Wenn Demokratie und Autokratie zwei Boxer im Ring sind, dann musste die Autokratie in letzter Zeit ziemlich viel einstecken.
In Ungarn und Serbien verloren zwei Langzeit-Autokraten die Wahlen, in Brasilien setzte sich Amtsinhaber Lula da Silva gegen den Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro durch und bei den Zwischenwahlen in den USA gewannen die Demokraten noch deutlicher als erwartet gegen die Republikaner.
Das ist eine Momentaufnahme. Aber eine, die in ein größeres Bild passt. Der Demokratie-Index der Economist Intelligence Unit verzeichnet in seinem aktuellen Bericht eine Stabilisierung der Demokratiewerte. „Ist die Rezession der Demokratie wirklich vorbei?“, fragen die Autor:innen, so als könnten sie es selbst nicht ganz glauben. Doch tatsächlich seien die Anzeichen das erste Mal seit fast einem Jahrzehnt eher vielversprechend als beunruhigend, schreiben sie weiter.
Moment mal. Heißt das etwa, dass die Demokratie als Regierungsform gar nicht dem Untergang geweiht ist? Dass man Autokrat:innen wieder loswerden kann? In den vergangenen Jahren warnten sehr viele Menschen sehr eindringlich vor dem Untergang der Demokratie. Ich nenne sie „Demokratie-Doomer“. Ein „Doomer“ ist jemand, der sehr pessimistisch auf alles blickt.
Die Demokratie-Doomer liegen falsch.
Erstens: Einige Negativ-Szenarien sind übertrieben⬆ nach oben
Nicht nur der Economist, sondern auch andere große Organisationen untersuchen regelmäßig den Zustand der Demokratie. Sie sind quasi die Ärzt:innen, die einmal im Jahr eine große Diagnose stellen. Und sie kommen teilweise zu einem anderen Ergebnis als der Economist. Die amerikanische NGO „Freedom House“ oder das „V-Dem Institut“ aus Schweden blicken sehr viel düsterer auf den Zustand der Demokratie weltweit. „Noch nie zuvor haben sich weltweit so viele Länder gleichzeitig in Richtung Autokratie entwickelt wie in den letzten Jahren“, heißt es im großen Demokratie-Bericht von V-Dem.
Man kennt es: zwei Ärzt:innen, zwei Meinungen. Aber wer hat Recht?
Zwei Politik-Professoren an der Harvard-Universität und der University of Toronto, Steven Levitsky und Lucan Way, kritisieren in einem Paper von 2024 die negativen Berichte. „Um es ganz offen zu sagen: Die dramatischen Behauptungen von V-Dem und Freedom House über einen Rückgang der Demokratie stehen in krassem Widerspruch zu ihren eigenen Daten“, schreiben sie. So hätte Freedom House im Jahr 2022 behauptet, die weltweite Freiheit sei 16 Jahre in Folge zurückgegangen. Doch laut deren eigenen Daten sei die Zahl der freien Länder nur um sechs zurückgegangen – eine wesentlich bescheidenere Zahl, als die dramatische Aussage vom 16 Jahre währenden Rückgang der Freiheit suggeriert. Anderes Beispiel: V-Dem ordnet Länder wie Indien – das zwar eine fehlerhafte Demokratie ist, aber kompetitive Wahlen abhält – in die gleiche Kategorie ein wie die Republik Kongo, wo die Wahlen massiv und offensichtlich gefälscht werden.
„Wir können nur spekulieren, worauf diese Diskrepanz zwischen Daten und Rhetorik zurückzuführen ist“, schreiben Levitsky und Way. Sie vermuten, dass Behauptungen über einen großen Rückgang der Demokratien mehr Aufmerksamkeit bei Journalist:innen und Entscheidungsträger:innen erregen.
Die Diagnose „passt schon, auch wenns ein bisschen weh tut“ ist eben wenig spektakulär. Aber eigentlich eine positive Nachricht. Die Demokratie habe sich im 21. Jahrhundert als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen, schreiben Levitsky und Way. „Anstatt diese Widerstandsfähigkeit herunterzuspielen, sollten wir versuchen, sie besser zu verstehen – und auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, sie zu erhalten.“
Zweitens: Unsere Erwartungen an die Demokratie sind zu hoch⬆ nach oben
Wenn man den Zustand der Demokratie bewerten will, kommt es darauf an, mit welcher Periode man das Heute vergleicht. Mit den 2000ern? Den 1990ern? Der Zeit kurz vor oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg?
Die dänischen Politikwissenschaftler Jørgen Møller und Svend-Erik Skaaning sagen: Indem wir immer nur an die 1990er Jahre denken, ziehen wir die falsche Periode als Vergleich heran. In ihrem Buch „Sieben Mythen über die Demokratie“ räumen sie zwar ein, dass es einen negativen Trend gebe, „doch lässt sich noch keine groß angelegte Welle der Autokratisierung erkennen.“
Das zeigt diese Grafik: Betrachtet man die letzten zehn Jahre, ist der Abwärtstrend deutlich. Betrachtet man jedoch die Zeit seit den 1990ern, befinden wir uns auf einem hohen Plateau.
In den 90er Jahren legte die Entwicklung der Demokratie den Turbo ein. | Lexical Index of Electoral Democracy (LIED] 6.9
Die Nachkriegszeit und die 1990er Jahre, nach dem Zerfall des Ostblocks, waren sehr ungewöhnliche Zeiten. Länder verwandelten sich in Demokratien, und zwar schnell und in großer Anzahl. Die zahlreichen alarmistischen Analysen, so schreiben es Møller und Skaaning, scheinen auf der Prämisse zu beruhen, dass sich die Entwicklung der 90er Jahre automatisch fortsetze. „Wenn wir diese historisch außergewöhnliche Phase des Fortschritts als Vergleichsgrundlage heranziehen, ist es kein Wunder, dass die Demokratie in einer Krise zu stecken scheint.“
Drittens: Autokrat:innen regieren schlecht, und irgendwann wählt die Bevölkerung sie ab⬆ nach oben
Demokratien wirken oft volatil, unzuverlässig und chaotisch. Alle paar Jahre ändert sich die Regierung! Ständig gibt es Streit. Wer Talkshows wie „Markus Lanz“ oder „Sandra Maischberger“ schaut, bekommt den Eindruck, als seien die Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen so schwer zu überwinden wie eine Bordsteinkante mit einem E-Scooter.
Da scheint es nur logisch, dass ein starker Mensch an der Spitze das Land ruhig und sicher regieren kann. Autokraten verbreiten diese Erzählung häufig selbst. Es war eines der wichtigsten Versprechen Wladimir Putins in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Präsidentschaft, für Ruhe und Ordnung zu sorgen und nie wieder chaotische Zustände wie in den 1990ern zuzulassen.
Ein Blick auf real existierende Autokratien zeigt aber, dass sie keineswegs sicherer oder ordentlicher sind. „Fälle wie Singapur sind die Ausnahme, nicht die Regel“, sagt Demokratie-Forscher Hauke Hartmann von der Bertelsmann Stiftung.
Autokratien sind nämlich häufig sehr korrupt und Autokrat:innen interessieren sich selten dafür, das Leben ihrer Bürger:innen zu verbessern. Ungarn ist dafür das beste Beispiel. Im Sommer 2025 sprach ich dort mit einem Vater, László Gárdonyi, der gegen den damaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán demonstrierte. Er erzählte mir, dass er das Klopapier für die Schule seines Sohnes zahlen müsse. Gleichzeitig ist ein Jugendfreund von Orbán, der Oligarch und Bauunternehmer Lőrinc Mészáros, mehr als doppelt so reich wie Taylor Swift. László war nicht der Einzige, der das nicht länger akzeptieren wollte. Im April verlor Orbán die Parlamentswahlen, nach 16 Jahren an der Macht.
Natürlich braucht es grundsätzliche Freiheiten, damit eine Bevölkerung ihre autokratische Regierung abwählen kann. In einer Diktatur wie Iran ist das unmöglich, doch die wenigsten Länder sind so brutal wie das iranische Regime. Viele sind irgendwas dazwischen: sogenannte fehlerhafte Demokratien oder Autokratien, in denen gewählt wird. Und in solchen Ländern ist eine Veränderung möglich, auch wenn sie schwer ist.
Viertens: Die Welt funktioniert nicht wie ein Lineal, sondern wie ein Jojo⬆ nach oben
Demokratie-Doomer übersehen eine sehr grundsätzliche Sache: Sie gehen davon aus, dass Entwicklungen innerhalb eines Landes linear ablaufen, immer in eine Richtung. Wer so denkt, interpretiert jede negative Entwicklung als unweigerlichen Schritt Richtung Autokratie.
Die Welt funktioniert aber nicht wie ein Lineal, sondern eher wie ein Jojo.
In den vergangenen Jahren haben die meisten Menschen verstanden, dass Freiheiten nie garantiert sind, wenn sie einmal gewonnen sind. So wie das Recht auf Abtreibung in den USA. Die Meinungsfreiheit in Russland. Religionsfreiheit in Indien. Alles kann einem wieder weggenommen werden.
Umgekehrt heißt das aber auch: Alles kann wiederkommen. Wer das versteht, kann kein Demokratie-Doomer mehr sein.
Fünftens: Gerade wenn es schwierig wird, bilden sich demokratische Gruppen⬆ nach oben
In den USA gründeten sich Netzwerke, um die eigenen Nachbar:innen vor Festnahmen durch ICE zu warnen. In Serbien zogen junge Menschen über zwei Jahre hinweg durch die Dörfer, hielten Bürgerräte ab und traten mit ihren eigenen Kandidat:innen bei den Wahlen im Oktober an. Und gewannen. Selbst unter schwierigsten Bedingungen schließen sich Menschen zusammen, helfen sich gegenseitig, bauen etwas Neues auf.
Auf dem Papier stehen beide Länder, die USA und Serbien, für Autokratien oder zumindest Demokratien in der Krise. In Serbien war Aleksandar Vučić rund 15 Jahre an der Macht. Ob die studentische Bewegung das Land nach ihrem Wahlsieg dauerhaft transformieren kann, ist nicht gesichert. Die USA unter Donald Trump schlittern spektakulär in Richtung Autokratie.
Gleichzeitig machen Menschen in Ländern wie diesen mehr für die Demokratie als in so manch demokratischem Land. Etwa, indem sie sich in Ungarn gegen die Schließung ihrer NGOs wehrten, indem sie sich in Israel von anderen beschimpfen lassen oder indem sie in Serbien mehr als tausend Kilometer radelten, um auf ihre Bewegung aufmerksam zu machen.
Wer sind also die wahren Demokrat:innen? Diejenigen, die ohne Sorgen alle paar Jahre einen Zettel in eine Wahlurne werfen oder diejenigen, die ihre Zeit, ihre Ideen und manchmal auch ihre Gesundheit investieren?
Ich will hier nicht die Bürger:innen unterschiedlicher Länder gegeneinander ausspielen, aber dafür plädieren, nicht nur auf Statistiken und Wahlergebnisse zu schauen (auch wenn ich gerade einen ganzen Text dazu geschrieben habe). Mehr als Zahlen und Statistiken zählt das, was Menschen tun. Denn dann lässt sich jedes Land wieder in Richtung Demokratie steuern. Der einzige Jojo-Effekt, den alle gut finden.
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey