Der Autor steht vor einer Plakatwand, auf der eine Dorfstraße abgebildet ist.

Christian Gesellmann/pott mockups/privat/KR

Politik und Macht

Wo das Ordnungsamt anstrengender ist als die AfD

Vor den Landtagswahlen reise ich durch Sachsen-Anhalt. Zweite Station: Ladekath, 66 Einwohner, eine leerstehende Feldsteinkirche und ein Plan, der zwanzig Jahre zu spät kommt.

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Was bisher geschah: Brit ist aus Hamburg in die Altmark gezogen. Statt ihres sinnlosen, aber gut bezahlten Jobs in der Kommunikationsbranche hat sie nun einen sinnvollen, aber schlecht bezahlten Job in der Pflegebranche. Die hübsche Stadtwohnung mit der wahnsinnigen Miete hat sie gegen einen hübschen Hof mit wahnsinnigen Nachbarn getauscht. In der Baumkuchenstadt Salzwedel spitzt sich wegen der zugezogenen Westdeutschen die Wohnungskrise zu und selbst der Baumkuchen ist für die Einheimischen zu teuer geworden. Die Rouladen sind dafür noch lecker und billig – werden aber mit antisemitischer Soße und einer Portion Früherwarallesbesser serviert.

Brit stammt aus Thüringen, ist nach der Wende nach Hamburg gezogen, wo sie sich unter anderem in der Hausbesetzerszene und später in der Occupy-Bewegung engagierte. In einem Telefondienstleistungsunternehmen arbeitete sie sich in die mittlere Managementebene herauf und verdiente genug Geld, um sich in Hamburg-Mitte eine Vierzimmerwohnung für sich und die beiden Söhne leisten zu können.

„Aber nach der dritten Mieterhöhung saß ich irgendwann heulend in der Küche und konnte nicht mehr. Ich habe dann die Immobilienpreise überall in Deutschland verglichen. Die Altmark war die günstigste Gegend.“ Für rund 90.000 Euro kaufte sie sich ein altes Bauernhaus mit Scheune und Grundstück in Ellenberg. Der Start ins Landleben: alles andere als leicht. Der Hof eine Baustelle. Die Kinder im Kulturschock. Im Dorf alle Schotten dicht. Wie Anschluss finden, wenn es keine Treffpunkte gibt?

Auch ganz banale Fragen stellten sich plötzlich: „Es ist doch bekloppt, man lebt auf dem Land, kriegt aber kaum ein paar vernünftige Lebensmittel zu kaufen, kaum einer hier kann noch kochen oder weiß, was gesunde Ernährung ist“, sagt Brit. Es ist eben nicht Kreuzberg oder das Schanzenviertel, wo man mal eben schnell in den Bioladen gehen kann. Doch Brit macht sich schnell Freunde und im Dorf gibt es ein leerstehendes Gebäude, die Gemeinde hat es geerbt, und weil sie nix damit anzufangen weiß, wird der ehemalige Konsum-Markt kurzerhand von Brit und ihren neuen Freunden besetzt. Sie gründen dort eine Lebensmittelkooperative, eine Idee, die auf den Konsumgenossenschaften des 19. Jahrhunderts beruht. Die rund 30 Mitglieder zahlen fünf Euro Mitgliedsbeitrag pro Jahr. Einmal pro Woche ist der Laden nun zur Ausgabe der bestellten Lebensmittel geöffnet, der Gemeinderat ignoriert die Aktion wohlwollend.

Es gibt Fleisch, Eier, Käse und Molkereiprodukte, Brot, Obst und Gemüse, einige Getränke sowie Kaffee. Alles ist Bio, alles ist regional. Und alles ist unfassbar aufwändig zu organisieren. Das Brot zum Beispiel kommt aus der einzigen Biobäckerei Sachsen-Anhalts. Die ist 45 Minuten mit dem Auto entfernt. Die Molkerei ist mehr als 50 Kilometer entfernt. Kaffee und Bier werden von einer Kooperative aus Hamburg bezogen. Wenn mal jemand zufällig dort ist. Immerhin: Eier und Gemüse können sie in den umliegenden Dörfern kaufen.

