Neid ist ein Gefühl, über das viel gesprochen wird und gleichzeitig eines, das kaum jemand offen zugibt. In politischen Debatten taucht es regelmäßig als Vorwurf auf: Wer mehr soziale Gerechtigkeit fordert, sieht sich schnell mit dem Verdacht konfrontiert, aus „Neid“ zu argumentieren. Begriffe wie „Neidgesellschaft“ oder „Sozialneid“ sind dabei längst zu festen Schlagworten geworden, besonders im deutschen Kontext.
Schon der französische Denker Alexis de Tocqueville beobachtete im 19. Jahrhundert ein Paradox moderner Gesellschaften: Gerade dort, wo Gleichheit versprochen wird, wächst der Neid. Denn wenn (angeblich) alle alles erreichen könnten, erscheinen Unterschiede plötzlich weniger schicksalhaft und mehr selbstverschuldet.
Auffällig ist: Neidisch sind wir meist nicht auf völlig Fremde, sondern auf Menschen, die uns nah sind: Kolleg:innen, Freund:innen, Nachbar:innen. Und der Neid entsteht vor allem dort, wo uns etwas wirklich wichtig ist. Welche Dinge wir begehren und wo wir uns vergleichen, ist dabei kein Zufall, sondern stark geprägt von gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was als erstrebenswert gilt.
Vielleicht lohnt sich deshalb ein anderer Blick: Neid nicht nur als „schlechte“ Emotion zu verstehen, sondern als Hinweis darauf, was uns wichtig ist und wo wir uns im Verhältnis zu anderen sehen.
Wir haben 150 Menschen gefragt: Worauf warst du zuletzt neidisch?
Ihre Antworten zeigen, wie vielfältig, persönlich und manchmal überraschend dieses Gefühl sein kann.
Lisa schreibt
Ohne Schmerzen zu leben⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin neidisch auf Menschen, die ohne (regelmäßige, heftige) Schmerzen leben. Menschen, die einfach Pläne machen und ihren Alltag zuverlässig bestreiten können, ohne dass ihnen ihr Körper einen Strich durch die Rechnung macht. Ich beneide diese Menschen auch dafür, dass sie nicht ständig ihre Ausfälle begründen müssen, sich für ihre Symptome rechtfertigen müssen und dafür in Frage gestellt werden.
Anonym schreibt
Kinder kriegen können⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin immer wieder neidisch auf Menschen, die Kinder bekommen. Mein Partner kann nach einer Krebserkrankung keine Kinder zeugen. Ich liebe ihn sehr, und ich freue mich für alle meine Freundinnen, die Kinder haben oder bekommen – das sind so gut wie alle, wir sind in den späten 30ern. Aber da ist auch so viel Trauer bei mir, so viel Schmerz. Und ja, auch Neid. Ich versuche, mir selbst gegenüber innerlich das Kinderkriegen madig zu machen, die positiven Seiten eines kinderfreien Lebens vor Augen zu führen. Trotzdem fühle ich regelmäßig diesen Stich im Herzen, wenn ich die Babys und Kinder meiner Freundinnen sehe.
Susanne schreibt
Urlaub machen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Auf die Urlaube von Menschen in meinem Umfeld und ihre damit zusammenhängende finanzielle Sicherheit. Ich kann mir keinen Urlaub leisten, bin froh, wenn ich meine Miete zahlen kann. Als Freiberuflerin kann ich eigentlich nicht mal wirklich freinehmen, auch wenn ich echt mal eine Pause bräuchte. Ich gönne den Leuten natürlich ihren Urlaub, aber ich bin so erschöpft und würde mir zumindest gern mal keine Sorgen ums Geld machen müssen.
Anonym schreibt
Ich war neidisch, als meine Kollegin, in die ich verliebt bin, während ihrer Schicht von ihrem Freund überrascht wurde⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Mit Blumen. Und sie sich dann ganz lange geküsst haben.
Anonym schreibt
Auf die Fähigkeiten anderer⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin eigentlich gar nicht auf Dinge neidisch, auch weil ich mir das meiste wahrscheinlich leisten könnte, wenn ich wollte. Ich bin neidisch auf Fähigkeiten. Das können banale Dinge sein wie Ordnung in der Wohnung halten, Dinge wie eloquent reden können oder leichtere soziale Interaktionen haben.
Simone schreibt
Eltern, die einen auf Händen tragen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Meine beste Freundin hat von ihrer Familie erzählt, wie ihre Mutter zu ihr kommt und bei ihr putzt und wäscht und ihr mit allem Möglichen hilft, um ihr damit ihre Wertschätzung und Liebe zu zeigen. Und wie ihr Vater immer genau aufpasst, was ihr gefällt (zum Beispiel eine bestimmte Süßigkeit). Und wenn sie ihn das nächste Mal besucht, hat er es schon für sie gekauft. Sie erzählte, dass ihre Schwester ihre beste Freundin auf der Welt ist und sie alle in der Familie sich mögen und wertschätzen. Ich habe sofort den Neid gespürt und auch eine Art Wut, wieso das bei ihr so toll sein kann und bei mir nicht.
Nic schreibt
Sorglos ins Alter starten können⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin neidisch auf Freunde und deren finanzielle Unabhängigkeit. Wir sind alle Ende 40 und ich bin wegen einer chronischen Erkrankung nicht mehr arbeitsfähig. Ich kämpfe um eine mickrige EU-Rente, während meine Freunde in der Wirtschaft in Führungspositionen haufenweise Geld verdienen und sich weitere Boni aushandeln. Ich habe immer im sozialen Sektor gearbeitet, oft unter dem Einkommensdurchschnitt und kann nun meinen „normalen“ Lebensstandard nicht mehr halten, während meine Freunde, ohne groß drüber nachzudenken, kostspielige Partys feiern oder drei bis vier Mal im Jahr in den Urlaub fahren. Ich gönne es ihnen, aber ich finde es ungerecht, dass ich nicht „mitspielen“ darf. Sie können sorglos in ihr Alter starten, ich muss alles berechnen und habe neben meiner Krankheit auch noch Sorgen, was es nicht besser macht.
Nicole schreibt
Studieren können⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Meine zwei Neffen studieren, jeder eine andere Fachrichtung. Sie haben sich in die Haare gekriegt, weil jeder für sich beansprucht, sein Studium sei viel schwieriger als jedes andere. Ich wurde so wütend, weil ich so gern selber studiert hätte und damals nicht konnte/durfte. Dann kam plötzlich der Neid auf die beiden. Er kam völlig unerwartet, und doch hat es mich maximal aus der Bahn geworfen.
Anonym schreibt
Freund:innen, die Kinder und eine eigene Familie haben⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin neidisch auf die Beziehungen und angepassten Lebensweisen meiner Freund:innen. Der Großteil meiner ältesten Freunde aus der Schulzeit und Studienzeit sind (waren) in festen Partnerschaften und haben Kinder bekommen. Da fühlte ich mich oft als Außenseiterin, und ich hatte mit Einsamkeit zu kämpfen. Ich war neidisch darauf, dass sie eine eigene Familie hatten, ein scheinbar erfülltes Leben und dass niemand sie kritisch hinterfragte, nach dem Motto: „Achso, du bist immer noch alleine? Du bist x Jahre alt und hast noch immer keine Kinder?“
Emily schreibt
Zeit mit dem Vater verbringen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin neidisch auf meine Geschwister. Wir haben ein kompliziertes Verhältnis zueinander, auch weil wir Halbgeschwister sind. Und es ist unlogisch und gemein, aber manchmal bin ich neidisch, weil sie so viel mehr Zeit mit meinem Vater bekommen, als ich jemals gehabt habe. Sie haben so viel mehr Chancen und Unterstützung, als ich je bekommen habe. Und, klar, gönn ichs ihnen, bin ja froh, wenns ihnen besser geht, als es mir ging. Aber der Neid darauf kommt immer wieder hoch.
Heiner schreibt
Das Glück von anderen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin grundsätzlich neidisch auf Menschen, die augenscheinlich ein glückliches, leichtes und sorgenfreies Leben führen können. Mein eigenes Leben ist geprägt von Sorge, Pflege für meine schwerkranke Frau und meine schwerkranke Tochter. Immer, wenn ich dachte, es würde mal etwas besser werden, wurde es noch schlimmer, neue Diagnosen, Unfälle, Selbstverletzung, Suizidgedanken der Tochter, aber auch Dinge wie Rohrbruch am Haus mit spontan mal 30.000 Euro Kosten, die die Versicherung nicht tragen will. Ich kenne das Gefühl nicht, um meiner selbst willen (bedingungslos) geliebt zu werden. Ich muss immer funktionieren, um irgendeine Art von Anerkennung zu erhalten. Das augenscheinliche Glück anderer Menschen kotzt mich immer mehr an, auch wenn ich es ihnen doch von Herzen gönnen würde.
Anonym schreibt
Kinderfreie Zeit⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
So schön das Elternsein auch ist, ich bin ein wenig neidisch auf alle, die ausschlafen, spontan wegfahren oder einfach mal mit ihrem Partner feiern gehen können. Das vermisse ich wirklich.
Saskia schreibt
Geliebt werden⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Auf Menschen, die zumindest einmal im Leben von einer Person geliebt wurden und wissen, wie es sich anfühlt, ausgewählt worden zu sein.
thomas schreibt
Auf die fitten Typen in der Hood, die an den Outdoorgeräten easy Klimmzüge machen.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Sarah schreibt
Leichtfüßig durchs Leben gehen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin neidisch auf Leute, die joggen können und es sieht leicht aus. Es ist unmöglich für mich und ich habe das nie erlebt. Es erinnert mich daran, dass ich niemals so eine Person sein werde. Weder auf sportlicher Ebene, noch dass ich mich jemals leichtfüßig durchs Leben bewegen werde. Ich tue manchmal so. Aber das hilft nicht.
Anonym schreibt
Auf Menschen, die aufgrund familiärer finanzieller Sicherheit ein Haus kaufen können, obwohl sie selbst nicht viel dafür getan haben.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Hannes schreibt
Charisma eines Freundes⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin neidisch auf das Charisma eines Freundes und wie einfach er auf Partys und Events neue Kontakte knüpft und ich dagegen steif daneben stehe und krampfhaft versuche, irgendwie relevant oder interessant zu sein.
Silja schreibt
Harmonische Beziehungen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Seit drei Jahren bin ich unfreiwillig Single und seither bin ich super neidisch auf Menschen in harmonischen Beziehungen. Außerdem bin ich manchmal neidisch auf Menschen, die sicher gebunden in einer liebevollen, aufmerksamen Familie aufgewachsen sind und deswegen spürbar selbstbewusster und sicherer durchs Leben gehen.
Anika schreibt
Spielende Kinder⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich bin neidisch auf sorglos spielende Kinder. Vielleicht ist Neid hier nicht ganz der richtige Ausdruck, aber ich wäre auch gern mal so sorglos und unbekümmert ganz im Moment wie sie.
Annette schreibt
Auf Menschen, die sich keine Gedanken um die Zukunft unserer Erde machen.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
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Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey