Bild von Katherina Reiche, in ihrem Schatten ein rieisger Strommast.

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Klimakrise und Lösungen

Katherina Reiche könnte das Stromnetz ausbauen – aber bremst lieber die Erneuerbaren

Ich habe mir alle ihre Gesetze angesehen: Sie macht die Energiewende noch langsamer, als sie sein müsste.

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Minus 855 Euro für die Megawattstunde – so viel „kostete“ Strom am 1. Mai gegen 14 Uhr an der Leipziger Strombörse. Wer da Strom verbrauchte, konnte Geld verdienen.

Solche extremen Minuspreise zeigen, dass das Stromsystem nicht richtig funktioniert. Darin sind sich alle einig, von Erneuerbaren-Fans bis zu Freunden des alten Stromsystems.

Für Katherina Reiche, Wirtschafts- und Energieministerin im Kabinett Merz, ist klar, warum das System klemmt: Alles ist zu schnell gegangen. Zu viel Solarkraft, zu viele Windräder, zu viele Batteriespeicher. Ihrer Meinung nach komme das Stromsystem mit diesem Ausbau nicht mehr mit. „Die Energiewende steht an einem Scheideweg“, sagte Reiche im Herbst 2025. Im Zentrum müsse nun die Bezahlbarkeit des Systems stehen.

Damit die Energiewende billiger wird, will die Ministerin den Ausbau der Erneuerbaren in Einklang bringen mit dem Ausbau des Netzes. Sie nennt es technisch-neutral „Synchronisierung“. Es ist ein clever gewähltes Wort.

Denn wer könnte schon ernsthaft etwas gegen eine Synchronisierung haben? Das klingt nach Harmonie, nach Maßhalten, nach gesundem Menschenverstand.

All das wäre es auch, aber nur, wenn die Ministerin nicht die lahmsten Teile der Energiewende inmitten einer davon galoppierenden Energie- und Klimakrise zum neuen Standard machen würde. 

Nur hat Katherina Reiche genau das vor.

Nicht der Erneuerbaren-Ausbau ist zu schnell, sondern der Netzausbau zu langsam⬆ nach oben

Auf ihrem Schreibtisch liegen vier Gesetze, die sie noch vor der Sommerpause durch das Kabinett bekommen will. Das sogenannte Netzpaket soll den weiteren Ausbau von Wind- und Solaranlagen an den Ausbau der Stromnetze koppeln (oder eben: den Ausbau „synchronisieren“). Eine Novelle des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes wiederum streicht die Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen bis 25 Kilowatt, also genau für jene, die heute auf den Dächern von Einfamilienhäusern landen. Das Kraftwerkssicherheitsgesetz schreibt neun Gigawatt neue Gaskraftwerke in zwei Tranchen aus, die einspringen sollen, wenn Wind und Sonne ausbleiben; und eine Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes legt fest, welche Hochspannungsleitungen Deutschland in den kommenden zwei Jahrzehnten überhaupt bauen wird.

Drei dieser vier Gesetze zielen darauf ab, den Ausbau der Erneuerbaren zu drosseln. Das radikalste ist das Netzpaket. Es führt eine neue Kategorie ins deutsche Energierecht ein: das kapazitätslimitierte Netzgebiet. 

Hat ein Netzbetreiber in seinem Gebiet im vorangegangenen Jahr mehr als drei Prozent der eingespeisten Wind- und Solarenergie nicht durch seine Leitungen bekommen, weil sie voll waren, fällt sein Gebiet ab dem nächsten Jahr in diese Kategorie. Wer in diesem Gebiet nun neue Solar- oder Windanlagen baut, bekommt für bis zu zehn Jahre keine Entschädigung mehr, wenn der Netzbetreiber seine Anlage drosseln muss. Das ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt. Das Risiko, am Ende umsonst zu produzieren, trägt der Investor allein.

Welche Folgen das hat, hat die Beratungsagentur Enervis im Auftrag des Ökostromhändlers Green Planet Energy im März berechnet. Etwa 32 Gigawatt geplante Wind- und Solarprojekte stünden in Gebieten, die nach den neuen Regeln zu kapazitätslimitierten Zonen werden würden. 32 Gigawatt, das entspricht gut einem Zehntel der aktuell installierten gesamten Erzeugungsleistung im Land. Es geht hierbei um Investitionen von rund 45 Milliarden Euro. Allein im vergangenen Jahr hätten 90 deutsche Landkreise die Drei-Prozent-Marke gerissen. 

Solche Berechnungen stehen aber selbst unter Vorbehalt. Denn niemand weiß, was genau im deutschen Stromnetz wann und wo los ist. Der Bundesverband Erneuerbare Energie hat versucht, eine eigene Karte mit den kritischen Stellen zu erstellen und ist im Süden gescheitert. „Auf unserer Karte gibt es einen weißen Fleck in Baden-Württemberg“, sagt seine Hauptgeschäftsführerin Christine Falken-Großer. „Die Netze haben gar keine vernünftigen Echtzeitdaten.“

Auch ein Teil der fertig geplanten Windprojekte ist nun gefährdet (Umfang: 15 Gigawatt). Das ist pikant, weil Katherina Reiche noch im März verkündet hatte, mehr Windkraft an Land in Deutschland bauen zu wollen, als ursprünglich geplant.

Dabei galt die Drei-Prozent-Marke seit über zehn Jahren als Konsens. Netzbetreiber dürfen laut Paragraf 11 EnWG einplanen, dass bis zu drei Prozent der Wind- und Solarenergie abgeregelt werden, sonst müssten sie Leitungen für wenige Spitzenstunden bauen, was sehr teuer wäre.

Reiche dreht das jetzt um. Was bisher als Maß des Vernünftigen galt, soll im Netzpaket zum Auslöser einer Strafmaßnahme werden. Christoph Maurer, Geschäftsführer der Aachener Energie-Beratung Consentec, nennt das eine „gewisse Schizophrenie“. Sein Argument: „Wir können nicht zehn Jahre lang sagen, dass drei Prozent völlig okay sind, und plötzlich ist das der Cut-off.“ Maurer geht sogar weiter: Die Drei-Prozent-Marke sei „vielleicht sogar eher an der unteren Grenze dessen, was sinnvoll wäre. Man könnte möglicherweise auch noch ein bisschen mehr Abregelung tolerieren.“

Die Stromautobahnen wachsen – auf den Stromstraßen herrscht Stau⬆ nach oben

Wer vom Stromnetz spricht, meint zwei Netze. Das Übertragungsnetz besteht aus den großen Hochspannungstrassen, die Strom über Hunderte Kilometer von Norddeutschland in den Süden transportieren: die Stromautobahnen. Davon zweigen die Verteilnetze ab. Sie sind die Stromstraßen in Stadt und Land, an denen Haushalte, Gewerbe, Industrie und auch ein Großteil der Wind- und Solaranlagen hängen.

Wenn bisher vom Netzausbau die Rede ist, geht es meist um das Übertragungsnetz. Und dort hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich etwas getan.

Im vergangenen Jahr hat die Bundesnetzagentur über 2.000 Kilometer neue Stromleitungen genehmigt. Das sind rund 45 Prozent mehr als im Jahr davor. Vier der größten Trassen, die Norddeutschlands Windstrom zu den Fabriken des Südens bringen sollen, sind seit Ende 2025 erstmals vollständig genehmigt: A-Nord, Ultranet, SüdLink und SüdOstLink. Bis Ende 2030 sollen sie dann auch alle in Betrieb sein. 

Mit diesen neuen Trassen wird sich die Lage im Übertragungsnetz entspannen. Nun rückt das Verteilnetz zunehmend in den Fokus, wo immer mehr Anfragen für einen Anschluss neuer Anlagen landen. 

Aber die Verteilnetze können diese Welle nicht aufnehmen. Ihr Problem lässt sich grob in zwei Kategorien einteilen: ein tatsächlicher Mangel an physischer Infrastruktur (Leitungen, Umspannwerke etc.) und blindes bzw. nicht pragmatisches Management der bestehenden Leitungen. 

Den eigentlichen Netzausbau könnte Bundesministerin Reiche mit einem eigenen Beschleunigungsgesetz vorantreiben. Sie hat genau so ein Gesetz bereits für das Wasserstoffnetz auf den Weg gebracht. Ihr Vorgänger Robert Habeck wiederum hatte 2022 mit einem eigenen Gesetz den Ausbau der Übertragungsnetze beschleunigt.

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Die Verteilnetze sind zur Zeit noch weit mehr als der Rest des Stromsystems für eine Welt gebaut, die es heute nicht mehr gibt: analog und mit Verbrauchern, die tagein, tagaus das Gleiche tun und deren Verbrauch deswegen sehr gut vorhergesagt werden kann. Inzwischen allerdings gibt es immer mehr Kunden, die mal einspeisen wollen mit ihrer eigenen Solaranlage, mal Strom beziehen wollen. Es gibt Windparks, E-Autos, Wärmepumpen, elektrifizierte Prozesse in der Industrie, Speicher. All das verkompliziert das Management des Netzes.  

Dazu kommt ein weiteres Problem: Mehr als 850 Verteilnetzbetreiber, vom Stadtwerk bis zur E.ON-Konzerntochter Westenergie (Reiches früherem Arbeitgeber), arbeiten mit eigenen Standards. Was diese Zersplitterung in der Praxis bedeutet, weiß jeder Unternehmer, der heute eine Solaranlage anschließen will. Per Gesetz hat er Anspruch auf eine Antwort binnen acht Wochen. In der Realität warteten manche neun Monate, sagt Strommarkt-Experte Tim Meyer, der die Verteilnetze seit Jahren analysiert und kürzlich ein Buch zum deutschen Energiesystem veröffentlicht hat.

Netzbetreiber verbuddeln Kupfer, statt das Netz klüger zu nutzen  ⬆ nach oben

„Keiner weiß, wie die Netze ausgelastet werden. Es gibt vor allem keine Maßnahmen, sie höher auszulasten“, sagt Tim Meyer. „Das ist die Hauptunterlassung von Katherina Reiche.“

Dabei ließen sich rund 17 Prozent der heutigen Netzkosten einsparen, wenn die Netzbetreiber das bestehende Netz besser auslasten würden, anstatt immer erstmal stur neue Leitungen zu verlegen. Das hat eine Kurzstudie von Tim Meyer gezeigt.

Die Netzbetreiber tun das nicht, weil sie, anders als eine normale Firma, nicht mehr Geld verdienen, wenn sie ihre Anlagen noch besser ausnutzen. Sie sind sogenannte regulierte Monopole und werden deswegen von der Bundesnetzagentur kontrolliert, damit sie ihre Marktmacht nicht ausnutzen. Sie dürfen so nur einen festen Prozentsatz auf den Wert ihres Anlagenbestands verdienen – auf Leitungen, Transformatoren, Schaltanlagen.

Wer mehr Anlagen hat, verdient mehr. Wer dagegen die Software modernisiert oder das bestehende Netz intelligenter steuert, sieht von seinen Investitionen kaum etwas wieder. Meyer sagt: „Netzbetreiber verdienen überhaupt nur Geld dadurch, dass sie mehr Kupfer verbuddeln.“

So ist der erste und wichtigste Hebel, den Reiche bedienen müsste: Digitalisierung. Mehr Daten in Echtzeit bereitstellen. Nur wer sehen kann, wo der Strom gerade fließt, kann das Netz vernünftig steuern. Smart Meter, also intelligente Stromzähler, könnten hier helfen. Doch nur etwa fünf Prozent aller deutschen Stromzähler sind heute solche Geräte. 

Reiches Netzpaket ignoriert die naheliegendsten Lösungen  ⬆ nach oben

Das zweite Problem: Selbst die Daten, die schon erhoben werden, lassen sich kaum vergleichen. Jeder Verteilnetzbetreiber arbeitet mit eigener Software und eigenen Schnittstellen. Ein Vorschlag, wie es anders ginge, liefern Franchisemodelle wie McDonald’s: Die Standards kommen von oben, aber das Eigentum bleibt lokal und regional. 

Für ein Verteilernetz-Franchise würde es reichen, wenn die jeweilige Steuerungssoftware die gleiche Sprache spricht. Dringend erforderlich wäre es auch, die Hardware zu vereinheitlichen. Nicht jeder Netzbetreiber muss individuell angepasste Geräte nutzen; ein Korb aus Standardmodellen könnte den Netzausbau beschleunigen.

Drittens schlagen Experten vor, das Netz pragmatischer zu nutzen. Denn heute wird es für den Extremfall geplant. Wenn ein neuer Solarpark mit 50 Megawatt Leistung ans Netz soll, dann bekommt er einen Anschluss, der diese maximale Leistung auch aufnehmen kann. Aber wie sinnvoll ist das bei einem Solarpark? Im Winter, nachts oder in den Stunden, in denen Strom ohnehin verschenkt wird?

Würde Reiche es zulassen, dass mehrere Anlagen sich einen Anschluss teilen, könnten die Netzbetreiber dasselbe Netz für deutlich mehr Erzeugungsleistung nutzen. Fachleute nennen das „Überbauung“. Dann könnten sich Windräder, Batteriespeicher und Solarzellen einen Anschluss teilen. Das ist sinnvoll, weil Windkraft oft dann liefert, wenn Solarkraft kaum liefert und Batteriespeicher wiederum Solarstrom aufbewahren können für die Nachtstunden. Aber so eine Kombination ist heute in den meisten Fällen verboten.

„Niemand versteht, warum man nicht einfach Speicher und Elektrolyseure dazubauen kann“, sagt Christine Falken-Großer vom Bundesverband Erneuerbare Energie. Mit Elektrolyseuren lässt sich Wasserstoff klimaneutral herstellen. „Strom ist übrig. Statt den ins Ausland zu geben und dafür auch noch Geld zu bezahlen, würde ich doch lieber das in meine Speicher packen. Warum geht das nicht?“

Im Januar dieses Jahres, auf dem Handelsblatt-Energiegipfel, hat Reiche selbst beschrieben, was eigentlich passieren müsste. „Wir müssen das Verteilnetz ausbauen, weil die Energiewende im Verteilnetz stattfindet. Dafür braucht es einen attraktiven Investitionsrahmen“, sagte sie. Der Satz war klug, präzise und blieb folgenlos.

Selbst Bayern ist nicht auf Reiches Seite⬆ nach oben

Auf Reiches Seite steht inzwischen kaum noch jemand. Selbst Bayern nicht, jenes Bundesland, das vor zehn Jahren der erbittertste Gegner des Netzausbaus war. „Diese Sünde an der Heimat muss gestoppt werden“, sagte der heutige Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger 2017 im Bayerischen Landtag und meinte damit die großen Stromtrassen aus dem Norden.

Heute wurden im ersten Halbjahr 2025 im Freistaat doppelt so viele Windkraftanträge gestellt wie in den drei Jahren davor zusammen, die Genehmigungsdauer für ein Windrad ist mit zehn Monaten die kürzeste bundesweit. Und der Ministerpräsident Markus Söder postet in letzter Zeit auffällig oft Bilder von schönen neuen bayerischen Windrädern. Er hat verstanden, woher der Wind weht.


*Redaktion: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger *

Katherina Reiche könnte das Stromnetz ausbauen – aber bremst lieber die Erneuerbaren

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