Es gibt wieder Leben im Dorf⬆ nach oben

Brit und die „Ellenberger Futterfreu(n)de“, so nennt sich die Kooperative, müssen nicht nur ein Netzwerk an Erzeugern aufbauen. Sie müssen auch jeden Transport irgendwie anders organisieren, weil sich das Liefern bei den geringen Umsätzen und langen Wegen nicht lohnt. Der kleine Konsum wird zur großen Aufgabe. Es geht um gesundes Essen. Es geht vor allem aber auch darum, wieder Leben in das Dorf zu kriegen, einen Ort zu haben, an dem man die Nachbarn trifft, sagt Brit, an dem sich die Einheimischen und die Zugezogenen kennenlernen. Und das klappt zunächst hervorragend. Lesungen und Ausstellungen werden organisiert, so etwas wie Pioniergeist schwebt über dem nun öfter angefeuerten Suppenkessel vor dem Konsum. Damals, 2019, habe ich Brit zum ersten Mal getroffen; sie hatte mich eingeladen, um aus dem Krautreporter-Buch „Ostdeutschland verstehen“ vorzulesen. 2019 – wie viele Kriege und Krisen das her ist.

Sanddorn-Schnapsflasche im Vordergrund, sprechende Gruppe im Hintergrund

Die Wege auf dieser Lesetour waren mitunter recht sanddornig. (Bild von 2019) | © Christian Gesellmann

Brits Kinder beginnen damals, es gar nicht mehr ganz so schlecht zu finden auf dem Land. Auf ihrem Hof schafft sie sich einen Garten, so schön, dass er therapeutische Wirkung entfaltet bei den vielen geschundenen Seelen, die ihn besuchen. Egal ob systemkritische Lebenskünstler oder Überlebende des Systemversagens – „jeder braucht einen Ort, wo er das Gefühl hat, ich bin okay, so wie ich bin“, sagt Brit. Sie hat so einen Ort. Finanziert von der EU absolviert sie schließlich eine Ausbildung zur Gartentherapeutin, um „einen Zettel zu bekommen für das, was ich eh schon mache. Irgendwie scheine ich so ein Gesicht zu haben, da denken die Leute immer gleich, sie können bei mir ihren ganzen emotionalen Ballast abladen.“ Nebenbei arbeitet sie als persönliche Assistenz für einen schwerstbehinderten jungen Mann. Kurz: Brit kommt an in ihrem neuen Leben in der Altmark. Doch dann…

Dann kommt das Ordnungsamt.

Dann kommt Corona.

Dann rastet der Nachbar aus.

Irgendwann ist der Konsum in den Besitz des Landes übergegangen. Das kann mit dem Gebäude zwar auch nix anfangen, aber so, wie es nun genutzt wird – das geht natürlich überhaupt nicht. Von Eigenverantwortung und Engagement können der Merz und der Kreisentwicklungsplan erzählen, aus der zuständigen Behörde flattern rege Auflagen und Geldforderungen rein, und zwar direkt an Brits Privatadresse. Während der Pandemie darf dann gar nicht mehr geöffnet werden. Die Kooperative stellt die Kooperation ein, der Konsum verschwindet wieder hinter Brombeeren. Und Brits Nachbar pickert auf einmal zehn Stunden am Tag mit dem Presslufthammer den Beton von seinem Hof. Da kann das Ordnungsamt nichts machen. Und Brit kann irgendwann nur noch flüchten, verkauft den Hof und beginnt von vorn. Immer wieder. Die Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Und der übergriffige A. aus Teil 1 dieser Reportage ist auch nicht der erste seiner Art gewesen; einige von ihnen waren noch aufdringlicher. Die Gedanken werden nun manchmal sehr düster. „ChatGPT hat mir dann empfohlen, mal mit dem Pfarrer zu sprechen“, sagt sie. Und das sei eine ziemlich gute Idee gewesen, „komm, wir fahren weiter.“

Ein halber Tag in Sachsen-Anhalt, aber die AfD ist noch gar kein Thema⬆ nach oben

Wir steigen wieder ins kläglich krächzende Auto, lassen die Fenster runter und düsen nach Ladekath. Vor uns knattern zwei Jugendliche in Badehose und Bikini auf ihren Simsons die mit Apfelbäumen gesäumte Landstraße entlang. Ein Bild, das ein merkwürdiges Gefühl aus der Magengrube des beifahrenden Reporters aufsteigen lässt: Glück. 1280 wurde Ladekath als villa latekote erstmals urkundlich erwähnt. 1734 hatte es 80 Einwohner. Heute sind es 66. Wir parken unter einer riesigen Eiche vor einer über 700 Jahre alten Feldsteinkirche, laufen über den kleinen, gut gepflegten Friedhof und setzen uns auf die Wiese.

„Das ist mein neuestes Projekt“, sagt Brit.

„Was?“

„Die Kirche.“

„Was ist damit?“

„Die habe ich gepachtet.“

Der Pfarrer, zu dem Brit von ChatGPT geschickt wurde, stellte sich als ein junger Mann heraus, dem ebenso wie Brit missfiel, dass die hübsche spätromanische Kirche von Ladekath seit 20 Jahren nicht mehr genutzt wird. Dem Pfarrer gefiel sofort ein Konzept, das Brit in Thüringen kennengelernt hatte, wo es ebenso wie in Sachsen-Anhalt längst zu viele Kirchen für zu wenige Kirchenmitglieder gibt: die Kirchenburg von Walldorf an der Werra. Sie ist die einzige sogenannte Biotop-Kirche Deutschlands.

Nach einem Brand im Jahr 2012 wurde sie wieder aufgebaut und bietet heute über 100 Einfluglöcher für Vögel und Insekten. Die Keller dienen als Winterquartier für Fledermäuse und das Außengelände beherbergt einen großen Pfarrgarten. Eine Kirche für Mensch UND Tier. „Sowas”, sagte Brit zum Pfarrer, „könnten wir hier doch auch machen.” Sie nahm Kontakt zum Architekten der Kirchenburg auf und erarbeitete ein Kurzkonzept für das Kirchspiel Fleetmark im Kirchenkreis Salzwedel, ein Gremium aus fünf Männern, das noch überzeugt werden musste. Und nun, sagt Brit und streicht sich die dicken schwarzen Ameisen von der Hose, kann es endlich bald losgehen. Die Hitze lässt nach, die Sonne geht langsam unter. Die Kirche denkt in anderen Zeiträumen, sagt Brit, „wir können das jetzt ganz langsam entwickeln und dabei alle mitnehmen, die mitzureden haben oder mitmachen wollen.“

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Einen halben Tag bin ich nun mit Brit in Sachsen-Anhalt unterwegs, aber über die AfD, die immerhin die Landtagswahl in ein paar Wochen zu gewinnen droht, haben wir noch gar nicht geredet. Nun sitzen wir in Depekolk, in noch so einem verwilderten Garten am Ende noch so eines verwunschenen Dorfes. Hier wohnt Brit zur Miete in der Doppelhaushälfte einer vermögenden Witwe aus Berlin, die diese früher für gelegentliche Auszeiten auf dem Land nutzte. Wegen der schlechten Zeiten vermiete sie nun auch mal unter. Die andere Doppelhaushälfte gehört einem Lkw-Fahrer. Zum Abendessen kommt Carsten vorbei, der stammt aus der Nähe von Hannover und hat früher Skateparks gebaut oder so, hat auf jeden Fall sechsstellig verdient und jetzt hat er hier einen Hof und arbeitet als Hausmeister im Kinderheim und ist einer von denen, die sich gern als „Lebenskünstler“ vorstellen. Seinen echten Namen will er nicht veröffentlichen. Mit Brit fährt er regelmäßig zu den AfD-Veranstaltungen in der Umgebung und factcheckt deren Aussagen live und laut, bis man ihn auf die Bühne holt oder rauswirft oder beides. Er bringt frisch gepflückten Salat und Blumen mit, die man angeblich auch essen kann.

Keine Angst vor der AfD, aber…⬆ nach oben

Nein, sie haben keine Angst davor, dass die AfD bald die Regierung stellen könnte, sagen Brit und Carsten, aus drei Gründen:

Erstens werde sie nicht gewinnen, sie stehe in den Umfragen immer viel besser da als am Wahltag, sie werde im Allgemeinen von den rechtskonservativen Mainstreammedien viel zu hoch gehandelt.

Zweitens, selbst wenn sie gewinne, wolle sie doch gar nicht regieren, dafür habe sie nicht genügend Leute, das sei auch gar nicht ihr Ding, das sagten sie selbst immer wieder.

Drittens, die Mehrzahl der Leute hier seien keine Nazis.

Aber.

Es gibt da leider noch viele Abers.

„Ich habe mal eine E-Mail an alle Parteien im Kreis geschrieben. Geantwortet hat nur die AfD“, sagt Brit. Denn egal, wie blöd sie seien, die AfDler, das Image als Kümmerer verschaffen sie sich eben nicht nur durch Parolen und Ausländerhass, sondern auch durch Präsenz. Mit Bier und Bratwurst auf den Dorf- und Marktplätzen, auf denen man schon länger keine anderen Parteien mehr zu sehen bekommen hat. „Ich glaube nicht, dass jeder, der da hingeht, gleich Unterstützer der AfD ist. Aber so ne kostenlose Wurst nimmt man sich gern mal mit, ist ja auch sonst nicht viel los“, sagt Brit. Und auch wenn CDU und SPD schon viel kaputtgemacht haben mögen. Die AfD würde noch mehr kaputtmachen.

Inzwischen ist die Nacht hereingebrochen über Depekolk. Der Regen ist wieder ausgeblieben, im Garten der ausbleibenden Witwe brechen die Brombeeren durchs Schuppendach, die Pfirsichkaltschale ist ausgelöffelt und Carsten muss ins Bett. Er will früh raus, im Kinderheim gibt es immer irgendwas zu reparieren, „und ich glaub die Kids finden mich ganz gut.“ Vor ein paar Tagen hat er ein paar Eimer „hochwertigster“ weißer Farbe ergattert, die jemand wegschmeißen wollte. Die nimmt er jetzt mit auf Arbeit, da werden sie sich freuen. Die Hitze hat auch bei ihm Spuren hinterlassen. Sein Grundstück liegt „wie auf einer Linse auf dem flachen Land“, auf einer Kuppe – in einer der wärmsten Gegenden Deutschlands. Eine fatale Thermik, die die Wolken immer um seinen Hof herumfliegen lässt und ihm am Wochenende die Thermometer platzen ließ.

„Vorstellbar wäre“, mutmaßt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, „dass die Menschen in den benachteiligten Regionen bereits flexible Lösungen gefunden haben, um ihre Lebensqualität in den Ortschaften aus eigener Kraft zu erhalten. Möglicherweise haben sie sich auf ihrem Niveau eingerichtet, ihre Erwartungen angepasst und damit ihr Glück gefunden.“

Vorstellbar wäre das.

Im dritten und letzten Teil dieses Reiseberichts lernen wir jedenfalls noch mehrere flexible Lösungen von den glücksuchenden Menschen dieser benachteiligten Region kennen, ein Wald wird besetzt werden, ein ganzes Dorf gar. Und die Polizei wird räumen, und die Unglücksuchenden werden Feuer legen. Und vielleicht werden wir sogar verstehen, warum diese Brit trotz allem sagt: „Aus der Altmark zieh ich nicht mehr weg!“


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Tim Reinboth, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert

Wo das Ordnungsamt anstrengender ist als die AfD

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