Der Autor steht vor einer Plakatwand, darauf ein Foto eines verfallenden Fachwerkhauses.

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Politik und Macht

Wo du ums Überleben kämpfst, bleibt keine Zeit für Politik

Vor den Landtagswahlen reise ich durch Sachsen-Anhalt. Dritte Station: Depekolk. Und eine Radionachricht: Noch nie haben so viele Menschen Lotto in Sachsen-Anhalt gespielt wie in diesem Jahr.

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Was bisher geschah in Teil eins und zwei: Brit ist aus Hamburg in die Altmark gezogen. Sie hat sich einen Bauernhof gekauft, eine Lebensmittelkooperative gegründet und einen alten Konsum besetzt. Dort essen Alt und Jung, Ossi und Wessi gemeinsam Suppe. Sie scheint ihr Glück gefunden zu haben, bringt frischen Wind ins Dorf. Doch dann kommt das Ordnungsamt. Dann kommt Corona. Dann rastet ein Nachbar aus. Und plötzlich hat Brit kein Zuhause mehr, keinen Konsum, keine Kooperative. Jahre der Existenznot beginnen. ChatGPT empfiehlt ihr, zum Pfarrer zu gehen. Nun hat sie eine Kirche. Unterdessen trinken Alt und Jung, Ossi und Wessi immer öfter das Bier der AfD.

Die Nacht bricht ein über Depekolk. 56 Einwohner hat das Dorf laut den letzten Zahlen von 2023. 53 Einwohner hatte das Dorf laut den ersten Zahlen von 1734. Im Gästezimmer des Ferienhauses, in dem Brit vorübergehend zur Untermiete lebt, steht ein großes altes Bett, in dem die Wanzen verhungern. Ich lege mich auf die Bast-Yoga-Matte auf den Boden, neben die Klangschale, direkt unters Fenster.

Draußen legt sich ein kleiner Wind in den Baumwipfeln zur Ruhe. Im verwildernden Garten der Ferienhausbesitzerin, einer Berliner Witwe, bilden die Sauerkirschen Kolonien.

Wie dunkel es ist! Schwarz ist der Himmel, grenzenlos, beruhigend. Bis auf dem Feld nebenan plötzlich zwei Mähdrescher rumpelnd im Kreis fahren. Lautlos sind sie dort hingeschlichen. Überraschend, wie schnell sie sind. Mit Scheinwerfern auf dem Fahrerhaus, in denen der dicke Staub lehmiger Altmark-Böden wirbelt. Wie aus einem Drehbuch von David Lynch.

Dann wirft der Nachbar aus der anderen Doppelhaushälfte seinen Käsetruck an und lässt den doppelhaushälftenlangen Brummi bis zum Morgen brummen. Vielleicht, damit der Käse schön kühl bleibt? Vielleicht, um die Hippies und Touristen von nebenan, mit ihrem Batikmist und Yogamatten und Klangschalen und den langen Haaren und den Achtsamkeitsseminaren und dem Demokratiegelaber zu ärgern.

Besser man hat gute Gedanken⬆ nach oben

Man weiß es nicht.
Vielleicht ist beides wahr.
Vielleicht wählt der Käsetruckfahrer mit den Mährobotern nicht mal die AfD. Zu schnell ordnet man die Menschen in Kategorien. Vielleicht braucht der Berufsreisende einfach das sanfte Grummeln seines enormen Motors zum Einschlafen?

Die schwarze Stille dieser Nacht ist wie ein Reptil, Relikt einer vergangenen Epoche. Sie kann einem Angst machen, sie grenzt uns ein, zwingt zu Langsamkeit, lässt die eigenen Gedanken lauter werden. Besser, man hat gute Gedanken.

Der Schutz der Dunkelheit ist auf jeden Fall nicht mein Schutz, als ich nachts die unbeleuchtete, einzige Straße von Depekolk entlangschlendere, um mal ein Gefühl für den Ort zu bekommen.

Das Gefühl ist ungut. Dunkle Höfe starren mich an. Ob hinter ihren Holztoren, den zugezogenen Gardinen, den zugeklappten Fensterläden jemand lebt oder nicht, Wessi oder Ossi, Schweizer Professor, Witwe oder Trucker, lässt sich nicht erkennen.

Ich bin am Vormittag in meinen schicken Großstadtklamotten in den knackevollen Intercity gestiegen, mit einem Schokocroissant in der Hand, den Airpods im Ohr, den nagelneuen weißen Nikes. Genauso gut hätte ich ein rotes Kleid anziehen können, denke ich.

Am Morgen ist der Käsetruck verschwunden und erlaubt nun freien Blick auf einen Stromtrafo, vor dem zwei Männer mit einem Presslufthammer den Boden aufpickern.

Keine David-Lynch-Szene, eher ein Didi-Hallervorden-Sketch. Und Brit redet auch schon wieder so viel. Ob ich denn mit nach Salzwedel komme. Knackknack geht die Autotür, Akupunkturtermin.

Nee, sag ich.
Ich will meine Ruhe.
Die Notizen von gestern durchgehen.
Das Besprochene rekapitulieren.
Das noch zu Besprechende eruieren.
Die Entfernung bis zum nächsten Schokocroissant vermessen in diesem vom Einzelhandel verlassenen Landstrich.

Ein Riss im Ofen, das Haus ist leer⬆ nach oben

Im Haus der Berliner Witwe gibt es nur Sojamilch und sündhaft teure Körner aus dem Reformhaus. Eine ellenlange Bedienungsanleitung für den mit Holz zu befeuernden Designerherd klebt an der Tür. Infantile Malereien verunstalten die Wände des alten Bauernhauses, der Ofen hat einen Riss. Das Haus verströmt die Traurigkeit eines Ortes, der für niemanden ein Zuhause ist.

Ich kenne die Witwe nicht, von der Brit sagt, sie habe ihr Leben lang nie arbeiten müssen. Aber schon gestern habe ich eine merkwürdige Wut auf diese Dame entwickelt. Heimlich habe ich mich gefreut über die skrupellose Ruhestörung des Käsetruckers. Wie anmaßend von dieser Frau, sich ein solches Haus mit Garten zu kaufen, nur um ein paar Mal pro Jahr hier ein paar Tage abzuspannen vom Berliner Ehefrauenleben. Ein altes Haus wie dieses braucht konstante Pflege, Wärme – und der Garten erst recht. „Die Natur ist nicht süß“, sagt Brit, die Gartentherapeutin, der das Herz blutet angesichts der gemeinen Gräser und schnell wachsenden Hölzer, die erbarmungslos über Blumen, Gemüsebeete und Beeren wachsen, bis sie eingehen.

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Hier stehen wir zwei Ossis nun: die Brit aus Thüringen, die seit Jahren durch die Altmark vagabundiert, auf der Suche nach einem Zuhause. Und der Christian aus Sachsen, der bald eine größere Wohnung braucht, die er sich in Leipzig kaum noch leisten könnte, wenn er denn eine finden würde, für die sich nicht schon 30 besser Verdienende vorgestellt haben. Und da in Berlin gibt’s eine Frau, die hat ein Haus mehr, als sie braucht. West-Berlinerin.

Die Mietpreise in Leipzig haben sich in nur zehn Jahren fast verdoppelt. Meine Honorare blieben unverändert. Plötzlich liest man morgens in der Zeitung einen Einkommenswert, der die neue offizielle Armutsgefährdungsgrenze zieht, und muss sich die Augen reiben: Man liegt so manchen Monat drunter. Generell verbringt man nun immer mehr Zeit damit, nicht aufs Konto zu gucken. Der eigenen Kreditkarte gut zuzusprechen, wenn sie Geräte zum Piepen bringt. Das Schreckgespenst Nebenkostenabrechnung schafft es, mehrmals jährlich Ehestreite auszulösen. Man schreit die Frau von der Elterngeldstelle am Telefon an. Und plötzlich ist man offenbar auch ein Mann, der wütend sein kann auf wildfremde Witwen. Man könnte Besseres anfangen mit seiner Zeit, aber kein Geld zu haben, führt meist dazu, bald noch weniger davon zu haben. Man kauft nicht auf Vorrat, man fährt auf Verschleiß. Statt in die Zukunft zu investieren, zahlt man Dispo-Zinsen.

Die größten Risikogruppen fürs Schuldenmachen in Deutschland sind:

  • Männer, vor allem mit Suchtproblemen
  • Singles/Alleinlebende/Alleinerziehende
  • hohes Alter
  • Arbeitslosigkeit

Sachsen-Anhalt ist überdurchschnittlich reich an all diesen Risikogruppen. Und diese Gruppen werden immer größer.

Das sind die typischsten Umstände, die Menschen in Deutschland reicher machen:

  • Haus- und Grundbesitz
  • Job mit Tarifbindung
  • Erben

Ein fundamentales Gefühl von Wehrlosigkeit⬆ nach oben

Es sind dies Umstände, in die man nicht nur mit Fleiß und Geschick gerät. Man braucht kein Talent zum Erben, sondern reiche Eltern. Es sind dies alles Umstände, die in Sachsen-Anhalt unterdurchschnittlich oft vorliegen. In dem Bundesland mit den ältesten Menschen kostet heute ein Monat im Pflegeheim mehr als die Rente für ein ganzes Leben voller Arbeit.

Es kostet viel Zeit und Mühe, kein Geld zu haben. Wer ständig ums Überleben kämpfen muss, der hat weniger Zeit für Kultur, Mitmenschen, Politik. „Es ist bekannt, dass die politische Teilhabe mit dem sozioökonomischen Status zusammenhängt“, steht im Armutsbericht der Bundesregierung. In keinem anderen Bundesland trifft das mehr zu als in Sachsen-Anhalt. Sicherlich wählen manche Menschen die AfD aus Protest, als Akt der Systemkritik. Viele mögen es aus Überzeugung tun, ein dummer, stolzer Hass auf alles andere und Fremde. Sollte die AfD aber hier wirklich am Sonntag an die Macht kommen, dann liegt es vielleicht an einem fundamentalen Gefühl der Wehrlosigkeit gegenüber den Umständen, denen man unterliegt.

So viele Menschen wie nie zuvor haben dieses Jahr in Sachsen-Anhalt versucht, im Lotto zu gewinnen, höre ich im Radio, und muss sofort an diese Zeilen von David Lerner über die tatsächliche, banale Gestalt Satans denken, den wir uns nicht als Monster mit Hörnern vorstellen dürften, sondern eher so:

Satan is …⬆ nach oben

the bad food you eat when you’re poor
a cough that won’t go away
the kind of hopes
that get pinned on a lottery


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

Wo du ums Überleben kämpfst, bleibt keine Zeit für Politik

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