Als Mitglied hast du Zugriff auf diesen Artikel.
Ein Krautreporter-Mitglied schenkt dir diesen Artikel.
ist Krautreporter-Mitglied und schenkt dir diesen Artikel.
Als vor 25 Jahren die erste PISA-Studie erschien, war Deutschland schockiert. Politiker:innen stritten über Schulen, Zeitungen schrieben wochenlang darüber, und der Begriff „PISA-Schock“ schaffte es sogar in unseren Wortschatz.
Jetzt sind die Ergebnisse noch schlechter als damals. Und Schultern zucken.
Das findet der Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani bemerkenswert. Er ist derzeit die vielleicht prominenteste Stimme im deutschen Bildungsdiskurs und er war zu Gast bei Anne Will, der vielleicht prominentesten Stimme der deutschen Talkshows der vergangenen zehn Jahre. Sie hat mittlerweile keine Talkshow mehr, sondern einen Podcast, bei dem sie das macht, was in ihrer ARD-Sendung zu kurz kam: sehr ausführlich mit einer Person über ein Thema sprechen. Will und El-Mafaalani sprachen fast zwei Stunden über Bildung, Kinder und PISA.
El-Mafaalani dreht die Ausgangsfrage der Debatte (Was ist nur mit den Schüler:innen los?) irgendwann um und das ist eigentlich die Idee, die hinter The Kids Are Alright steht. Wir reden ständig darüber, was mit den Kindern passiert ist: Warum können sie schlechter lesen? Warum können sie sich schlechter konzentrieren? Warum verbringen sie so viel Zeit am Handy? Warum scheinen Schulen mit ihnen immer größere Schwierigkeiten zu haben?
Aber vielleicht müsste die Frage mindestens genauso oft lauten: Was ist eigentlich mit der Welt passiert, in der diese Kinder aufwachsen? The Kinder sind in Ordnung, aber unser Umgang mit ihnen ist es nicht. Und das zeigt auch El-Mafaalani an drei Beispielen.
1. Es geht aufwärts!⬆ nach oben
Ein Beispiel dafür ist El-Mafaalanis Blick auf Kinderarmut. Natürlich ist Geld wichtig. Natürlich ist es ein Unterschied, ob eine Familie sich Bücher, eigene Kinderzimmer, Ausflüge oder Nachhilfe leisten kann. Aber El-Mafaalani argumentiert, dass wir Armut zu oft ausschließlich im Hier und Jetzt messen: Wie viel Geld hat ein Haushalt? Wie viele Kinder leben unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze?
Für Bildung könnte aber noch etwas anderes wichtig sein: Welche Zukunft erwartet ein Kind? El-Mafaalani vergleicht dafür arme Familien heute mit Arbeitermilieus der sechziger und siebziger Jahre. Materiell, sagt er, seien viele Kinder damals wahrscheinlich schlechter gestellt gewesen als Kinder in heutigen Bürgergeld-Haushalten. Aber um sie herum habe häufig eine andere Erwartung geherrscht.
Die Erwachsenen glaubten: Es geht aufwärts! Vielleicht geht es uns gerade nicht besonders gut, aber dir (also dem Kind) wird es einmal besser gehen! Wenn du dich anstrengst, kannst du aufsteigen! Bildung lohnt sich!
Später habe dieser Glaube in prekären Milieus nachgelassen. Und heute sieht El-Mafaalani noch einmal eine neue Situation: Zukunftspessimismus ist längst kein Phänomen mehr nur in armen Familien. „Heute glauben ja alle, es wird schlechter. Aber wenn es dir schlecht geht und alle verkörpern, es wird noch schlechter – was macht das mit Motivation?“
Ein Kind lernt nicht in einem luftleeren Raum. Es wächst zwischen Erwachsenen auf, hört, worüber seine Eltern reden, merkt, ob seine Lehrer:innen optimistisch oder erschöpft sind. Es bekommt mit, ob Politiker:innen darüber sprechen, was alles möglich werden könnte, oder hauptsächlich darüber, welchen Wohlstandsverlust wir irgendwie verhindern müssen (laut Bundeskanzler Friedrich Merz geht es ja vor allem darum, dass wir alle endlich mal die Ärmel hochkrempeln müssen).
Und El-Mafaalani sagt sogar, dass Kinder in Studien wahrnehmen würden, wenn ihre Lehrkräfte pessimistisch und orientierungslos in die Zukunft schauen. Deshalb benutzt er einen Begriff, den ich vorher noch nie gehört hatte und ziemlich gut finde: Gestaltungsoptimismus. Schule müsse Kindern nicht nur Kompetenzen vermitteln, sie müsse ihnen auch zeigen, dass man Dinge verändern kann.
2. Alle Kompetenzen gehen runter, außer eine, die geht hoch⬆ nach oben
Wenn heute Kinder schlechter lesen, liegt die Erklärung natürlich schnell auf dem Tisch: Tiktok, Instagram, Smartphones, zu kurze Aufmerksamkeitsspannen. El-Mafaalani hält es durchaus für plausibel, dass die digitale Lebenswelt einen Teil der Verschlechterung erklärt. Die gibt es schließlich in fast allen Ländern. Die Rahmenbedingungen hätten sich seit dem Jahr 2000 vollständig verändert. Als die erste PISA-Studie durchgeführt wurde, hatte er selbst noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse (und ich war gerade mal in der ersten Klasse, süß). Heute wachsen Kinder mit einem permanent verfügbaren Strom aus Videos, Chats, Games und sozialen Netzwerken auf.
Aaaaaber. Eine Auffälligkeit will so gar nicht in die Untergangserzählung passen. Es gibt nämlich eine Kompetenz, die sich bei jungen Menschen in den vergangenen Jahren verbessert hat: Englisch. „Seit zehn Jahren gehen alle Kompetenzen runter, außer einer: Englisch.“ Warum? „Das ist nicht Schule, sondern das sind Netflix, Instagram, Youtube.“
Junge Menschen begegnen heute ständig englischer Sprache. Sie schauen Serien auf Englisch, folgen englischsprachigen Creators, hören Podcasts, spielen Games, kommentieren unter Videos. Und genau darin, sagt El-Mafaalani, seien heutige Schüler:innen teilweise deutlich besser als frühere Generationen.
Das macht die PISA-Ergebnisse nicht weniger schlimm. Lesen und Mathematik werden nicht plötzlich unwichtig, nur weil jemand sehr gutes Englisch spricht. Digitalisierung ist aber nicht einfach ein Staubsauger, der Fähigkeiten aus Kindergehirnen herauszieht. Sie verschiebt, was Kinder üben.
Wer jeden Abend englische Videos schaut, trainiert Englisch. Wer stundenlang kurze, schnell wechselnde Inhalte konsumiert, trainiert vielleicht weniger häufig, 20 Minuten konzentriert einen komplizierten Text zu lesen. Das eine kann gleichzeitig besser und das andere schlechter werden. El-Mafaalani sagt, dass er den Eindruck vermeiden möchte, junge Leute könnten heute nichts mehr. Junge Menschen könnten vermutlich manche Dinge sogar besser als Generationen vor ihnen, nur messen wir einen Teil davon bislang gar nicht, auch die PISA-Studie nicht.
3. Ein gutes Schulsystem müsste Eltern nicht brauchen⬆ nach oben
„Ein optimales Bildungssystem“, sagt El-Mafaalani, „würde sich so aufstellen, dass es zurechtkäme, wenn es die Eltern nicht gibt.“ Er meint natürlich nicht, dass Eltern für Kinder unwichtig wären. Sein Punkt ist ein anderer: Ein Bildungssystem sollte nicht darauf angewiesen sein, dass Eltern zu Hause seine Arbeit vollenden.
Sein Beispiel: Ein Kind ist mehrere Wochen krank. Es kommt zurück in die Schule und hat in Mathematik viel verpasst. Was passiert häufig? Arbeitsblätter kommen mit nach Hause. Mama oder Papa sollen das nacharbeiten. Und wenn Mama selbst kaum Deutsch spricht? Wenn Papa Mathematik nie verstanden hat? Wenn beide mehrere Jobs haben? Wenn zu Hause gerade noch drei andere Kinder herumlaufen? Dann wird aus einer völlig zufälligen Sache (das Kind hatte Pech und war krank) plötzlich soziale Ungleichheit.
Für El-Mafaalani müsste ein gutes Schulsystem genau an dieser Stelle sagen: unser Problem. Nicht das der Eltern (lieben Gruß an dieser Stelle an Bundesbildungsministerin Karin Prien). Eltern, die helfen können und wollen: wunderbar. Aber der Lernerfolg eines Kindes sollte nicht davon abhängen. „Wenn sie es nicht können oder nicht wollen“, sagt er über Eltern, dann müsse das System trotzdem funktionieren.
Wir verlangen von Kindern, in Institutionen zu funktionieren, die für eine andere Welt gebaut wurden⬆ nach oben
Familien haben sich verändert: Mehr Eltern arbeiten, mehr Kinder wachsen mit unterschiedlichen Sprachen auf, Kinder verbringen mehr Zeit in Kitas und Ganztagsschulen, Smartphones haben ihren Alltag verändert, die soziale Zusammensetzung von Klassen hat sich verändert, Zukunftserwartungen haben sich verändert.
„Die Rahmenbedingungen, unter denen Schule stattfindet, haben sich komplett verändert“, sagt der Soziologe. Familie, Migration, Armut und Digitalisierung, alles Veränderungen, die außerhalb der Schule stattgefunden und sich dann ihren Weg in die Schule gesucht haben.
Und trotzdem reagieren wir erstaunlich häufig so, als seien plötzlich hauptsächlich die Kinder schwieriger geworden: Sie können sich nicht mehr konzentrieren! Sie lesen nicht mehr! Die Eltern kümmern sich nicht! Die Jugendlichen hängen nur noch am Handy!
Wenn sich die Welt von Kindern massiv verändert, kann die Antwort nicht ausschließlich lauten, dass Kinder sich bitte wieder besser an ein System anpassen sollen, das für eine andere Welt gebaut wurde. Schulen können Smartphones verbieten, Eltern können abends mehr vorlesen. Vielleicht bringt das was. Aber wie müssten wir die Orte verändern, an denen Kinder aufwachsen, damit sie in dieser neuen Welt gut aufwachsen können?
Deshalb gefällt mir El-Mafaalanis Begriff vom Gestaltungsoptimismus so gut. Denn er gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für unseren Blick aufs Schulsystem.
Schlussredaktion: Susan Mücke