„Für die drei Basisdimensionen der Unterrichtsqualität zeigt sich in Deutschland ein insgesamt eher ungünstiges Bild“, heißt es in der neuen Pisa-Studie. Oder wie wir sagen würden: Unterricht in Deutschland ist eher so mäh.
Bei neuen Bildungsstudien fungieren wir gerne als Übersetzungsbüro und stellen die wichtigsten Erkenntnisse so dar, dass man sie auch versteht, wenn man Substantivierungen für ein eher ungünstiges Stilmittel hält. Heute ist es mal wieder so weit.
Der sogenannte Pisa-Schock ist jetzt 25 Jahre her. Erholt hat sich Deutschland noch nicht. Mit jeder neuen Pisa-Veröffentlichung gibts eine neue Erschütterung. Die ist aber weniger heftig, weil sich viele an die Hiobsbotschaften gewöhnt haben: Jedes dritte Kind kann nicht gut lesen? Schultern zucken.
Die Studie untersucht alle drei Jahre, was 15-Jährige können und wissen und vergleicht das dann zwischen 91 Nationen und Regionen. Weltweit wurden mehr als 760.000 Schüler:innen getestet.
Wir recherchieren seit Monaten, warum sehr viele Kinder in Deutschland so schlecht lesen und was passieren müsste, damit sich das ändert. Natürlich haben wir uns bei der neuen Pisa-Studie (hier die vollen 234 Seiten) deshalb vor allem angeschaut, welche Erkenntnisse es zur Lesekrise gibt.
Das sind die wichtigsten Ergebnisse zur Lesekrise⬆ nach oben
1. Die Lesekompetenz ist auf einem historischen Tiefstand
Pisa misst die Lesekompetenz in Punkten und teilt die Ergebnisse in verschiedene Stufen ein. Ab 407 Punkten erreichen die Schüler:innen beispielsweise die zweite Kompetenzstufe, die als grundlegendes Niveau gilt. Sie können dann beispielsweise die Hauptaussage eines mittellangen Textes erkennen und Informationen darin finden. Ab 626 Punkten gehören sie zu den besonders starken Leser:innen.
Die 15-Jährigen in Deutschland erreichen bei Pisa 2025 im Lesen durchschnittlich 465 Punkte. So wenig wie noch nie seit Beginn der Untersuchung. Damit liegen wir ungefähr im OECD-Durchschnitt.
2. Die Verbesserungen nach dem ersten Pisa-Schock sind wieder verloren gegangen
Dabei sah die Entwicklung lange ziemlich gut aus: Im Jahr 2000 erreichten Jugendliche in Deutschland enttäuschende 483 Punkte. Danach ging es kontinuierlich bergauf, bis 2015 mit 509 Punkten der Höchststand erreicht war. Seitdem geht es genauso kontinuierlich wieder bergab. Mit den 465 Punkten von 2025 liegt Deutschland inzwischen sogar unter dem Ausgangsniveau von 2000.
3. Jetzt kann schon jeder dritte Jugendliche nicht ausreichend gut lesen
Besonders deutlich wird diese Entwicklung am unteren Ende der Leistungsskala. 2015 erreichten 16 Prozent der Jugendlichen nicht einmal die grundlegende Kompetenzstufe II. 2025 sind es 32 Prozent – doppelt so viele. Fast jede:r dritte 15-Jährige verfügt damit laut Pisa nicht über sichere Basiskompetenzen beim Lesen.
4. Gleichzeitig verschwinden die besonders guten Leser:innen
Das Problem beschränkt sich aber nicht auf die schwächsten Schüler:innen. 2015 erreichten noch zwölf Prozent der Jugendlichen die beiden höchsten Kompetenzstufen V und VI, 2025 sind es nur noch sieben Prozent. Es gibt also sowohl mehr sehr schwache als auch weniger sehr starke Leser:innen. Außerdem sind die Unterschiede zwischen den Jugendlichen in Deutschland größer als im OECD- und EU-Durchschnitt.
5. Jungen haben noch größere Schwierigkeiten mit dem Lesen als Mädchen
Mädchen erreichen durchschnittlich 478 Punkte, Jungen 453 – ein Unterschied von 25 Punkten. Besonders auffällig ist wieder das untere Ende: 35 Prozent der Jungen erreichen die grundlegende Kompetenzstufe II nicht, bei den Mädchen sind es 27 Prozent. Auch unter den besonders starken Leser:innen sind Mädchen häufiger vertreten. Zum Gender-Unterschied in der Lesekrise veröffentlichen wir noch einen eigenen Artikel.
6. Fast die Hälfte der Jugendlichen liest nur, wenn es unbedingt sein muss
Parallel zu den sinkenden Leistungen ist auch die Lesefreude stark zurückgegangen. Wenn du jetzt denkst: Habt ihr in eurem ersten Artikel zur Lesekrise nicht noch das Gegenteil behauptet? Ja, haben wir. Der Anteil der Viertklässler:innen, die fast täglich zum Vergnügen lesen, ist heute mindestens genauso groß wie vor 20 Jahren: 2001 waren es 48 Prozent, 2021 knapp 50 Prozent.
Bei den 15-Jährigen sieht das aber anders aus. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen der Rückgang besonders ausgeprägt ist. Knapp die Hälfte der 15-Jährigen sagt, nur zu lesen, wenn es unbedingt sein muss. Nur ungefähr jede:r Vierte zählt Lesen zu den eigenen Lieblingsbeschäftigungen. Ein Schelm, wer das Smartphone dafür verantwortlich macht! (Edit: Dieser Satz stand eigentlich als Kommentar in unserem Entwurf, Lea wollte aber, dass wir ihn einfach reinschreiben.)
7. Das Problem beginnt lange vor Pisa
Wie gut Jugendliche später lesen, hängt auch mit ihren frühen Erfahrungen mit Sprache und Büchern zusammen. 37 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren wird zu Hause selten oder nie vorgelesen. Besonders häufig trifft das Kinder aus Familien mit niedrigerem Bildungsniveau.
Wie gut Jugendliche lesen können, hängt in Deutschland auch deshalb besonders stark davon ab, aus welcher Familie sie kommen. Die Unterschiede zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und benachteiligten Familien sind hier größer als in den meisten anderen Ländern. Und 2025 sind die Unterschiede so groß wie noch nie in den vergangenen 25 Jahren.
Wie kann das sein?⬆ nach oben
Wir wissen seit 25 Jahren, dass es um die Kompetenzen der Neuntklässler:innen in Deutschland nicht gut steht. Trotzdem ist es seitdem nicht besser, sondern schlechter geworden.
Nach 2001 gab es kurzzeitig Verbesserungen. Es wurden Bildungsstandards eingeführt. An Schulen gab es ein Umdenken: Der Fokus verschob sich von der Frage, welchen Stoff Lehrkräfte vermitteln, hin zu der Frage, was Schüler:innen am Ende tatsächlich wissen und können. Es wurde Geld investiert.
Dann wurden die Zahlen aber langsam wieder schlechter und zwischen 2015 und 2021 gab es einen so drastischen Leistungsabfall, dass die Autor:innen von IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) und Pisa sagten, man könne das nur mit den Schulschließungen während der Corona-Pandemie erklären. Jetzt zeigt sich: Die Verluste zwischen 2018 und 2022 und zwischen 2022 und 2025 sind ähnlich groß. Der Einbruch lässt sich also nicht allein auf Corona schieben.
Wir haben für unsere Lesekrise-Recherche mit vielen renommierten Wissenschaftler:innen gesprochen, die mindestens so lange wie die erste Pisa-Studie zum Thema Lesen forschen. Sie sehen grundlegende Fehler im System: einen Flickenteppich aus verschiedenen Projekten, 16 unterschiedliche Herangehensweisen in den Bundesländern, zersplitterte Zuständigkeiten.
Hinzu kommen Faktoren wie veränderte Familienkonstellationen und die Digitalisierung, die den Rückgang erklären. Mit den veränderten Familienkonstellationen meinen die Expert:innen übrigens nicht nur, dass es mehr Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland gibt, sondern zum Beispiel auch, dass immer häufiger beide Elternteile arbeiten und es so insgesamt weniger Zeit für das gemeinsame Lernen zu Hause gibt.
Ist ja nicht alles Lesekrise⬆ nach oben
In der Pisa-Studie geht es aber nicht nur ums Lesen. Es geht auch um die Kompetenzen in Mathematik und den Naturwissenschaften (ähnlich trüb) oder um andere Faktoren wie die Bedingungen in der Schule und die Unterrichtsqualität.
Ein Ergebnis: In Deutschland kommt auf 13 Schüler:innen ungefähr eine Lehrkraft. Damit liegt Deutschland im OECD-Durchschnitt, ist aber im europäischen Vergleich (10,7) schlechter aufgestellt. Wenn es um die Kooperation im Kollegium geht, liegt Deutschland sogar unter beiden Durchschnitten.
Und das hier liest sich auch eher ungünstig: „Für die drei Basisdimensionen der Unterrichtsqualität zeigt sich in Deutschland ein insgesamt eher ungünstiges Bild.“ Die angesprochenen Dimensionen sind die Klassenführung, die konstruktive Unterstützung durch die Lehrkraft und die kognitive Aktivierung. Für die Dimension der Klassenführung wird zum Beispiel abgefragt, ob die Lehrkraft lange warten muss, bis die Klasse ruhig ist. Jede dritte befragte Schüler:in in Deutschland antwortete mit Ja.
In den Dimensionen Klassenführung und Unterstützung durch die Lehrkräfte ist Deutschland sowohl unter dem EU- als auch unter dem OECD-Durchschnitt. Bei der kognitiven Aktivierung liegt Deutschland im OECD-Durchschnitt, aber sogar über dem EU-Durchschnitt. Fast ein Drittel der Jugendlichen berichtet, in den Naturwissenschaften regelmäßig aufgefordert zu werden, ein Experiment zur Lösung eines naturwissenschaftlichen Problems zu entwerfen.
Ok. Und jetzt?⬆ nach oben
Das Gute ist: Es gibt sehr viele gute Ideen da draußen, wie man die Schule so verändert, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland wieder richtig gut lesen und rechnen können. Dafür müssen sich natürlich die Bedingungen verändern, in denen sie lernen. Die Wissenschaftler:innen haben vier Handlungsoptionen herausgearbeitet.
Die erste ist: „Kompetenzförderung datengestützt steuern und ihre Effektivität kontinuierlich prüfen“. Was sie damit meinen: regelmäßig Tests durchführen und auf Basis der Ergebnisse anpassen, wie der Unterricht gemacht wird. Datengestützte Unterrichtsentwicklung ist im Schulkontext so ein bisschen wie das Gravelbike der Anfang 30-Jährigen, das alle unbedingt haben wollen. Es dann wirklich zu nutzen und auch dort, wo es Sinn macht (im Wald), ist nochmal eine andere Frage.
Der zweite Vorschlag ist, systematisch sicherzustellen, dass wirklich alle Kinder die Basiskompetenzen erreichen. Passieren soll das mit besserem Unterricht. Nummer drei ist: Auch die Schüler:innen fördern, die besonders gut sind. Tatsächlich ein Faktor, dem wir uns bisher wenig gewidmet haben. Es geht auch bei uns und eigentlich auch zu Recht meistens um die Schwächsten.
Nummer vier lautet: Nicht erst in der Schule starten, dort ist es längst zu spät. „Wir müssen in Kitas anfangen“, wird mindestens genauso häufig gesagt wie „Ich muss mehr Sport machen“, und ungefähr auf einem ähnlichen Niveau umgesetzt.
Bei allen vier Empfehlungen ist es so: Vereinzelt wird vieles schon umgesetzt, aber es fehlt die Systematik. Nur weil an einer Grundschule in Hamburg alle paar Wochen die Lesekompetenzen getestet werden und dementsprechend der Unterricht angepasst wird, heißt es nicht, dass die Grundschule ein paar hundert Meter weiter das genauso macht.
Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert