiterlesen: Wir lesen seit Jahren auf dem Bildschirm, haben aber nie gelernt, wie das geht

6. Regelmäßig überprüfen, welche Kinder zurückfallen⬆ nach oben

Bisher ging es vor allem um Maßnahmen, von denen alle Kinder profitieren können. Aber selbst wenn Schulen mehr Zeit fürs Lesen einplanen, gute Methoden einsetzen und das Textverständnis trainieren, werden sich die Kinder unterschiedlich schnell entwickeln. Einige werden mühelos Fortschritte machen. Andere werden Schwierigkeiten haben und zunehmend den Anschluss verlieren.

Damit das nicht unbemerkt passiert, müssen Lehrkräfte wissen, wie gut die einzelnen Kinder tatsächlich lesen können. Eine Möglichkeit sind regelmäßige Lernstandserhebungen. Dabei handelt es sich nicht um große Klassenarbeiten, bei denen Kinder Noten bekommen. Stattdessen werden in kurzen Abständen kleine Tests durchgeführt, oft digital und innerhalb weniger Minuten.

Die Bildungswissenschaftlerin Juliane Dube empfiehlt beispielsweise, alle acht bis zehn Wochen zu überprüfen, welche Fortschritte die Kinder machen. So können Lehrkräfte frühzeitig erkennen, wenn ein Kind beim Lesen nicht mehr vorankommt.

Allerdings gibt es einen entscheidenden Haken: Daten zu erheben, bedeutet noch nicht, sie sinnvoll zu nutzen. Wenn Lehrkräfte nach einem Test zwar sehen, welche Kinder Schwierigkeiten haben, aber weder Zeit noch Möglichkeiten bekommen, ihren Unterricht anzupassen, verbessert sich dadurch noch nichts.

Es braucht deshalb nicht einfach nur mehr Tests. Es braucht ein System, in dem die Ergebnisse regelmäßig besprochen werden und konkrete Folgen haben. Und damit sind wir bei der nächsten Maßnahme.

7. Schwache Leser:innen gezielt fördern, statt sie zurückzulassen⬆ nach oben

Wenn eine Lehrkraft feststellt, dass ein Kind beim Lesen nicht mehr mitkommt, sollte das nicht erst Monate später Konsequenzen haben. Es sollte möglichst schnell zusätzliche Unterstützung bekommen. In der Bildungsforschung gibt es dafür ein Konzept: Response to Intervention, kurz RTI. Die Grundidee ist, Kinder je nach Bedarf unterschiedlich intensiv zu fördern.

Auf der ersten Stufe bekommen alle Kinder guten Leseunterricht. Dazu können beispielsweise das Leseband und gezieltes Training des Textverständnisses gehören. Auf der zweiten Stufe erhalten diejenigen zusätzliche Unterstützung, die trotz dieses Unterrichts Schwierigkeiten haben. Sie üben beispielsweise mehrmals pro Woche in kleinen Gruppen. Wer auch damit nicht ausreichend vorankommt, bekommt auf einer dritten Stufe eine noch intensivere, individuell angepasste Förderung.

Der Vorteil: Kinder müssen nicht erst jahrelang schlechte Noten bekommen oder offiziell als Förderschüler:innen eingestuft werden, bevor sie Hilfe erhalten. Die zusätzliche Förderung richtet sich danach, was sie gerade brauchen. Und regelmäßige Tests sollen zeigen, ob sie funktioniert. Die Länder, die bei den PISA-Untersuchungen besonders gut abschneiden, setzen immer auch auf schnelle Förderung, wie uns der Lehrer und Journalist Alexander Brand im Interview erklärt hat.

Wie gezielte Förderung im Schulalltag funktionieren kann, haben wir uns an der Quinoa-Schule im Berliner Wedding angesehen. Die staatlich anerkannte Ersatzschule unterrichtet rund 180 Jugendliche von der siebten bis zur zehnten Klasse. 82 Prozent der Schüler:innen kommen aus Familien, die Transferleistungen beziehen. Nach eigenen Angaben der Schule schaffen alle ihre Schüler:innen einen Schulabschluss.

Ein wichtiger Baustein ihres Konzepts sind die sogenannten Booster-Stunden. Die Schule überprüft jedes Jahr mit standardisierten Tests, wie gut ihre Schüler:innen lesen, schreiben und rechnen können. Wer dabei zu den schwächsten zehn Prozent gehört, bekommt zusätzliche Förderung. Die Jugendlichen werden dafür bis zu vier Stunden pro Woche aus anderen Fächern herausgenommen und lernen in Kleingruppen. Für die Förderung gibt es ein eigenes Team aus sechs Fachkräften, darunter Lerntherapeutinnen und eine Sonderpädagogin.

Besonders wichtig ist der Schule, dass sich die Förderung nicht wie eine Strafe anfühlt. Deshalb findet sie während des regulären Schultags statt und nicht nach Unterrichtsschluss. Außerdem versucht die Schule zu vermeiden, dass Kinder dafür ihre Lieblingsfächer verpassen.

Das scheint zu funktionieren. Die Sonderpädagogin Adwoa Yiadom berichtet, dass die Booster-Stunden unter den Jugendlichen so beliebt seien, dass sie regelmäßig mehr Anfragen bekomme, als sie Plätze habe. Die Fortschritte überprüft die Schule mit jährlichen Tests. Laut Yiadom verbessern sich die Leistungen der geförderten Schüler:innen im Laufe ihrer Schulzeit. Allerdings gibt es keine unabhängige Studie, die zeigt, wie viel davon tatsächlich auf die Booster-Stunden zurückzuführen ist.

Und das Modell hat Grenzen. Selbst an dieser vergleichsweise gut ausgestatteten Schule reichen die Plätze nicht für alle Kinder, die zusätzliche Unterstützung brauchen könnten. Das Förderteam wird zudem durch Stiftungsgelder finanziert.

Dass ein gestuftes Fördersystem allein noch keine besseren Ergebnisse garantiert, zeigt auch das Rügener Inklusionsmodell in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurde das Konzept Response to Intervention (RTI) an Grundschulen wissenschaftlich begleitet und mit dem bisherigen Unterricht an Schulen in Stralsund verglichen. Nach vier Schuljahren waren die Leseleistungen insgesamt etwa gleich gut. Kinder mit besonders ungünstigen Lernvoraussetzungen erzielten auf Rügen allerdings teilweise bessere Lernerfolge.

Zusätzliche Unterstützung bieten auch ehrenamtliche Lesepat:innen, beispielsweise beim Verein „MENTOR – Die Leselernhelfer“. Dort treffen sich Erwachsene regelmäßig mit einzelnen Kindern, um gemeinsam zu lesen. Für die Wirksamkeit dieses konkreten Programms fehlt bislang allerdings eine belastbare Untersuchung.

All diese Ansätze verfolgen dasselbe Ziel: Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesen haben, sollen nicht einfach im normalen Unterricht mitlaufen und darauf hoffen müssen, irgendwann von selbst aufzuholen. Stattdessen sollen sie frühzeitig die Unterstützung bekommen, die sie tatsächlich brauchen.

8. Aus einzelnen Maßnahmen ein ganzes System machen⬆ nach oben

All diese Maßnahmen haben etwas gemeinsam: Wir wissen ziemlich genau, was Schulen tun könnten, damit mehr Kinder besser lesen lernen. Es gibt wissenschaftlich untersuchte Unterrichtsmethoden, Programme zur frühzeitigen Erkennung von Schwierigkeiten und Möglichkeiten, Kinder gezielt zu fördern. Warum passiert dann nicht längst viel mehr?

Eine Antwort, die während unserer Recherche immer wieder auftauchte, lautet: Weil es nicht genügt, einzelne gute Maßnahmen einzuführen. Schulen brauchen ein System, das dafür sorgt, dass sie auch tatsächlich umgesetzt werden. Wie so etwas aussehen kann, zeigt ausgerechnet ein US-Bundesstaat, der lange für besonders schwache Bildungsergebnisse bekannt war: Mississippi.

2013 verabschiedete der Bundesstaat ein umfassendes Lesegesetz. Es führte unter anderem verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte, regelmäßige Lernstandserhebungen und zusätzliche Lese-Coaches an schwachen Schulen ein.

Danach verbesserten sich die Leseleistungen der Viertklässler:innen erheblich. 2013 lag Mississippi im landesweiten Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt, 2024 darüber. Eine unabhängige Untersuchung schätzt, dass die Reformen tatsächlich zu einem Teil dieser Verbesserung beigetragen haben.

In Deutschland verfolgen inzwischen verschiedene Initiativen eine ähnliche Idee. Die Initiative „100-Prozent-Schulen“ will erreichen, dass alle Kinder grundlegende Lesekompetenzen erwerben. Der gemeinnützige Thinktank New School Lab trägt und organisiert das Projekt, die Auridis Stiftung finanziert es. Acht Grundschulen in Dortmund und Gelsenkirchen machen bisher mit.

Auch bei diesem Ansatz gibt es jeden Tag eine vorgegebene Lesezeit von 20 Minuten, mit vorgegebenen Methoden und Materialien. Aber: „Flüssiges Lesen bedeutet nicht automatisch, dass die Kinder auch verstehen, was sie da lesen. Genau da setzen wir mit unserer Initiative an. Wir kombinieren das Leseband mit weiteren Bausteinen“, erklärt Initiator Ekkehard Thümler im Interview mit Bildungsjournalist Jan-Martin Wiarda. Wenn Kinder dann trotzdem Rückstände entwickeln, bekommen sie eine intensive Förderung in Kleingruppen.

Eine Besonderheit: Das Tutoring der schwächeren Schüler:innen können auch Menschen ohne pädagogische Ausbildung übernehmen, beispielsweise studentische Honorarkräfte. Die viel größere Gefahr als Tutoring von nicht ausgebildeten Kräften sei laut Ekkehard Thümler, dass Kinder überhaupt nicht gefördert werden. In diesem Konzeptpapier erklären Thümler und die Bildungswissenschaftlerin Anne Sliwka das Projekt genauer.

9. Dafür sorgen, dass alle Lust aufs Lesen bekommen⬆ nach oben

Bisher ging es vor allem darum, wie Kinder das Lesen lernen können. Aber selbst wer flüssig liest und Texte gut versteht, greift deshalb noch lange nicht freiwillig zu einem Buch. Deshalb braucht es neben dem Leseunterricht auch Angebote, die Kindern Lust aufs Lesen machen.

Denn wie Kinder über sich selbst als Leser:innen denken, spielt eine wichtige Rolle. Wer glaubt, gut lesen zu können, liest häufig auch lieber. Besonders interessant ist das beim Unterschied zwischen Jungen und Mädchen: Jungen lesen im Durchschnitt schlechter und weniger gern als Mädchen. Vergleicht man allerdings Jungen und Mädchen mit einer ähnlich hohen Lesemotivation, verschwindet der Unterschied in den Leseleistungen fast vollständig.

Ein Ansatz ist deshalb, Kindern möglichst viele positive Erfahrungen mit Büchern zu ermöglichen. Dazu gehört, dass sie Bücher finden, die sie wirklich interessieren, und selbst mitentscheiden dürfen, was sie lesen. Und dass sie Orte haben, an denen Bücher selbstverständlich zum Alltag gehören.

Beispielsweise Schulbibliotheken. Sie ermöglichen Kindern, unkompliziert Bücher auszuleihen, Neues zu entdecken oder gemeinsam zu lesen. Das klingt naheliegend, allerdings ist die wissenschaftliche Evidenz dafür erstaunlich dünn. Die meisten Untersuchungen stammen aus den USA und zeigen vor allem Zusammenhänge, aber nicht, ob Schulbibliotheken tatsächlich die Lesekompetenz verbessern. In Deutschland wissen wir nicht einmal zuverlässig, wie viele Schulen überhaupt eine Bibliothek besitzen. Schweden ist da weiter: Dort wurde der Zugang zu Schulbibliotheken mit Fachpersonal inzwischen gesetzlich gestärkt.

Auch außerhalb des Unterrichts gibt es Projekte, die Kinder fürs Lesen begeistern sollen. Die Stiftung Lesen betreibt bundesweit rund 540 Leseclubs, an denen etwa 17.500 Kinder teilnehmen. Dort können sie gemeinsam lesen, Geschichten entdecken und sich mit Büchern beschäftigen, ohne dass sie anschließend eine Klassenarbeit darüber schreiben müssen.

Einen ähnlichen Gedanken verfolgt das Konzept „Shared Reading“, das ursprünglich aus Liverpool kommt. Gemeinsam werden in einer 90-minütigen Session eine Kurzgeschichte und ein Gedicht laut gelesen. Die Texte wählen ausgebildete Leseleitungen aus, es ist kein Vorwissen nötig, alle können mitmachen und die Sessions sind kostenfrei. Seit fast zehn Jahren gibt es „Shared Reading“ in Deutschland, regelmäßig stattfindende Gruppen gibt es im ganzen Land (aber auch in Skandinavien, den Niederlanden und der Schweiz). Die offenen Gruppen richten sich vor allem an Erwachsene, die freiwillig teilnehmen.

Es gibt aber auch Angebote für Kinder und Jugendliche. Das Literaturhaus Frankfurt beispielsweise organisiert „Shared Reading“ direkt an Schulen. Lehrkräfte wählen dafür Schüler:innen der fünften und sechsten Klassen aus, die dann zehn Wochen lang einmal wöchentlich in kleinen Gruppen gemeinsam lesen. Das Angebot soll ausdrücklich auch Kinder erreichen, die sonst selten oder nie ein Buch in die Hand nehmen.

„Der Unterschied zu einem Lesezirkel ist, dass nichts vorbereitet werden muss, die Teilnahme ist niedrigschwellig, kann spontan und unverbindlich sein und sich gut in den Alltag integrieren“, sagt Katrin D’Inka, Projektleitung von „Shared Reading“ am Karlstorbahnhof in Heidelberg. „Wir versuchen uns von allem, was im Deutschunterricht gelehrt wurde, freizumachen und erkunden, wie die Texte auf uns wirken, wo uns das Wort trifft und hören, wie es anderen damit geht.“

Ob solche Angebote tatsächlich diejenigen erreichen, die besonders große Schwierigkeiten beim Lesen haben, ist unklar. Es geht bei „Shared Reading“ ohnehin nicht in erster Linie darum, fehlende Grundkompetenzen aufzuholen, sondern darum, Lesen als gemeinschaftliche und bereichernde Erfahrung kennenzulernen.

Und damit kommen wir zu einer Gruppe, die in der Debatte über die Lesekrise oft vergessen wird: die Erwachsenen.

Zum Weiterlesen: Was Jungs davon abhält, gern zu lesen

10. Leseförderung auch nach der Schule weiterführen⬆ nach oben

Was ist eigentlich mit den Erwachsenen, die selbst Schwierigkeiten beim Lesen haben? Und wie sollen Eltern ihren Kindern beim Lesenlernen helfen, wenn sie es selbst kaum können?

Laut der LEO-Studie der Universität Hamburg können rund 6,2 Millionen deutschsprachige Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren höchstens auf Satzebene lesen und schreiben. Einzelne Sätze verstehen sie, längere zusammenhängende Texte überfordern sie jedoch. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Menschen ständig unter ihren Leseschwierigkeiten leiden. Die MOVE-Studie der Stiftung Lesen zeigt, dass viele einen Alltag entwickelt haben, in dem sie einigermaßen zurechtkommen. Wenn ein Formular ausgefüllt werden muss, hilft die Partnerin. Wenn ein Brief kommt, liest ihn ein Freund. Die Forschenden sprechen von einer Art Kokon, in dem das soziale Umfeld die Leseschwierigkeiten auffängt.

Das kann dazu führen, dass Menschen wenig Anlass sehen, ihre Lesefähigkeiten zu verbessern. In der MOVE-Befragung glaubten 59 Prozent der Menschen mit Leseschwierigkeiten, dass sie an ihrer Lage auch mit eigener Anstrengung nichts ändern könnten. Dabei würde ein Teil von ihnen durchaus gerne besser lesen lernen. Nur müssen die Angebote sie auch erreichen. Und genau das gelingt bisher kaum: 2022 besuchten gerade einmal rund 16.000 Menschen Alphabetisierungsangebote an Volkshochschulen. Andere Anbieter sind dabei zwar nicht mitgezählt, trotzdem zeigt die Zahl, wie schwierig es ist, Erwachsene für solche Kurse zu gewinnen.

Eine mögliche Lösung liegt ausgerechnet dort, wo unsere Recherche begonnen hat: bei den Kindern. Denn 38 Prozent der 6,2 Millionen Erwachsenen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten sind selbst Eltern. Die MOVE-Forschenden sehen darin eine Chance. Wenn Eltern ihre Kinder durch Kita und Grundschule begleiten, kommen sie regelmäßig mit Bildungseinrichtungen in Kontakt. Und die Einschulung des eigenen Kindes kann ein Anlass sein, sich mit den eigenen Leseschwierigkeiten auseinanderzusetzen.

Deshalb schlagen die Forschenden vor, Eltern stärker über Kitas und Schulen anzusprechen. Statt sie auf einen klassischen Alphabetisierungskurs zu verweisen, könnten sie zunächst niedrigschwellige Angebote besuchen, beispielsweise ein Lerncafé. Auch Kurse, bei denen sie lernen, besser mit dem Smartphone umzugehen oder ihre Kinder in der Schule zu unterstützen, könnten ein Einstieg sein.

Ob diese Ansätze tatsächlich dazu führen, dass mehr Erwachsene besser lesen lernen, ist allerdings noch kaum untersucht. Die MOVE-Studie beschreibt vor allem, welche Hürden es gibt und wie man sie überwinden könnte. Sie ist keine Wirksamkeitsstudie. Politisch steht die Alphabetisierung Erwachsener zudem vor einer ungewissen Zukunft. Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung, in die der Bund seit 2016 rund 180 Millionen Euro investiert hat, endet 2026. Eine Nachfolge ist bislang nicht beschlossen.

Dabei könnte die Förderung Erwachsener gleich doppelt helfen: ihnen selbst und ihren Kindern. Denn auch wenn Eltern nicht perfekt lesen können müssen, um ihre Kinder sprachlich zu fördern, können ihre eigenen Leseschwierigkeiten die Unterstützung erschweren.

Zum Weiterlesen: „Lesen ist was für Gebildete“.


Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer, Bildredaktion: Sören Frey

So lernen Deutschlands Kinder wieder lesen

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