Das Haus der German Society of Pennsylvania, davor ihr  Präsident Mark McGuigan.

Isolde Ruhdorfer

Politik und Macht

Vielleicht sind wir Deutschen die schlechten Freunde

Mark McGuigan beschäftigt sich den ganzen Tag mit Deutschen. Trotzdem sagt er: „Ich liebe Deutschland nicht." Was er damit meint, beschreibt genau, was zwischen beiden Ländern gerade schiefläuft,

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Mark McGuigan, Deutschlehrer und Präsident der German Society of Pennsylvania, sagt, er liebe Deutschland nicht. Und das, obwohl es wahrscheinlich nur wenige Amerikaner:innen gibt, in deren Leben Deutschland eine so große Rolle spielt wie in seinem.

Mit 16 Jahren war er das erste Mal für ein Auslandsjahr in West-Berlin. Heute, mit Anfang 60, unterrichtet er Deutsch an einer weiterführenden Schule in New Jersey und arbeitet mindestens 15 Stunden pro Woche ehrenamtlich als Präsident der German Society of Pennsylvania. Wenn man ihn fragt, was er beruflich macht, sagt er ironisch „I do Germans“ und meint damit, dass er sich von morgens bis abends mit Deutschen beschäftigt. Trotzdem liebe er Deutschland nicht, sagt er. „Aber ich liebe viele Deutsche.“

Es mag nur ein kleiner sprachlicher Unterschied sein, aber er beschreibt ziemlich gut, was gerade das Problem der deutsch-amerikanischen Beziehungen ist. Die German Society ist der ideale Ort, um zu verstehen, wie es um diese Beziehungen steht. Und ihr Leiter Mark McGuigan ist die ideale Person, um darüber zu sprechen.

„Ich bin Amerikaner, kein Deutscher, und gleichzeitig schwebt meine Identität irgendwo über dem Atlantik“⬆ nach oben

McGuigan kommt auf einem grünen Fahrrad angeradelt und schließt das Gebäude der German Society auf. Über der Stadt liegt an diesem Morgen Nebel, auf den Bürgersteigen häufen sich Schneereste. Philadelphia ist die größte Stadt des Bundesstaates Pennsylvania und liegt knapp zwei Stunden Busfahrt von New York City entfernt. Die historische Fassade des Gebäudes besteht aus roten Backsteinen, in die Wand eingelassenen weißen Säulen und meterhohen Fenstern. Innen sind die Räume mit dunklem Holz vertäfelt, im hauseigenen Konzertsaal hängen Kronleuchter von der Decke. In einer Ecke steht ein gigantisches Lebkuchenhaus, von dem mindestens zehn Personen satt werden würden.

Die German Society of Pennsylvania ist laut eigenen Angaben die älteste deutsche Organisation der USA. Sie wurde Mitte des 18. Jahrhunderts gegründet, einer Zeit, in der besonders viele deutschsprachige Personen nach Nordamerika einwanderten. Die meisten von ihnen siedelten sich im Bundesstaat Pennsylvania an, dessen Gründer William Penn in Deutschland religiöse Minderheiten als „Siedler“ anwarb.

Die Überfahrt mit dem Schiff dauerte mehrere Wochen und die Menschen mussten in Zwischendecks ausharren, die auf Lagerung von Waren und nicht auf den Transport von Menschen ausgelegt waren. Ein Mangel an sauberem Wasser und frischen Lebensmitteln sowie beengte Verhältnisse führten dazu, dass viele Krankheiten grassierten. In einem entsprechend schlechten Zustand kamen viele der Einwanderer:innen in Pennsylvania an. Eine Gruppe Deutscher gründete deshalb eine Organisation „zur Unterstützung notleidender Deutscher“.

Heute kommen nicht mehr so viele notleidende Deutsche in Pennsylvania an (außer vielleicht ich, denn ich habe einen ziemlichen Jetlag). Die German Society gibt es aber immer noch und ihre Türen stehen allen offen, die eine Schlagerparty besuchen, einen Deutschkurs machen oder einfach nur zum jährlichen Bierfest kommen wollen.

„Ich bin Amerikaner, kein Deutscher, und gleichzeitig schwebt meine Identität irgendwo über dem Atlantik“, sagt McGuigan. Wir haben es uns in zwei Sesseln in der Bibliothek gemütlich gemacht und trinken heimlich eine Diet Coke, obwohl die Bibliotheksleiterin hier Getränke verbietet. In den Regalen stehen deutschsprachige Romane, Koch- und Schulbücher. Hinter McGuigan im Regal steht ein Gedichtband des deutschsprachigen Dichters Rainer Maria Rilke.

„Ich glaube, wenn es den Beziehungen auf politischer Ebene schlecht geht, ist es unsere Aufgabe, die Beziehungen auf zivilgesellschaftlicher Ebene aufrechtzuerhalten“, sagt McGuigan. Aber mit den Beziehungen auf zivilgesellschaftlicher Ebene wurde es zuletzt ja auch immer schwieriger.

Die Deutschen haben ein immer schlechteres Bild von den Amerikaner:innen⬆ nach oben

Klar, es gab schon immer genug Gründe, kritisch auf die USA zu blicken, aber lange Zeit war das Land trotzdem ein Sehnsuchtsort für viele Deutsche. Mit Donald Trump begann dann die Entfremdung. Vor allem in seiner zweiten Amtszeit machte er es den Deutschen immer schwerer, die Amerikaner:innen zu mögen: Er belegte Waren aus zahlreichen Ländern mit hohen Zöllen, bedrohte Grönland und bezeichnete Deutschland als „kaputt“. Die US-Angriffe auf Venezuela und Iran schockierten viele Deutsche genauso wie das brutale Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE gegen Migrant:innen.

Für 65 Prozent der Deutschen hat sich das Bild der USA zuletzt verschlechtert, ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift „Internationale Politik“. Laut einer Umfrage der Körber-Stiftung aus dem November 2025 ist die Mehrheit der Deutschen erstmals seit drei Jahren nicht mehr der Ansicht, dass die USA der wichtigste Partner für Deutschland sind.

Auch McGuigan merkt, dass sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren verschlechtert hat, wenn er mit seinen deutschen Freund:innen und Bekannten spricht. Als die USA im Januar dieses Jahres Venezuela angegriffen und den Machthaber Nicolás Maduro entführt hatten, bekam McGuigan eine Nachricht von einem Freund aus Deutschland, der auf die Amerikaner:innen schimpfte, die so etwas zulassen würden. „Manche Leute haben so ein Absolutdenken“, sagt McGuigan. „Entweder die Amerikaner sind absolut Dies oder absolut Das.“

Ähnliche Erfahrungen machen auch andere Mitglieder der German Society. Am Abend spielen drei Musiker:innen Kammermusik von Haydn, hinterher gibt es Kaffee und Kuchen im „Ratskeller“. Claus Günter Petersen, ein älterer Herr mit einem breiten Lächeln, lebt seit den neunziger Jahren in den USA, lernte hier seine Frau kennen und hat inzwischen beide Staatsbürgerschaften.

Auch er hat schon Erfahrungen mit dem „Absolutdenken“ mancher Deutscher gemacht. Vergangenes Jahr sagte ein Freund aus Deutschland zu Petersen, er solle sich schämen, weil er die amerikanische Staatsbürgerschaft habe. Petersen ärgert es, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen inzwischen so zerrüttet sind. Und es tut ihm weh. Gleichzeitig sagt er selbst: „Ich entwickle ein negatives Bild von den Amerikanern.“ Er engagiert sich bei den Demokraten und macht sich Sorgen über die Entwicklung in Richtung Faschismus.

Aus Sicht eines Republikaners sind die Beziehungen besser, schließlich versteht er sich gut mit der AfD⬆ nach oben

Menschen wie Petersen, mit Bezügen zu beiden Ländern, wünschen sich eine funktionierende Beziehung zwischen Deutschland und den USA. Aber wie sehen das die Amerikaner:innen, die überhaupt erst dazu beigetragen haben, dass die Freundschaft zwischen den Ländern keine mehr ist? Darüber spreche ich ein paar Tage später mit Troy Olson. Er ist Mitglied des New York Young Republican Clubs, einer Organisation für Republikaner:innen zwischen 18 und 40 Jahren, die sehr rechtsgerichtet ist. Als ich ihn darauf anspreche, dass unter Trump die Beziehungen zwischen den USA und Europa besonders schlecht geworden sind, sagt er, dass er einen „neuen Internationalismus“ anstrebe.

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Sein Club habe gute Beziehungen, beispielsweise nach Polen oder Ungarn, wo zum Zeitpunkt unseres Gesprächs Viktor Orbán noch Ministerpräsident war. Die Labour-Partei in Großbritannien werde seiner Meinung nach an Macht verlieren, die rechtspopulistische Marine Le Pen in Frankreich die Präsidentschaftswahlen gewinnen. „Wir laden alle herzlich ein, sich uns anzuschließen, um die Zivilisation und unsere jeweiligen Länder zu retten“, sagt er. Ende 2025 veranstaltete der New York Young Republican Club, dem Olson angehört, das Event „Drinks with AfD“.

Während Deutschland und die USA auf politischer Ebene Schwierigkeiten miteinander haben und sich progressive und sogar konservative Deutsche von den USA abwenden, stärkt ausgerechnet die AfD ihre transatlantischen Beziehungen.

Das Bittere daran ist, dass es die anderen Amerikaner:innen ja immer noch gibt: diejenigen, die sich für andere Länder interessieren und an guten Beziehungen festhalten wollen. Zu den Events der German Society kommen nicht nur Menschen mit deutschen Wurzeln, sondern auch solche, die sich ganz allgemein für Deutschland interessieren.

Meredith Spindler zum Beispiel, eine Frau in Strickjacke mit langen dunklen Haaren, besucht gerne die Konzerte der German Society oder den Weihnachtsmarkt. Sie sagt, Europa könne sich nicht darauf verlassen, dass die Beziehungen wieder werden wie früher. Auch wenn sie sich wünsche, dass Europa irgendwie durchhalte. „Heartbreaking“ sei das, herzzerbrechend. Alle, mit denen ich bei meinem Besuch der German Society gesprochen habe, sagten mir, wie traurig sie darüber seien, dass die Länder auf politischer wie auf persönlicher Ebene immer weiter auseinanderdrifteten.

Die German Society of Pennsylvania steht wie kaum ein anderer Ort für die deutsch-amerikanische Freundschaft. Hier lässt sich aber auch beobachten, wie diese gerade kaputt geht. Vielleicht steht die German Society deshalb auch für das Ende einer Freundschaft – zumindest in der Form, in der sie bisher bestanden hat.

Es ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, ein Land als Ganzes zu lieben. McGuigan unterscheidet deshalb zwischen dem Land an sich und den einzelnen Menschen. Er findet, dass sich ein ganzes Land nicht lieben lässt, einzelne Menschen dafür schon. Aber nicht alle Deutschen wenden das gleiche Prinzip auf die USA an.


Die Reisekosten wurden von den Kellen Fellowships des American Council on Germany übernommen.

Redaktion: Hannah Mara Schmidt, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert

Vielleicht sind wir Deutschen die schlechten Freunde

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