Kind im Fernseher am Handy

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Kinder und Bildung

Analyse: Wie sehr schaden Bildschirme kleinen Kindern?

Ich habe mir angeschaut, welche Erkenntnisse die Forschung wirklich hat. Und wie du erkennst, ob dein Kind bereits überreizt ist.

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„Warum liegt da ein Zebra auf dem Boden?“ „Sind das echte Leute, die auf der Erde leben?“ Das sind nur zwei von etwa 100 Fragen, die meine Nichte meiner Schwester an Silvester gestellt hat. Sie ist drei Jahre alt. „Dinner for one“ war an diesem Abend die erste Fernsehsendung, die sie jemals geschaut hat, und meine Güte: Das hat sie alles ganz schön verwirrt.

Im Haus meiner Schwester steht kein Fernseher. Meine Nichte guckt auch nicht ab und zu zur Ablenkung etwas auf dem Tablet oder spielt darauf Spiele. Ihre Fantasie wird gefüttert von Büchern, die wir ihr vorlesen, und Hörspielen. Von sehr vielen Hörspielen. Benjamin Blümchen müsste eigentlich Untermiete zahlen, so oft wie er durchs Wohnzimmer töröööt.

Ich habe noch keine Kinder, aber wenn ich mal welche haben sollte, werde ich wie schon meine Schwester darauf achten, dass Fernseher, Tablets und Handys nicht zu früh Teil ihres Aufwachsens sind. Liegen wir damit eigentlich richtig? Genau das fragen sich auch die KR-Leser Julian, Hans und Peter. Alle haben uns gefragt, wie sich der Konsum von digitalen Bildschirmmedien auf die Gehirnentwicklung von null- bis dreijährigen Kindern auswirkt. Ich habe mir die wichtigsten Studien dazu angeschaut. Und auch, welche Anzeichen es bei Kleinkindern für eine Überreizung durch Bildschirme gibt.

Wenn ein Bildschirm läuft, sprechen Eltern weniger mit ihren Kindern⬆ nach oben

Die offizielle Empfehlung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung besagt: Kleinkinder zwischen null und drei Jahren sollten am besten gar keine Bildschirmmedien benutzen. Die Weltgesundheitsorganisation sieht das genauso. Wie viele Eltern sich daran in Deutschland halten, ist aber nicht so klar. Für Deutschland ist die beste, halbwegs aktuelle und repräsentative Quelle für Kleinkinder die miniKIM-Studie 2023. Demnach schauen heutige Zwei- und Dreijährige jeden Tag mehr als eine Stunde Filme, Videos, Sendungen (auf irgendeiner Art von Bildschirm).

Fest steht: In den ersten drei Lebensjahren passiert im Kopf deines Kindes so viel wie nie wieder. Das Gehirn rast förmlich durch seine Entwicklung. In dieser Zeit entstehen grundlegende Netzwerke, über die später alles läuft: Sprache, Aufmerksamkeit, Selbstregulation, Lernen. Das Gehirn wächst in dieser Phase extrem schnell. Genau in diese sensible Phase platzt heute fast überall die digitale Welt.

Hat das Auswirkungen?

In einer Längsschnittstudie mit 2.441 Müttern und Kindern aus Kanada untersuchten Forschende die Kinder zu drei kritischen Zeitpunkten: im Alter von 24, 36 und 60 Monaten. Dabei teilten sie typische Meilensteine der Entwicklung der Kinder in fünf Domänen ein: Kommunikation, Grobmotorik, Feinmotorik, Problemlösung und Sozialkompetenz. Die Daten zeigen in eine Richtung: Eine hohe Bildschirmzeit mit 24 Monaten sagt schlechtere Ergebnisse im späteren Test (mit 36 Monaten) vorher. Die Kinder können dann tendenziell schlechter sprechen, schlechter mit anderen Kindern umgehen und mit Gegenständen hantieren. Die Effektstärken sind statistisch signifikant, aber zahlenmäßig eher klein. Das bedeutet, dass die Bildschirmzeit zwar einen Einfluss hat, dieser aber im Vergleich zu anderen Dingen im Leben eines Kindes nicht die Hauptrolle spielt. Andere Faktoren, wie Erziehung, Einkommen und Schlaf haben mehr Einfluss. Wichtig ist aber, dass der Effekt kumulativ zu wirken scheint. Das heißt, dass sich Entwicklungslücken im Laufe der Zeit eher ausweiten als verkleinern, wenn keine Intervention erfolgt.

Auch in einer großen neuseeländischen Längsschnittstudie mit 6.281 Kindern untersuchten Forschende den Zusammenhang zwischen früher Bildschirmzeit und der Entwicklung von Sprache, schulischen Vorläuferfähigkeiten und sozialen Kompetenzen bis zum Alter von acht Jahren. 

Die Daten legen nahe: Je weniger Bildschirmzeit die Kinder hatten, desto besser waren tendenziell ihre Ergebnisse in den Bereichen Sprache und schulische Vorreiterfähigkeiten. Und desto weniger Probleme hatten sie mit Gleichaltrigen. Die statistische Effektstärke der Bildschirmzeit stufen die Autor:innen als moderat ein. Wichtig dabei ist: Soziale Faktoren wie das Einkommen der Familie oder die Bildung der Mutter haben auch hier einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Entwicklung des Kindes als die Bildschirmzeit allein. Die Bildschirmzeit blieb aber ein unabhängiger Vorhersagefaktor. Das heißt: Selbst wenn man zwei Kinder aus exakt dem gleichen sozialen Umfeld vergleicht, schneidet das Kind mit weniger Bildschirmzeit statistisch gesehen besser ab. 

Besonders viel Aufmerksamkeit bekommen die möglichen Auswirkungen von Bildschirmmedien auf die Sprachentwicklung von Kindern. Die Logik: Wenn ein Bildschirm läuft, sprechen die Eltern meistens weniger mit ihren Kindern. Das Kind hört dann (zwangsläufig) weniger Wörter von dir und bekommt weniger Antworten auf seine Versuche zu kommunizieren. Studien zeigen: Je mehr Gesprächswechsel, desto besser schneiden Kinder bei Sprachtests ab und desto stärker sind auch beim Zuhören von Geschichten sprachrelevante Hirnregionen aktiv. Heißt übersetzt: Mit kleinen Kindern viel zu reden, ist gut, aber noch besser ist, wenn es nicht nur ein Monolog ist, sondern ein echtes Ping-Pong aus Blicken, Lauten, Wörtern und Reaktionen.

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Wenn diese Dialoge weniger werden, könnte sich das auch auf die kommenden Lebensjahre auswirken. Eine umfassende Meta-Analyse hat 42 Studien mit gemeinsam rund 19.000 Kindern analyisert. Sie legt nahe, dass die reine Dauer des Konsums sowie Hintergrund-TV die Sprachfähigkeiten verschlechtern können. Die Autoren betonen aber auch hier explizit, dass die Größe dieser Effekte klein bis moderat ist. Und: Unter bestimmten Umständen hat das Schauen am Bildschirm sogar positive Effekte (dazu unten mehr).

Es macht einen Unterschied, ob Kinder in 2D oder 3D die Welt erkunden⬆ nach oben

Wenn Videos auf Handy, Tablet und Co. laufen, das könntest du einwenden, hören die Kinder aber auch viele Wörter. Nur eben von den Menschen, die im Video zu hören sind oder von der Erzählerstimme. Das stimmt zwar, aber hier stößt das Gehirn auf das sogenannte Video-Defizit-Phänomen. Kinder unter zwei Jahren scheinen Schwierigkeiten damit zu haben, Informationen von einer zweidimensionalen Fläche auf die dreidimensionale Realität zu übertragen. Das Fachwort dafür lautet Video Deficit Effect.

Studien konnten zeigen: Wenn ein Erwachsener in einem Raum ein Spielzeug versteckt und Zweijährige diesen Vorgang live auf einem Monitor in einem Nebenraum beobachten, scheitern sie in der Regel daran, das Spielzeug zu finden. Interessanterweise verbessert sich die Leistung der zweijährigen Kinder jedoch, wenn sie glauben, das Verstecken durch ein echtes Fenster und nicht auf einem Bildschirm zu beobachten.

In zwei anderen Experimenten arbeiteten die Forschenden auch mit Zweijährigen, denen sie eine bestimmte Aufgabe zeigten. Sie sollten zum Beispiel lernen, eine Box mithilfe eines Werkzeugs über einen Schalter zu öffnen. Das erste Experiment zeigte, dass Kinder den Einsatz des Werkzeugs bei einer live anwesenden, sozial reagierenden Person häufiger kopierten als bei einer Person, die lediglich auf einem herkömmlichen Video zu sehen war. Dabei gab es kaum Unterschiede beim Erfolg des Öffnens der Boxen an sich, da die Kinder in der Video-Gruppe zwar seltener das Werkzeug imitierten, aber stattdessen schlichtweg häufiger ihre Hände benutzten. 

Das zweite Experiment konnte zeigen, dass Kinder das Nutzen des Werkzeugs einer Person auf einem Bildschirm genauso häufig nachahmten wie in einer Live-Situation, aber nur wenn die Person über ein geschlossenes Videosystem interaktiv und in Echtzeit auf das Kind reagierte. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass soziale Resonanz das Video-Defizit überwinden kann.

Kinder brauchen die volle sensorische Breitseite⬆ nach oben

Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Gehirn von Kleinkindern die volle sensorische Breitseite braucht. Es muss Dinge anfassen und im Raum verorten können. Je mehr Sinne angesprochen werden, desto besser. Ein Video liefert zwar Bild und Ton, aber es fehlen oft die sozialen Signale, oftmals der direkte Blickkontakt und die räumliche Tiefe, die für die Informationsverarbeitung in diesem Alter wichtig sind. Das liegt nicht unbedingt daran, dass der Bildschirm das Gehirn direkt kaputt macht, sondern eher daran, dass das Kind weniger Gelegenheiten hat, diese Fähigkeiten in der echten Welt zu trainieren.

Das Fachwort für diese Dynamik lautet Verdrängungshypothese. Die Idee: Die Zeit, die ein Kleinkind vor einem Bildschirm verbringt, fehlt an anderer Stelle. Es fehlt die Zeit für echte soziale Interaktionen mit dir oder Gleichaltrigen, Zeit für Bewegung oder für freies Spiel. Diese Aktivitäten sind aber der Treibstoff für eine gesunde Entwicklung der exekutiven Funktionen, also für die Managerfähigkeiten des Gehirns, zu denen das Arbeitsgedächtnis, die Impulskontrolle und die Aufmerksamkeit gehören.

Es gibt jedoch eine interessante Ausnahme: Interaktivität. Wenn Kinder über Videochat mit einer realen Person interagieren, können sie neue Wörter oder Muster besser lernen als durch eine rein passive Videoaufnahme. Das Gehirn erkennt hier die soziale Kontingenz, also die Tatsache, dass das Gegenüber direkt auf das reagiert, was das Kind tut: auf das Lächeln, das Glucksen oder die Zeigegesten des Kindes. Das können Zeichentrickfiguren und aufgezeichnete Anleitungen per Video nicht. (Gute Nachricht für meine Mutter, die regelmäßig über Videochat ihrer Enkeltochter vorliest.)

So kann Fernsehen die Sprachentwicklung sogar fördern⬆ nach oben

Die Forschung unterscheidet außerdem zwischen Hintergrundmedien und gezielter Nutzung. Wenn der Fernseher einfach den ganzen Tag nebenher läuft, während das Kind spielt, hat das oft negative Auswirkungen auf die Aufmerksamkeit und die Dauer des konzentrierten Spiels. Das Gehirn wird ständig durch Reize unterbrochen, die es noch gar nicht verarbeiten kann.

Anders sieht es aus, wenn du gemeinsam mit deinem Kind schaust, das sogenannte Co-Viewing. Wenn du das Gesehene kommentierst, Fragen stellst und die Brücke zur Realität schlägst, kann das sogar die Sprachentwicklung fördern. Einige Studien konnten zeigen, dass Kinder, die intensiv von ihren Eltern beim Fernsehen begleitet werden, bessere kognitive Ergebnisse erzielen als Kinder, die allein gelassen werden. 

Doch wie merkst du eigentlich, wann es für dein Kind zu viel ist? Es gibt ein paar Anzeichen:

  1. Wenn die Reizflut der Bildschirme, die schnellen Schnitte, die grellen Farben, die unnatürliche Geschwindigkeit das Gehirn überrollen, reagiert der Körper mit Stresssignalen. Ein typisches Anzeichen für eine Überreizung ist paradoxerweise das völlige Einfrieren vor dem Display. Das Kind wirkt wie hypnotisiert, starrt mit offenem Mund auf das Display und reagiert kaum noch auf Ansprache. Das ist oft kein Zeichen von tiefer Konzentration, sondern eher ein Schutzmechanismus des Gehirns, das mit der Verarbeitung nicht mehr hinterherkommt.

  2. Achte auch auf das Verhalten nach dem Ausschalten. Eine extreme Reizbarkeit, plötzliche Wutanfälle oder eine auffällige Unruhe direkt nach der Bildschirmnutzung sind klassische Warnsignale. Oft begleitet von lauten Streits darüber, dass das Kind weitergucken will.

  3. Wenn dein Kind weint oder einen Wutanfall hat und nur durch Handy oder Tablet beruhigt werden kann, ist das ebenfalls ein schlechtes Zeichen. Studien deuten darauf hin, dass Kinder, die Medien zur Regulation von Stress nutzen, später größere Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen selbstständig in den Griff zu bekommen.

Die Antwort auf die Frage von den KR-Lesern Julian, Hans und Peter lautet also: Digitale Bildschirmmedien können sich negativ auf die Gehirnentwicklung bei null- bis dreijährigen Kindern auswirken, vor allem bei sehr intensivem Konsum. Andere Faktoren haben aber einen größeren Einfluss. Forschende weisen trotzdem immer wieder darauf hin, dass es viel einfacher ist, die Bildschirmzeit zu reduzieren, als die anderen Faktoren zu verändern.

Gleichzeitig, und hier interpretiere ich die Ergebnisse dieser Studien mal pragmatisch aus Sicht eines Onkels, der auch schon auf mehrere Nichten gleichzeitig aufgepasst hat, während er kochen musste: Die Studien beweisen nicht direkt, dass jede Minute vor dem Bildschirm sofort Schaden anrichtet. Das wäre Panikmache. Der Alltag zuhause lässt sich außerdem nicht statistisch betrachten. Wenn ich kochen muss und mein Stresslevel sowieso schon hoch ist, könnte es für meine Nichten auch besser sein, kurz eine Serie zu gucken, als sich mit mir in der Küche zu streiten.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schaefer

Wie sehr schaden Bildschirme kleinen Kindern?

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