Das Wahlplakat der Satirepartei „Die Partei“ sagt alles: „Wehrpflicht ab 67! Die Jugend kann doch nichts.“
Es ist ein Ausdruck einer Ratlosigkeit, die sich in weiten Teilen unserer Bevölkerung breitmacht, und die in der Frage mündet, ob Blödheit unsere politischen Auseinandersetzungen dominiert – oder Bosheit.
Denn gerade junge Menschen müssen sich regelmäßig vorwerfen lassen, sie wären frech, faul, doof, unkonzentriert und politikverdrossen. Die Älteren verweisen gern auf mangelnde schulische Leistungen, den Anstieg der Jugendkriminalität oder die Verweildauer auf Tiktok und Youtube. Es ist eine Litanei so alt wie die Menschheit. Die Jugend von heute … Wo doch früher alles besser war.
Nun aber soll dieselbe Jugend einen historischen Schuldenberg abtragen, ein dysfunktionales Rentensystem finanzieren, ein kaputtes Land übernehmen, das Überleben in einer überhitzten und lebensfeindlichen Welt absichern und das Land mit der Waffe verteidigen.
Ich bin 42 Jahre alt. Wäre ich 20 Jahre jünger, käme ich mir reichlich veralbert vor.
Die Diskussionen um die „Jugend von heute“ kenne ich aus einer Zeit, als ich selbst jung war. Irgendwo zwischen „Killerspiel“-Debatte und der Warnung vor „Alkopops“ und „Flatrate-Partys“ ermittelte man die „Null-Bock-Generation“, mit der kein Staat zu machen war. Als junger Mensch mit dunkler Haut und einem sogenannten „Migrationshintergrund“ erlebte ich aber auch etwas anderes: offene Ausgrenzung, blanken Hass und Brandanschläge auf die Wohnhäuser ausländischer Familien.
Als im Jahr 1993 das Haus der Familie Genç in Solingen in Flammen aufging, fünf Menschen starben und 17 teils lebensgefährlich verletzt wurden, wohnte ich mit meinen Eltern 13,5 Kilometer vom Wohnhaus dieser Familie entfernt. Ein Jahr zuvor starben bereits in Mölln mehrere Menschen durch einen rassistischen Brandanschlag. Ich sah über die gesamte Dauer meiner Kindheit und Jugend Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, später rassistische Gewalt in Chemnitz, Clausnitz, Heidenau und Freital. Ich zählte mit, wann immer Menschen aus rassistischen Gründen totgeprügelt wurden. Ich erlebte, wie der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers in meiner Heimat NRW mit dem Slogan „Kinder statt Inder“ in den Wahlkampf zog. Und schlussendlich die Landtagswahl gewann und als Ministerpräsident vereidigt wurde.
Als ich im Jahr 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, fühlte ich mich einerseits diesem Land und seinen Menschen verbunden, andererseits hatte ich nicht das Gefühl, dass ich dazugehörte. Wenige Wochen nach meiner Einbürgerung bekam ich Post vom Kreiswehrersatzamt in Solingen, wo man mich zur Musterung einbestellte. Ich machte mir die Entscheidung nicht leicht, verweigerte aber dennoch den Dienst an der Waffe und leistete meinen Zivildienst.
Stephan Anpalagan ist KR-Autor, und diese Woche erscheint sein neues Buch im Fischer-Verlag. Dieser Text gibt einen Vorgeschmack.
„Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“, Fischer, 18 Euro.
Offensichtlich, so dachte ich damals, waren weite Teile von Politik und Gesellschaft der Meinung, dass ich nicht deutsch genug bin, um als selbstverständlicher Teil dieses Landes zu gelten. Wie genau sollte ich also die Bundesrepublik mit der Waffe verteidigen? Oder um es mit dem Wahlplakat von oben zu beschreiben: „Die Migranten können es doch nicht.“ Warum also sollten sie für Deutschland kämpfen?
Warum sollten ausgerechnet sie dieses Land verteidigen?⬆ nach oben
Heute führen wir dieselben Diskussionen wieder, beziehungsweise noch immer. Dabei haben gerade die jungen Migranten, die jüdischen und muslimischen Familien, die Frauen, die Schwulen, die Sinti und Roma, überhaupt nahezu alle marginalisierten Bevölkerungsgruppen in unserem Land drängende Fragen, die über die technische Wehrfähigkeit der Bundeswehr und die juristische Ausgestaltung einer Wehrpflicht hinausgehen.
Warum sollen ausgerechnet diejenigen, die in unserem Land täglich Rassismus, Antisemitismus, Frauen-, Schwulen- und Transfeindlichkeit erleben, dasselbe Land mit der Waffe verteidigen?
Und welcher Grund könnte es rechtfertigen, dass ausgerechnet diejenigen, die selbst horrende Gewalt erlebt haben, nun anderswo Gewalt anwenden, um die politischen Interessen Deutschlands zu verteidigen?
Ich habe den Kriegsdienst verweigert. Heute zweifle ich daran⬆ nach oben
Vor einem Jahr widmete ich diesen Fragen einen langen Artikel in der Zeit. Ich schrieb über meine Gewissensentscheidung, mit der ich den Kriegsdienst verweigert habe, befasste mich mit meinem christlichen Glauben und meiner migrantischen Familie. Ich fragte mich, ob ich heute den Kriegsdienst wieder verweigern und Zivildienst leisten würde. Und je mehr ich mich mit dem Pazifismus auseinandersetzte, desto ferner wurde er mir.
Ich telefonierte mit Soldatinnen und Soldaten und hatte irgendwann Nariman Hammouti am Telefon. Hammouti ist die Tochter marokkanischer Eltern. Sie ist Frau, Migrantin, Muslimin. Sie ist aber auch Soldatin der Bundeswehr. Bei der deutschen Marine. Kapitänleutnant. Der höchste Dienstgrad des gehobenen Dienstes.
Wir telefonierten mehrfach. Wir redeten viel, stritten manchmal und waren an einigen Stellen gemeinsam ratlos. Eines aber betonte sie immer wieder: Sie lehnte Krieg und gewaltsame Auseinandersetzungen ab. Gerade deshalb aber wollte sie Teil einer starken Bundeswehr sein, damit es gar nicht erst zum Krieg komme. Mehrfach betonte Hammouti das humanitäre Völkerrecht, erklärte, dass sie den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit unserer Gesellschaft einerseits am eigenen Leib spüre, aber gleichzeitig als Teil einer staatlichen Organisation für die Menschenrechte und Menschenwürde kämpfen würde. Schlichtweg weil sie aus eigenem Erleben weiß, wie zerbrechlich diese Prinzipien sind.
Und so sehr es Diplomatie, Gesprächskanäle und Friedensbemühungen braucht: Wer aufhört, für die Freiheit zu kämpfen, gibt sie den Feinden preis. Sollten sich aufgrund einer feindlichen Bedrohung, Krieg und militärische Auseinandersetzung nicht vermeiden lassen, so sollten freie Gesellschaften in der Lage sein, sich angemessen zu verteidigen.
Die Ukraine fleht um Hilfe, Deutschland schickt 5.000 Helme⬆ nach oben
Für Krautreporter habe ich einen ausführlichen Essay über die Hintergründe der russischen Aggression und das deutsche Versagen im Umgang mit der russischen Bedrohung geschrieben: Selbst als Russland im Jahr 2014 die Krim-Halbinsel annektierte und den Donbass unterwanderte, hielten viele Politiker in Deutschland an ihrer Appeasement-Politik fest.
Im Jahr 2022 griff Russland dann den Rest der Ukraine an, beschoss die Hauptstadt Kiew, besetzte ganze Regionen. Und während die ukrainische Führung um Hilfe flehte, rang Deutschland mit sich selbst. Sollten die Deutschen den Ukrainern helfen, sich zu verteidigen? Oder wäre das aussichtslos oder gar gefährlich, weil es Russland provozieren würde? Drei Kriegswochen vergingen, bis die erste offizielle militärische Hilfe aus Deutschland die Ukraine erreichte. Zwei Lastwagen lieferten: 5.000 Helme. Die damalige Verteidigungsministerin Christine Lambrecht nannte das „ein starkes Signal“.
Ich schämte mich in Grund und Boden. Und spürte, wie sich langsam meine Haltung veränderte.
Der Pazifismus und die Überzeugung, dass sich Konflikte nicht militärisch lösen lassen, gerieten immer mehr in den Hintergrund. Was sollten die ukrainischen Familien nun tun? Was sollte die politische Führung der Ukraine machen? In Butscha, Mariupol und Marijnka wüteten die russischen Aggressoren. Männer wurden gefoltert, Frauen vergewaltigt, Kinder wurden verschleppt. Ein solches Blutbad mussten die ukrainischen Streitkräfte im Rest ihres Landes verhindern!
Gerade Linke betonen häufig, wie wertvoll Solidarität ist. Sollte diese Solidarität dann nicht einen Ausdruck darin finden, dass wir einem angegriffenen europäischen Nachbarn beistehen? Dass wir es nicht zulassen, dass gewalttätige Autokraten andere Länder überfallen und Menschen ermorden?
Ich habe keine Antwort, aber ich kann nicht am Rand stehen⬆ nach oben
Ich habe noch immer keine eindeutigen Antworten auf die großen Fragen von damals. Ich weiß nur, dass ich nicht am Rand stehen kann. Ich bin Teil dieses Landes und trage Verantwortung für mich und meine Mitmenschen. Mein pflegebedürftiger Vater wird nirgendwohin fliehen. Außerdem bin ich nicht bereit, dieses Land irgendwelchen fremden Mächten und brutalen Diktatoren zu übergeben.
Ich bin nicht der Meinung, dass es falsch war, mit 19 Jahren den Zivildienst zu leisten und mich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Heute allerdings würde ich eine andere Entscheidung in Erwägung ziehen. Ich würde nicht von vornherein ausschließen, zur Bundeswehr zu gehen und mich für die Freiheit und Sicherheit unseres Landes zu engagieren.
Ja. Unseres Landes. Unseres gemeinsamen Landes. Wer Staatsbürger dieses Landes ist, trägt staatsbürgerliche Verantwortung. Das schließt anstrengende, schwierige und auch schmerzhafte Entscheidungen mit ein.
Aus diesem Grund habe ich meine Kriegsdienstverweigerung widerrufen und mich mehr als 20 Jahre nach meinem Zivildienst zur Reserve bei der Bundeswehr gemeldet.
Verantwortung. Solidarität. Der Einsatz für Freiheit und Frieden. Irgendwie muss man anfangen.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey