Skyline von Teheran, mittendrin eine Explosion eines Luftschlags.

Mohammad Nouri/Freier Fotograf/Getty Images/

Politik und Macht

Sind wir schon im dritten Weltkrieg?

1914 war den Leuten schließlich auch nicht klar, dass ein Weltkrieg beginnt.

Ein:e Krautreporter-Leser:in fragt: „Wie hoch ist die Gefahr eines dritten Weltkriegs gerade wirklich?“

Die Nachrichtenlage deutet in eine Richtung.

Kriege in Europa, in Afrika, im Nahen Osten, in Asien. Großmächte, die Kriege beginnen, für Rohstoffe oder um ein anderes Land zu unterwerfen. Andere Großmächte, bei denen alle nur darauf warten, dass sie angreifen.

Im Jahr 2024 stieg die Zahl der staatlich geführten bewaffneten Konflikte von 59 auf 61. Das Uppsala Conflict Data Program verzeichnete damit das zweite Jahr in Folge eine historisch hohe Zahl an Konflikten. Die Zahl der Kriege stieg von neun auf elf, der höchste Stand seit 2016.

Auch die Militärausgaben steigen. 2024 lagen sie bei 2,718 Milliarden US-Dollar – der stärkste Anstieg gegenüber dem Vorjahr seit mindestens dem Ende des Kalten Krieges, so das Friedensforschungsinstitut Sipri.

Droht also ein Dritter Weltkrieg? Manche sagen: Ja. Andere sagen, diese Behauptung sei übertrieben. Und dann gibt es noch die Ansicht, dass wir schon mittendrin sind. Es hätten nur noch nicht alle mitbekommen.

„Ich kann mich an keinen gefährlicheren Moment in der Weltpolitik erinnern“⬆ nach oben

Als ein lebenslanger Soldat stelle er sich die Frage nach dem dritten Weltkrieg nicht leichtfertig, schreibt Sir Richard Shirreff in der britischen Zeitung Daily Mail. „Ich kann mich jedenfalls an keinen gefährlicheren Moment in der Weltpolitik in meinem ganzen Leben erinnern – und ich bin mittlerweile 70.“ Shirreff war von 2011 bis 2014 Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa.

Wenn die USA in einen Bodeneinsatz im Nahen Osten hineingezogen werden, so argumentiert Shirreff, dann werden China und Russland keine Zeit verlieren, daraus einen Vorteil zu schlagen. China würde Taiwan angreifen, vielleicht sogar schon im Jahr 2027. Und wenn die USA dann an mehreren Stellen abgelenkt wären, würde Russland in der Ukraine mit mehr Wucht und vielleicht sogar die baltischen Staaten angreifen.

Aus diesen Gründen, so befürchtet es Shirreff, werden die Historiker:innen der Zukunft den Angriff auf Iran „als den entscheidenden Auslöser für einen Dritten Weltkrieg zurückblicken.“

Vielleicht stecken wir aber auch schon mittendrin, ohne es zu merken⬆ nach oben

Aber war der Angriff auf Iran wirklich der Auslöser? Oder stecken wir nicht schon längst mittendrin? Den Ersten Weltkrieg nannten die damals Beteiligten nicht von Anfang an „Weltkrieg“. Sie nannten ihn den „großen Krieg“. Und wenn auch die Todeszahlen heute nicht mit denen der damaligen Weltkriege zu vergleichen sind, so bleibt doch das Gefühl: Wenn man alle Kriege, Allianzen und Verstrickungen weltweit zusammenrechnet, dann könnte man das ebenfalls als „großen Krieg“ bezeichnen.

Fiona Hill, eine der weltweit bekanntesten Russland-Expert:innen, sagte schon 2022, dass wir uns inmitten eines dritten Weltkriegs befinden.

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Paul Poast, Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Chicago, schreibt ebenfalls: Wir stecken mittendrin. „In den vergangenen zwei Jahren gab es mehr Kriege – sowohl innerhalb einzelner Länder als auch zwischen ihnen – als in jedem anderen Zeitraum seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, schreibt er in einem Kommentar in der New York Times.

Poast betrachtet den Russland-Ukraine-Krieg und den Krieg Israels und der USA gegen Iran und sieht darin Parallelen zu den ersten beiden Weltkriegen. Zwar seien die heutigen Kriege kleiner. Aber sie seien alle aus dem gleichen Impuls entstanden: „Konkurrierende Nationen setzen voll und ganz auf militärische Gewalt als erstes und vorrangiges Mittel zur Machtausübung.“

Übrigens gab es vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg Kriege, die man ebenfalls als Weltkriege bezeichnen könnte, wie Poast erklärt. Der Siebenjährige Krieg Mitte des 18. Jahrhunderts zum Beispiel, oder die Napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das seien ebenfalls globale Auseinandersetzungen gewesen, so Poast, bestehend aus einzelnen Kriegen zwischen den Großmächten auf verschiedenen Kontinenten.

Schon Winston Churchill, der britische Premierminister während des Zweiten Weltkriegs, sagte, dass der Siebenjährige Krieg der wahre erste Weltkrieg gewesen sei.

Für einen Weltkrieg fehlt eine entscheidende Zutat⬆ nach oben

Ein Problem an dem Wort „Krieg“ ist, dass es in unserem Verständnis zu schwarz-weiß ist. Krieg oder Frieden, da oder nicht da. Dabei gibt es viele Vorstufen einer vollumfänglichen Invasion. Es gibt hybride Angriffe auf Infrastruktur, es gibt Proxygruppen oder Waffenlieferungen an Kriegsparteien.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Pippa Malmgren spricht von einem „Schattenkrieg“. Der Dritte Weltkrieg findet ihrer Meinung nach bereits statt, nur sieht er nicht so aus, wie sich die meisten Menschen einen Krieg vorstellen. Anstelle von Armeen und klaren Fronten lägen die Druckpunkte heutzutage in Systemen: Satelliten, Schifffahrtswege, Häfen, Energienetze, Finanzströme und Software.

Nickolay Kapitonenko würde allerdings nicht so weit gehen, direkt von einem Dritten Weltkrieg zu sprechen. Er ist Professor für internationale Beziehungen an der Taras-Schewtschenko-Universität in Kyjiw und schreibt, dass sich all die aktuellen Kriege in ihrem Zerstörungspotential weiter unter den ersten beiden Weltkriegen befinden. „Für einen Weltkrieg fehlt noch immer die entscheidende Zutat: die direkte Konfrontation zwischen den Großmächten.“

Was ist es denn nun? Dritter Weltkrieg oder nicht? Vielleicht braucht es gar nicht den Begriff „Weltkrieg“, um zu beschreiben, was gerade passiert. Großmächte befinden sich in Konflikten. Sie führen immer öfter konventionelle Kriege, um ihre Ziele durchzusetzen. Diese Entwicklung ist eindeutig. Ob man es „Weltkrieg“ nennt oder nicht.


Dieser Text ist Teil unserer Communitywoche „All You Can Ask“. In dieser Woche antworten wir auf wirklich alle Fragen, die unsere Leser:innen uns stellen. Hast du eine Frage? Stell sie uns direkt hier:


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Theresa Bäuerlein, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger

Sind wir schon im dritten Weltkrieg?

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