Es braucht bloß drei Zahlen, um die politische Stimmung eines ganzen Landes zu greifen.
Erstens: 84 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz unzufrieden.
Zweitens: Jede:r vierte Wahlberechtigte würde aktuell nicht wählen gehen oder ist unentschlossen. Das sind rund 15 Millionen Menschen.
Drittens: Von denjenigen, die bei der Bundestagswahl 2025 die Union gewählt haben und sie aktuell nicht wieder wählen würden, geht laut Forsa nur jede:r Fünfte zur AfD. 40 Prozent würden gar nicht wählen.
Seit Monaten befindet sich die Regierung in einer Dauerkrise. Die Stimmung ist schlecht, die Sehnsucht nach Veränderungen groß: Einige Spitzenpolitiker wie der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber fordern, mit der AfD zusammenzuarbeiten. Andere denken über eine Minderheitsregierung nach oder wollen den Kanzler austauschen. Aber was ist eigentlich das Problem dieser Regierung?
Mehr als 500 Menschen haben uns in einer Umfrage erzählt, was sie denken. Aus ihren Antworten geht hervor, was genau sie an der Bundesregierung stört. Wer sich die Weltlage und die Kritik an der Regierung anschaut, erkennt drei große Probleme, die sich gegenseitig befeuern.
Die Bundespolitik vs. das 21. Jahrhundert⬆ nach oben
Friedrich Merz galt jahrelang als Hoffnung des rechten Parteiflügels der Union. Aber er war noch nie Everybody’s Darling. Schon im Frühjahr 2021 war er der unbeliebteste Spitzenpolitiker des Landes, weit hinter Merkel, Söder, Habeck oder Scholz. Dennoch liegt es nicht nur an ihm, dass in der Regierung so wenig funktioniert.
In den vergangenen Jahren machte die Weltlage jeder Regierungskonstellation einen Strich durch die Wirtschaftspolitik. Erst die Pandemie, dann Russlands Angriff auf die Ukraine und jetzt Trump mit seinen Zöllen und seinen Angriffen auf andere Länder. Das kann eine Bundesregierung abfedern, aber nicht komplett abwenden. Ein Beispiel: Anfang 2026 sah es so aus, als könnte Deutschland sich aus der jahrelangen wirtschaftlichen Stagnation befreien. Dann ließ US-Präsident Trump Iran angreifen. Die Ölpreise stiegen, der Welthandel taumelte. Steigende Produktions- und Verbraucherpreise belasten seither Industrie und Arbeitnehmer:innen gleichermaßen, die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung ist dahin.
Der Iran-Krieg wiederum ist bloß der jüngste Ausdruck einer Weltordnung, die in Trümmern liegt. US-Präsident Trump hat die transatlantische Partnerschaft aufgekündigt und will die Welt mit anderen starken Männern in Einflusssphären aufteilen. In seiner Welt gleicht Politik Immobiliendeals: Alte Verbündete sind bloß langjährige Mieter mit einem viel zu günstigen Vertrag, die entweder mehr zahlen sollen oder rausgeschmissen werden. Eine Wertegemeinschaft existiert nicht mehr. Für Deutschland, das seine Sicherheitsarchitektur über Jahrzehnte auf die Ordnungsmacht der USA aufgebaut hat, ist das ein Desaster.
Als wäre das nicht genug, muss sich die schwarz-rote Koalition auch um innenpolitische Baustellen kümmern, die über Jahre gewachsen sind. Zum Beispiel um das Gesundheitssystem, das in einer strukturellen Finanzierungskrise steckt, weil die Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung steigen, die Einnahmen aber nicht. Ähnlich kompliziert ist die Lage bei Renten- und Pflegesystemen, die durch die alternde Gesellschaft unter Druck geraten. Die vergangenen Regierungen haben Reformen verschleppt, jetzt wird die Lage immer schwieriger.
Das erste Problem dieser Regierung ist ganz einfach der neue Normalzustand, den die wirtschaftlichen und geopolitischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts produzieren: Krisen, Kriege, Pandemien, Zölle, unterbrochene Lieferketten. Immer ist irgendetwas.
Die Regierung kann kaum agieren, sondern nur reagieren. Oftmals fehlt ihr der Handlungsspielraum, während die Bevölkerung gleichzeitig nach Halt sucht. Die Politik soll „liefern“, die Distanz zwischen Erwartung und Handlungsspielraum wächst. Dieser Herausforderung kann eine Regierung kaum gerecht werden. Das zeigen auch Umfragewerte aus dem Ausland. In kaum einem europäischen Land hat eine aktuelle Regierung eine Mehrheit hinter sich. Viele Regierungschef:innen sind genauso unbeliebt wie Merz. Das Staatsvolk ist enttäuscht. Überall.
So weit die Weltlage. Sie zeigt, wie schwer diese Regierung es hat. Aber sie ist auch keine Entschuldigung. Denn das Problem ist nicht nur die Weltlage, sondern auch, wie Schwarz-Rot damit umgeht.
500 Menschen haben uns gesagt, was sie über die Koalition denken⬆ nach oben
Umfragen zufolge traut mehr als die Hälfte aller Deutschen keiner Partei zu, mit den Problemen der Gegenwart fertig zu werden. Lediglich zwölf Prozent glauben an die Union, fünf Prozent vertrauen der SPD. Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, haben wir 500 Menschen gefragt, was sie an der Koalition stört. Klar, die Umfrage in der Krautreporter-Community ist nicht repräsentativ. Aber die Antworten decken sich mit repräsentativen Umfrageergebnissen aus der Gesamtbevölkerung. Und sie handeln weniger von Weltpolitik als von etwas Tiefgründigerem: dem Gefühl, dass die Regierung sich nicht für die Bürger:innen einsetzt, und dass es keine positive Vision für die Zukunft gibt.
Zunächst ist da der Kanzler selbst. „Der ist gut, aber arrogant.“ In diesen Worten beschrieb ein CDU-Mitglied Friedrich Merz schon 2018, als Merz Parteivorsitzender werden wollte. Laut einer Ipsos-Umfrage zur Bundestagswahl 2025 nahmen 31 Prozent der Deutschen Merz als „abgehoben“ wahr, 26 Prozent als „egozentrisch“. Ähnlich beschreiben viele KR-Leser:innen den Bundeskanzler. Merz wirke „kalt und empathisch wie eine desinfizierte Socke“, schreibt KR-Leser Nic. Dabei nennen die KR-Mitglieder immer wieder dieselben Beispiele: „Lifestyle-Teilzeit“, die Stadtbild-Debatte, die Aussage, Deutsche seien zu oft krank. „Er redet nicht mit den Menschen, er redet über sie“, schreibt Gudrun. Schließlich fliege Merz im Privatjet und kenne keinen normalen Berufsalltag. KR-Mitglied Martina formuliert es in Anlehnung an den Satiriker Oliver Welke so: „Merz hat bisher jede Bevölkerungsgruppe angegriffen – außer Säuglingen.“
Eine breite Mehrheit der KR-Mitglieder ist zudem überzeugt, dass die Union, und in geringerem Maße die SPD, vor allem im Interesse von Wirtschaftslobbyisten und Wohlhabenden handele, während die breite Mittel- und Unterschicht belastet oder ignoriert werde. Eine Kritik, die viele Gesichter hat: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche mit Verbindungen zur fossilen Energiewirtschaft. Jens Spahn und die Maskenaffäre. Kanzler Friedrich Merz selbst mit seiner Vergangenheit bei dem Vermögensverwalter Blackrock.
Diese Kritik geht einher mit einer anderen: Beide Regierungsparteien befinden sich in einer Identitätskrise. Die Union versucht durch rechten Kulturkampf, die AfD-Wählerschaft zurückzugewinnen. Doch die Umfrageergebnisse der AfD wurden nicht halbiert, wie Merz es angekündigt hatte, stattdessen ist die AfD zur stärksten Kraft aufgestiegen. Obwohl nach Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge die Anzahl der Asylerstanträge im vergangenen Jahr um die Hälfte gesunken ist.
Die SPD wiederum mache kaum noch Politik für Arbeitnehmer:innen und verprelle durch Gesetzesinitiativen wie die Bürgergeldreform und die Migrationspolitik ihre alte Wählerschaft, heißt es. „Die CDU hat das Christliche verloren und die SPD das Soziale“, schreibt Birte. Es fehle eine erkennbare Strategie für die Zukunft. Statt Lösungen für Wirtschaft, Klima, Bildung, Digitalisierung und soziale Ungleichheit zu entwickeln, verwalte sie den Status quo. „Sie versuchen, die heutigen Probleme mit den Werkzeugen von vorgestern zu lösen“, schreibt Ludger. Roman wiederum sagt: Die Ampel sei unbeliebt gewesen, aber man habe immerhin gewusst, wohin sie gewollt habe. Die aktuelle Koalition verlange Opfer von der Bevölkerung, ohne ein Ziel zu benennen oder eine Vision zu haben.
Hinzu kommt die Zerrissenheit der Regierung. Die gescheiterte 1.000-Euro-Entlastungsprämie für Arbeitnehmer:innen, der Rentenstreit, die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf an das Bundesverfassungsgericht: Die öffentliche Streiterei zwischen SPD und Union empfinden viele KR-Mitglieder als Zumutung. Unabhängig davon, ob man die inhaltliche Richtung der Regierung teilt. Laut ARD-Deutschlandtrend sind 87 Prozent der Bevölkerung unzufrieden damit, wie die Regierung ihre Politik erklärt und vermittelt. Mit dem Umgang der Regierungsparteien untereinander sind 84 Prozent unzufrieden.
Die Folge: Die Mitte wendet sich von der Union ab⬆ nach oben
Halten wir also fest, was die Probleme der Regierung sind. Problem Nummer eins ist die Weltlage, der neue Krisennormalzustand des 21. Jahrhunderts. Problem Nummer zwei ist eine zerstrittene Koalition unter einem Kanzler, der als abgehoben und volksfern gilt. Problem Nummer drei ist die Identitätskrise zweier Parteien, die sich profilieren wollen und deshalb kaum zu politischen Kompromissen finden. Parteien, die um die Krisen der Welt wissen und einen Herbst, Frühling oder Sommer der Reformen ankündigen, sich dann aber nicht einigen.
Kommen wir zurück zu den drei Zahlen am Anfang des Artikels, die die Stimmung in Deutschland beschreiben, und jenen 25 Prozent der Wahlberechtigten, die aktuell nicht wählen würden oder unentschlossen sind. Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl 2025 waren es 17,9 Prozent. Der Chef des Umfrageinstituts Forsa, Peter Matuschek, erklärte kürzlich im Podcast des stellvertretenden Chefredakteurs der Bild-Zeitung Paul Ronzheimer, dass die meisten enttäuschten Unions-Abwanderer nicht zur AfD abwandern, sondern sich gänzlich von der Politik abwenden. „Die Union verliert aktuell vor allem in die Wahlenthaltung“, sagte er. Aus den Umfragen gehe zudem hervor, dass die Abwanderer „mittiger als die noch verbliebenen CDU/CSU-Wähler“ seien. Die Union verliere die politische Mitte. Bei der SPD sei das ähnlich.
Das zeigt, welche Eigendynamik die Krise der schwarz-roten Koalition angenommen hat. Wir haben eine Mitte der Gesellschaft, die in unsicheren Zeiten voller Krisen nicht mehr an die alten Volksparteien glaubt. Und ehemalige Volksparteien, die um ihr Überleben kämpfen und dabei die Mitte der Gesellschaft verlieren.
Bei der SPD dauert der Verfall schon länger. Die Kanzlerschaft von Olaf Scholz war gewissermaßen die Ausnahme, die die Normalität bestätigt. Die Union wiederum, die in der Bundespolitik als Kanzlerwahlverein gilt, befindet sich nun in einer ähnlich starken Krise. Unter Friedrich Merz rückt sie weiter nach rechts. Aber mit ihrem Kurs gewinnt sie keine AfD-Wähler:innen zurück, sondern verliert auch noch ihre größte Zielgruppe, die politische Mitte. Gewissermaßen die Merkelianer.
Das mögliche Ergebnis ist bereits in den Umfragen zu sehen: Eine starke AfD mobilisiert die politisch Rechten und Unzufriedenen, während inhaltlich entkernte Volksparteien den Problemen der Gegenwart hinterherlaufen. Die Gesamtstimmung fasst ein KR-Leser insofern richtig zusammen: „Es ist zum Heulen.“
So weit die schlechten Nachrichten. Es gibt aber auch gute: Die Regierung hat noch drei Jahre, um die Mitte zurückzugewinnen. Was müsste sie dafür tun? Sag es mir in dieser Umfrage. Über die Antworten schreibe ich in einem meiner nächsten Texte.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey