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Als ich kürzlich durch die Straßen von Odessa lief, fiel mir etwas auf.
In der Ukraine gehören Werbeplakate für die Armee inzwischen genauso zum Straßenbild wie Ukraine-Flaggen. Sie hängen an Laternenpfählen, von Brücken oder sind neben einer großen Straße angebracht.
In der New York Times ist im vergangenen Jahr ein Artikel dazu erschienen, wie sich die Plakate über die Jahre verändert haben und was das über die Phase des Krieges aussagt.
Besonders präsent sind die Werbeplakate des dritten Armeekorps, einer Einheit der ukrainischen Landstreitkräfte. Im Jahr 2023 sahen die Plakate beispielsweise so aus:
Screenshot: Wetschirniy Kyjiw
Der Schriftzug lautet: „Kämpf in der dritten Sturmbrigade“. Der russische Großangriff war zu diesem Zeitpunkt knapp ein Jahr her. Auf dem Plakat wird der Verteidigungskrieg als heroischer Kampf dargestellt, die russischen Soldaten als Zombies. Viele Ukrainer:innen nannten die russischen Soldaten damals „Orks“.
Zwei Jahre später, im Jahr 2025, warb der dritte Armeekorps vollkommen anders um Personal:
Screenshot: Instagram/Dritter Armeekorps
Auf dem Plakat sieht man den Soldaten namens Toha mit seiner Tochter, darunter steht: „Wir sind hier, um zu leben“. Statt eines heroischen Kampfes gegen Zombies könnte man hier den Eindruck gewinnen, dass man auch als Soldat oder Soldatin ein ganz gutes Leben führen kann. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die Einsicht durchgesetzt, dass der Krieg noch lange dauern könnte. Und dass das Leben auch währenddessen irgendwie weitergehen müsse.
Gerade hängt dieses Plakat des dritten Armeekorps überall:
© Isolde Ruhdorfer
Auf dem Bild steht: „Zusammen sind wir unbesiegbar“. Zu sehen sind mehrere Menschen, ganz vorne der Gründer und Kommandeur der Einheit, Andriy Biletsky. Sie sehen zuversichtlich aus und lächeln.
Ich interpretiere das als Durchhalteparole.
Der Ukraine fällt es immer schwerer, Soldaten zu rekrutieren⬆ nach oben
Die Situation in der Ukraine ist schlimm. Obwohl die Ukraine diesen Sommer an der Front Erfolge erzielen konnte, hat sie immer größere Probleme damit, Soldaten zu finden. Wegen der Mobilisierung verlassen manche Männer ihre Wohnung nicht mehr. Sie haben Angst, beim Einkaufen oder auf dem Weg zur Arbeit mitgenommen und als Soldaten eingezogen zu werden.
Gleichzeitig greift Russland immer mehr zivile Infrastruktur an: Nicht nur Energie- und Heizungsanlagen, auch Supermärkte, Tankstellen und Züge sind Ziel der Angriffe. Allein im Juli dieses Jahres wurden fast 440 Zivilisten getötet. 30 Prozent mehr als im Vormonat und 70 Prozent mehr als im gleichen Monat des Vorjahres. In manchen Regionen sprechen die Ukrainer:innen schon von einer „menschlichen Safari“, weil es Videos gibt, auf denen zu sehen ist, wie russische Drohnen Zivilisten jagen.
Alle blicken mit großer Sorge und Anspannung auf den Winter. Denn der wird dunkel und kalt. Und weil die Ukraine nicht genug Patriot-Abfangraketen hat, werden die russischen Luftschläge noch mehr Zivilist:innen töten.
Es ist schwer, einen positiven Ausblick zu finden. Und genau deshalb plakatiert das dritten Armeekorps nun wahrscheinlich auch Durchhalteparolen.
Ich möchte diesen Newsletter nicht komplett deprimierend enden lassen. Ich hatte auch schöne und aufbauende Gespräche in der Ukraine. Zum Beispiel unterhielt ich mich mit einer Frau, die in Odessa einen Kindergarten eröffnet hat und sich so fühlt „als würde sie ins Leben zurückkommen.“ Mehr dazu erfährst du in einem meiner nächsten Artikel. Abonniere meinen Newsletter, um ihn nicht zu verpassen.