Zwei Jahre lang gingen Menschen in Serbien auf die Straße, um gegen das autoritäre System des Präsidenten Aleksandar Vučić und seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) zu protestieren.
Jetzt hat die studentische Bewegung die vorgezogenen Parlamentswahlen gewonnen. Mit 52 Prozent erreichte die Liste „Die Studenten gewinnen“ vorläufigen Zahlen zufolge die absolute Mehrheit und Vučić räumte noch am Wahlabend seine Niederlage ein.
„Das Ausmaß dieser Bewegung ist beispiellos in der jüngeren Geschichte Serbiens“, sagt Ivaylo Dinev bereits im Februar dieses Jahres. Er ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien, Berlin, sowie Experte für soziale Bewegungen.
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Diesen Artikel gibt es nur, weil uns KR-Mitglied Magnus eine Frage gestellt hat: „Was passiert gerade in Serbien und was kann es unserer Gesellschaft und Demokratie zeigen?“ Wenn du auch eine Frage einreichen willst, kannst du das über diese Umfrage tun.
Auslöser der Proteste war der Einsturz eines frisch renovierten Bahnhofsvordaches im nordserbischen Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Grund dafür war mutmaßlich Korruption beim Bau gewesen. An einer der größten Demonstrationen Mitte März 2025 in Belgrad beteiligten sich 300.000 Menschen.
Studierende aus allen Ecken des Landes kamen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder im Marathonlauf, um an den Demonstrationen teilzunehmen. Einige zogen durch die Dörfer auf dem Weg zum Protest, um noch mehr Menschen mitzureißen. 80 Studierende fuhren mit dem Fahrrad 1.300 Kilometer von Serbien nach Frankreich, um auf ihre Bewegung aufmerksam zu machen.
Die Studierendenbewegung schaffte es nicht nur, über Jahre zu protestieren, sie bildete auch Allianzen und Netzwerke über das ganze Land hinweg. Mit ihrer Strategie haben sie eine echte Veränderung herbeigeführt. Daraus lassen sich drei Punkte ableiten, wie eine Protestbewegung erfolgreich sein kann.
Die Protestbewegung machte mehr als nur Protest – sie ging in die Politik⬆ nach oben
Die Opposition im Parlament war schwach und zersplittert in viele kleine Parteien, die nur wenig Einfluss hatten. Sie sei „wirkungslos gegen die Regierung“ gewesen, sagt Dinev. Deswegen verfolgten die Studierenden eine simple, aber effektive Strategie: Sie kapselten sich von der Politik ab.
„Die Bevölkerung glaubt den jungen Menschen, weil sie noch nichts mit der Politik zu tun hatten“, sagt Dinev. Sie organisierten Generalstreiks mit Arbeiter:innen und erhielten Unterstützung von Landwirt:innen, Intellektuellen, Anwält:innen und Lehrkräften.
Eine Umfrage der serbischen NGO CRTA Ende Dezember 2024 zeigte: 61 Prozent der Bürger:innen befürworten die Proteste, 58 Prozent glauben, dass die Studierenden sich aufrichtig wünschen, dass die Verantwortlichen der Tragödie von Novi Sad zur Rechenschaft gezogen werden. Deutlich weniger, nämlich 33 Prozent, betrachten die Proteste als Teil einer Verschwörung „interner und externer Feinde“, um Serbien zu destabilisieren.
Für die Parlamentswahlen am 25. Oktober erstellte die Studierendenbewegung eine eigene Liste mit Kandidat:innen, mit Professor:innen der Studierenden und anderen Intellektuellen, die keine Verbindung zu Parteien haben. „Im Grunde ist es eine technokratische Liste“, sagt Dinev. „Das ist normal in einem Land, in dem die Verbindung zur Politik negativ belastet ist.“ Denn die serbische Zivilbevölkerung ist skeptisch gegenüber der Politik: Sie sei nicht nur gegenüber Vučićs Regierung mistrauisch gewesen, so Dinev, „sondern auch gegenüber der Opposition.“
Sie liefen tausende Kilometer und sprachen mit den Bürger:innen⬆ nach oben
Was verbindet also die Menschen in der Protestbewegung? „Es ist eine Graswurzelbewegung“, sagt Dinev. Im Mai 2025 liefen 21 Studierende zu Fuß fast 2.000 Kilometer von Novi Sad nach Brüssel, andere besetzten ein ganzes Jahr lang ihre Universitäten, um zu protestieren. Sie demonstrierten nicht nur auf den Straßen von Belgrad und Novi Sad, auch in kleinen Städten und Dörfern versammelten sie sich. Die Studierenden zogen durch die Dörfer und sprachen in Bürgerversammlungen über lokale Probleme und organisierten Proteste und Petitionen dafür.
„Das ist einer der wichtigsten Aspekte, an die Orte zu gehen und mit den Menschen dort zu sprechen“, sagt Dinev. Es helfe, die Gesichter der Bewegung zu sehen. So erreichten sie nämlich auch Menschen, die den Protesten misstrauisch gegenüberstehen, weil sie regimetreue Medien konsumieren oder Vučić-Wähler sind.
In einem autoritären Regime ist es schwer, Veränderungen zu erreichen. Nach Ansicht Dinevs braucht es immer noch mehr Proteste, mehr Demonstrationen, mehr Menschen und vor allem mehr Zeit. „In sozialen Bewegungen ist das Zeitfenster für die Mobilisierung zu Protesten sehr klein“, meint er. Das heißt: Regimegegner:innen müssen die kurze Phase nutzen, in der sie andere für ihre Bewegung begeistern können. Ansonsten verpufft die Energie und alles bleibt, wie es vorher war.
Vučić nutzte das aus. Denn während in anderen Ländern Regierungen zurückgetreten wären, nutzte er die Zeit, um an der Macht zu bleiben, sich auf die nächsten Wahlen vorzubereiten und abzuwarten, bis die Demonstrationen und die Zustimmung der Protestierenden nachlassen. Die Proteste wurden tatsächlich nach einiger Zeit kleiner und die Beteiligung ging zurück.
Doch auch in dieser Phase konnte die Studierendenbewegung ihr Momentum nutzen, weil die Mehrheit der Bevölkerung sie weiterhin als Möglichkeit betrachtete, das Land zu verändern.
Was sich daraus ableiten lässt⬆ nach oben
Das Erfolgsrezept der serbischen Protestbewegung besteht also aus diesen Punkten:
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Gespräche: Sie posteten nicht nur auf Social Media und warteten auf Unterstützung. Sie traten mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht in Kontakt, nahmen die Sorgen, Ängste und Probleme wahr, die man nicht nur aus den großen Städten kennt, sondern auch in den Dörfern. Sie bildeten klassenübergreifende Allianzen und gründeten Gemeinschaften.
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Ausdauer: Die Proteste dauerten rund zwei Jahre an. Die Demonstrationen wurden zwar kleiner, aber sie zeigten dauerhafte Präsenz seit November 2024. Diese Ausdauer hielt die Emotionen hoch, die ein Protest braucht. Sie verlängerten das Momentum, das den Studierenden für echte Veränderung blieb.
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Initiative: Die Protestierenden misstrauten nicht nur dem Vučić-Regime, sie glaubten auch nicht daran, dass die Opposition Veränderung schafft. Weil ein großer Teil der Bevölkerung der Politik misstraut, wurden sie selbst aktiv. Sie sind basisdemokratisch aufgestellt und organisierten Plenen, Vollversammlungen an den Universitäten und Bürgerversammlungen in den Dörfern. Mit ihrer Studierendenliste traten sie zur Wahl mit eigenen Kandidat:innen an.
„Ich denke, das ist eine Strategie, die viele Menschen im westlichen Kontext vergessen haben“, sagt Dinev. „Es ist eigentlich der Geist der 68er-Bewegung.“
Dieser Artikel wurde zuerst am 26.02.2026 veröffentlicht. Wir haben ihn nach den Wahlen aktualisiert.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer; Audioversion: Iris Hochberger