Juliane Schiemenz war ungefähr acht Jahre alt, als ihr Großonkel ihr von einer „Hexe“ in der Familie erzählte. Er meinte Sidonia von Borcke, eine Adelige aus Pommern, die im Jahr 1620 in Stettin hingerichtet worden war. Zwischen den beiden liegen elf Generationen.
Sidonia hatte nie geheiratet und keine Kinder bekommen. Ihr Bruder hatte ihr Erbe nicht herausgerückt, also verklagte sie ihn. Jahrzehntelang zog Sidonia vor Gericht und ließ sich nichts gefallen. Sie fluchte, sie widersprach, sie stritt. Kurz gesagt: Sie war eine wütende Frau.
Auch Schiemenz kennt diese Wut. Gezeigt hat sie diese selten. Immer wieder fragte sie sich, ob sie etwas von Sidonia in sich trägt. Irgendwann beschloss sie, es herauszufinden: Woher kam Sidonias Wut? Was verbindet sie beide? Und was bedeutet es heute, eine wütende Frau zu sein?
Sie reiste nach Stettin, las die Prozessakten und sprach mit Historikerinnen. Dabei stieß sie auf viele spannende Fragen. Eine davon: Warum machen Frauen einander so oft das Leben schwer?
Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus Juliane Schiemenz’ Buch „Meine Ahnin, die Hexe, und ich“.
Ich fand es lange sehr einleuchtend, in Hexenprozessen eine Art Kampf von Männern gegen Frauen zu sehen. In Sidonias Fall waren eindeutig machtvolle männliche Feinde am Werk. Doch je tiefer ich in die Geschichte eintauche und je ausgiebiger ich mich mit Expertinnen und Experten unterhalte, desto klarer wird mir, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Ans Messer geliefert haben Sidonia nicht zuletzt auch Frauen. „Als Methode zur Lösung von Alltagskonflikten waren es hauptsächlich Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen als angebliche Hexen diffamierten, entsprechende Gerüchte verbreiteten und als Zeuginnen für die Anklage auftraten“, erklärt mir die Historikerin Rita Voltmer im Gespräch. Stets aus Not? Aufgrund von Unterdrückung in einem Männersystem? Die Sache ist komplexer.
Zur Wahrheit gehört auch, dass manche Frauen Mitwisserinnen, Verleumderinnen und Täterinnen waren. Wenn ich andere Frauen und mich selbst betrachte, dann sehe ich, dass wir uns mitunter nicht besonders schwesterlich verhalten. Sind es überwiegend Männer, die eine Frau online dafür verurteilen, dass sie ihr Kind nicht stillt oder zu lange? Dass sie einen Wunschkaiserschnitt hat oder ihre Plazenta als Milchshake trinkt? Dass sie Hausfrau ist? Studien zeigen, dass es oft Frauen sind, die abwertend kommentieren. Ich finde es plausibel, dieses Verhalten unter anderem damit zu begründen, dass Frauen im Patriarchat schon immer als Konkurrentinnen gegeneinander ausgespielt wurden. Aber wo bleiben bei dieser Sicht unsere Eigenverantwortung, unsere Mündigkeit und unsere Macht? Frauen als nicht entscheidungsfähig zu betrachten – dieses Narrativ wurde jahrhundertelang genutzt, um ihnen das Wahlrecht vorzuenthalten, das Recht, an einer Universität zu studieren, das Recht, einen Beruf auszuüben, über eigenes Geld und den eigenen Körper zu verfügen.
„Wilder und weiblicher als Westfrauen“⬆ nach oben
Davon kämpften wir uns frei. Wenn wir nun erklären, dass wir selbst unseren Entscheidungen nicht trauen und teilweise keine Verantwortung für sie tragen wollen, weil das System, in dem wir sie treffen, falsch ist – ist das der richtige Weg für uns? Nehmen wir uns selbst als Gestalterinnen ernst genug?
Mit dreißig stand ich einmal in einer Münchner Diskothek und wurde von einem Mann angesprochen, der mir Komplimente machen wollte. Er fragte mich, woher ich stamme und dann nach meinem Alter. Ich sagte es ihm. „Wow, du siehst viel jünger aus“, stellte er fest, um dann zu ergänzen: „Die westdeutschen Frauen in deinem Alter haben alle schon Falten.“ Mir ging dieser Satz nie wieder aus dem Kopf, denn er machte mir klar, wie Teilen und Herrschen funktioniert: Man nimmt eine Gruppe oder eine Person, die man gegenüber einer anderen abwertet. Stellt man es geschickt an, dann fühlen sich jene, die man nicht abwertet, aufgewertet. Einige Jahre später saß ich einem bekannten westdeutschen Medienmacher in einer Großstadt gegenüber, der mir mit dem Lächeln eines Connaisseurs erklärte, Ostfrauen wie ich seien so viel wilder und weiblicher als Westfrauen. Er habe sich auch so eine als „Beute“ von seinen Einsätzen nach der Wende im Osten mitgebracht. Oft denke ich auch an den westdeutschen Chef einer ostdeutschen Lokalzeitung, der in einer Redaktionskonferenz fragte: „Was ist der Unterschied zwischen Westfrauen und Ostfrauen? Westfrauen haben Frisuren, Ostfrauen haben Haare.“ Die Witze über ostdeutsche Frauen kamen auffallend oft aus derselben Quelle wie die „Komplimente“ – aus den Mündern westdeutscher Männer. Am Ende gewinnt immer die Bank, sagt man im Casino. Wer gewinnt bei der Spaltung von Frauen?
„Digga, die ist tot, keine Aura“⬆ nach oben
Die Spaltung von Frauen hat etwas mit dem Patriarchat zu tun, das mit dem Aufkommen von Privateigentum, Erbfolge und dem Entstehen gesellschaftlicher Klassen gestärkt wurde, um sich im modernen Kapitalismus nochmals zu verfestigen. Kapitalismus braucht Gegensätze, je krasser, desto besser. Bitterarm gegen stinkreich, uralt gegen blutjung, übergewichtig gegen magersüchtig. Gegensätze generieren Bedürfnisse. Alles, was eher unaufgeregt und halbwegs zufrieden in der Mitte wabert, ist uninteressant. Wir müssen zwischen extremen Gefühlen schwanken und Mangel erleben. Nur dann kaufen wir mehr als das bisschen, das wir wirklich brauchen. Die Logik des Vergleichs setzt sich in unseren Köpfen fest und überträgt sich auch auf unsere menschlichen Beziehungen: Ist die andere glücklicher als ich? Hat sie die richtige Entscheidung getroffen und ich die falsche? Wird sie von der Außenwelt als wertvoller wahrgenommen?
Die Gefahr, zu kurz zu kommen, generiert Angst. All die hämmernden Fragen: Vielleicht wäre ich glücklicher, wenn ich disziplinierter wäre, wenn ich einen besseren „After-Baby-Body“ hätte, wenn ich einen Ehemann hätte, wenn ich keinen Ehemann hätte, Kinder, keine Kinder, wenn ich mehr meditieren würde, wenn ich endlich Yoga machen und gottverdammt endlich genügend Wasser trinken würde! Unzufriedenheit macht Menschen gemein zueinander. Ich muss an eine Situation in einer Münchner U-Bahn denken, neben mir ein Mädchen, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, sie spricht am Telefon mit ihrer Freundin. Die beiden sezieren genüsslich den Social-Media-Auftritt eines anderen Mädchens. „Digga, hast du gesehen, was die anhat? Und ihre Storys, Digga, die ist tot, keine Aura, ich würde mich nie so zeigen!“ „Die ist tot“, sagt das Mädchen neben mir immer wieder. Nein, wir haben keine Scheiterhaufen mehr, wir teeren und federn auch nicht mehr. Wir sind subtiler. Ich denke daran zurück, wie oft ich selbst gelästert und bewertet habe. Sind wir nicht alle ein bisschen „mean girl“?
„Also mein Mann ist anders“⬆ nach oben
Wenn eine Frau strukturelle Ungerechtigkeiten anprangert, erklären andere Frauen ihr: „Also mein Mann ist anders!“ Oder stellen fest: „Dann hast du dir wohl immer die falschen Männer ausgesucht!“ Systemische Missstände werden auf das Level persönlicher Fehlentscheidungen geschrumpft. Wenn über Frauenmangel in der Arbeitswelt geklagt wird, fehlt nie eine Frau, die verkündet: „Die erste Frauenquote in einem deutschen Dax-Unternehmen hat ein Mann eingeführt.“ Oder die angesichts von Benachteiligungen in der Berufswelt feststellt: „Also ich wurde immer von Männern gefördert!“ Auch mir kamen solche Sätze manchmal über die Lippen. Bis mir klar wurde, dass während meiner Universitäts- und Berufslaufbahn schlicht Frauen in Chef- und Entscheidungspositionen fehlten, die mich hätten fördern können.
Es war nicht so, dass Frauen mich mutwillig nicht gefördert hätten, sie waren schlicht nicht da. „Karrieren werden beim Pinkeln gemacht“, bekundete vor fünfzehn Jahren der damalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger. „Männer sind auf eine verschwiegene Weise verbündet“, wusste einmal eine Kollegin von mir in Worte zu fassen. „Und während die Männer zusammenhalten, sind wir Frauen gegeneinander.“ Das bemerke ich auch, während ich die Wut einer Bekannten erlebe, die von ihrem Mann betrogen wurde: „Die Schlampe, die Hure …“ Meine Bekannte kennt keine Gnade für seine Geliebte. Ich verstehe ihren Groll und frage mich zugleich, warum sich die negativen Gefühle so massiv gegen „die andere“ richten, während ihr Mann als verführter Trottel davonkommt. Das Versprechen, immer ehrlich zu sein, hatte er ihr gegeben. Mit der unbekannten Frau hingegen schloss sie keinen Vertrag.
Ein wichtiger Punkt ist, dass wir oft erst mit etwas Abstand erkennen können, wo wir uns selbst verraten haben. Ich denke an den verheirateten Kollegen, der mich zum Date treffen wollte. Kurze Zeit nachdem ich abgelehnt hatte, erklärte er mir, man müsse sich leider aufgrund meiner mangelnden Leistungen von mir trennen. Ich machte sein Vorgehen nicht öffentlich, denn ich konnte ihm nichts beweisen. Also schämte ich mich für meine schlechten Leistungen und sah das Problem bei mir. Trage ich Verantwortung für meine Entscheidungen? Ja. Wurden sie in Strukturen getroffen, in denen ich nicht vollständig frei entscheiden konnte? Ja. Keine Frau hat Zeit, Energie und Kraft für alle Kämpfe, die geführt werden müssten. Wir schlucken unsere Wut herunter, und sie wird manchmal leider zu Selbsthass. Oft sah ich erst Jahre später, dass ich mich aus Not verraten hatte. Dass ich Verantwortung hätte übernehmen können und dass ich zugleich in Zwängen agiert hatte. Beides stimmte. Ich sehe die Komplexität, und ich will nicht vor ihr kapitulieren. Beispielsweise indem ich mich in „Choice-Feminismus“ retten würde, der jede Entscheidung einer Frau zum feministischen Akt (v)erklärt. Ich finde nicht alles, was Frauen tun, feministisch. Ich finde nicht alles, was ich tue, feministisch.
Wo Schwesternschaft wirklich beginnt⬆ nach oben
Wie also kann Schwesternschaft angesichts dieser Komplexität aussehen? Ich versuche, etwas beizutragen, indem ich mir meine Verantwortung zurückhole. Und das bedeutet, auch wenn es schmerzlich ist, zu sehen, welchen Anteil ich an den Dingen habe. Ich weise mich und Frauen in meinem Umfeld häufiger darauf hin, wenn wir über andere Frauen schlecht reden, nehme wertende Gedanken bewusster wahr. (Die hat aber ganz schön zugelegt! Wieso ist die noch immer mit dieser Flitzpiepe zusammen?) Ja, das Patriarchat hat mich geprägt. Zugleich bin ich – bei allen Zwängen, bei allen Strukturen – in der privilegierten Position, Schöpferin sein zu können. Mehr, als Frauen wie Sidonia das konnten.
„Meine Ahnin, die Hexe, und ich“ erscheint am 6. Oktober bei Rowohlt. | Rowohlt Verlag
„Wir Frauen“ sind keine homogene Gruppe. Transparenz kann uns dabei helfen, einander dennoch als Schwestern zu erleben. Ich feiere beispielsweise jene Frau, die mir angesichts meiner Komplimente für ihren Teint, der nach ausreichend Schlaf trotz drei Kindern, „Selfcare“ und Urlaub aussah, grinsend eröffnete: „Babybotox!“ Ich fand das erfrischend und war ihr dankbar, denn sie half mir, keine falsche Idee von ihrem Leben zu entwickeln und daraus keine falschen Anforderungen an mich selbst abzuleiten. Sich derart offen und angreifbar zu zeigen, erfordert Mut, in einer Welt, die alles bewertet, was Frauen tun. Laut und stolz mein Alter zu nennen, statt es irgendwann verschämt zu verheimlichen. Anderen Frauen zu sagen, dass man so schlank ist, weil man streng Diät hält, und dass die Brüste nicht echt sind. Dabei geht es nicht darum, jedes noch so private Detail auszuschütten, sondern um das Ende der Inszenierung. Es geht darum, Schwestern vor verzerrten Vorstellungen zu schützen. „I don’t owe you nothing“ – „Ich schulde euch nichts“, ist einer der Wahlsprüche des Choice-Feminismus. Ja, keine Frau schuldet anderen Frauen irgendetwas. Es geht nicht um Schuld. Es geht um Verantwortung.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger