Ein Bild von einem alten Macintosh, dahinter viel Bildschirmtext.

Tomas Martinez/Unsplash

Kinder und Bildung

Wir lesen seit Jahren auf dem Bildschirm, haben aber nie gelernt, wie das geht

Mit fünf Strategien kannst du gegensteuern.

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Noch bevor das erste Kapitel des Buches „Digital Lesen. Was sonst?“ von Andreas Gold begann, sah ich mich einer Warnmeldung gegenüber.

„Sie können dieses Buch auf Papier oder als E-Book lesen. Mit dem E-Book sind Sie schneller fertig, dafür werden Sie vermutlich weniger davon behalten.“

Ich las das Buch, weil ich herausfinden wollte, ob es stimmt, dass wir weniger behalten, wenn wir auf dem PC oder dem Handy und nicht in der Zeitung oder im Buch lesen. Scheinbar ja. Aber warum? Herausgefunden habe ich außerdem: Digitales Lesen funktioniert anders als analoges Lesen. Und wir müssen es neu lernen. Besonders diejenigen, die eigentlich „gute“ Leser:innen sind.

Im Alltag hat digitales Lesen das analoge Lesen längst überholt. Wenn ich Zeitung lese, mit meinen Freund:innen chatte oder für diesen Artikel recherchiere: Das meiste passiert mittlerweile online. Auch an Schulen wird immer häufiger mit Tablets gearbeitet und immer mehr Menschen lesen ihre Bücher auf dem E-Book-Reader.

Gleichzeitig gibt es die Meinung, dass das digitale Lesen schlecht wäre, dass wir weniger konzentriert lesen und weniger behalten würden. Ein Buch in der Hand scheint wertvoller zu sein als ein Text auf dem Handyscreen. Aber stimmt das? Wäre es wirklich besser, wenn ich die Studien und Bücher, die ich für diesen Text gelesen habe, in meiner Hand gehalten hätte, statt sie auf meinem Bildschirm gelesen zu haben?

Ist digitales Lesen also wirklich per se schlechter?⬆ nach oben

Es gibt mehrere Studien, die herausgefunden haben, dass Menschen, auch Digital Natives, also auch diejenigen, die mit der digitalen Welt aufgewachsen sind, Texte digital schlechter verstehen als analog. Zum Beispiel diese Studie von 2018 von mehreren Wissenschaftler:innen aus Spanien oder diese von 2019.

Aber stimmt das immer? Die kurze Antwort ist: Es kommt darauf an, wie gut du analog liest. Eine Studie von Hildegunn Støle, Anne Mangen und Kurt Schwippert, bei der mehr als 1.000 Zehnjährige mitgemacht haben, hat untersucht, ob beim Bildschirmlesen Nachteile im Textverständnis entstehen. Mithilfe eines standardisierten Lese-Verständnistextes wurden die Kinder geprüft, dazu gehörten Mehrfachwahlaufgaben und offene Formate, also Fragestellungen ohne vorgegebene Antwortmöglichkeiten.

Bei der Untersuchung zeigte sich, dass 13,6 Prozent der Kinder in der digitalen Testbedingung besser abschnitten als auf Papier. Im Gegensatz dazu erzielten 30,5 Prozent bessere Ergebnisse auf Papier, während 53 Prozent in beiden Modi vergleichbare Leistungen zeigten. Also entstehen die schlechteren Leseleistungen tendenziell digital.

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Die leistungsstärkeren Kinder waren von den negativen Bildschirmeffekten stärker betroffen, vor allem die Mädchen haben laut der Studie eine besonders große Differenz zwischen der Leseleistung auf Papier und am Bildschirm gezeigt. Das liegt nicht unbedingt am Geschlecht. Denn wer besser auf Papier liest, hat im Verhältnis eine schlechtere digitale Leseleistung, also liest digital langsamer, ungenauer und versteht Gelesenes weniger gut. Man vermutet, dass die gelernte analoge Lesetechnik, sich mit „Ankern“ im Text zu orientieren, beim Scrollen verloren geht. Und im Alter von zehn Jahren können Mädchen in Norwegen statistisch gesehen besser analog lesen als Jungen.

So unterscheidet sich digitales von analogem Lesen⬆ nach oben

Wir brauchen beim Lesen eine Art räumliche Struktur, eine Landkarte des Textes. Wenn wir lesen, suchen wir nach Ankern im Text. Und wir können immer nur zwölf Buchstaben auf einmal erfassen, da nur der kleine Bereich unserer Sehgrube im Auge (die kleine Vertiefung auf der Netzhaut des Auges) scharf sehen kann. Deswegen springen wir mit dem Auge beim Lesen drei- bis fünfmal pro Sekunde, um die verschwommenen Buchstaben am Rande unseres Sichtfeldes sichtbar zu machen.

Der Psychologe und Leseforscher Andreas Gold glaubt deswegen, dass unser Lesen beim Scrollen „leidet“. Gold spricht von einer geringeren visuell-räumlichen Stabilität der Textvorlage. Was er damit meint, ist, dass wir dadurch, dass wir den Text vor unseren Augen verschieben, durch den Lesevorgang „stolpern“. Das sorge vor allem bei komplexeren Sachtexten für ein geringeres Textverstehen.

Ein weiterer Grund für schlechteres Textverstehen bei digitalen Texten sei eine schnellere Ermüdung der Augen, sagt Gold. „Durch den starren, konzentrierten Blick sinkt die Lidschlagfrequenz ganz automatisch und die Tränenflüssigkeit wird nicht mehr so gut auf der Hornhaut und der Bindehaut verteilt“, erklärt Thomas Reinhard, ärztlicher Direktor der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg, auf der Klinik-Webseite.

Leseforscher Adriaan van der Weel betont in einem Interview mit dem Deutschlandfunk außerdem, dass die Haptik analoger Medien nicht zu unterschätzen sei. Beim Lesen eines Buches blättern wir um, wenn wir eine Seite gelesen haben und wir merken, dass die Seiten rechts weniger werden. Wir haben das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Wir bleiben dran. Van der Weel bringt auch das Gewicht eines Buchs und seine Beschaffenheit mit der Leseerfahrung in Verbindung. Das Anfassen und sinnliche Wahrnehmen geben uns Kontrolle und Struktur, zum Beispiel wenn wir Seiten markieren, Eselsohren machen oder Notizen schreiben. Das zeigt auch eine Studie von Anne Mangen, die 2019 Teilnehmende in E-Books und Büchern lesen ließ und die Rolle der Haptik beim Lesen untersuchte.

Nach allem, was wir jetzt wissen, könnte man ja denken, dass das elektronische Umblättern zumindest besser ist, als einen Text auf dem Laptop zu lesen. Es gibt allerdings keine eindeutige Studienlage, was das angeht. Oft meiden empirische Studien das Thema Scrollen, weil die dafür vorbereiteten, am Bildschirm präsentierten Texte so kurz sind, dass sie auf eine Seite passen.

Für jedes Lesen gibt es die richtige Form⬆ nach oben

Bisher wirkt es so, als könnten wir nur die Nachteile des digitalen Lesens ausbügeln. Es gibt aber sogar Situationen, in denen das Lesen am Bildschirm besser funktioniert als das analoge Lesen. Wichtig ist, was wir beim Lesen wollen und welche Funktion es erfüllt.

Wissenschaftler:innen unterscheiden zwischen tiefem Lesen, sogenanntem „Deep Reading“, und oberflächlichen Leseformen.

Das tiefe digitale Lesen sei, so Gold in seinem Buch, eine hart zu erarbeitende Kulturtechnik. Deep Reading als verständnisorientierter Lesemodus sei vor allen Dingen bei komplexen Sachtexten wünschenswert. Wenn ich für Prüfungen dicke Bücher wälze oder mir Quellentexte ansehe, dann brauche ich all meine Konzentration fürs Deep Reading, also um den Text wirklich zu durchdringen. Eine qualitative Studie mit 200 Studierenden, die Gold in „Digital Lesen“ anführt, zeigt, dass die Teilnehmer:innen je nach Zweck die Entscheidung für oder gegen Papier und Bildschirm fällen.

Für die digitalen Texte spricht, dass wir uns zum Beispiel im Internet schneller einen Überblick über Themen verschaffen können. Vielleicht liest du diesen Artikel auch erst einmal quer und orientierst dich an den Überschriften. Wenn ich ein Problem mit meinem Staubsauger habe und wissen will, was los ist, kann ich einfach danach in Onlineforen oder auf Webseiten der Hersteller schauen, ohne mir die Anleitung komplett durchlesen zu müssen.

Wir überfliegen Überschriften, Einleitungen und Grafiken beim sogenannten Skimming oder suchen beim Scanning gezielt nach den Informationen, die wir brauchen. Suchfunktionen und Links innerhalb der Texte können nützlich sein, um schneller zum Ziel zu kommen. Man muss nicht aufwendig durch mehrere hundert Seiten blättern, um die richtige Stelle zu finden. Allerdings kann das Scanning auch dazu führen, dass wir nur unsere eigene Meinung bestätigen und im Gegensatz zur tiefgründigen Auseinandersetzung mit einem Buch lediglich die Abschnitte lesen, die uns interessieren oder in unser Weltbild passen.

Digitales Lesen hat Vorteile für ältere Menschen mit Sehschwächen und Kinder, die das Lesen lernen⬆ nach oben

Am Bildschirm denken wir häufig, wir hätten einen Text durchdrungen, auch wenn das nicht der Fall ist. Ich habe mich schon oft darüber gewundert, dass ich eine lange Analyse am Handy im Bus gelesen habe und später trotzdem Schwierigkeiten hatte, das Thema zu erklären.

Das nennt man Verständnis-Illusion. Dieser Verständnis-Illusion muss gezielt etwas entgegengesetzt werden, zum Beispiel mithilfe von Lesestrategien. „Social Reading“, soziales Lesen, in Form von persönlichem Austausch über Texte oder über gemeinsame Dokumente oder Padlets, also digitale Pinnwände, ist ein Vorteil der Digitalisierung. Mit anderen Menschen können so interaktive Formate und inhaltliche Diskussionen in größerem Rahmen stattfinden, auch dann, wenn wir nicht am selben Ort sind. Der Austausch kann die Behaltensleistung des Gelesenen verstärken und außerdem dafür sorgen, dass wir nicht nur die Textabschnitte wahrnehmen, die zu unserer Meinung passen.

Ein weiterer Vorteil von digitalen Texten ist die Möglichkeit, diese an spezielle Bedürfnisse anzupassen, die über analoges Blättern hinausgehen. Wir können bei Bedarf Schriftgrößen anpassen, Zeilenabstände vergrößern, Kontraste für Menschen mit Sehbehinderung nachträglich verstärken oder Vorlesehilfen für Legastheniker:innen aktivieren. All das ermöglicht eine demokratische Inklusion, das Gerät passt sich an die Bedürfnisse des Lesenden an.

Unter den über 65-Jährigen liegt der Anteil der E-Book-Lesenden laut Andreas Gold aktuell nur bei zwölf Prozent, doch gerade ältere Menschen würden davon profitieren, dass sie beim Lesen von E-Books zum Beispiel Kontraste augenfreundlich einstellen können.

Auch für Kinder und Jugendliche kann digitales Lesen besonders attraktiv sein. Die Leseforscherin Natalia Kucirkova von der Universität Stavanger in Norwegen hat herausgefunden, dass personalisierte Texte in E-Books motivationsförderlich sein können. Dabei wird der Text zum Beispiel auf den Wissensstand der Leser:innen angepasst. Enthält das digitale Buch Erweiterungen, die zur Geschichte gehören, wie eine Vorleserstimme, eine Erklärung eines schwierigen Wortes, einen Hinweis auf einen Zusammenhang in der Handlung, kann es das gedruckte Buch sogar übertreffen.

Kucirkova sagt aber auch: Wenn bei jeder geschafften Seite Ballons über den Bildschirm fliegen oder die Kinder mit Mini-Spielen belohnt werden, lesen sie nicht mehr aus Interesse an der Geschichte, sondern wegen der Belohnung. In solchen Fällen verstehen sie das Gelesene auch schlechter, weil der Fokus woanders liegt. Dieses Risiko betont Andreas Gold auch in seinem Buch. Anwendungen können also Interesse wecken, dürfen aber nicht als unterhaltsamer empfunden werden als das Lesen selbst.

Was wir tun können⬆ nach oben

Digitales Lesen ist heute überall. Wenn ich morgens aufstehe, checke ich meine Mails, lese Nachrichten online und suche auf Google Maps den schnellsten Weg zur Arbeit. Diesen Text habe ich digital recherchiert. Das Letzte, was viele von uns vorm Schlafengehen sehen, sind unsere Chats mit neuen Textnachrichten.

Deswegen lohnt es sich, diese fünf Tipps anzuschauen, die einem helfen, beim digitalen Lesen besser zu werden.

  1. Wiederholung hilft: Wenn wir den Inhalt eines Textes zusammenfassen, am besten in möglichst eigenen Worten, dann unterstützt das die Behaltensleistung. Logisch.

  2. Was auch helfen kann, ist die sogenannte metakognitive Überwachung des eigenen Leseverhaltens. Ja, echt. Wir lesen Texte auf elektronischen Medien flüchtiger und weniger sorgfältig. Aber das muss nicht so sein. Wenn wir das digitale Lesen für einfacher halten, strengen wir uns weniger an und verstehen die Textinhalte weniger gut. Da wir das normalerweise nicht merken, müssen wir uns dessen bewusst werden und beim Lesen auf unser Leseverhalten aufpassen. Eben diese Reflexion wird metakognitive Überwachung genannt.

  3. Wir lesen digital aber nicht nur unaufmerksamer, sondern auch häufig zu schnell. Beim Lesen mehrerer digitaler Texte kann ein bewusst verlangsamter Leseprozess sinnvoll sein. Ein bisschen, als würde man versuchen, langsam zu kauen und sich auf jeden Bissen zu konzentrieren.

  4. Die Verknüpfung der Textinhalte, zum Beispiel durch Vergleiche, Tabellen oder andere Werkzeuge kann helfen, den Inhalt herauszuarbeiten und ihn zu verstehen, sobald wir verschiedene Texte gegenüberstellen. So sind wir gezwungen, den Text zu durchdringen, um Unterschiede zu anderen Texten auszumachen.

  5. Wenn wir mit anderen Menschen gemeinsam lesen, Stichwort Social Reading, sind wir gezwungen, uns wirklich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Die schwierigste der Strategien ist vermutlich die metakognitive Überwachung unseres Leseverhaltens. Der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke sagt, wir sollten auswählen, was wir wirklich lesen wollen, generell zum Beispiel noch analog schreiben und uns in Selbstdisziplin üben, um die digitalen Texte dann auch gut zu verstehen.

Es geht also nicht um ein Entweder-oder, Print gegen Digital, sondern darum, mit beiden Medienarten bewusst und sicher umgehen zu können. Drängt uns der Bildschirm manchmal zur Effizienz und zum Überfliegen eines Textes, ist es an uns zu reflektieren, ob wir gerade tiefer in ein Thema einsteigen oder eben nur kurz einen Überblick bekommen wollen.

Ich muss zugeben: Auch bei mir hapert es teilweise noch sehr an der Selbstdisziplin beim digitalen Lesen. Ich scrolle schneller, als ich lesen kann. Aber seit ich für diesen Artikel recherchiert habe, reflektiere ich manchmal währenddessen und lese dann bewusst laaang-saaam-eeer. Am liebsten lese ich aber immer noch analog, vor allem wenn ich für Prüfungen lerne. Es fühlt sich dann so an, als würde ich mehr mitnehmen. Aber das ist wahrscheinlich auch einfach Gewohnheit.


Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert

Wir lesen seit Jahren auf dem Bildschirm, haben aber nie gelernt, wie das geht

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