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Ich weiß noch, wie ich in der Grundschule Hausaufgaben-Gutscheine gesammelt habe. Diese Gutscheine konnten eingelöst werden, um einen Tag keine Hausaufgaben machen zu müssen. Ich wollte sie für den Tag aufheben, an dem ich sie wirklich nötig hätte. Am Ende des Schuljahres hatte ich noch alle Gutscheine übrig. Es hätte ja immer noch einen Tag geben können, an dem es dringlicher gewesen wäre.
Dass ich überhaupt darüber nachdenken musste, wann ich meine heiligen Hausaufgaben-Gutscheine einlöse, hat mit Männern und ihren Meinungen von vor über 500 Jahren zu tun. Wir schauen uns in unserer Newsletter-Serie „War halt schon immer so“ an, woher die Regeln für unser Schulsystem eigentlich kommen, und stimmen mit euch darüber ab, ob sie heute noch sinnvoll sind. In der letzten Ausgabe hat Nastasja euch gefragt, ob Bildung Ländersache bleiben sollte. Die Meisten (239 von 279) meinten: Nein.
Ob Hausaufgaben auch so eine klare Absage erteilt wird?
Alle Nacht sollen die Kinder scripturas schreiben – wie bitte?!⬆ nach oben
Lange war Lernen vor allem Privatsache und Sache der Eliten. Hauslehrer kamen zu den Reichen nach Hause und brachten den Kindern Latein bei. Im 13. und 14. Jahrhundert, also im Spätmittelalter, wurden die ersten öffentlichen Schulen eröffnet. Bildung war da immer noch eine Sache der Eliten, aber nicht mehr eine Sache, die nur zuhause passierte. In dieser Zeit findet man auch die ersten Erwähnungen von Hausaufgaben.
Nämlich in der Schulordnung einer Lateinschule in Bayreuth. Dort stand: „Alle Nacht sollen die kinder scripturas schreiben, iren latein den elttern anheim sagen. vnd an dem morgen die schriefft in der schule weysen vnd ire latein wider aufsagen.“ Hä?
Wer das nicht versteht, muss sich nicht grämen. Es ist frühneuhochdeutsch von vor über 500 Jahren. Ich helfe gerne auf die Sprünge: Die Kinder sollten jeden Abend Schreiben üben, das Geschriebene ihren Eltern zeigen, es am nächsten Morgen in der Schule zeigen und vorlesen.
Jutta Standop hat die Erwähnung in der Schulordnung der Schule in Bayreuth gefunden. Sie ist Professorin für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik und hat in ihrem Buch „Hausaufgaben in der Schule: Theorie, Forschung, didaktische Konsequenzen“ auch über die Geschichte der Hausaufgaben geschrieben.
Erst sollte mit Hausaufgaben unterschieden, dann sichergestellt werden, dass alle mitkommen⬆ nach oben
Standop schreibt, dass Hausaufgaben im 15. und 16. Jahrhundert den Schulunterricht ergänzen und dabei helfen sollten, zwischen den Leistungsstufen zu differenzieren. Es wurden nämlich Kinder aller Altersgruppen zusammen unterrichtet, und im Unterricht schafften es die Lehrer einfach nicht, dem Können entsprechende Aufgaben zu verteilen. Mit der Einführung von Klassenunterricht im 17. bzw. 18. Jahrhundert änderte sich die Rolle der Hausaufgaben, schreibt Standop. Mit ihnen sollte nun nicht mehr differenziert, sondern sichergestellt werden, dass alle Kinder einer Klasse auf dem gleichen Stand sind.
Schon 1849 wurden erste kritische Stimmen laut, weil Schulen zu viel Gewicht „auf häusliche Aufgaben gegeben und so ihr Lehrgeschäft fast ganz und gar in das elterliche Haus gelegt haben“ sollen. Klingt für dich auch bekannt? Hausaufgaben-Kritiker:innen heute nutzen ganz ähnliche Argumente. In einer Ministerialverfügung für das preußische Schulwesen wurde 1875 sogar eine obere Grenze für Hausaufgaben festgelegt. Es gab Bestrebungen, Hausaufgaben ganz abzuschaffen.
Gegen Hausaufgaben und für eine „reinliche Scheidung von Schule und Heim“?⬆ nach oben
Das preußische Unterrichtsministerium sah die Sache anders. Es bestärkte die Funktion der Hausaufgaben sogar. Es war der Meinung, mit ihnen würde selbstständiges Arbeiten gefördert. 1891 wurde bemängelt, dass Schüler:innen zu häufig nicht unabhängig in ihrem Denken seien – und das sei klar auf die zu geringe Übung eigener Tätigkeit zurückzuführen. Erst an zweiter Stelle begründete das Ministerium Hausaufgaben damit, dass dadurch der Wissensstand verbessert würde.
Um die Jahrhundertwende, vom 19. auf das 20. Jahrhundert, wurde diskutiert, wie viele Stunden die Kinder täglich mit Hausaufgaben verbringen sollten. Zwei bis drei Stunden galt als ideal. Ende des 19. Jahrhunderts argumentierten Hausaufgabengegner:innen mit medizinischen Gründen: der zu geringen Schlafenszeit von Kindern und Jugendlichen. Genug Schlaf sei bei der Menge an Hausaufgaben nicht zu erreichen. Es wurde auch für die Abschaffung von Hausaufgaben plädiert – um so eine „reinliche Scheidung von Schule und Heim“ herbeizuführen. Der Pädagoge Gustav Schanze argumentierte, dass die Übungen „aus den unmethodischen Händen der häuslichen Berater in die methodische Hand des Lehrers“ gebracht werden müssten.
Neue Argumente in der Debatte – und jetzt?⬆ nach oben
Weil die Diskussionen um Hausaufgaben zu keiner Entscheidung führten, begannen Wissenschaftler:innen zu der Frage zu forschen. Bis heute wird geforscht und diskutiert. Im 21. Jahrhundert geht es bei der Diskussion sehr stark um soziale Ungleichheit. Hausaufgaben werden als Treiber für Ungleichheit betrachtet, weil manche Kinder zu Hause viel Unterstützung erhalten und andere weniger.
Und nun hilft auch noch die KI. In meiner Schulzeit war man von der Gunst der Sitznachbar:in abhängig. Ich verlor eine Freundin, weil ich sie in der fünften Klasse nicht abschreiben ließ. Chattie – so nennt meine Mitbewohnerin ChatGPT – hingegen sagt nie Nein und löst bereitwillig alle Aufgaben.
Viele Lehrer:innen fragen sich, wie sie heute Hausaufgaben stellen können, bei denen Schüler:innen etwas lernen. Was glaubst du: Sollten Hausaufgaben abgeschafft werden?
Sollten Hausaufgaben abgeschafft werden?⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer