Ørsted ist wohl wirklich das fortschrittlichste Energieunternehmen der Welt.
Jahrzehntelang verdient der dänische Konzern sein Geld mit Öl und Gas. Bis das Management 2009 einen radikalen Kurswechsel beschließt: Das Unternehmen soll hauptsächlich auf erneuerbare Energien umstellen. In gerade einmal zehn Jahren gelingt es Ørsted, sich zum Weltmarktführer für Offshore-Windkraft zu mausern. Gleichzeitig gibt es sein Öl- und Gasgeschäft vollständig auf und reduziert seine CO2-Emissionen um 98 Prozent. 2018 verkündet der Chef der britischen Filiale stolz, Ørsted sei „das am schnellsten wachsende Energieversorgungsunternehmen der Welt, und das profitabelste.“
Inzwischen hat sich das Blatt aber gewendet. Heute geht es dem Unternehmen so schlecht, dass es bis 2027 ein Viertel seiner Mitarbeitenden entlassen will. Ørsteds wechselhafte Geschichte zeigt: Es sind längst nicht nur nüchterne, wirtschaftliche Faktoren, die darüber entscheiden, wie erfolgreich ein Geschäft ist. Sondern auch, und das gilt heute vielleicht mehr als je zuvor, Ideologie. Oder eben schottische Golfplätze.
Geht ein Gaskonzern zu einer Klimakonferenz⬆ nach oben
Die Geschichte von Ørsted beginnt zu einer Zeit, in der auch Dänemark noch nicht von Windkraft und Bioenergie angetrieben wird, sondern von Erdölimporten. Anfang der 1970er Jahre gewinnt das Land 90 Prozent seiner Energie aus Öl, wovon wiederum 90 Prozent aus dem konfliktgeplagten Nahen Osten stammen. Dem dänischen Handelsministerium bereitet diese Abhängigkeit Sorgen. Deshalb gründet sich am 27. März 1972 das Unternehmen, das heute Ørsted heißt. Die staatseigene „Dansk Olie og Naturgas“ (DONG) soll heimische Öl- und Erdgasvorkommen in der Nordsee erschließen.
Schon bald stellt sich heraus, dass das eine gute Idee ist. Im Herbst 1973 stoppen die arabischen Länder ihre Öllieferungen an den Westen, und damit auch das Wirtschaftswunder in den westlichen Industrienationen. Damit es nicht noch eine Ölkrise gibt, fördert DONG in den darauffolgenden Jahren Nordseeöl und -gas und baut ein dänisches Gasnetz auf. Mit Erfolg, denn schon 1984 wird Dänemark Nettoexporteur, produziert also mehr Gas, als es verbraucht.
Erdöl und Erdgas gehören zu den klimaschädlichsten Energieträgern, die es gibt. Deswegen gerät DONG Ende 2009 ins Visier der Klimabewegung. Im Dezember dieses Jahres findet in Kopenhagen die UN-Klimakonferenz COP15 statt, bei der ein weltweit verbindliches Klimaabkommen entstehen soll. DONG ist als „Klimapartner“ des Gipfels ganz vorn mit dabei.
Umweltschützer:innen sind von dieser Werbeaktion wenig beeindruckt. 2008 stammen 87 Prozent von DONGs Energie aus Öl, Gas und Kohle. Ein grünes Portfolio sieht anders aus. Auch in Deutschland steht das Unternehmen in der Kritik, weil es hier mehrere Kohlekraftwerke bauen wollte. Der Vorstand fragt sich: Wie nachhaltig sind Milliarden-Investitionen in Technologien, die immer mehr Menschen ablehnen?
Es ging um Wachstumsraten, nicht um die Eisbären⬆ nach oben
Während DONG sein Geld 2009 noch hauptsächlich mit schmutzigem Öl und Gas verdient, ist das Fundament für seine Verwandlung zum Klimavorreiter aber längst gelegt. Im Hintergrund entwickelt es sich nämlich zum ersten Unternehmen, das in industriellem Maßstab Offshore-Windturbinen entwickelt und betreibt.
Diese Expertise nutzt es ab 2010 für die radikalste Transformation, die der Energiesektor jemals gesehen hat. Es stellt fest, dass sich fossile Energieträger nicht mehr lohnen. Stattdessen macht es erneuerbare Energien zu seinem Kerngeschäft, allen voran die Windkraft.
Zunächst ist der Wechsel eine Herausforderung. Zwischen 2012 und 2016 schreibt DONG Verluste von umgerechnet etwa 1,3 Milliarden Euro. Trotzdem hält es an seiner Strategie fest. Es baut immer mehr, immer größere Windkraftanlagen und optimiert die anfangs teure Technologie, sodass sie zunehmend günstiger wird. 2017 verkauft es den letzten Rest seines schrumpfenden Öl- und Gasgeschäfts. Ab diesem Moment legt es auch den Namen DONG ab und trägt fortan den des dänischen Wissenschaftlers Hans Christian Ørsted.
Die Gründe für den konsequenten Wechsel zur Windkraft haben nur mittelbar mit Umweltschutz zu tun. In Unternehmensdokumenten zum Thema ist nicht etwa von Eisbären und Korallenriffen die Rede, sondern von „Wachstumsraten“, „neuen Märkten“ und „signifikanten Kostensenkungen“. Ørsted hat einfach eine wirtschaftliche Chance erkannt.
Jedenfalls geht Ørsteds Rechnung auf. Es ist nun nicht mehr hauptsächlich in Dänemark, sondern global tätig. Seinen Betriebsgewinn verdoppelt es zwischen 2007 und 2020 fast.
Wie kommt es also, dass es 2025 plötzlich keine Gewinne mehr macht und die Aktie massiv einbricht?
Wenn Windräder beim Golfen stören, wirds persönlich⬆ nach oben
Der Grund dafür heißt Menie Estate und wurde zum „schönsten Golfplatz der Welt 2025“ gekrönt. Wer dort spielt oder im Fünf-Sterne-Hotel logiert, genießt eine atemberaubende Aussicht auf die Wälder, Sanddünen und die Nordseeküste.
Und auf elf Offshore-Windräder am Horizont.
Dem Besitzer von Menie Estate sind diese Windräder ein Dorn im Auge. Sein Name ist Donald J. Trump und er war eigentlich fest entschlossen, den Bau dieser „Monster“ zu stoppen. 2012 spricht er über eineinhalb Stunden lang vor dem schottischen Parlament darüber, wie diese „schrecklichen“ Anlagen vermeintlich dem Tourismus schaden würden. Auf die Frage nach Beweisen antwortet er: „Ich bin der Beweis.“
Dieser Auftritt, Jahre vor seiner ersten Amtszeit als US-Präsident, ist eine von Trumps ersten Stellungnahmen zum Thema erneuerbare Energien überhaupt. Um Politik geht es ihm zu dieser Zeit noch nicht, sondern um Ästhetik. Er ist einfach überzeugt, dass die Windräder die Aussicht auf seinem Golfplatz ruinieren würden.
Trump geht also juristisch gegen die Pläne vor, erst vor schottischen Gerichten, dann sogar vor dem obersten Gericht des Vereinigten Königreichs. Aber er kann sie nicht stoppen, die Windräder werden gebaut. Über Jahre hinweg setzt er Dutzende wütende Tweets über „teure, vogeltötende und sehr hässliche“ Windkraft in Schottland ab. Diese Posts zeigen: Für Trump sind die elf Windräder ein persönlicher Affront.
Wenn er heute gegen Windkraft wettert, geht es um geopolitische und wirtschaftliche Interessen. Aber im Hintergrund schwelt wahrscheinlich noch der gekränkte Stolz eines Mannes, der vor Jahren seinen Willen nicht bekam.
Grundloser Windpark-Baustopp stürzt Ørsted in die Krise⬆ nach oben
Inzwischen ist Donald Trump zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten. Gleich am ersten Tag dieser Amtszeit stoppt er die Genehmigungen für Windkraftprojekte. Und 2025 bekommt auch Ørsted von Trump Gegenwind zu spüren.
Zu diesem Zeitpunkt hat das Unternehmen eine riesige Windfarm vor dem US-Bundesstaat Rhode Island zu 80 Prozent fertiggestellt. Alle Fundamente und die meisten Turbinen des 1,5 Milliarden Dollar schweren Projekts stehen schon, bis die USA im August 2025 urplötzlich anordnen, den Bau zu stoppen. Die Begründung mit „nationalen Sicherheitsrisiken“ ist fadenscheinig. Im Dezember folgen Stop-Work-Orders für fünf weitere Projekte.
Für Ørsted ist das eine Katastrophe. Zwar kippen Gerichte die Anordnungen später, aber die Baustopps verursachen Millionenverluste. Die Aktienkurse fallen in den Keller. Das Unternehmen kündigt an, 2.000 Stellen streichen zu müssen, was einem Viertel der Belegschaft entspricht.
Inzwischen hat sich das Unternehmen zwar stabilisiert, aber die Baustopps sind es teuer zu stehen gekommen. Im Februar 2026 kündigt Ørsted an, sich umbauen und Geschäfte im Wert von 1,44 Milliarden Euro verkaufen zu müssen. In Zukunft will sich das Unternehmen ganz auf den europäischen Offshore-Markt konzentrieren.
MAGA-Ideologie sticht ökonomische Vernunft⬆ nach oben
Es gibt viele verschiedene Gründe, warum die Windkraftindustrie sich aktuell in Schwierigkeiten befindet. Sie muss sich gegen die schmutzige Lobbyarbeit der mächtigen fossilen Energiebranche behaupten. Außerdem machen ihr die steigenden Kosten für Baumaterial und Personal sowie hohe Zinsen zu schaffen, um nur ein paar Probleme zu nennen.
Man muss aber dazusagen: Ørsted hat mit seinen Windparks in den Vereinigten Staaten besonders viel Pech gehabt.
Andere Energiekonzerne machen mit ihren US-Windkraftprojekten nämlich gerade ein dickes Plus. Dafür müssen sie nicht ein einziges Windrad bauen. Trumps Regierung will Unternehmen Geld dafür bezahlen, sich freiwillig aus geplanten Projekten zurückzuziehen. Allein die französische Total Energies hat durch einen solchen Deal eine Milliarde Dollar Steuergelder bekommen. Das Geld soll nun statt in Windparks in fossile Energieprojekte fließen.
Im Golfer:innen-Jargon könnte man Trumps neue Anti-Wind-Strategie wohl als „Slice“ bezeichnen. So heißen ungute Schläge, die sehr weit nach rechts abdriften.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert