„Warum liegt da ein Zebra auf dem Boden?“ „Sind das echte Leute, die auf der Erde leben?“ Das sind nur zwei von etwa 100 Fragen, die meine Nichte meiner Schwester an Silvester gestellt hat. Sie ist drei Jahre alt. „Dinner for one“ war an diesem Abend die erste Fernsehsendung, die sie jemals geschaut hat, und meine Güte: Das hat sie alles ganz schön verwirrt.
Im Haus meiner Schwester steht kein Fernseher. Meine Nichte guckt auch nicht ab und zu zur Ablenkung etwas auf dem Tablet oder spielt darauf Spiele. Ihre Fantasie wird gefüttert von Büchern, die wir ihr vorlesen, und Hörspielen. Von sehr vielen Hörspielen. Benjamin Blümchen müsste eigentlich Untermiete zahlen, so oft wie er durchs Wohnzimmer töröööt.
Ich habe noch keine Kinder, aber wenn ich mal welche haben sollte, werde ich wie schon meine Schwester darauf achten, dass Fernseher, Tablets und Handys nicht zu früh Teil ihres Aufwachsens sind. Liegen wir damit eigentlich richtig? Genau das fragt sich auch KR-Leser Julian. Er hat uns gefragt: Wie wirkt sich der Konsum von digitalen Bildschirmmedien auf die Gehirnentwicklung von null- bis dreijährigen Kindern aus? Ich habe mir die wichtigsten Studien dazu angeschaut. Und auch, welche Anzeichen es bei Kleinkindern für eine Überreizung durch Bildschirme gibt.
Wenn ein Bildschirm läuft, sprechen Eltern weniger mit ihren Kindern⬆ nach oben
Die offizielle Empfehlung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Julian und meiner Schwester recht: Kleinkinder zwischen null und drei Jahren sollten demnach am besten gar keine Bildschirmmedien benutzen. Die Weltgesundheitsorganisation sieht das genauso. Wie viele Eltern sich daran in Deutschland halten, ist aber nicht so klar. Für Deutschland ist die beste, halbwegs aktuelle und repräsentative Quelle für Kleinkinder die miniKIM-Studie 2023, in der sich auch die Altersgruppe der Zwei- bis Dreijährigen angeschaut wurde. 83 Prozent der Kinder in dieser Altersgruppe schauen mindestens einmal pro Woche auf Medien mit Bewegtbild. 42 Prozent der zwei- bis fünfjährigen Kinder nutzen täglich Bewegtbildangebote.
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Das ist wichtig, denn: In den ersten drei Lebensjahren passiert im Kopf deines Kindes so viel wie nie wieder. Das Gehirn rast förmlich durch seine Entwicklung. In dieser Zeit entstehen grundlegende Netzwerke, über die später alles läuft: Sprache, Aufmerksamkeit, Selbstregulation, Lernen. Das Gehirn wächst in dieser Phase extrem schnell. Genau in diese sensible Phase platzt heute fast überall die digitale Welt.
Und das hat Auswirkungen. In einer Längsschnittstudie mit 2.441 Müttern und Kindern aus Kanada untersuchten Forschende die Kinder zu drei kritischen Zeitpunkten: im Alter von 24, 36 und 60 Monaten. Dabei teilten sie typische Meilensteine der Entwicklung der Kinder in fünf Domänen ein: Kommunikation, Grobmotorik, Feinmotorik, Problemlösung und Sozialkompetenz. Die Daten zeigen eine klare Richtung: Eine höhere Bildschirmzeit mit 24 Monaten führt zu schlechteren Testergebnissen als mit 36 Monaten, sie können schlechter sprechen, schlechter mit anderen Kindern umgehen, schlechter mit Gegenständen hantieren. Noch beunruhigender ist, dass dieser Effekt kumulativ wirkt. Die Effekte addieren sich also: Wenn ein Kind mit 24 Monaten zu viel vor dem Bildschirm sitzt, startet es mit 36 Monaten bereits mit einem leichten Entwicklungsrückstand in die nächste Phase.
Besonders deutlich wird das bei der Sprache. Denn wenn ein Bildschirm läuft, sprechen die Eltern meistens auch weniger mit ihren Kindern. Das Kind hört dann (zwangsläufig) weniger Wörter von dir und bekommt weniger Antworten auf seine Versuche zu kommunizieren. Studien zeigen: Je mehr Gesprächswechsel, desto besser schneiden Kinder bei Sprachtests ab und desto stärker sind auch beim Zuhören von Geschichten sprachrelevante Hirnregionen aktiv. Heißt übersetzt: Mit kleinen Kindern viel zu reden, ist gut, aber noch besser ist, wenn es nicht nur ein Monolog ist, sondern ein echtes Ping-Pong aus Blicken, Lauten, Wörtern und Reaktionen.
Wenn diese Dialoge weniger werden, wirkt sich das auch auf die kommenden Lebensjahre aus. Eine umfassende Meta-Analyse konnte zeigen, dass die reine Quantität des Konsums sowie Hintergrund-TV die Sprachfähigkeiten massiv verschlechtern. Und andersrum gilt: Wenn Kinder erst später in ihrer Entwicklung Bildschirmmedien konsumieren, wirkt sich das positiv auf ihre Sprachfähigkeiten aus, weil das Gehirn dann bereits ein stabileres Fundament hat
Es macht einen Unterschied, ob Kinder in 2D oder 3D die Welt erkunden⬆ nach oben
Wenn Videos auf Handy, Tablet und Co. laufen, das könntest du einwenden, hören die Kinder aber auch viele Wörter. Nur eben von den Menschen, die im Video zu hören sind oder von der Erzählerstimme. Das stimmt zwar, aber hier stößt das Gehirn auf das sogenannte Video-Defizit-Phänomen. Kinder unter zwei Jahren scheinen massive Schwierigkeiten damit zu haben, Informationen von einer zweidimensionalen Fläche auf die dreidimensionale Realität zu übertragen.
In einem Experiment arbeiteten die Forschenden mit Kindern im Alter von 24 Monaten, denen sie eine bestimmte Aufgabe zeigten, zum Beispiel eine Abfolge von Handlungen an einem Objekt oder das Lösen eines einfachen Puzzles. Dabei gab es zwei verschiedene Situationen. Entweder saß den Kindern eine echte Person gegenüber und zeigte ihnen die Aufgabe direkt. Oder die Kinder sahen die Person, wie sie die gleiche Handlung auf einem Bildschirm ausführte. Zusätzlich untersuchten die Forscher:innen, ob es einen Unterschied ausmacht, ob die Person auf dem Bildschirm (oder live) die Kinder direkt ansprach oder Blickkontakt suchte, um eine soziale Verbindung aufzubauen.
Das Ergebnis: Kinder, die die Aufgabe von einer physisch anwesenden Person erklärt bekamen, konnten die Handlungen wesentlich erfolgreicher nachahmen und die Aufgabe lösen. Die Kinder in der Video-Gruppe schnitten deutlich schlechter ab. Sie hatten große Schwierigkeiten, die Informationen von der flachen, zweidimensionalen Darstellung auf dem Bildschirm auf ihre eigene dreidimensionale, reale Welt zu übertragen.
Kinder brauchen die volle sensorische Breitseite⬆ nach oben
Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Gehirn von Kleinkindern die volle sensorische Breitseite braucht. Es muss Dinge anfassen, riechen und im Raum verorten können. Je mehr Sinne angesprochen werden, desto besser. Ein Video liefert zwar Bild und Ton, aber es fehlen die sozialen Signale, oftmals der direkte Blickkontakt und die räumliche Tiefe, die für die Informationsverarbeitung in diesem Alter entscheidend sind. Das liegt nicht unbedingt daran, dass der Bildschirm das Gehirn direkt kaputt macht, sondern eher daran, dass das Kind weniger Gelegenheiten hat, diese Fähigkeiten in der echten Welt zu trainieren.
Das Fachwort für diese Dynamik lautet „Verdrängungshypothese“. Die Idee: Jede Minute, die ein Kleinkind vor einem Bildschirm verbringt, fehlt an anderer Stelle. Es fehlt die Zeit für echte soziale Interaktionen mit dir oder Gleichaltrigen, Zeit für Bewegung oder für freies Spiel. Diese Aktivitäten sind aber der Treibstoff für eine gesunde Entwicklung der exekutiven Funktionen, also für die Managerfähigkeiten des Gehirns, zu denen das Arbeitsgedächtnis, die Impulskontrolle und die Aufmerksamkeit gehören.
Es gibt jedoch eine interessante Ausnahme: Interaktivität. Wenn Kinder über Videochat mit einer realen Person interagieren, können sie neue Wörter oder Muster besser lernen als durch eine rein passive Videoaufnahme. Das Gehirn erkennt hier die soziale Kontingenz, also die Tatsache, dass das Gegenüber direkt auf das reagiert, was das Kind tut: auf das Lächeln, das Glucksen oder die Zeigegesten des Kindes. Das können Zeichentrickfiguren und aufgezeichnete Anleitungen per Video nicht. (Gute Nachricht für meine Mutter, die regelmäßig über Videochat ihrer Enkeltochter vorliest.)
Die Bildschirmzeit der Eltern ist genauso entscheidend⬆ nach oben
Wir schauen oft nur darauf, was das Kind vor dem Bildschirm macht, aber die Forschung zeigt, dass auch dein Verhalten entscheidend ist. Der Begriff der Technoferenz beschreibt die Situation, wenn du als Elternteil durch dein eigenes Smartphone von der Interaktion mit deinem Kind abgelenkt wirst. Diese Ablenkung stört deine Fähigkeit, feinfühlig und unterstützend auf die Bedürfnisse deines Kindes zu reagieren.
Studien finden einen Zusammenhang: Wenn Eltern durch ihre eigenen Medien häufiger abgelenkt sind, zeigen Kinder häufiger Anzeichen einer unsicheren Bindung. Wenn du ständig auf dein Display starrst, während ihr eigentlich zusammen seid, fehlen dem Gehirn des Kindes wichtige Rückmeldungen, die für die emotionale Regulation und die Bindungssicherheit notwendig sind. Es ist also nicht nur die Bildschirmzeit des Kindes, die zählt, sondern auch deine Bildschirmzeit.
So kann Fernsehen die Sprachentwicklung sogar fördern⬆ nach oben
Die Forschung unterscheidet außerdem zwischen Hintergrundmedien und gezielter Nutzung. Wenn der Fernseher einfach den ganzen Tag nebenher läuft, während das Kind spielt, hat das oft negative Auswirkungen auf die Aufmerksamkeit und die Dauer des konzentrierten Spiels. Das Gehirn wird ständig durch Reize unterbrochen, die es noch gar nicht verarbeiten kann.
Anders sieht es aus, wenn du gemeinsam mit deinem Kind schaust, das sogenannte Co-Viewing. Wenn du das Gesehene kommentierst, Fragen stellst und die Brücke zur Realität schlägst, kann das die negativen Effekte abmildern und sogar die Sprachentwicklung fördern. Einige Studien konnten zeigen, dass Kinder, die intensiv von ihren Eltern beim Fernsehen begleitet werden, bessere kognitive Ergebnisse erzielen als Kinder, die allein gelassen werden.
Doch wie merkst du eigentlich, wann es für dein Kind zu viel ist? Es gibt ein paar Anzeichen:
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Wenn die Reizflut der Bildschirme, die schnellen Schnitte, die grellen Farben, die unnatürliche Geschwindigkeit das Gehirn überrollen, reagiert der Körper mit Stresssignalen. Ein typisches Anzeichen für eine Überreizung ist paradoxerweise das völlige Einfrieren vor dem Display. Das Kind wirkt wie hypnotisiert, starrt mit offenem Mund auf das Display und reagiert kaum noch auf Ansprache. Das ist oft kein Zeichen von tiefer Konzentration, sondern eher ein Schutzmechanismus des Gehirns, das mit der Verarbeitung nicht mehr hinterherkommt.
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Achte auch auf das Verhalten nach dem Ausschalten. Eine extreme Reizbarkeit, plötzliche Wutanfälle oder eine auffällige Unruhe direkt nach der Bildschirmnutzung sind klassische Warnsignale. Oft begleitet von lauten Streits darüber, dass das Kind weitergucken will.
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Wenn dein Kind weint oder einen Wutanfall hat und nur durch Handy oder Tablet beruhigt werden kann, ist das ebenfalls ein schlechtes Zeichen. Studien deuten darauf hin, dass Kinder, die Medien zur Regulation von Stress nutzen, später größere Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen selbstständig in den Griff zu bekommen.
Die Antwort auf KR-Leser Julians Frage lautet also: Digitale Bildschirmmedien wirken sich auf die Gehirnentwicklung bei null- bis dreijährigen Kindern meistens negativ aus, vor allem bei sehr intensivem Konsum. Die Suche nach einem exakten Grenzwert in Stunden ist aber schwierig. Und wenn man die Kinder intensiv bei ihrer Bildschirmzeit begleitet, kann sich das sogar positiv auswirken.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schaefer