Ich habe schon viele Analysen zum Russland-Ukraine-Krieg geschrieben. Aber Analysen zeigen nicht, wie es ist, jeden Tag mit Angriffen und Explosionen zu leben. Ganz ehrlich, wirklich nachvollziehen kann man das wahrscheinlich nur, wenn man es selbst dauerhaft erlebt.
Diese Übersetzung hat Isolde Ruhdorfer ausgewählt
Isolde schreibt bei Krautreporter seit mehreren Jahren über Außenpolitik. Sie tauscht sich immer wieder mit den Journalist:innen von der Zeitung The Kyiv Independent aus und durfte diesen Artikel übersetzen und auf die Krautreporter-Seite holen.
Gute Texte sind wie ein Fenster, durch das man zumindest einen kurzen Einblick in eine andere Realität bekommt. Linda Houranis Bericht ist so ein Text. Linda ist ungefähr so alt wie ich und sie hat den gleichen Job. Wir sind beide Journalistinnen in einer Hauptstadt. Aber in ihrem Land ist Krieg und in meinem nicht.
Ich mag Lindas Text, weil er so nüchtern ist, sie beschreibt einfach ihren Tag. Deshalb wollte ich diesen Text, den sie für die ukrainische Zeitung The Kyiv Independent geschrieben hat, unbedingt zu uns auf die Seite holen. Und ich würde mich freuen, wenn du einen kurzen Blick durch das Fenster in ihre Realität wirfst.
Der 23. September 2026, ein Mittwoch, sollte ein normaler Bürotag für mich werden. Ich wollte für eine Investigativ-Geschichte recherchieren. Doch angesichts der täglichen Drohnen- und Raketenangriffe Russlands hat das Wort „normal“ für Ukrainer:innen eine neue Bedeutung bekommen.
Seit August haben sich die russischen Angriffe auf Kyjiw und andere Städte verstärkt. Grund dafür sind die schnelleren Jet-Drohnen des Typs Shahed, die schwerer abzufangen sind.
Im Gegensatz zu den nächtlichen Drohnen- und Raketenangriffen, an die sich die Ukrainer:innen schon gewöhnt haben, erstrecken sich die neuen Angriffswellen über den gesamten Tag. Auf dem Weg zur Arbeit, während des Büromeetings oder beim Abendspaziergang: Ständig können russische Drohnenangriffe stattfinden und man muss unterbrechen, was man gerade tut.
Am Mittwochmorgen weckte mich eine laute Explosion gegen sechs Uhr morgens. Eine russische Jet-Drohne war irgendwo in Kyjiw eingeschlagen. Ich schnappte mir mein Telefon und schaute nach, wo genau die Explosion stattgefunden hat. Da es nicht in meiner Nähe oder der Nähe meiner Familie war, schlief ich weiter.
Als ich aufstand und mich für die Arbeit fertig machte, füllte sich unser Arbeitschat mit Berichten über verschiedene Luftangriffe in ganz Kyjiw und Fotos von entfernten Rauchwolken. Ich dachte immer noch, die Luftangriffe fänden irgendwo weit entfernt statt.
Die Einschläge rücken näher⬆ nach oben
Draußen war es sonnig, aber etwas frisch, daher zog ich einen Pullover über mein Kleid und wollte gerade das Haus verlassen, als mich meine Mitbewohnerin rief. Ihre Stimme war angespannt.
„Linda, gehts dir gut? Ich lese gerade, dass es in unserer Gegend Angriffe gibt.“
Sie sagte mir, dass ich das Haus so schnell wie möglich verlassen sollte. Wir lachten beide nervös – die Art verwirrten Lachens, die wir uns angewöhnt hatten, um Stress abzubauen.
Einige Minuten später hörte ich einen ohrenbetäubenden Knall, der sich sehr nah anhörte. Mein erster Impuls war, auf meinem Telefon zu checken, ob sich weitere Drohnen im Anflug befanden und den aufsteigenden Rauch für unsere Berichterstattung über die Angriffe zu fotografieren.
Rauch steigt in der Nähe des Hauptbahnhofs auf. | Linda Hourani/The Kyiv Independent
Da ich die Reporterin war, die sich am nächsten am Ort des Angriffs befand, sollte ich über die Angriffe berichten, die sich in dem Bereich rund um den Hauptbahnhof Kyjiws ereigneten. Ich musste warten, bis der Alarm vorbei war, dann sollte ich mich dorthin begeben.
Drohnen kreisen über Kyjiw, im Café stehen die Menschen für Kaffee an⬆ nach oben
Ich hatte an dem Tag ohnehin schon viel um die Ohren, da ich einen wichtigen Termin für einen kranken Angehörigen vereinbaren musste. Ich war aufgewühlt. Damit sich dieser Tag zumindest ein Stück weit wieder normal anfühlte, beschloss ich, mir um die Ecke einen Kaffee zu holen, bevor ich mich auf den Weg zum Ort des Angriffs machte.
Das Café war unerwartet voll. Während russische Drohnen über die Stadt flogen, standen die Menschen, die eigentlich bei der Arbeit sein sollten, hier für Kaffee und Desserts an. Ich nahm an, dass die meisten Menschen hier in der Nähe arbeiteten und so wie ich aufgefordert worden waren, sich in Sicherheit zu bringen, stattdessen aber hierhergekommen waren.
Nach dem neuen mehrstufigen Luftschutzsystem dürfen Cafés bei gelber Alarmstufe, das heißt, bei herannahenden Drohnen, offenbleiben, müssen aber alles in Take-Away-Bechern und -Behältern ausgeben.
Ich wartete, bis ich dran war und beobachtete, wie der Barista schnell einen Cappuccino mit Hafermilch zubereitete, danach einen Espresso. Dann gab es draußen eine weitere Explosion. Und noch eine. Auf der Straße hallten die Geräusche des Angriffs wider, darunter der vertraute Ton der Flugabwehrgeschütze.
Die Leute im Café unterhielten sich. Der Barista schenkte weiter Kaffee aus, als wäre nichts gewesen. Mir wurde bewusst, wie schnell eine Szene wie diese zur Normalität geworden war. Über uns schwirren die ganze Zeit Drohnen, daher haben sich die Grenzen dessen, was uns alltäglich erscheint, immer weiter verschoben. Ich schnappte mir meinen Kaffee und machte mich auf den Weg in den Schutzraum.
Als der Angriff vorbei war, lief ich los, um vom Ort des Einschlags zu berichten. Dafür folgte ich der Rauchspur am Himmel.
Am Einschlagsort unterbricht der nächste Luftalarm die Berichterstattung⬆ nach oben
Nachdem ich etwa acht Minuten lang vom Kyjiwer Hauptbahnhof aus gelaufen war, sah ich Rettungskräfte, die einen Brand in einem historischen Markt bekämpften, den Russland angegriffen hatte. Als ich den Ort des Geschehens erreichte, stieß unsere Videoproduzentin Nastia Kasinchuk zu mir. Wir sprachen mit Anwohner:innen und drehten ein Video über den Angriff für unsere Berichterstattung in den sozialen Medien.
https://www.instagram.com/reels/DdoiQISIwm5/
An diesem Morgen kamen bei einer Reihe tödlicher russischer Drohnenangriffe auf Kyjiw zwei Menschen ums Leben, mindestens 45 weitere wurden verletzt; Eisenbahninfrastruktur, Geschäftszentren und Wohngebäude wurden beschädigt.
Als ich gerade vor der Kamera stand, ging erneut ein Luftalarm los, was bedeutete, dass wir die Aufnahme stoppen und einen Schutzraum aufsuchen mussten. Auch die Rettungskräfte pausierten ihre Arbeit und begaben sich in eine sichere Entfernung, falls es erneut zu Einschlägen kommen sollte.
Als wir mit unserer Berichterstattung fertig waren, lag der halbe Tag noch vor uns.
Zuerst ging es mir gut. Ich dachte, dieser Angriff hätte mich emotional weniger mitgenommen als frühere, bei denen ich über Wohngebäude berichtet hatte, bei denen ganze Stockwerke ausgebrannt waren. Zumindest lebte niemand auf dem historischen Markt. Die Erschöpfung machte sich erst später bemerkbar.
Feuerwehrleute löschen am 23. September einen Brand in einem Marktgebäude in Kyjiw. | Global Images Ukraine/Getty Images
Als ich mit den Interviews fertig war und in einem Café die Kommentare transkribierte, versuchte ich meine eigentliche Aufgabe für diesen Tag fortzusetzen. Ich musste dringend Nachrichten bezüglich meiner investigativen Recherche beantworten, aber die Energie, die mich den ganzen Vormittag über angetrieben hatte, war wie weggeblasen. Starke Kopfschmerzen zwangen mich dazu, den größten Teil des Abends im Bett zu verbringen.
Wir gewöhnen uns an die Drohnenalarme⬆ nach oben
Das war nicht das erste Mal, dass mich ein Angriff auf diese Weise mitgenommen hat. Ich habe gelernt, dass die Erschöpfung manchmal einsetzt, wenn die Berichterstattung zu Ende ist und ich wieder Ruhe habe.
Der Krieg trifft uns alle auf unterschiedliche Art und Weise. Was uns aber möglicherweise alle verbindet, ist das Bedürfnis nach einem gewissen Maß an Vorhersehbarkeit. Wir entwickeln neue Routinen, gewöhnen uns an die Alarmmeldungen und finden heraus, wann wir Schutz suchen müssen und wann wir sicher wieder zur Arbeit gehen können.
Die ständigen Drohnenangriffe Russlands erschweren uns aber selbst das, denn die Jet-Drohnen sind schneller, kreisen stundenlang über der Stadt und schlagen über den Tag hinweg immer wieder zu. Es gibt immer weniger Anhaltspunkte, um zu erkennen, woher der nächste Angriff kommt und wann er erfolgen könnte.
Und trotzdem steht man am nächsten Morgen wieder auf, schaut auf sein Telefon, zieht sich an, geht zur Arbeit, holt sich einen Kaffee. Der Krieg fügt sich in unsere täglichen Routinen ein – bis einen die nächste Explosion daran erinnert, dass er immer da ist.
Der Kyiv Independent ist ein ukrainisches Medienunternehmen, das auf Englisch publiziert. Die Zeitung berichtet aus der Ukraine über den russischen Angriff auf das Land. Den Original-Artikel könnt ihr hier lesen.
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Übersetzung: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey