Zwei Jungs jagen sich auf einem aufgeklappten Buch.

Aleksandar Nakic/Getty Images

Kinder und Bildung

Was Jungs davon abhält, gern zu lesen

Jungs toben, Mädchen lesen. Nicht wahr?

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Mädchen können besser lesen als Jungen, das ist der Eindruck von KR-Leserin Sabine. Sie ist Lehrerin an einer Montessorischule und hat auf meine Frage im Newsletter geantwortet: „Bleiben die Jungs auf der Strecke?“ Sie hat recht. Mädchen haben beim Lesen einen Vorsprung, zumindest einen leichten.

Laut der IGLU-Studie 2021 hat jedes vierte Kind in der vierten Klasse Schwierigkeiten beim Lesen. 2006 war es nur etwa jedes siebte. Und Jungen tun sich im Schnitt noch etwas schwerer damit. In der IGLU-Studie, die Kinder am Ende der vierten Klasse testet, kamen Mädchen bei der Lesekompetenz auf einen Punktwert von 532, Jungen auf 516. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die PISA-Studie, die seit dem Jahr 2000 die Kompetenzen von 15-Jährigen in den drei Kernbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften untersucht.

Während Jungen in Mathematik bessere Leistungen zeigen, schneiden Mädchen beim Lesen besser ab. PISA misst die Kompetenzen der Schüler:innen auf einer Punkteskala, deren internationaler Durchschnitt bei rund 500 liegt. Auf dieser Skala erreichten Mädchen 2022 in Deutschland im Lesen im Schnitt 490 Punkte, Jungen 470. In Mathematik erreichten Jungen im Schnitt 480 Punkte, Mädchen 469. Jungen sind also elf Punkte besser in Mathe, aber 20 schlechter im Lesen.

Aber nicht nur die Lesekompetenz, sondern auch das Leseverhalten unterscheidet sich bei Mädchen und Jungen. Im Alter von zwölf bis 19 Jahren lesen 42 Prozent der Mädchen mehrmals pro Woche Bücher oder Comics, bei den Jungen sind es lediglich 28 Prozent. Das geht aus der Studie „Jugend, Information und Medien (JIM, 2025)“ hervor. Unter denjenigen, die angaben, nie zu lesen, war der Anteil der Jungen mit 20 Prozent fast doppelt so hoch wie der der Mädchen mit elf Prozent.

Die statistischen Unterschiede sind zwar nicht sehr groß, trotzdem kann das für jeden einzelnen Jungen weitreichende Konsequenzen haben.

„Jungen, die aufgrund von Leistungsrückständen das Grundkompetenzniveau im Bereich Lesekompetenz nicht erreichen, stoßen möglicherweise auf hohe Hürden im Bemühen um weiterführende Bildungsmöglichkeiten und attraktive Arbeitsstellen ebenso wie auf ihrem Weg zu einer umfassenden Entwicklung ihrer Persönlichkeit“, heißt es in der PISA-Studie.

Was sind die Gründe dafür, dass Jungen im Schnitt seltener und schlechter lesen? Das habe ich Christian Dawidowski, Professor für Literaturdidaktik an der Universität Osnabrück, und Lars Burghardt, Professor für Bildungswissenschaften in Hamburg, gefragt.

Lesen ist weiblich⬆ nach oben

Die Ursprünge dieses Unterschieds reichen laut Christian Dawidowski weit zurück. Er erklärt mir im Videocall: „Seit sich das literarische Lesen in den bürgerlichen Schichten um 1800 herum immer weiter verbreitet hat, ist es kulturell weiblich konnotiert. Lesen ist Frauensache: die lesende Mutter, die lesende Großmutter, die lesende Erzieherin im Kindergarten, die lesende Grundschullehrerin.“ Außerdem sei, so Dawidowski, das gesamte Bildungssystem im Fach Deutsch heute eher weiblich geprägt. Als Professor für Literaturdidaktik beobachtet Dawidowski: „Mehr als 80 Prozent meiner Studierenden sind weiblich.“ Etwa 73 Prozent der Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen sind Frauen. In der Leseforschung spricht man daher von der „Feminisierung des Lesens“.

Jungs toben, Mädchen lesen⬆ nach oben

Wie wirkt sich das auf das Leseverhalten von Jungen und Mädchen aus? Darüber habe ich auch mit Lars Burghardt gesprochen. Er forscht vor allem zu Geschlechtern und Diversität in Bilderbüchern. „Etwas zugespitzt gesagt, bekommt das Mädchen, wenn ihm langweilig ist, eher ein Buch als Alltagsbeschäftigung angeboten, und die Jungs sollen raus und toben.“ Lesen gelte als weibliche Beschäftigung, betont auch er. „Ein Junge, der gerne liest, kann dadurch innerhalb einer gleichgeschlechtlichen Freundesgruppe, zum Beispiel in der Schule, unter Rechtfertigungsdruck geraten.“

Solche unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen an die Geschlechter könnten, laut Burghardt, ein Grund sein, weshalb Mädchen besser lesen. Von ihnen wird erwartet, dass sie ruhig, angepasst und aufmerksam sind – Eigenschaften, die einem beim Lesen zugutekommen.

Mädchen wird also eher zugetraut, gut zu lesen. Das prägt ihr Selbstkonzept. Das Selbstkonzept bei Kindern ist das persönliche Bild und Wissen, das ein Kind über sich selbst hat. Es umfasst die Antworten auf die Frage „Wer bin ich?“, also was kann ich gut, wie fühle ich mich und was mag ich.

Wie viel es ausmacht, ob Kinder sich das Lesen zutrauen, zeigt eine Auswertung der IGLU-Studie 2016: Kinder, die viel Vertrauen in ihre Lesekompetenz haben, haben ein um mehr als die Hälfte geringeres Risiko, zu den schwachen Leser:innen zu gehören. Und Mädchen schätzen ihre Lesekompetenz häufiger als gut ein, wie die IGLU-Studie 2021 zeigt.

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Bei Jungen kommt der gegenteilige Effekt zum Tragen: Stillsitzend, konzentriert in ein Buch vertieft zu sein, ist keine Beschäftigung, die die Gesellschaft Jungen zuschreibt. Bei ihnen sei ein impulsives, hibbeliges und unkonzentriertes Verhalten akzeptierter, sagt Burghardt. Es heiße dann schnell: „Na, so sind Jungs halt.“ Und diese Zuschreibung beginne schon im Mutterleib. „Wenn während der Schwangerschaft das Geschlecht des Kindes besprochen wird, dann kommen schnell Sprüche wie: ‚Ja, ist ein Junge, ich merke schon, der tritt auch viel mehr.‘ Da wird schon projiziert, was das jeweilige Geschlecht tut oder nicht tut.“

„Wenn ein Junge dann denkt, Lesen ist nichts für Jungs, weil er so sozialisiert wurde, dann prägt das wiederum sein Selbstkonzept, sein Bild von sich.“ Das kann dazu führen, dass er weniger motiviert ist zu lesen, sich das Lesen weniger zutraut und es dann auch weniger macht. Mädchen seien durch ihre Sozialisation hingegen häufig motivierter mit Büchern in Kontakt, sagt der Bildungswissenschaftler.

Und genau darin könnte der Vorsprung der Mädchen begründet liegen, sagt Burghardt und verweist auf die IGLU-Studie 2016. Die Forschenden verglichen dabei Mädchen und Jungen miteinander, die gleich motiviert sind und sich gleich viel beim Lesen zutrauen. Hier verschwinden die Unterschiede in der Kompetenz fast gänzlich. Burghardt schließt daraus: Der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen liege nicht darin, dass Mädchen rein biologisch begabter seien, sondern wie Jungen sozialisiert sind.

Killen Zauberponys die Lesemotivation?⬆ nach oben

Rollenerwartungen richten sich nicht nur an das Verhalten von Kindern, sondern auch auf deren Interessen: Mädchen mögen Ponys, Jungs Fußball. Oder etwa nicht?

In der Filiale einer großen Buchhandlungskette steht ein schwarzes Holzregal. Darin sind zwei Bücher für Erstleser:innen, das heißt Kinder, die anfangen zu lesen, exemplarisch nebeneinander aufgestellt. Auf beiden die Aufschrift: „Lesen lernen in drei Schritten“. Das linke ist rosa, mit zwei Pferden drauf, die ihre Nasen gegeneinander halten. Darauf steht: „Die schönsten Zauberponygeschichten“. Das rechte ist blau. Darauf zu sehen: eine Handvoll Kinder auf einem Spielfeld und ein Junge, der in der Luft einen Fußball kickt. Der Titel: „Die schönsten Fußballgeschichten“.

Dazu sagt Burghardt: „Wenn ich Zuschreibungen habe wie ‚das ist ein Mädchenbuch, weil es um Pferde und Prinzessinnen geht‘, dann grenzt das die Jungs aus, die Pferde cool finden, und Mädchen, die Fußball mögen.“

Dabei sei es extrem wichtig für Kinder, dass sie sich mit den Geschichten und Figuren in Büchern identifizieren können. Burghardt meint dazu: „Für sie ist es bedeutend, eine Figur zu haben, die zu ihrer Lebenswelt passt.“ Denn das wirke sich auch wieder auf das Selbstkonzept der Kinder aus, also das Bild, das sie von sich haben. Der Bildungsforscher erklärt, dass Kinderbücher die sogenannte Spiegelfunktion erfüllen. Im Spiegel erkennen Kinder sich wieder: eine Figur, die aussieht wie sie, die gleichen Interessen hat, in einer ähnlichen Familie lebt.

Um die Interessen der Kinder besser zu treffen, rät Burghardt davon ab, Büchern Etiketten wie „für Jungen“ oder „für Mädchen“ aufzudrucken. Das grenze aus und zwinge Kinder in ein Entweder-oder. „Bücher sollten stattdessen über ihr Thema laufen, und dann entscheiden Kinder selbst, ob sie das Thema interessiert.“

Hier könnte der Buchmarkt einen wichtigen Beitrag leisten und damit die Lesemotivation aller Kinder fördern.

Es sei wichtig, dass beide Geschlechter gleichermaßen gut lesen können, sagt Burghardt, denn „Lesen ist der Schlüssel zur Gesellschaft.“


Redaktion: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger

Was Jungs davon abhält, gern zu lesen

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