Collage: Schwarz-weiß Bildern von den drei Frauen, über die im Text berichtet wird.

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Leben und Lieben

Drei Frauen haben mir erzählt, wie sie in der DDR Kinder und Vollzeitjob schafften

Hat damals einfach problemlos funktioniert, woran heute so viele Paare verzweifeln?

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In der DDR stand man früh auf. Um 7 Uhr begann für die meisten die Arbeit. Davor hieß es vor allem für die Mütter: Kinder wecken, wickeln, anziehen, für die Krippe fertig machen, in die Straßenbahn, das Auto oder auf den Fahrradsitz bugsieren, in die Krippe oder den Kindergarten bringen und verabschieden. Um 16.30 Uhr, mit dem Ende ihrer Erwerbsarbeit, fing die zweite Schicht an: Kinder abholen, Abendessen machen, Wäsche waschen, Brote für den nächsten Tag schmieren. Nachts dann: aufstehen, wenn die Kinder weinen. Und um 5 Uhr klingelte der Wecker.

Ehrlich gesagt habe ich mir das Leben im Sozialismus entspannter vorgestellt.

Ich habe mit drei Frauen gesprochen, die diesen Alltag erlebt haben. Geklagt hat keine der drei.

Der Alltag, von dem sie mir erzählen, klingt voll, aber auch erfüllend.

Hat damals etwa problemlos funktioniert, woran heute so viele Paare verzweifeln? Ich wollte es genauer wissen.

Klar ist, die Gleichberechtigung in der DDR war nicht perfekt. Wenn man die Carearbeit mit hinzurechnet, arbeiteten Frauen in der DDR 1969 ganze 93 Stunden die Woche. Männer kamen nur auf rund 59 Stunden, wie Anna Kaminsky in ihrem Buch „Frauen in der DDR“ ausgerechnet hat. Viel Zeit für sie selbst blieb dabei nicht.

Dass das ein Problem war, merkte auch die DDR-Führung. 1971 erklärte Erich Honecker: „Ohne die wachsende Mitarbeit der Männer in der Familie etwa geringschätzen zu wollen – die Hauptlast liegt immer noch bei der Frau.“ Ab Anfang der siebziger Jahre standen, wie Kaminsky schreibt, Männer in der DDR-Werbung mit Schürze an der Waschmaschine und dem Bügelbrett und verkündeten: „Von jetzt an wasche ich die Wäsche. Denn meine Frau hat das gleiche Recht auf Bildung und Freizeit wie ich.“

Emanzipation war staatlich erwünscht, ebenso wie die (ideologisch geprägte) Betreuung von Kindern in Krippen.

Auf meinen Aufruf haben sich drei sehr unterschiedliche Frauen gemeldet. Zwei sind heute Anfang 70, eine schon über 80 Jahre alt. Eine war als Mitarbeiterin eines Ministeriums Teil des Systems, eine kam in Konflikt mit dem sozialistischen Regime. Alle drei betonen im Gespräch immer wieder, wie viel Erhaltenswertes mit der DDR untergegangen ist. Nach der Wende, Anfang der Neunziger, wurden sie belächelt, wenn sie mit ihren Jutebeuteln einkaufen gingen, erzählte mir eine von ihnen. Heute ist die Plastiktüte passé. In der DDR gab es die Krippenplätze, die die meisten Parteien fordern, und sogar bereits eine bezahlte Elternzeit.

Eines ist mir in den Gesprächen mit den dreien allerdings klar geworden: Vereinbarkeit ist nicht nur eine Frage von Kitaplätzen, staatlicher Unterstützung und wie oft der Mann staubsaugt, sondern auch davon, wie sehr der Arbeitgeber Mütter unterstützt und wie hoch der Druck ist, unbedingt alles richtig machen zu müssen.


Ulrike Fischer, 72 Jahre alt, Pirna, hat zwei Kinder und sowohl vor als auch nach der Wende als Lehrerin gearbeitet.

„Mein Mann entspannte sich, während ich bügelte“⬆ nach oben

Hausarbeit hat mein Mann fast nie gemacht, das blieb alles an mir hängen. Glücklicherweise bin ich kein Putzteufel. Ich habe die Wohnung immer nur sichtgeputzt, zumindest während des Schuljahres. In den Ferien hab ich dann tiefgründig gereinigt. Immer sonntags vormittags habe ich gebügelt, weil mein Mann im Job immer Hemden brauchte. Mein Mann hat sich währenddessen entspannt. Geärgert hat mich das damals nicht. Das kam erst später, als wir in ein größeres Haus gezogen sind.

In den Achtzigern lebten wir in Dresden in einer 75-Quadratmeter-Mietwohnung, da war das Putzen noch gut machbar. Nach der Wende, 1995, zogen wir in ein Dorf zehn Kilometer vor Dresden in ein eigenes Haus. Rückblickend war das Eigenheim mein größter Fehler. Ich war der Sklave dieses Hauses: Statt 75 Quadratmetern musste ich nun 210 Quadratmeter putzen und 500 Quadratmeter Garten pflegen. Mit meinem Mann hatte ich im Vorfeld besprochen: „Wenn wir uns so vergrößern, musst du mithelfen.“ Ich hätte auf meine innere Stimme hören müssen, die gesagt hat: „Das wird nicht passieren.“ Ist es dann auch nicht. Rasen mähen war sein einziges Hobby im Garten, der „Rest“ blieb für mich.

Ich habe zwei Kinder, eine gemeinsame Tochter mit meinem Mann und eine aus einer früheren Beziehung. 1976, im letzten Jahr meines Lehramtsstudiums, bin ich schwanger geworden, habe mich vom Vater des Kindes getrennt und wurde im Oktober alleinerziehende Mutti. Ich sage immer: Wenn man nur ein Kind hat, bekommt man das immer irgendwie groß, solange man anderweitig ein wenig Unterstützung hat.

Ich war bei der Geburt zwar erst 22 Jahre alt, aber für die DDR war das schon fast spät, in der DDR haben viele Frauen ihr erstes Kind mit 18 oder 19 bekommen. Damals gab es fünf Monate bezahlte Elternzeit. Für meine erste Stelle als Lehrerin sollte ich nach Leipzig gehen. Das war in der DDR so, die ersten zwei Jahre musste man dahin, wo man gebraucht wurde. Man konnte zwar Präferenzen angeben, aber die bekam kaum jemand. Wo man hinkam, wurde einem an der Hochschule mitgeteilt. Ich habe noch versucht, mit den Verantwortlichen dort zu verhandeln, dass das völlig irre ist, dieser Umzug als alleinerziehende Mutter. In Dresden hätte ich die Unterstützung meiner Mutter und Schwester gehabt. Aber da war nichts zu machen.

Ich zog dann nach Leipzig in eine kleine Zweizimmerwohnung mit einer Toilette fürs gesamte Haus im Hof. Arbeiten konnte ich aber doch nicht: Erst durfte mein Kind wegen einer Hauterkrankung nicht in die Krippe gehen, dann war die Krippe wegen Scharlach geschlossen. Mir wurde stattdessen ein Wochenplatz in einer anderen Krippe angeboten. Das waren Krippen, in denen die Kinder von Montagmorgen bis Freitagabend durchgängig bleiben konnten. Ob ich meine Tochter denn dort jeden Nachmittag abholen könnte, fragte ich. Das war aber nicht möglich. Mein Kind hätte ich dann nur am Wochenende gesehen. Das kam für mich nicht infrage. Damit war ich erst einmal dazu verdonnert, zuhause zu bleiben. Eine Freundin der Familie lieh mir schließlich Geld, nur so konnte ich mich über Wasser halten.

Eigentlich hätte ich im Mai anfangen sollen zu arbeiten, im Oktober fing ich dann tatsächlich an. Aber wie befürchtet fiel ich andauernd aus.

Ein Jahr später stellte ich einen Antrag auf Versetzung. Mit Erfolg.

In Dresden konnte ich an einer wirklich tollen Oberschule anfangen. Das Kollegium dort war einmalig, wir haben ganz dicht zusammengehalten und alle haben auf die Pflichten einer Mutter geachtet.

„Die Nachmittage mit meiner Tochter zu verbringen, habe ich als Privileg empfunden“⬆ nach oben

Meine Schwester war auch Lehrerin, ihr Sohn ist eineinhalb Jahre jünger als meine Tochter. Wir bekamen eine gemeinsame Wohnung zugewiesen und auch unsere Stundenpläne wurden aufeinander abgestimmt. Damals war in der DDR sonnabends Schule, aber die Krippe hatte zu. Es musste also immer nur eine von uns sonnabends arbeiten, die andere nahm die Kinder. Heute wäre das wohl undenkbar. Als die beiden in den Kindergarten kamen, bestellte der extra für sonnabends eine Erzieherin – nur für unsere zwei.

Die Nachmittage verbrachte ich mit meiner Tochter, das habe ich als Privileg empfunden. Wir haben gespielt, waren im Großen Garten in Dresden oder im Museum. Oft aber auch einfach auf dem Spielplatz. Damals saßen da nicht so viele Muttis wie heute. Die meisten mussten ja länger arbeiten als ich und dann noch den Haushalt machen. Deshalb sah man viel mehr Kinder allein auf dem Spielplatz. Man schickte sie hin und guckte zwischendurch mal, was sie machen.

Um 19 Uhr musste meine Tochter ins Bett, da war ich streng, denn ich musste danach ja noch den Unterricht vorbereiten.

Als meine Tochter etwa acht Jahre alt war, habe ich meinen späteren Mann kennengelernt. Er war meiner ersten Tochter ein guter väterlicher Freund. Ich würde sogar sagen: Er hat keinen Unterschied zwischen den beiden Kindern gemacht. 1986 kam meine zweite Tochter auf die Welt. Auch jetzt half die Schule mir wieder bei der Betreuung: Wenn mein Kind nicht in die Krippe durfte, hatte ich nur bis 12.05 Uhr Unterricht. So konnte eine andere Mutti auf sie aufpassen, die mit ihrem Sohn drei Jahre zuhause bleiben wollte.

Mittlerweile gab es ein ganzes Jahr Elternzeit. Das habe ich auch sehr genossen, es war ein wunderschönes Jahr. Trotzdem bin ich danach mit wehenden Fahnen wieder arbeiten gegangen. So ein kleines Kind ist ja kein Gesprächspartner. Ich habe mich während der Elternzeit jeden Tag so darauf gefreut, dass mein Mann endlich nach Hause kommt. Aber wenn der dann endlich kam, nahm er seine Zeitung, setzte sich in den Sessel und sagte: „Ich muss mich jetzt erstmal ausruhen.“

„Einen Mann gibt es bei mir nur noch ambulant, nicht mehr stationär“⬆ nach oben

Mittlerweile wohne ich allein in einer Eigentumswohnung. 68 Quadratmeter mit Dachterrasse. Mein Mann ist verstorben. Wir haben uns schon vor einigen Jahren getrennt, hatten aber bis zum Schluss ein gutes Verhältnis zueinander.

Ich züchte Bonsais, lese, nähe viel, manchmal hüte ich die Kinder meiner jüngeren Tochter. Ich habe immer was zu tun. Und ich habe auch einen Partner, wir sind seit sechs Jahren zusammen. Aber ich habe beschlossen: Einen Mann gibt es bei mir nur noch ambulant, nicht mehr stationär. Montag bis Donnerstag ist er in seiner Wohnung, Donnerstag bis Sonntag kommt er zu mir. So kommen wir hervorragend zurecht, genießen die gemeinsame Zeit und jeder behält den nötigen Freiraum.


Vera, 82 Jahre alt, zwei Kinder, hat als Krankenschwester, Krippenerzieherin, PR-Referentin und nach der Wende als Altenpflegerin gearbeitet.

„Wir haben gern gearbeitet, und der Staat hat es uns leicht gemacht“.⬆ nach oben

Ich war OP-Krankenschwester, habe in einer Kinderkrippe, in der PR und einem Seniorenheim gearbeitet. Vielen Frauen aus der ehemaligen DDR ging es wie mir: Wir haben gern gearbeitet, und der Staat hat es uns leicht gemacht.

Mich ärgert es, wenn heute nicht mehr gesehen wird, was in der DDR gut lief. Die Schwester einer Kollegin in West-Berlin hatte ein uneheliches Kind. Das Kind bekam einen Vormund, natürlich einen Mann, ohne den die Mutter keine Entscheidungen treffen konnte. So etwas wäre bei uns in der DDR undenkbar gewesen. Wir haben mit den Männern auf Augenhöhe gelebt und gearbeitet. Natürlich gab es Männer, denen das gestunken hat, aber das mussten die Frauen ja nicht mitmachen. Nicht umsonst war die Scheidungsquote so hoch.

Viele, gerade Menschen aus der Arbeiterklasse, hatten in der DDR eine sichere Heimat, die tun mir heute leid. Auch das Gemeinschaftliche haben viele sehr geschätzt, dass man mit den Brigaden auch in der Freizeit etwas unternahm oder gesellschaftliche Arbeit leisten sollte.

Und dann gab es die, denen die sozialistische Lebensweise einfach nicht lag. Mir ging es so und meinem großen Sohn genauso. Mein Bruder aus den USA hatte den Kindern Mickey-Maus-Socken geschenkt. Mein kleiner Sohn hätte die nie in der Schule angezogen, der wusste, dass es da zwei Welten gab: die zuhause und die sozialistische in der Schule. Der Große war da anders, er schlägt da ganz nach mir. Der hat die Socken extra unter der FDJ-Uniform angezogen und beim Fahnenappell die Hose hochgezogen. In der Nacht, als die Mauer fiel, war er 19 Jahre alt. Er hat die ganze Nacht durchgefeiert und erzählte mir, wie er sich auf die Mauer an der Oberbaumbrücke gestellt und runtergepinkelt hatte. Das war ihm offensichtlich ein Bedürfnis.

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Das mit den Mickey-Maus-Socken hat keiner mitbekommen. Zum Konflikt mit der Schule kam es, als er mit 13 nicht beim Wehrkundeunterricht mitmachen wollte. Er hätte in ein Lager fahren und schießen müssen, das wollte er auf keinen Fall. Beim Elternabend richtete die Direktorin, eine ganz rote Nudel, ihr Wort an die anderen Eltern: „Diese Mutter möchte nicht, dass ihr Sohn mitfährt. Wie stehen Sie dazu?“ Und dann zogen sie alle über mich her. Eine Mutter sagte: „Mein Kind freut sich ja schon so sehr darauf …“ Das war Quatsch, genau dieses Kind hat meinem Sohn erzählt, dass es eigentlich auch nicht fahren wollte. Das habe ich der Mutter auch gesagt. Ich habe durchgesetzt, dass mein Sohn wirklich nicht mitfahren musste. Wahrscheinlich hatte das nur deshalb keine Konsequenzen, weil mein Mann in der Partei, das heißt Mitglied der SED war.

Das System war gnadenlos. Mit 17 wurde ich einmal verhört, weil mein damaliger Freund fliehen wollte. Ich wurde vor die Wahl gestellt: Entweder ich breche den Kontakt ab oder mir wird mein Ausbildungsplatz gekündigt. Ich habe mich für den Kontaktabbruch entschieden, ohne größere Skrupel. Ich war jung und kompromisslos. Heute tut es mir leid.

„Nach den Kindern fehlte mir für die Arbeit im Krankenhaus die Energie“⬆ nach oben

Meine Kinder sind 1969 und 1970 geboren, Elternzeit gab es da noch nicht. Ich hatte allerdings etwas länger Mutterschutz, weil es Komplikationen bei der Geburt gab.

Mit etwa drei Monaten kamen meine Kinder in die Krippe, mein jüngerer Sohn zeitweise sogar als Wochenkind. Es war dieselbe Krippe, in der ich selbst arbeitete. Ich war in der Gruppe der älteren Kinder, er in der Säuglingsgruppe. So konnte ich nach Feierabend noch bei ihm vorbei, etwas Zeit mit ihm verbringen und ihn füttern. Er war damals drei, vier Monate alt und wir wohnten damals noch in einer Bruchbude in Berlin-Köpenick. Da gab es nur ein Bad im Treppenhaus für drei Familien, es war kalt und klein. Ich musste um 6 Uhr morgens anfangen zu arbeiten. Das war hart mit zwei kleinen Kindern. Da habe ich ihn als drei, vier Monate altes Baby den Winter über auch nachts in der Krippe gelassen. Später, als die Wochenkrippen in die Kritik kamen, habe ich mich gefragt, ob ihm das geschadet hat, und mit ihm darüber gesprochen. Er erinnert sich an nichts.

Bis zu den Kindern war ich OP-Schwester gewesen, da hätte ich eine tolle Karriere machen können. Aber mit dem Baby fehlte dann doch die Energie für den Schichtdienst. Also fing ich nach der Geburt meines ersten Sohnes in einer Kinderkrippe an. Lange war ich außerdem chronisch krank, ich hatte mir im Krankenhaus eine Hepatitis-C-Infektion zugezogen. Bis 1973 arbeitete ich nur halbtags, ich war teilberentet. Ab 1973 musste ich wieder Vollzeit arbeiten und tat dies bis zur Rente. Irgendwann konnte ich einen Job im Büro ergattern, bei der Mitropa, der Mitteleuropäischen Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft. Von dort habe ich mich hochgearbeitet und mich zur Werbeökonomin weitergebildet. Nach der Wende fand ich keine feste Stelle im PR-Bereich und fing in der Altenpflege an.

Als unsere Kinder drei und vier Jahre alt waren, bekamen wir unsere Wohnung in Berlin-Friedrichshain zugewiesen. Ab da war unser Alltag entspannter. Mein Mann war Finanzökonom und arbeitete oft länger als ich, daher habe ich unter der Woche mehr übernommen.

Alle anderen Aufgaben haben wir uns aber recht gleich aufgeteilt; mein Mann hat genau wie ich Brote geschmiert oder war auf den Elternabenden. Und er hat es geliebt, mit den Kindern zu spielen. Er war ganz einfach ein hervorragender Vater, der seine Kinder abgöttisch geliebt hat.

Die großen Lebensentscheidungen musste ich alleine treffen. Er hat wirklich alles mir überlassen. Dabei war er 17 Jahre älter als ich. Wenn ich mir andere Beziehungen anschaue, wo ganz klar die Männer das Sagen hatten, muss ich aber sagen: Ich hab das schon auch gerne gemacht, die Führung zu übernehmen.

„Wir haben uns als Mütter keinen Druck gemacht“⬆ nach oben

Nachmittags habe ich mit den Kindern gesungen und gespielt, wir haben gemalt. Unser Ritual zum Ins-Bett-Bringen war immer, dass sie von ihrem Tag erzählt haben. Vorgelesen haben wir nicht mehr, nur am Wochenende.

Wir haben in der DDR ja jung Kinder gekriegt, da macht man sich keinen großen Druck so wie die Mütter heute, die sich mit den anderen vergleichen. Wir haben uns damals eher an den Erzieherinnen orientiert. Das waren schließlich ausgebildete Leute, die genau wussten, wie sie Kinder bestmöglich förderten. Das kann man als Mutter doch allein gar nicht leisten.


Karin Bartnik, 70 Jahre alt, Berlin Marzahn. Sie hat zwei Kinder und arbeitete in der DDR als Ingenieurin und später in einem Ministerium. Nach der Wende fand sie einen Job als Assistenz der Geschäftsleitung bei einer Export-Import-Firma für Autozubehör (mit intensiven Handelsbeziehungen zu Russland).

„Als Mutter war man in der DDR betreut, man musste sich nicht um alles selbst kümmern“ / „Auf den Stühlen stapelten sich die Wäscheberge“⬆ nach oben

Unser Alltag war durchgetaktet: Gegen sechs, halb sieben brachte mein Mann die Kinder mit dem Auto in die Krippe. Ich fuhr mit der S-Bahn ins Ministerium und holte sie gegen 17 Uhr wieder ab. Danach ist nicht mehr viel passiert. Meistens blieben wir zuhause, ich musste ja noch Abendessen zubereiten, die Frühstücksbrote für den nächsten Tag schmieren und die Kinder bettfertig machen. Um 18.50 Uhr kam der Sandmann im Fernsehen, viel vorgelesen haben wir danach nicht mehr. Ich habe versucht, unter der Woche möglichst viel abends aufzuräumen und Wäsche zu waschen. Oft stapelten sich die Wäscheberge auf den Stühlen. Am Wochenende saugte mein Mann. Dafür war er zuständig, ebenso wie fürs Einkaufen. Als die Kinder alt genug waren, mussten auch sie kleine Aufgaben im Haushalt übernehmen: den Müll runterbringen und Kartoffeln schälen zum Beispiel.

Ich habe meinen Sohn 1982 und meine Tochter 1983 bekommen. Als ich mit meinem Sohn schwanger war, wohnte ich gerade in Moskau zum Auslandsstudium. Hochschwanger bin ich dann mit dem Zug zurück nach Halle gefahren, fliegen durfte ich schon nicht mehr.

In Halle hatte ich eine Ausbildung im Pumpenwerk gemacht, mein Mann auch. Dort haben wir uns kennengelernt. Ich wollte immer in einem sozialistischen Großbetrieb arbeiten, weil man da mehr erreichen konnte, aber auch wegen des ganzen Sozialen und Gemeinschaftlichen drumherum. Es gab die Brigaden. Alle Kollegen, die miteinander arbeiteten, bildeten eine Brigade. Man sollte gemeinsam die vorgegebenen Ziele erfüllen, traf sich aber auch privat. Es gab pro Jahr mindestens zwei bis drei Ausflüge oder Feste, zu denen man die ganze Familie mitbringen konnte. Mit kleinen Kindern war das toll: Man kam in Kontakt mit anderen Eltern. Wir gingen mit meiner Brigade zum Beispiel mit den Kindern ins Schwimmbad oder zum Bowlen. Im Herbst haben wir Pilze gesammelt.

Ich war schon in der Oberschule in der FDJ aktiv, erst als Gruppenratsvorsitzende, dann als FDJ-Sekretärin. Mit 17 habe ich meinen Parteiantrag gestellt, mit 18 bin ich in die SED eingetreten. Anscheinend machte ich da einen guten Eindruck: Ich hatte mich zunächst für einen Studienplatz in Magdeburg beworben. Kurz vor Studienbeginn teilte mir jedoch der Personalchef der Betriebsberufsschule meines Arbeitgebers, des Pumpenwerks in Halle, mit, dass ich stattdessen für ein Auslandsstudium nach Moskau ausgewählt worden war – eine besondere Auszeichnung.

„Das Baby hat mein Organisationstalent gefördert“⬆ nach oben

Als mein Sohn wenige Monate alt war, zogen wir nach Berlin und ich fing im Ministerium für Schwermaschinen- und Anlagenbau als Mitarbeiter im Sektor internationale Zusammenarbeit an. Ich schrieb Protokolle, plante die Treffen mit den sowjetischen Delegationen und arbeitete an der Planentwicklung mit.

Klar war es herausfordernd – das Baby und der neue Job. Ich erinnere mich aber nicht daran, gestresst gewesen zu sein. Ich war immer in Bewegung, und sagen wir mal so: Mein Organisationstalent wurde durch das Baby nochmal mehr gefördert. Zum Glück haben meine Kinder immer gut geschlafen.

Viel Zeit für mich hatte ich nicht. In unserer Freizeit sind mein Mann und ich am liebsten ins Theater gegangen oder haben Konzerte besucht. Das war unser Ausgleich.

Zu Kindern und Arbeit kam noch das gesellschaftliche Engagement. Das war zwar keine Pflicht, aber wurde schon erwartet. Ich war zum Beispiel, als ich noch im Pumpenwerk in Halle gearbeitet habe, Wandzeitungsredakteurin. Wandzeitungen waren Tafeln in Betrieben, Schulen oder öffentlichen Gebäuden, die man mit Zeitungsausschnitten, Bildern, manchmal auch Fotografien befüllt hat. Am Montagabend war immer Parteiversammlung.

„Am Haushaltstag holte ich die Kinder früher ab“⬆ nach oben

Die Wochenenden gehörten den Kindern, ebenso wie mein monatlicher Haushaltstag. Da habe ich sie früher abgeholt und wir haben noch was unternommen. Ich wollte meine Kinder immer ernst nehmen und ihnen viel anbieten, Sportarten zum Beispiel. Entscheiden sollten sie selbst. Als sie klein waren, ging es um Fragen wie: „Welche Tiere schauen wir uns heute im Tierpark an?“ Später sprachen wir mit ihnen darüber, wann sie ihre Hausaufgaben machen oder ob sie aufs Gymnasium gehen wollen.

Reisen war uns immer wichtig. Am Wochenende sind wir oft ins Berliner Umland gefahren und in den Ferien an die Ostsee. Unsere erste Auslandsreise ging 1987 nach Bulgarien. Dort besuchten wir meine Zimmergenossin aus Moskau. Ab da fuhren wir regelmäßig dorthin. Nach der Wende sind wir als Erstes nach Paris, ans Nordkap, nach Holland, Südafrika, Thailand, Dänemark, Vietnam und mehr. Wir sind bis heute viel unterwegs, reisen und fahren zu Konzerten in andere Städte. Im Dezember gehts zur goldenen Hochzeit nach Lissabon. Ich reise gerne, aber ich hatte in der DDR nie das Gefühl, eingesperrt zu sein. Da war die Mauer, aber in die andere Richtung konnten wir ja.

In der DDR wurde viel gemeckert. Ja, es gab nicht immer alles zu kaufen. Die Leute haben nach Westen geschaut und waren unzufrieden. Aber ich habe eher nach Osten geschaut. Ich wusste ja, wie es in Moskau ist, da lebten die Menschen viel beengter, dort gab es weniger. Mir hat es an nichts gefehlt, im Gegenteil, es gab viel Erhaltenswertes, was nach der Wende verschwunden ist. Das Gemeinschaftliche ist das eine. Wir wohnen seit 1982 hier in unserer Plattenbau-Wohnung. Heute kenne ich kaum mehr jemanden hier im Haus. Früher war das anders, wir hatten sogar eine „Goldene Hausnummer“. Die hat man bekommen, wenn man sich als Hausgemeinschaft engagiert hat. Zum Beispiel haben die Väter an Nikolaus Säckchen an die Türen gehängt oder wir haben in der zehnten Etage ein Schachturnier ausgetragen.

Aber auch das Muttersein war einfacher. Es gab die Kitas, schon in den Achtzigern die bezahlte Elternzeit, man musste keine Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren. Geimpft wurde im Kindergarten. Als mein Sohn einmal zum Impftermin leicht erkältet war und nicht in die Kita gehen konnte, kam die Kindergärtnerin mit der Schluckimpfung zu uns nach Hause. Man war betreut und musste sich nicht um alles selbst kümmern.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey

Drei Frauen haben mir erzählt, wie sie in der DDR Kinder und Vollzeitjob schafften

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