Anna Astachowa sitzt in ihrem wieder aufgebauten Kindergarten, daneben die zerstörte Berufsschule.

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Politik und Macht

Ukraine: Lohnt sich Wiederaufbau mitten im Krieg?

Deutschland ist das größte Unterstützerland der Ukraine in Europa, das Geld fließt auch in den Wiederaufbau. Ich bin nach Odessa gefahren, um herauszufinden, was das bringt.

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Das lauteste Geräusch in Odessas Straßen sind die Sirenen, die mehrmals pro Tag vor russischen Drohnenangriffen warnen. Wenn sie mal nicht heulen und es ganz still ist, dringen aus dem geöffneten Fenster des Kindergartens „Krylatyk“ Kinderstimmen nach draußen. Dies ist kein normaler Kindergarten. Er wurde mitten im Krieg eröffnet.

Die meisten Räume befinden sich im Keller, damit die Kinder bei Luftalarm einfach weiterspielen können. Es gibt ein Notfallsystem, damit der Kindergarten auch dann Strom und Wärme hat, wenn russische Angriffe die Energieinfrastruktur von Odessa lahmlegen. „Krylatyk“, das heißt so viel wie „Flügelchen“ oder „kleines Ding mit Flügeln“. Hier sollen sich alle Kinder entfalten können, anstatt dass ihnen die Flügel gestutzt werden, sagt die Gründerin und Leiterin des Kindergartens, Anna Astachowa.

Einen Kindergarten mitten im Krieg eröffnen, wer kommt auf so eine Idee? Astachowa ist nicht die Einzige, die etwas aufbaut, während um sie herum vieles zerstört wird. Ukrainer:innen gründen Unternehmen, reparieren Kraftwerke und setzen Wohnungen instand. Auch auf höherer Ebene ist der Wiederaufbau bereits auf der Agenda: Ein Mal pro Jahr findet eine Wiederaufbaukonferenz statt, bei der sich Politiker:innen, Wirtschaftsvertreter:innen und NGOs treffen, um den Wiederaufbau der Ukraine zu planen. Deutschland ist nach den USA das größte Unterstützerland der Ukraine, und das Geld fließt nicht nur in Rüstung, sondern auch in Reparaturen und Wiederaufbau.

Bevor ich nach Odessa gefahren bin, haben mich mehrere Krautreporter-Mitglieder gefragt, ob es überhaupt sinnvoll ist, mitten im Krieg schon über Wiederaufbau nachzudenken. Oder, wie es KR-Mitglied Adrian in einer Mail an mich formuliert hat: „Lohnt es sich überhaupt zu investieren, wenn alles Erbaute Gefahr läuft, von Drohnen und Raketen zerschossen zu werden?“

Ein Direktor baut seine Schule wieder auf⬆ nach oben

„Jeder Mensch hat eine Menschenwürde, hat das Recht auf Unterkunft und Ernährung“, sagt dazu Tilman Brück, Entwicklungsökonom und Friedensforscher. Ich erreiche ihn in der syrischen Hauptstadt Damaskus, wo er gerade Daten für Forschungsprojekte erhebt.

Wenn Russland die Energieinfrastruktur in der Ukraine bombardiert, haben die Menschen dort keine Heizung oder keinen Strom. Wirft Russland Bomben, gehen Gebäude oder zumindest die Fensterscheiben in ihren Wohnungen kaputt. Wer denkt, dass man erst wieder aufbauen soll, wenn der Krieg vorbei ist, erwartet, dass die Menschen ohne Strom und Fensterscheiben leben. Möglicherweise jahrelang. Damit sie ein menschenwürdiges Leben führen können, muss man also auch im Krieg ständig reparieren und aufbauen, was sie dafür brauchen. Selbst wenn sie immer wieder angegriffen werden.

In Odessa habe ich eine Berufsschule für Bautechnik und Architektur besucht, die Anfang des Jahres von russischen Drohnen getroffen worden ist. Die Drohnen rissen ein Loch in eine Außenwand, ließen die Fensterscheiben zersplittern, die Schule brannte. Der Angriff kam um halb drei Uhr nachts. Der Direktor der Schule, Ihor Chernenko, weiß die Uhrzeit genau, weil er noch in der Nacht zum Schulgebäude fuhr, um den Schaden zu begutachten.

Jetzt lässt er die Schule wieder aufbauen, obwohl er weiß, dass sie jederzeit wieder beschädigt werden könnte. Sie befindet sich in der Nähe des Hafens und damit in einem besonders gefährdeten Gebiet, weil Russland den strategisch wichtigen Hafen ständig angreift. „Wir wissen nicht, wann der Krieg enden wird und wir können nicht warten“, sagt Chernenko. Die jungen Menschen bräuchten schließlich eine gute Ausbildung. „In wenigen Jahren werden diese Kinder diejenigen sein, die das Land wieder aufbauen.“

Ein Mann steht vor Werkzeugen und einer Leiter.

Chernenko lässt seine Berufsschule wieder aufbauen, auch wenn sie jederzeit wieder zerstört werden könnte. | © Isolde Ruhdorfer

Manche Arbeiten in ihrer zerstörten Berufsschule führen die jungen Leute selbst aus, sie ziehen neue Wände ein oder montieren Paneele an der Decke. Als ich dort war, hörte ich ständig ein Hämmern oder Klappern. Der praktische Teil ihrer Ausbildung besteht also darin, ihre eigene Berufsschule wieder aufzubauen. „Auf diese Weise zeigen wir unserem Feind Russland, dass wir keine Angst haben. Wir leben, lernen und bauen weiter“, sagt Schuldirektor Chernenko. Für das Land geht es dabei auch um seine wirtschaftliche Zukunft.

„Wenn man zerstörte Infrastruktur nicht wieder aufbaut, verliert man doppelt“, sagt Entwicklungsökonom Brück. „Erstens ist die vergangene Investition verloren und zweitens verliert man den zukünftigen Nutzen, den man hätte haben können, wenn man wieder aufgebaut hätte.“

„Ich habe das Gefühl, wieder lebendig zu werden“⬆ nach oben

Wohnungen und Energieinfrastruktur sind das eine. Aber warum im Krieg einen Kindergarten eröffnen? Anna Astachowa, 28, hat die langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt ein sonnengelbes T-Shirt. Sie hat eine Stunde Zeit, solange die Kinder Mittagsschlaf machen.

Sie kommt aus Melitopol, einer Stadt im Südosten der Ukraine, die Russland nach seinem Großangriff im Jahr 2022 besetzte. Der Strom, das Wasser und das Netz fielen aus. Astachowa war allein mit ihrem sechs Monate alten Baby, ihr Mann kämpfte in der Armee. Als sie hörte, dass russische Soldaten in der Stadt nach Ukrainer:innen suchten, deren Angehörige in der Armee kämpfen, wusste sie, dass sie fliehen musste.

Sie zog zunächst mit ihrem Kind nach Polen, dort waren sie sicher. Aber sie ging „seelisch zugrunde“, wie Astachowa sagt. Sie hatte keinen Job und ihren Mann konnte sie nur alle drei Monate treffen. Bei einem dieser Treffen erkannte ihre Tochter ihren Vater nicht wieder. Also beschloss Astachowa, wieder in die Ukraine zurückzuziehen. In Odessa ließ sie sich beraten und bekam eine Förderung über das Arbeitsamt, von der sie die Einrichtung für ihren neuen Kindergarten kaufte, zum Beispiel Schränke und Matten für die Böden. Heute besuchen ihn ungefähr 30 Kinder und Astachowa kann sich von den Einnahmen ein eigenes Gehalt auszahlen.

Eine Frau sitzt auf einem Sofa mit einem Kuscheltier-Vogel in der Hand.

Astachowa mit einem der Kuscheltiere, das jedes Kind an seinem ersten Tag bekommt | © Isolde Ruhdorfer

Auch das erklärt, warum viele Ukrainer:innen mitten im Krieg wieder aufbauen: Anders würden sie es nicht aushalten. Astachowa glaubt, dass fast alle im Land zumindest zeitweise am gleichen Syndrom leiden, dem des „aufgeschobenen Lebens“. Wer davon betroffen ist, schiebt Entscheidungen und neue Schritte auf die Zeit nach dem Krieg. Nur weiß niemand, wann das sein wird. Astachowa hat deshalb beschlossen, nicht länger zu warten. „Ich habe das Gefühl, wieder lebendig zu werden“, sagt sie.

Warum Wiederaufbau der falsche Begriff ist⬆ nach oben

„Ich finde den Begriff ‚Wiederaufbau‘ nicht sehr hilfreich“, sagt Entwicklungsökonom Brück. In Syrien zum Beispiel sei der Krieg im Land selbst entstanden. „Aber möchte ich die Gesellschaft wieder aufbauen, die es in Syrien vor dem Krieg gab? Möchte ich die Diktatur wiederherstellen, ihre Systeme und ihre Wirtschaftsstruktur?“ Im Kleinen könne man zwar ein Haus wieder aufbauen, sagt Brück. Aber eine Nachkriegsgesellschaft sei immer eine andere als die Vorkriegsgesellschaft. „In diesem Sinne gibt es logisch gar keinen Wiederaufbau.“

Auf Englisch gibt es den Begriff „build back better“, auf Deutsch etwa: „besser wiederaufbauen“. Er bedeutet, nicht den vorherigen Zustand wiederherzustellen, sondern sogar einen besseren als vor der Zerstörung. Die ukrainische Regierung hat sich das explizit vorgenommen. Bis 2030 soll die Innovationsstrategie „Win Win“ umgesetzt werden. Ziel ist es, Innovationen zu fördern, um für Wirtschaftswachstum zu sorgen und die Ukraine langfristig stabiler zu machen.

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Die Journalistin Mareike Müller hat mit „Die Zukunft erfinden – mitten im Krieg“ ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie die Ukraine mitten im Krieg Innovationen vorantreibt. Zum Beispiel können seit ein paar Jahren Ukrainer:innen behördliche Angelegenheiten über die App „Diia“ erledigen. Ein anderes Beispiel ist, dass die Ukraine das Stromnetz nicht nur konstant repariert, sondern auch dezentralisiert, um es weniger anfällig für Störungen und Angriffe zu machen.

Auch Astachowa baut nicht einfach ihren alten Kindergarten aus Melitopol nach, sondern einen, der auch gegen Angriffe mit Drohnen und Raketen gewappnet ist. Sie überlegte sich pädagogische Konzepte, damit die Kinder besser mit Stress, Ängsten und Konflikten umgehen können.

„Ich liebe einfach alles, was mit Kindern zu tun hat“, sagt Astachowa, „mir etwas Neues auszudenken, verschiedene Spiel- und Lernaktivitäten auszuprobieren, das macht mir wirklich großen Spaß.“ Sie zeigt mir ein Heft, das jedes Kind bekommt und das sie selbst gestaltet hat. Jedes Mal, wenn ein Kind etwas gut gemacht hat, zum Beispiel ein Spielzeug geteilt, einen Streit friedlich beigelegt oder die Blumen gegossen, darf es unter dem jeweiligen Abschnitt einen Aufkleber einkleben, ein Herz oder einen Stern mit zwei Flügeln.

Ohne die Menschen ist alles nichts⬆ nach oben

Ohne Kinder gäbe es diesen Kindergarten nicht. Und ohne Kindergärten bleiben weniger Familien mit Kindern im Land. Je schlimmer die Lage in der Ukraine, desto mehr Menschen verlassen das Land. Entscheidend ist vor allem, wie heftig Russland angreift und wie sicher sich die Menschen fühlen. Es zählt aber auch, ob es noch Wohnungen, Krankenhäuser, Schulen und Kitas gibt. Ließe man all das in Trümmern liegen, bis der Krieg irgendwann endet, würden vermutlich deutlich mehr Ukrainer:innen ins Ausland fliehen, auch nach Deutschland.

Rein wirtschaftlich betrachtet würde das Deutschland erst einmal Geld kosten. Auf lange Sicht würde es dem überalterten Deutschland wahrscheinlich eher nützen, wenn sich mehr Menschen hier ein neues Leben aufbauen. Für die Ukraine ist das allerdings ein Problem: Von den rund 40 Millionen Menschen im Jahr 2022 leben dieses Jahr nur noch 30 Millionen Menschen auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet.

Ein Land, aus dem die Menschen davonlaufen, kann sich kaum neu aufbauen, selbst wenn die Angriffe längst vorbei sind. Das zeigt sich nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Ländern wie Syrien. Deutschland zahlt Menschen, die freiwillig zurückkehren, aktuell 1.000 Euro pro Person. „Das zwingt die Menschen in eine Alles-oder-nichts-Haltung“, sagt Entwicklungsökonom Brück. Sinnvoller wäre eine „Schnupper-Rückkehr“. Die Menschen könnten mehrmals zurückreisen, eine Wohnung herrichten, sich nach Arbeit umsehen oder Schulen anschauen, bevor sie sich endgültig entscheiden.

Für die britische Denkfabrik Chatham House haben zwei Politikwissenschaftlerinnen beschrieben, wie der Wiederaufbau in der Ukraine gesamtgesellschaftlich funktionieren kann. In ihrem Paper sprechen sie das Demografieproblem deutlich an. Es brauche echte wirtschaftliche Möglichkeiten und sinnvolle Gesetze für die Bürger:innen. Das sei besonders relevant, „da das Land seine Flüchtlinge dazu ermutigen muss, aus anderen Teilen Europas zurückzukehren, seine jungen und talentierten Arbeitskräfte zu halten und eine große Streitmacht aufrechtzuerhalten, um Russland in Zukunft abzuschrecken.“

Wer bleibt, steht vor einer anderen Frage: nicht ob, sondern wie oft man wieder neu anfangen kann. Chernenko und Astachowa bauen nicht nur gerade etwas auf, sie rechnen auch damit, es irgendwann noch einmal tun zu müssen. Chernenko weiß, dass seine Berufsschule wieder getroffen werden kann und nimmt das hin. Astachowa weiß, dass es in Odessa noch gefährlicher werden kann. Sie hält es inzwischen für möglich, in einen anderen Teil der Ukraine zu ziehen und dort noch einmal einen Kindergarten zu eröffnen.


Hinweis: Die Reise in die Ukraine wurde von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. organisiert. Ihor Chernenko und Anna Astachowa erhielten jeweils eine Förderung vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey

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