Du bist eine seltene Spezies. Menschen, die im Jahr 2026 noch lange Texte lesen, obwohl sie auch andere Dinge tun könnten, Podcasts hören, Netflix gucken, auf Instagram versacken, scheinen vom Aussterben bedroht.
Seit Jahren beklagen Soziolog:innen, Literaturwissenschaftler:innen und Schriftsteller:innen einen Verlust. Der Schriftsteller Thomas Hettche sah schon 2012 den „literarischen Raum“ zerfallen. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz diagnostizierte 2020 eine „Ausdünnung des Lesens“. Die Literatursoziologin Carolin Amlinger, die zur Geschichte und sozialen Bedeutung des Lesens forscht, fragte 2024 im Deutschlandfunk, ob wir im „postliterarischen Zeitalter“ angekommen seien.
Verliert eine Gesellschaft gerade eine Kulturtechnik, auf der sie große Teile ihrer Vorstellungen von Bildung, Öffentlichkeit und politischer Mündigkeit aufgebaut hat? Die Folgen wären dramatisch. Die Welt titelte im Mai 2026: „Uns steht ein neues Mittelalter bevor“, im September: „Wir werden gerade Zeugen, wie die Epoche des Lesens zu Ende geht“.
Drei Monate lang haben meine Kollegin Lea Schönborn und ich zur Lesekrise in Deutschland recherchiert. Wir haben mit Wissenschaftler:innen gesprochen, die sich seit Jahrzehnten mit dem Lesen befassen, und über Lösungsansätze berichtet. Dabei stießen wir auf einen Widerspruch: Es wurde noch nie so viel gelesen wie heute. Trotzdem lesen Kinder erschreckend schlecht. Und Expert:innen beschwören das Ende des Lesens. Haben sie recht?
Die abenteuerliche Lesesucht, so ansteckend wie Fieber⬆ nach oben
Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, muss im Jahr 1783 beginnen und findet eine Angst, die heute geradezu absurd erscheint. Da warnte der Pädagoge Joachim Heinrich Campe vor dem „fürchterlichen Anschwellen der Bücher“ und der damit verbundenen „Lesewuth“. Sie sei zugleich Folge und Ursache einer „immer grösser werdenden Verderbniß unserer Sitten und der ganzen Menschheit.“
Elf Jahre später legte der Theologe, Historiker und Publizist Johann Gottfried Hoche nach. In seinen „Vertrauten Briefen über die jetzige abentheuerliche Lesesucht“ erklärte er das Lesen zur regelrechten Epidemie. Die Lesesucht sei „so ansteckend wie das gelbe Fieber in Philadelphia“ und eine Quelle des sittlichen Verderbens „für Kinder und Kindes Kinder“. Als lesesüchtig galt für ihn, wer das Lesen zur Hauptbeschäftigung machte und dafür „nützliche Beschäftigungen“ vernachlässigte. Besonders im Verdacht standen Frauen. Wenn sie viel lasen, sahen Pädagogen und Moralisten darin keine Bildung, sondern Schwärmerei, Lust und eine Flucht vor den häuslichen Pflichten.
Bis ins 20. Jahrhundert sorgten sich Gelehrte, Pädagogen und Politiker also nicht darum, dass die Menschen zu wenig lasen. Sie lasen zu viel! Und das Falsche. Und überhaupt lasen plötzlich Menschen, von denen man offenbar lieber gehabt hätte, dass sie es sein ließen: Frauen, Dienstboten, Jugendliche.
Dann geschah etwas Merkwürdiges. Die Menschen erfanden das Kino und das Radio und plötzlich bestand das Problem nicht mehr darin, dass sie zu viel lasen. Jetzt lasen sie zu wenig. Aus der Angst vor dem Lesen wurde die Angst um das Lesen.
Im Jahr 1961 zitierte Die Zeit den Kritiker Georg Ramseger mit dem Satz: „Das Fernsehen ist seiner Gattung nach der geschworene Feind des Buches.“ Schon ein Jahr später schrieb Ludwig Marcuse spöttisch: Als das Fernsehen gekommen sei, hätten die „Untergangspropheten“ gejammert, dies sei nun „das endgültige Ende des Lesens“.
Dieter E. Zimmer, damals Feuilletonchef der Zeit, beschwerte sich 1975 über Studenten, die eine „ausgemachte Leseunlust“ an den Tag legten. Sie seien „aus auf photokopierte Zusammenfassungen“ und nur widerwillig bereit, Zeit für „ein ganzes … Buch“ aufzubringen. Man muss eigentlich nur „photokopierte Zusammenfassungen“ durch „KI-Zusammenfassungen“ ersetzen und ist ziemlich genau bei der Diagnose angekommen, die heute, gut 50 Jahre später, über Studierende gestellt wird.
No German Angst⬆ nach oben
Die Deutschen heute haben ein besonders intensives Verhältnis zu Brot, Bier und Büchern. Dass wir sensibel reagieren, wenn weniger oder schlechter gelesen wird, und regelmäßig den Untergang predigen, ist konsequent. Aber die Angst vor dem Ende des Lesens beschränkt sich nicht auf Deutschland. Im Sommer erschien in The Atlantic, einem traditionsreichen US-amerikanischen Politik- und Kulturmagazin, ein Essay, der viel Aufmerksamkeit bekam. Der Titel: „The End of Reading Is Here“.
Die Journalistin Rose Horowitch schreibt darin, wir Menschen in der westlichen Welt, vor allem die in den USA, würden die Fähigkeit des tiefen Lesens verlieren. Dieses tiefe Lesen wiederum habe unser Denken, die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte, ja, unsere Demokratie so sehr geprägt, dass sich jetzt, wenn wir weniger lesen, unser Denken nochmal ändern wird, radikal. Und damit auch unsere Gesellschaft. Und das nicht zum Guten. Videos und Künstliche Intelligenz, schreibt Horowitch, beschleunigten diesen Prozess. Und schon bald, eigentlich gerade jetzt, würden wir in eine postalphabetische Gesellschaft eintreten.
Man könnte Horowitch leicht abtun: Wieder ruft jemand das Ende des Lesens aus, bisher ist es nie gekommen. Im 20. Jahrhundert waren es Radio und Fernsehen, die die Angst auslösten, heute sind es Social Media und KI. Aber auch ein Feueralarm, der hundertmal grundlos losging, kann beim hundertersten Mal ein echtes Feuer melden. Brennt es diesmal wirklich? Und wenn ja, fackelt dann auch direkt alles ab?
Du kannst diesen Text nicht in doppelter Geschwindigkeit lesen⬆ nach oben
Soziale Medien waren tatsächlich einmal unglaublich textlastig: Facebook-Posts, Tweets, Blogs, Foren. Ich habe diese Zeit geliebt, denn meine Arbeit bei Krautreporter war auch immer unglaublich textlastig (und sie ist es noch). Inzwischen werden die Plattformen zunehmend von Videos dominiert. Sollte das Ende des Lesens eintreffen, wäre es das Ende meiner bisherigen Arbeit. Kein Wunder, dass ich Fragen habe.
Tiktok, Instagram-Reels und Youtube-Shorts kämpfen um dieselben Stunden, die wir auch mit Text verbringen könnten. Eine Auswertung der US-Langzeitstudie „Monitoring the Future“ durch die Psychologin Jean Twenge ergab, dass Acht- und Zehntklässler:innen 2024 nach eigenen Angaben im Schnitt rund viereinhalb Stunden am Tag in sozialen Medien verbrachten. Einen beträchtlichen Teil davon offenbar mit Videos, manchmal in doppelter Geschwindigkeit.
Du kannst diesen Text nicht in doppelter Geschwindigkeit lesen. Du kannst es versuchen. Manche verdienen ihr Geld damit, anderen beizubringen, wie sie besonders schnell lesen. Aber wenn du diesen Artikel wirklich aufnehmen und über ihn nachdenken möchtest, dann empfehle ich dir, ihn noch langsamer zu lesen, als du es jetzt schon tust. Wer hetzt dich denn? Lies diesen Absatz einfach nochmal, warum auch nicht?
Rose Horowitch hat für ihren Essay im Atlantic auch mit Martin Puchner gesprochen, einem Literaturwissenschaftler in Harvard. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten damit, wie neue Kommunikationstechnologien Literatur und Kultur verändern. Ausgerechnet Puchner hat lange vor Untergangserzählungen gewarnt, wie Horowitch nun eine geschrieben hat. Wer sich mit der Geschichte von Schrift und Medien beschäftige, sagte er, lerne eigentlich, Weltuntergangsszenarien zu misstrauen.
Inzwischen hält Puchner es selbst für möglich, dass das Ende diesmal kommt. Eine Rückkehr vom Video zum Text hält er für unwahrscheinlich. Die Epoche, in der Schrift das zentrale Medium unserer Kultur war, könnte sich rückblickend als kurze Episode erweisen, eingeklemmt zwischen einer ursprünglich mündlichen und einer neuen digitalen Kultur.
Es wurde wahrscheinlich noch nie so viel gelesen wie heute⬆ nach oben
In einem Punkt machen es sich die Untergangspropheten allerdings zu leicht. Sie beschäftigen sich kaum mit der Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir vom Lesen sprechen, das nun scheinbar endet. Bücher, klar. Zeitungen und Artikel auch. Aber ich lese morgens die Nachricht meiner Mitbewohnerin, dass ich noch Haferflocken mitbringen soll. Ich lese die Anzeige am Bahnsteig, das Etikett auf der Milch, ein Straßenschild, die Zutatenliste auf einer Packung, die Überschrift eines Instagram-Posts und die Untertitel eines Tiktok-Videos. Selbst um zu entscheiden, welches Video ich mir auf Youtube anschauen möchte, muss ich erst einmal die Titel der Videos lesen. Mein Gott.
Der Leseforscher Sascha Schröder sagte mir: „Es wurde wahrscheinlich noch nie so viel gelesen wie heute.“ Auf Smartphones begegnet uns den ganzen Tag Schriftsprache: Chats, E-Mails, Nachrichten, Anleitungen, Webseiten, PDFs. Nur denken wir an all das erstaunlich selten, wenn wir darüber reden, ob Menschen noch lesen.
Natürlich ist eine Whatsapp-Nachricht kein Dostojewski. Ein Straßenschild zu entziffern ist nicht dasselbe wie eine halbe Stunde lang einer komplizierten (meiner) Argumentation zu folgen. Und genau dieses Lesen meinen jene, die vom Ende des Lesens schreiben: das lange, vertiefte, konzentrierte Lesen komplexer Texte. Möglicherweise gerät diese bestimmte Form des Lesens unter Druck.
Einen Unterschied zu den früheren Prophezeiungen gibt es nämlich: Niemand erhob 1794 regelmäßig die Lesekompetenz der Bevölkerung. Niemand ließ 1962 repräsentative Stichproben von Schüler:innen standardisierte Lesetests bearbeiten. Die Untergangspropheten hatten vor allem Eindrücke, Anekdoten und neue Medien, vor denen sie sich fürchten konnten. Heute haben wir PISA, IGLU und LEO.
Das ist eine Krise⬆ nach oben
Fast alle Expert:innen, mit denen wir über die Lesekrise gesprochen haben, stellten uns zu Beginn der Gespräche die gleiche Gegenfrage: Was meint ihr eigentlich mit „Lesekrise“? Wir entgegneten stets: dass jedes vierte Kind in der vierten Klasse besorggniserregend schlecht lesen kann. Ah ja, sagten sie dann, das ist ein Problem.
Die neue PISA-Studie hat gezeigt: Auch die 15-Jährigen in Deutschland erreichen im Lesen so wenig Punkte wie noch nie seit Beginn der Untersuchung. Auch bei Erwachsenen sieht es nicht gut aus. Auch bei Erwachsenen sieht es nicht gut aus. Forscher:innen der Universität Hamburg, die auch die LEO-Studien verantworten, haben 2025 Daten der OECD-Erwachsenenstudie PIAAC ausgewertet. Ihr Ergebnis: Rund 20 Prozent der 16- bis 65-Jährigen haben geringe Lese- und Schreibkompetenzen. Das sind mehr als zehn Millionen Menschen. Es wäre absurd, diese Entwicklung zu leugnen und es ist angebracht, sie Krise zu nennen.
Aber nicht alle Zahlen stützen diese Sicht. Der Anteil der Viertklässler:innen in Deutschland, die fast täglich zum Vergnügen lesen, ist heute mindestens genauso groß wie vor 20 Jahren: 2001 waren es 48 Prozent, 2021 knapp 50 Prozent. Und der Anteil der Schüler:innen, die angeben, außerhalb der Schule nie oder fast nie zum Vergnügen zu lesen, ist sogar gesunken. 2001 lag er bei 18 Prozent, 2021 nur noch bei rund elf Prozent.
Fast die Hälfte (45 Prozent) der viel geschundenen Generation Z liest wöchentlich in einem gedruckten Buch. Das ist mehr als in jeder anderen Generation. Sogar mehr als bei den Boomern, da sind es nur 41 Prozent.
Das klingt nicht nach Ende. Ein Ende setzt außerdem voraus, dass früher etwas da war, das nun verschwindet. Es braucht, wenn man so will, einen Anfang, eine Blütezeit und anschließend den Niedergang. Nur, wann genau war eigentlich die große Zeit des Lesens? Wann war dieses Früher?
Früher war mehr Lametta!⬆ nach oben
Die Buchwissenschaftlerin Svenja Hagenhoff forscht dazu, wie sich das Lesen im digitalen Wandel entwickelt. Im Sammelband „Mythen des Lesens“ vergleicht sie diejenigen, die das Ende des Lesens beschwören, mit Opa Hoppenstedt. In Loriots „Weihnachten bei Hoppenstedts“ sitzt der grantelnde Großvater inmitten seiner Familie und stellt fest: „Früher war mehr Lametta!“
Es geht ihm nicht wirklich um die Menge des Christbaumschmucks. „Früher“ und „mehr“ werden zu Chiffren für eine bessere, ordentlichere Vergangenheit. Genau dasselbe passiert beim Lesen, argumentiert Hagenhoff. „Früher wurde mehr gelesen“ klingt nach einer überprüfbaren Aussage. Nur bleibt erstaunlich oft unklar, was die einzelnen Wörter darin eigentlich bedeuten. Welches Lesen? Wie viel mehr? Und vor allem: wann früher? „Früher liegt in der Vergangenheit“, schreibt Hagenhoff trocken. „Mehr ist einer Aussage der Sorte ‚Früher wurde mehr‘ nicht zu entnehmen.“
Ist dieses Früher meine Kindheit? Die meiner Eltern? Die sechziger Jahre? Die fünfziger? Das 19. Jahrhundert, als das Bildungsbürgertum Goethe las?
Das ist keine Haarspalterei. Hagenhoff zeigt das am Beispiel der JIM-Studie über Jugendliche. 2021 lasen nur noch 32 Prozent der Befragten mehrmals pro Woche gedruckte Bücher, der niedrigste Wert seit zehn Jahren. Klingt nach einem ziemlich eindeutigen Niedergang. Rechnet man aber E-Books mit ein und vergleicht mit dem Beginn der Erhebungen 1998, ist der Anteil um vier Prozentpunkte gestiegen. Und die seit 2013 gemessene tägliche Buchlesedauer schwankte zwar, zeigte aber keinen signifikanten Abwärtstrend.
Noch komplizierter wird es, sobald man das Buch verlässt. Menschen lesen auf Smartphones, Tablets und Computern. Aber viele Erhebungen fragen lediglich, wie viel Zeit sie am Smartphone oder im Internet verbringen. Ob sie dort Videos anschauen oder einen langen Artikel lesen, lässt sich daraus nicht erkennen.
Je weiter man zurückgeht, desto merkwürdiger wird die Vorstellung eines goldenen Zeitalters des Lesens. Beim Wort „früher“ hatte ich die fünfziger Jahre im Kopf: weniger Fernsehen, keine Smartphones, kein Internet, also saßen die Menschen zwangsläufig häufiger mit einem Buch da. Taten sie aber nicht. In Westdeutschland war das wichtigste Medium der knappen Freizeit der fünfziger Jahre das Radio. Nur ungefähr ein Drittel der Bevölkerung las gelegentlich oder häufiger ein Buch. Mitte der Fünfziger besaß mehr als ein Drittel der Haushalte überhaupt keine Bücher.
Auch die Gruppe, von der wir heute selbstverständlich erwarten, dass sie sich durch komplizierte Texte arbeitet, ist immer größer geworden. 1960 besuchten in Westdeutschland im Sekundarbereich knapp 25 Prozent der Schüler:innen ein Gymnasium. 2021 waren es bundesweit 44 Prozent. Noch eindrücklicher ist die Studienberechtigtenquote: Sie stieg von rund sechs Prozent im Jahr 1960 auf knapp 47 Prozent im Jahr 2020.
Heute erwarten wir von einem sehr viel größeren Teil der Bevölkerung (nicht als früher, sondern als beispielsweise 1960), dass er in der Schule und bitte auch in der Freizeit komplexe Texte liest, analysiert und interpretiert. Und auch im Berufsleben ist Schrift längst nicht mehr hauptsächlich Sache einer kleinen Gruppe von Beamten, Kaufleuten, Juristen oder Gelehrten. Berufliches Lesen gehört in modernen arbeitsteiligen Gesellschaften in sehr viel mehr Berufen zum Alltag. Gleichzeitig sind Bücher und andere Texte billiger und leichter zugänglich geworden, und die Digitalisierung hat die Menge schriftlicher Kommunikation noch einmal vervielfacht.
Diese lesende Gesellschaft hat es nie gegeben⬆ nach oben
Über weite Teile der Geschichte sah das ganz anders aus. Fast zwei Jahrtausende lang war Latein die maßgebliche Schriftsprache von Kirche und Gelehrsamkeit, zeitweise auch von Verwaltung, Recht und Diplomatie – eine Sprache, die nur eine kleine Minderheit beherrschte. Eine Gesellschaft konnte also zutiefst von Schrift geprägt sein, obwohl die große Mehrheit keinen direkten Zugang zu ihren wichtigsten Texten hatte.
Als Latein diese Stellung verlor, endete allerdings nicht die Schriftkultur. Sie veränderte sich. Landessprachen wurden standardisiert, Wissenschaft wurde zunehmend betrieben. Wenn eine bestimmte Form des Lesens an Bedeutung verliert, muss deshalb nicht das Lesen verschwinden. Es kann auch sein Medium, seine Textsorten, seinen Zweck oder sein Publikum wechseln.
Dass uns trotzdem die Vergangenheit schnell wie ein verlorenes goldenes Zeitalter erscheint, könnte noch einen anderen Grund haben. Die Psychologen Adam Mastroianni und Daniel Gilbert haben untersucht, wie Menschen über den moralischen Zustand ihrer Gesellschaft urteilen. Über Jahrzehnte hinweg glaubten Befragte immer wieder, die Moral habe gegenüber früher nachgelassen. Die Daten gaben diesen kontinuierlichen Verfall aber nicht her.
Die Forscher erklären das unter anderem mit zwei Verzerrungen: Wir vergessen oder entschärfen negative Erinnerungen an die Vergangenheit, während uns in der Gegenwart besonders das Negative auffällt. Hagenhoff beschreibt das als Zusammenspiel von „biased exposure and memory“: Die Vergangenheit wird heller, die Gegenwart dunkler. „Früher, was waren das für Zeiten!“
Das beweist natürlich nicht, dass wir uns einen Niedergang des Lesens einbilden. Die schlechter werdenden Lesekompetenzen von Kindern sind real. Aber es ist ein guter Grund, misstrauisch zu werden, sobald jemand einen messbaren gegenwärtigen Missstand mit einer nur diffus erinnerten Vergangenheit aka früher vergleicht.
Die Lesekrise besteht also nicht darin, dass wir gerade eine Gesellschaft verlieren, in der früher alle Menschen lange Bücher lasen, schwierige Texte verstanden, bei Pfeife und Cognac kritisch über die Welt nachdachten und so die Demokratie am Laufen hielten. Diese Gesellschaft hat es nie gegeben.
Historisch war anspruchsvolles Lesen über sehr lange Zeit eine Tätigkeit für Minderheiten. Neu ist, dass wir den Anspruch inzwischen an alle stellen. Wir wollen, dass jedes Kind lesen lernt. Zu Recht. Dass es auch komplexe Texte versteht. Zu Recht. Dass Herkunft und Einkommen möglichst wenig darüber entscheiden. Schön wärs. Dass Erwachsene einen Arbeitsvertrag, einen Behördenbrief oder einen politischen Text selbstständig verstehen können. Sollte drin sein.
Wir könnten selbst lesen, lassen aber lesen⬆ nach oben
Vielleicht liegt die größere Veränderung ohnehin woanders. Wir können das Lesen heute zunehmend delegieren. Das ist ein Gedanke aus dem Buch „Die Zukunft des Lesens“ von Medienwissenschaftler Christoph Engemann, der mir seit unserer Recherche nicht mehr aus dem Kopf geht. Natürlich haben Menschen schon immer anderen Menschen beim Vorlesen zugehört. Neu ist aber die Zahl der Gelegenheiten, bei denen wir selbst lesen könnten und uns bewusst dagegen entscheiden.
Ich höre einen zweistündigen Podcast über das Schulsystem der DDR, statt Aufsätze darüber zu entziffern. Ich überfliege die Blinkist-Zusammenfassung von Sachbüchern, in Stichpunkten, statt sie zu lesen, um bei der nächsten Party zu glänzen. Ich schaue ein Youtube-Video, in dem jemand drei Studien erklärt, statt sie mir aufzurufen. Christoph Engemann nennt Podcasthörer:innen und Zuschauer:innen von Long-Form-Videos deshalb „Leser:innen, die selbst lesen könnten, aber lesen lassen.“
Diese Zuschreibung ist präziser als die Diagnose vom Ende des Lesens. Denn irgendwo wird weiterhin gelesen. Bevor jemand eine einstündige Podcastfolge über ein Buch produziert, hat dieser jemand im besten Fall dieses Buch gelesen, weitere Texte recherchiert, Studien geprüft, Notizen gemacht und daraus einen Gedanken gebaut.
Das wäre dann tatsächlich eine bemerkenswerte Verschiebung: Nicht die Schrift verschwindet. Aber womöglich schrumpft die Gruppe derjenigen, die sich selbst regelmäßig durch komplizierte Texte arbeiten, nachdem ihr Anteil lange Zeit größer geworden war. Auf der einen Seite stehen Menschen, die lesen, recherchieren, prüfen und verdichten. Auf der anderen immer mehr Menschen, die deren Ergebnisse hören, anschauen oder von Maschinen zusammenfassen lassen.
Das ist bequem, oft ist es sinnvoll und manchmal wäre alles andere vollkommen absurd. Jedes Sachbuch basiert auf diesem Prinzip: Jemand liest für mich ganz viel und sagt mir dann, was er oder sie gelernt hat.
Historisch gesehen sind Verschiebungen zwischen Sprachen, Institutionen und Formen des Lesens eher der Normalfall als die Ausnahme. Vielleicht verwechseln wir gerade, wie man es rückblickend beim Latein tun könnte, das Ende einer dominanten Form des Lesens mit dem Ende des Lesens selbst. Das wäre ungefähr so, als würde man aus dem Niedergang des Briefeschreibens das Ende des Schreibens folgern. Macht ja niemand, es wird weitergeschrieben, per Whatsapp.
Das Lesen verschwindet also nicht. Es sortiert sich in die, die institutionalisiert lesen. Die, die lesen könnten, aber lesen lassen. Und die, die nicht lesen können. Solche Verschiebungen bleiben nicht folgenlos. Sobald ich nicht mehr selbst lese, muss ich darauf vertrauen, dass jemand anderes richtig gelesen hat. Vielleicht wird Lesen in einer Welt voller KI deshalb nicht unwichtiger, sondern bekommt eine andere Funktion: Nicht jede Information muss ich selbst erlesen. Nicht jedes Buch selbst durcharbeiten. Nicht jede Studie von vorne bis hinten öffnen.
Die Formel tl;dr, aus den Anfängen des Web 2.0, signalisierte: too long, didn’t read. Dann fasste man Texte zusammen. Vielleicht wird die Formel irgendwann zu vl;dr, very long, did read, ich schwöre.
Wahnsinn, was die Menschen früher konnten!⬆ nach oben
Für unsere Recherche zur Lesekrise haben wir unseren Leser:innen eine bewusst zugespitzte Frage gestellt: Müssen Kinder heute überhaupt noch lesen können? Die Reaktion war eindeutig. 463 Menschen sagten Ja. Eine Person sagte Nein, erklärte aber in ihrer Antwort, dass sie eigentlich Ja meinte. Mindestens 16 bezeichneten schon die Frage als „blöd“, „bescheuert“, „aberwitzig“, „lächerlich“ oder „seltsam“. Eine Leserin schrieb am Ende ihrer Antwort: „Puh, ich merke gerade, dass mich diese Umfrage ganz schön triggert.“
Das ist natürlich keine repräsentative Erhebung. Es ist eine Umfrage unter Krautreporter-Mitgliedern. Wer Krautreporter liest, hat es auf lange Texte abgesehen und bezahlt auch noch dafür. Ich predige also seit mehr als 20.000 Zeichen zum Chor.
Es könnte sein, dass sich die Spirale der Untergangserzählungen einfach weiterdreht. Vielleicht werden die Medienwissenschaftler:innen in 100 Jahren davor warnen, dass die Menschen zu wenig Videos schauen. Früher haben sie viel mehr Videos geschaut! Auf Instagram, Tiktok, Youtube, das kennt man heute gar nicht mehr! Ein Video nach dem anderen, selbst vor dem Einschlafen, ohne sich von der Welt da draußen ablenken zu lassen! Wahnsinn, was die Menschen früher alles konnten. Sie brauchten nur ein Handy in der Hand und waren glücklich.
Ja, es gibt immer mehr Kinder, die schlecht lesen. Unsere Gesellschaft aber wird weiterlesen. Die Frage ist, wer wie gut lesen kann und wer das Lesen künftig Maschinen überlässt. Cornelia Rosebrock, eine der prägendsten Personen der deutschen Leseforschung, sagt: „Wer den Untergang ausruft, hat sich damit abgefunden, dass die 25 Prozent, die heute schlecht lesen, draußen bleiben.“
Viele haben sich damit nicht abgefunden. Das Ende des Lesens hat mächtige Gegner: alle Erzieher:innen und Grundschullehrer:innen und alle Eltern, die ihren Kindern abends vorlesen.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert