„Jetzt bin ich diejenige, die mehr Sex will“, erzählt Antonia in der britischen Zeitung The Guardian. Die Fitness-Influencerin Mimi Lawrence bezeichnet Testosteron als geheimen Power-Booster ab 40. Und die deutsche Frauenärztin Sheila de Liz sagt: „Viele Frauen kostet der Testosteronverlust ihre Libido und Energie.“ Auch KR-Leserin Daniela nimmt seit einem halben Jahr Testosteron. Sie fühlt sich seither selbstsicherer, zufriedener, lebensfroher.
Testosteron hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt. Bis vor Kurzem löste das Hormon bei Frauen noch die Sorge aus, an den falschen Stellen Haare zu bekommen und zu vermännlichen. Jetzt könnten sie hingegen auf die Idee kommen, Testosteron sei eine Wunderwaffe gegen alle möglichen Wechseljahrsbeschwerden. Vor allem gegen Lustlosigkeit.
Unbestritten ist, dass die Wechseljahre in der Medizin lange eher im Schatten standen. Wenn die Behandlung nun mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist das eine begrüßenswerte Entwicklung. Unter einer Voraussetzung: Dass sich die Aussagen zu den Wirkungen tatsächlich auf wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse stützen. Ist das so beim Hype ums Testosteron? Oder hat sich da ein neues Geschäftsfeld aufgetan, in dem Hormonbehandlungen als das neue Normal verkauft werden?
Testosteron hilft gegen sexuelle Unlust, aber schwächer, als vermutet⬆ nach oben
Das einzige Symptom, gegen das Testosteron bei Frauen erwiesenermaßen wirkt, sind Libidostörungen. Internationale Leitlinien sagen: Testosteron hilft Frauen nachweislich bei vermindertem sexuellen Verlangen (Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD). Bei einer HSDD verschwindet das sexuelle Verlangen über längere Zeit: Sexuelle Fantasien und die Reaktion auf sexuelle Reize bleiben aus, die Orgasmusfähigkeit lässt nach und das Orgasmuserleben verflacht, Frauen haben auch keine Lust mehr auf Selbstbefriedigung.
Zu sexueller Unlust kann viel beitragen: Stress, Probleme in der Partnerschaft und mit dem Selbstwert, belastende Lebensphasen, körperliche Veränderungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Deshalb ist es oft gar nicht so leicht zu sagen, ob ein möglicher Testosteronmangel auch eine Rolle spielt. Hellhörig kannst du aber werden, wenn HSDD-Symptome auftreten, wenn es also auch einen spürbaren Verlust an Befriedigungsfähigkeit und Lust auf Befriedigung gibt. Dann wäre Testosteron womöglich einen Versuch wert.
Allerdings solltest du dir davon auch keine Wunder erwarten. Testosteron verbessert die Lustlosigkeit gar nicht so stark, wie du angesichts der vielen positiven Berichte denken könntest. Eine Übersichtsarbeit kam 2019 zu dem Ergebnis, dass die Hormongabe zu etwa einem zusätzlichen befriedigenden sexuellen Erlebnis pro Monat führt.
Das ist nicht nichts. Aber vermutlich weniger, als die meisten sich unter einem „Power Booster“ vorstellen.
Viele Frauen berichten von mehr Energie, nur belegen lässt sich das nicht⬆ nach oben
Krautreporter-Leserin Daniela ist in den Wechseljahren und fühlt sich ganz anders, seitdem sie Testosteron nimmt: selbstsicherer, zufriedener, lebensfroher. Vorher litt sie: unter starken Stimmungsschwankungen, die sich zeitweise nach Depression anfühlten, unter Antriebslosigkeit und unter Konzentrationsproblemen. Außerdem hatte sie kaum noch Lust auf Sex. Die Symptome bekämpfte sie erst mit der klassischen menopausalen Hormontherapie (MHT), also mit Östrogen und Progesteron. Beides bekam sie von ihrem Gynäkologen.
Das half zwar, aber die Symptome blieben so stark, dass sie immer wieder Angst bekam, in eine Depression abzurutschen. Außerdem belastete das Libidoproblem nicht nur ihre Partnerschaft, es sorgte auch dafür, dass sie sich in ihrem Körper nicht richtig wohlfühlte. Ihr fehlte die Lust im Leben, der Genuss und die Leichtigkeit. Ihr Arzt schlug vor, Testosteron auszuprobieren.
Daniela nimmt das Hormon jetzt seit sechs Monaten und erzählt mir am Telefon: „Ich fühle mich wieder sicherer mit mir, hinterfrage mich nicht dauernd, kann wieder die schönen Dinge des Lebens genießen.“ Obwohl sich in puncto Sex nicht ganz so viel verändert hat, ist Daniela sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung.
Viele Frauen berichten in den sozialen Medien von so einem Effekt, auch Artikel greifen die Erfahrungsberichte auf, nicht nur in Frauenzeitschriften. Es ist aber nicht ganz klar, ob die verbesserte Stimmung und das Energie-Plus wirklich am Testosteron liegen. In Studien konnten diese Wirkungen jedenfalls nicht sicher belegt werden. Das hatte auch etwas mit dem Studiendesign zu tun, unter anderem, weil es schwer ist, die Lebensqualität zu messen. Dennoch könnten das auch Scheinwirkungen sein, also ein Placebo-Effekt. Hierzu ist einfach noch mehr Forschung nötig.
Viele Influencer:innen betonen aber ausgerechnet die positiven Erfahrungen und stellen es so dar, als sei mit einer (gefühlten) Verbesserung der Lebensqualität immer zu rechnen, wenn du Testosteron nimmst. Ganz unplausibel ist es ja auch nicht, denn Testosteronrezeptoren gibt es in vielen Organen, auch im Gehirn. Dort wirkt es auf die Dopamin-Ausschüttung ein, also auf den Botenstoff, der das Belohnungszentrum aktiviert und Glücksgefühle erzeugen kann.
Außerdem kann Testosteron das Muskelwachstum ankurbeln, allerdings nur in hohen, für Frauen unsicheren Dosierungen und wenn du entsprechend streng trainierst. Es spielt auch eine Rolle bei der Knochengesundheit, der Konzentrationsfähigkeit und der Stimmung. Trotzdem gibt es bisher nur schwache Hinweise darauf, dass das Einnehmen von Testosteron einen Effekt hätte bei Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen, Konzentrationsstörungen oder Knochenbrüchigkeit (Osteoporose).
Hier schlägt wieder ein altbekanntes Missverständnis zu: Substanzen, die der Körper für bestimmte Funktionen braucht, sind nicht automatisch ein wirksames Medikament, wenn es mit dieser Funktion Probleme gibt. Dieses Missverständnis führt immer wieder dazu, dass sich Menschen selbst schaden, weil sie zu viele Vitamine und andere frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel nehmen. Bei einem altersbedingten Rückgang von Muskelmasse ist nicht Testosteron das Mittel der Wahl, sondern Krafttraining.
Die Wissenschaft bestätigt: Testosteron kann als Arzneimittel bei HSDD eine Berechtigung haben. Wie effektiv es wirkt, hängt von der Dosierung und den biologischen Voraussetzungen der einzelnen Frau ab: davon, wie viele Testosteron-Rezeptoren wo aktiv sind und von anderen Faktoren, die den Testosteron-Stoffwechsel beeinflussen. Für alle anderen Beschwerden fehlt der Nachweis, dass es als Arzneimittel funktioniert. Konkret: Es gibt keine ausreichenden Belege dafür, dass es bei Gehirnnebel, Müdigkeit, Depressionen, Muskelverlust oder Bauchfett hilft.
Das ist wichtig zu wissen, denn alles, was wirkt, kann auch Nebenwirkungen haben.
Testosteron ist auch ein Frauenhormon, kann aber schwer gemessen werden⬆ nach oben
Testosteron ist nicht nur für Männer ein wichtiges Hormon. Überraschenderweise stellt der weibliche Körper sogar zu manchen Zeiten mehr Testosteron als Östrogen her, abhängig von der Zyklusphase.
Der grundlegende Baustein für die Produktion von Sexualhormonen ist Cholesterin. Weitere Moleküle, wie zum Beispiel DHEA (Dehydroepiandrosteron), sind Vorstufen für Hormone und werden ebenfalls in den Eierstöcken und Nebennieren gebildet. Außerdem dienen sich die unterschiedlichen Hormone auch gegenseitig als Baumaterial. So ist Testosteron auch eine Vorstufe von Östrogen (damit erklärt sich, warum zu manchen Zeiten mehr davon gebildet wird). Der Entstehungsprozess von Hormonen ist also recht komplex und wird von ganz unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel durch Ernährung, Stress, Bewegung oder das Alter.
Bei Frauen entsteht circa je ein Viertel des Testosterons in den Eierstöcken und Nebennieren. Die restlichen 50 Prozent werden in anderen Geweben gebildet, zum Beispiel in der Leber, im Gehirn und im Fettgewebe. Das bedeutet: Auch die Zellen, auf die Testosteron einwirkt, die sogenannten Zielzellen, stellen das Hormon her. Das nennt sich Intrakrinologie.
Das erklärt, wieso es bei der Messung des Testosteronspiegels ein paar Fallstricke gibt. Ein niedriger Testosteronwert bedeutet nämlich nicht automatisch, dass die Frau unter einem Mangel leidet. Und das hat mit der Intrakrinologie zu tun. Denn das in den Zielzellen gebildete Testosteron gelangt nicht ins Blut, ist also nicht messbar. Somit spiegelt der Blutwert nicht unbedingt wider, wie viel Testosteron der Frau zur Verfügung steht.
Dazu kommt, dass die Standardtests zur Bestimmung von Testosteronwerten – du ahnst es – an Männern entwickelt wurden, die circa zehnmal höhere Testosteron-Konzentrationen im Blut haben. Der Versuch, mit diesen Verfahren genaue Messwerte bei niedrigen Konzentrationen zu ermitteln, kann zu unzuverlässigen Ergebnissen führen. Außerdem gibt es keine harte Grenze, ab der sich sagen ließe: Jetzt hat eine Frau tatsächlich einen Mangel, der ihr Probleme macht. Das heißt: Allein am Grenzwert lässt sich nicht ablesen, ob eine Frau Beschwerden bekommt.
Deshalb soll für die Entscheidung, ob eine Frau Testosteron nimmt oder nicht, nie allein ein einzelnes Testergebnis herangezogen werden. Entscheidender sind die Symptome.
Zu viel Testosteron kann Schaden anrichten⬆ nach oben
Wenn Testosteron richtig angewendet wird, sind eher milde Nebenwirkungen zu erwarten. Dazu gehört unreine Haut (Akne), vermehrter Haarwuchs, auch an Stellen, an denen Frauen sonst eher weniger Haare haben, wie zum Beispiel an der Oberlippe und den Beinen, und eventuell eine leichte Gewichtszunahme und mehr Appetit.
Wird Testosteron über längere Zeit überdosiert und steigen die Testosteronwerte über die für Frauen physiologische Grenze, kann es auch zu Nebenwirkungen kommen, die sogar dauerhaft bestehen bleiben können. Dazu gehört eine tiefere Stimme. Sie kann auch rauchig klingen oder du kannst heiser werden. Das ändert sich dann auch nach dem Absetzen des Hormons nicht unbedingt. Außerdem kann sich die Klitoris vergrößern, was manchmal operiert werden muss. Und es kann zu Haarausfall auf dem Kopf kommen. Entscheidend ist also, streng auf die Dosierung von Testosteron zu achten.
Aber hier wird es kompliziert, nicht nur, weil es mit den Tests einige Schwierigkeiten gibt und die Überwachung der Behandlung deshalb aufwändig ist. In Deutschland gibt es kein für Frauen zugelassenes Präparat. Ärzt:innen, die Testosteron verschreiben wollen, müssen das Medikament im sogenannten Off-Label-Use verordnen. Das ist zwar erlaubt, aber die Krankenkassen übernehmen die Kosten in den allermeisten Fällen nicht und für unerwünschte Wirkungen gibt es ein strengeres Meldeverfahren.
Frauen müssen für die Behandlung selbst bezahlen und entweder ein Gel verwenden, das in der Apotheke extra hergestellt wird, oder ein fertiges Medikament kaufen, das für Männer gedacht ist. Die fertigen Gele werden in Hubspendern verkauft, sodass sich die Dosierung nur schlecht kontrollieren lässt. Krautreporter-Leserin Daniela füllt sich deswegen das Gel in eine kleine Einwegspritze um, mit der sie leichter die gewünschte Menge abmessen kann. Das Gel schmiert sie sich in die Kniekehle – ein günstiger Ort, weil nicht zu erwarten ist, dass dort vermehrt Haare wachsen.
Der Testosteron-Hype überdeckt dessen Risiken⬆ nach oben
Da Frauen selbst für Testosteron bezahlen müssen, kommen hier Marketingmethoden zum Einsatz, die du auch von Gummibärchen oder Limo kennst. Dass diese Methoden funktionieren, ist in den USA schon zu beobachten, denn da fing es mit dem Testosteron-Hype an. Dort bekommen vor allem Frauen eine menopausale Hormontherapie, die es sich leisten können. Die Pharmabranche hat dort gelernt, dass sich die Vermarktungsanstrengungen finanziell für sie lohnen.
Als Journalistin werde ich immer dann skeptisch, wenn ich sehe, dass die (vermeintlichen) Vorteile eines Mittels viel Platz bekommen, die Risiken aber kaum erwähnt werden. Und genau das ist mir aufgefallen, als ich die Berichte über Testosteron durchsucht habe. Bei der Recherche habe ich aber auch gelernt, wie komplex der Hormonstoffwechsel ist. Einfache Botschaften zu den Wirkungen von Hormonen greifen oft zu kurz, weil es erstens nicht nur auf den Hormonspiegel ankommt und zweitens viele Faktoren dazu führen können, dass sich Frauen in der Lebensmitte einfach nicht so fühlen, wie sie es sich wünschen. Schließlich liegen auch sehr anstrengende Jahre hinter ihnen.
Die neue Testosteron-Liebe kann nicht nur körperliche Nebenwirkungen haben. Krautreporter-Leserin Jessi formuliert es so: „Was mir daran nicht gefällt ist, dass die Frau etwas nehmen soll, um den Bedürfnissen der Männer (Sex) oder der Gesellschaft (arbeitsfähig zu sein) zu entsprechen.“ Sie findet, die Wechseljahre sind eher ein Zeitpunkt, das eigene Leben zu reflektieren und zu überlegen, was du brauchst und was nicht. Jessi sagt: „Vielleicht akzeptiert man dann, dass man weniger leistungsfähig ist und dass das okay ist.“
Jessi spricht ein Dilemma an, das mir bei allen Texten, die ich über die Wechseljahre geschrieben habe, begegnet ist. Jede einzelne Frau ist Expertin für sich und ihren eigenen Körper und es ist gut und richtig, sich bei Beschwerden Unterstützung zu suchen. Dabei hilft es enorm, wenn sich Frauen auch untereinander austauschen und Wissen über das, was ihnen geholfen hat, weitergeben. Das heißt aber nicht, dass Erfahrungen von anderen automatisch auch für mich passen müssen, vor allem, wenn es in der Wissenschaft noch viele offene Fragen dazu gibt. Das fällt bei Social-Media-Hypes, die oft genug (versteckte) Werbekampagnen sind, schnell mal hinten runter.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger